Ich setz´ mich an den Schreibtisch, nehme Arbeitshaltung ein, den Kopf hoch, die Schultern zurück, meine Hoden verschwinden im Bauch, justiere die Stuhllehne nach, die M. mauschelt mit der F.
Freitag, der Tag zwischen Samstag und Gestern.
Ein Rabe flattert durchs offene Fenster ins Büro, Frisuren ducken sich und bleiben mit den Nasen an den Tischen kleben, unten.
Sonne im Nacken, nahtlos blauer Himmel.
Der Vogel setzt sich auf die obere Vorderkante meines Monitors und krächzt, unruhig tritt er von einem aufs andere Bein. Jetzt nur nicht kacken, denk ich, sonst ist die Technik im Arsch und im Eimer.
Die M. kommt mit Kaffee, den sie mir lustlos vors Gesicht fährt und streichelt das Tier vorsichtig am Kopf. Im nächsten Moment schnappt es sich – es ist ein Kolkrabe – den Keks vom Tassentellerbodenrand weg und zerdrückt ihn im Schnabel, ich denke, genüsslich, wobei es pfeilschnell schlingt. Die Brösel bröseln mir zwischen und unter die Tasten, im Schreiben fällt mittlerweile ständig das ´N´ aus, das ´T´ braucht Gewalt. Geht *ich*, denk ich. Ohne N und T. *ich*!
13 Uhr 34 und keine Minute später.
Besprechung im Atelier vom König. Ein Autobiograph beschwert sich über den Kunden U. Sagt, Us geistiger Dünnpfiff ließe sich nicht ohne Aufwand, gewaltigen, transkribieren, übersetzen – wär nix zu machen, nix Ordentliches draus zu fummeln. Ich denke, mein Gott, Latein. Der Schreibstift weiter, muss elendig leer im Kopf sein, wie der spricht, der Kunde, U. Die Tür raschelt über den Teppich, nach innen, die M. kommt mit Kaffee, sagt der Vogel müsste mal raus, oder so. Ich schüttle den Kopf, sehe über die rechte Schulter der Frau den Raben sitzen. Schüttelt den Kopf, den Schnabel, die Federn, auch, denk ich, der Rabe. Von wegen, denk ich, beinahe gedanklich schreiend, zur M.!
Tür geht zurück, hinaus, die M. im Anschlag hinterher, am Türgriff, der Klinke. Der Chef denunziert aktuell den Autobiographen exemplarisch öffentlich als wenig emphatisch in Kundenbelangen, nennt ihn geschäftsschädigend und durch die kleine Blume ein großartiges Arschloch. Wollte er immer einmal losgeworden sein. Haben: Tun und Sein. Sittenkunde im Verlagsalltag. Der Chef zeigt mit dem Finger auf mein Kinn, liegt, denk ich, an der Entfernung. Meine Statistik ist sauber, ich summe, gedanklich, ein Lied aus der Waschmittelwerbung. Der Chef zeigt auf meinen Bauch und nennt mich löblich. Durch die große Blume einen Kleinartigen. Als ich mich setze, sehe ich den Schreibstift zappeln, sein Grinsen: Dann besser Arschloch!
Wolken zwischen Licht und Nachmittag.
*ich* mit mir! – stellt mir der Monitor virtuell entgegen, Times New Roman, Standard und Block, Schriftgröße 48. Beim „mit“ war das ´T´ losgegangen wie ne Rakete. Die M. mit der F. rabarberrabarber. Ihren Rock hat sie der Hitze wegen hochgeschlagen und fächert sich mit der Linken. Dann-besser-Arschloch kommt, lächelt. Ich bestelle per meinen Zeigefinger einen Kaffee, der Rabe hat auch schon wieder Hunger. Latein. Die M. kommt betont unbetont, farbleer. Der Rabe macht den Keks verschwinden und weg. Dann-besser-Arschloch flirtet heftig mit der F. Der F.! Der Rabe schreit und flattert laut und senkrecht hoch. Ausgerechnet!
Dabei muss er kacken, pflatsch, auf die Maus drauf.
Vielleicht ist er deshalb auf, auf, aufgestiegen, hoch, denk ich. Musste kacken. Was ablassen, vorab Verdautes.
…
Einkaufen am Abend, Sonne geht mit dem Westen unter.
Edeka, eine Schlange Menschen bis zum Ladenschluss.
Der Kolkrabe auf meiner Schulter lacht.

lacht in die Luft
…
Aus dem Kühlregal zwei Sorten Käse, gleich, denk ich, welchen, alles Beta-Carotin. Eine Stange Lauch, weil’s hübsch grün ist im Kühlschrank. Für den Film was zu knabbern. Meine Hand, die mich streichelt. Einsam vor der Glotze, später, dann. Der Kolkrabe lacht.
…
Die Schlange zur Kasse hin ist gewachsen, obwohl die ständig frisst. Der Rabe flattert, laut, klingt wie Peitschenknall in Luft. Ich frage, laut, aus dem Mund heraus, nach ´ner zweiten Bedienerin. Zustimmendes Murmeln aus dem Volk, bis auf einen, der meint, ´s ging doch noch. Die Frau mit dem Flammenkopf am Geldautomaten zieht eine Bionade durch den Scanner. Piepts! Ist grad nicht, meint sie, ist nicht, nickt nach hinten, der Kopf, der brennende, als wenn ich durch Wände glotzen könnte und meint hektisch, der Kopf, der Mund sagt: Lieferung.
„Reihen Sie sich also bitte ein“, so der Mund, schließlich, letztlich.
*ich* mit mir! Times New Roman! Schriftgröße 48! Standard und Block! – schrei ich, zappel, gedanklich, außen still. Der Rabe flattert über die Köpfe der Schlange, Medusa, nach hinten. Ladenschluss – Aus – Ende.
Als ich endlich dran komme, ist der Tag vor der Tür tot vor lauter Abend.
…
Der Rabe sitzt im Baum und wartet, sein goldener Ring am Fuß glitzert im Schein der Straßenleuchten. Fusseliges Licht und Leuchten. Mief und Staub und laute Kinder, die sich über zwei Straßen weit Fußballergebnisse der Regionalliga zuknallen. Ein alter Mensch stirbt vor meinen Augen, dabei schien er noch ganz jung zu sein, ein Knabe oder Mädchen.
…
Morgen bei um die 10 Grad im Schatten.
*icht mit mir!
Das ´T´ funktioniert tadellos, nur mit dem ´N´, dem ´N´…
(c) und (p) 2009 Michael Bolz