Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Mühsam in Berlin

Verfasst von michaelbolz am Juli 3, 2009

ERICH MÜHSAM + 75. TODESTAG

Zwölfstündige literarisch-musikalische Nachtwache

im Gedächtnispark Lehrter Zellengefängnis

vom 9. bis 10. Juli 2009 ab 19 bis 7 Uhr

[17. (Tamus) - 18. Tammus 5769, hebr. Kalender]

erich_mühsam

Im Gedenken an Erich Mühsam und andere Opfer des Naziterrors findet im Gedächtnispark Lehrter Zellengefängnis, gegenüber dem Berliner Hauptbahnhof, von 19 Uhr am 9.7. bis 7 Uhr am 10.7. eine 12stündige literarisch-musikalische NACHTWACHE statt. Der in der Mitte des Parkes stehende, offene Betonwürfel dient als Vortragsplattform.

Der Dichter, Kabarettist der ersten Stunde, politische Publizist und Journalist Erich Mühsam wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von SS-Schergen der “Leibstandarte Adolf Hitler” umgebracht.

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Leichenmacher Mottenwelt

Verfasst von michaelbolz am Juli 3, 2009

Sie klebt fest mit den Schwingen. Sie stößt ihren Leib ab, als hätte sie Beine dran. Sie versucht die Schwingen nachzuziehen und aufzuspreizen. Ihre Fühler fühlen hilflos. Wieder dieser Krampf, wo der Leib von der Köderfalle herausschwillt, hervor, fort vom Klebstoff. Ich vermute, es handelt sich um ein Weibchen. Ich bestreiche meine halbe Schrippe mit Butter und Frischkäse. Mit jedem Aufbäumen kommt sie dem Tod rasch näher. Bald bleibt sie ruhig, denk ich, wie die anderen. Ich frage mich, wie lange noch. Morgen. Ich nehme einen Schluck Kaffee. Eine Woche. Wieder ein Versuch. Drei Tage. Als hätte sie Beine. Stunden. Würde sich die Schwingen abreißen, wenn sie los käme dafür. Die Sonne fängt sich im Hof, schwüles Licht presst herein, ich brösel mir die Hosen voll. Sicher ist es ein Weibchen und trägt Eier, das Aufbäumen verräts. Sie trägt Leben. Bis zu Zweihundertmal. Einmal. Sie schwillt. Morgen, ich denke, morgen. Ich schwitze in den Achselhöhlen. Ich schäle mir einen Apfel. Der Duft kitzelt in der Nase. Ich denke, die Falle funktioniert und zähle die Leichen. Vier Tote, zwei Schwerverletzte, eine davon eine Frau. In fünf Tagen. Die Männer haben sich nicht gewehrt, weniger. Wie lange noch? Der Kaffee schmeckt holzig und trocken. Vor dem Fenster wieder Fenster. Iwo, denk ich, versuch meine Schwingen zu spreizen. Kleb an der Oberfläche, im Sterben begriffen. Die Schwingen verpappt. Kindheit unter Beton vergossen. Ja, ich bin ruhiger, denk ich, weil ich keine Eier trag. Gefangen vom Lockduft. Sexualreizstoff. Kitt für die Fenster. Ich fresse Eier. Wir fressen unsere Eier. Verkrüppelte Seelen zerstoßener Herzen. Leichenmacher – jetzt bloß noch Dinge. Sie stößt sich ab. Als hätte sie Füße am Leib, menschliche Füße an kräftigen, menschlichen Beinen, sie tritt und reißt sich los. Ich sehe ihr beim sterben zu. Noch lebt sie. Wie lange noch? Im Regelfall: Zweihundertmal.

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Besetzt

Verfasst von michaelbolz am Juni 24, 2009

Oder?

Der Anhalter flattert in den Beifahrersitz. Seine Haut ist abgehetzt, abgeschmirgelt wie Knochen von Sand und saftlos. Erst wollte ich nicht halten. Seine verwetzte Ledertasche umklammert ihn vor dem Bauch als wäre er tot, wehrlos. Sein Blick ist ein Mückenschwarm. Hätte ich bloß nicht. Jetzt ist er drin. Auf der Fahrt kommen ihm Bedenken, ich kann ihn kaum zurückhalten, auf der Autobahn will er raus. Seinen Namen verrät er nicht.

Zukunftsgleise

Oder?

Israels Geburtsort und Heimat ist die Wanderung, selbst sein Gott wurde auf der Wanderung geboren. Jetzt steht Israel wie ein tödlicher Eichenholzschrank im fremden Wohnzimmer und wehrt sich mit Selbstschussanlagen gegen die Versuche der Bewohner, das aufdringliche Monstrum wiederum mit Gewalt auf die Straße zu stellen.

Draufgepapt: Zu verschenken!

Oder?

Ich konnte nicht mehr, konnte einfach nicht. Die Frau kotzt falsche Tränen. Den Dolch hat sie ihm in die Blase gerammt. Erst ins Herz. Der tote Mann mit dem scharfen Schwanz treibt in einer Suppe aus Scheiße und Blut. Er lächelt. Sie fühlt sich frei.

Oder?

Er kommt vom Sport, geduscht hat er da. Fühlt sich noch dreckig. Im Spiegel nur ein Ding. Dreck. Stellt die Tasche ab, im Flur. Schnell an den Computer, schnell einen Kaffee. Wer hat geschrieben? Seine Hände zittern. Das virtuelle Postfach ist trocken, nur einer, der ihm egal ist. Seine Hände zittern, er fummelt an seinem Glied. Er ruft. Ich lebe! Ich lebe! Dem Netz ist das gleich, der Monitor schläft wohl. Da sitzt er. Einer auf seinem Platz. Nicht er.

Oder?

Besetzt!

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Gespräch

Verfasst von michaelbolz am Juni 21, 2009

Der Typ am Infostand rührt hockend in einem Eimer Leim, dicke Klumpen am Pinsel, die aussehen wie eitrige Taubeneier, schickes Stirnband, Zwölftagebart, aus der Sporthose baumelt unten die Eichel heraus. S. will sich´s nicht ausreden lassen mitreden zu wollen. Nein, sagt der S., nein, ich war ja bei den Jungen Grünen. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Vielleicht, dass er da am Establishment gescheitert ist und noch nicht drüber weg kommt. Vielleicht, dass ihm davon ein Schwafelklumpen übrig geblieben ist im Kopf, der sich wütend an der Hirnrinde reibt und ihn verrückt macht.

Jedenfalls krebst dieser Typ am Infostand in seinem Eimer und lässt den Pimmel atmen und rührt und ignoriert den S. jetzt schon eine geschlagene Viertelstunde und der S. will immer noch über die Aktion reden. Die Augen bläht´s ihm aus der Stirn und den Stand hackt er in Strich´ und Fäden mit seinen verachteten politischen Gedanken und der Wind fährt im durchs blonde Gespinst und eine Taube schwimmt in der Wiese und pickt und pickt und manchmal hüpft sie. S. glaubt ans Gute. S. glaubt, wenn er nur lang genug da wartet…, S. glaubt dem Peter, wenn der sagt, seine Mutter wär ´ne geile Drecksau. Ein Mann wirft einem dressierten Hund ein Stöckchen. Da wirft der sich der S. auch dramatisch herum, dann weint er, aber heimlich. Ich hab mich anfangs gewundert, wie er diesen madigen Ton um die Augen so hinkriegt, so ganz ohne Schminke.

Der Leim wird nicht besser.

Der Typ popelt im Leim.

Seine Eichel vertrocknet im Wind.

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Tierfest im Garten

Verfasst von michaelbolz am Juni 7, 2009

Auf der einen Seite des Zaunes hetzen sie.

Kinder, nervös, mit Blicken, die neurotisch rasen, an die rasenden Blicke gekettete Eltern. Ein witziger Animateur plärrt über hallenden Techno-Stumpf aus monströsen Lautsprechern – klebrig. Die Einkaufs- und Unterhaltungsstraße, sonst leidlich von Autos bewohnt, nennt man spaßvoll Kinderfest, international ist es sowieso, aus Mode. Die unterschiedlich kulturell-bunten Hüpfburgen wabern im stetige wechselnden Rhythmus sich stetig wechselnder Bälger, die die Eltern dann weiter, vom einen zum nächsten Konsumstand, dann weiter, weiter, zerren. Die Dixie-Toiletten sind gleich den Luftballonverkäufern und Süßigkeitenständen überlastet, überlaufen, stinken. Polizei beschützend an allen Enden.

Aus dem Nichts Sirenen, doch es ist bloß ein Karussell, das schreit, heult, als tät was geschehen. Und überhaupt – scheint alles Illusion; bis auf die Preise dafür, oder die Kosten für dieses oder jenes.

Der gänzlich Unbeteiligte darf gegen einen Euro Strafe die Straße überqueren, vom einen Loch zum andern, man nennt es Durchgang. Die Löcher im Zaun, die Durchgänge, sind besetzt mit durchweg jungen Menschen, die hohl glotzen und mich nicht verstehen, weil ich bezahlen müssen für einmaliges Straßeüberqueren nicht verstehe.

Auf der anderen Seite des Zaunes lachen sie.

Am Tümpel ein nackter Mann aus Bronze gegossen, Familien, kaum, aber auch Deutsche. Russisch hört man, Türkisch, Italienisch. Berliner. Ein Junge schafft am Ufer vom Wasser einen Damm und bohrt und buddelt.

Sie Sonne über allem, auch dem, auf der anderen Seite.

Man wirft sich Bälle, Scheiben zu und bunte Federn fliegen. Grillen ist erlaubt. Immer mehr machen sich breit ohne sich zu treten. Lachen. Ein zwergwüchsiger Kleinling kauert im Gras, guckt langeweilt – ich meine wohl, er meditiert.

Was der Zaun nicht trennt, nicht trennen kann, ist was bleibt, ist hier wie dort.

Ein Boxerhündchen staunt und kaut auf Resten der Dinge der Wesen.

Restdinge, unzählige, bedecken das Feld, hier Gras und dort den Asphalt, die hier wie dort nicht schlucken.

Ein warmer Tag und strahlend; die Sonne über allem.

Dankbar ist sie heut, das Licht, mein ich, wahrscheinlich ist – sie kann nicht anders.

Das Boxerhündchen schmatzt.

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Nachbarin

Verfasst von michaelbolz am Mai 27, 2009

Im Fenster gegenüber gibt’s viel nackte Haut zu sehen und ich feuere die
Frau in Gedanken an: „Weiter, weiter, noch ein Stück, ein kleines noch,
komm! Komm!“

Sie beugt sich heraus, in ein luftiges, nebliges Negligee gehüllt, kleiner Busen, eigentlich keiner, doch erotisch wirkt es allemal, sie hat die Haare zurückgebunden, ein dunkler Packen, dessen schwarzgefärbter Anteil
bis zur Hälfte herausgewachsen ist, eine Zigarette im Mund, deren Rauch sie
durch wülstige, fleischige, rotleuchtende Lippen hindurch läppisch in die Luft bläst und dicke Augen, die Nacht war sicher lang gewesen. Sie sieht mich und winkt, schamlos winkt sie, ich winke schamlos zurück.

Ihre Freundin setzt sich neben sie auf die Fensterbank, im Verhältnis zu ihr ist sie bekleidet wie die Leute in Alaska im Dezember, ihre Ärmchen sind durch, geröstet, knackbraun, die Beinchen bleich und die Farbe wirkt selbst über die Entfernung wie von etwas Krankem, sie zündet sich eine Zigarette an, blickt in den Hof, sie beginnen sich mit der anderen zu unterhalten, die zeigt herüber, die Neue guckt.

Ich suche möglichst viel Hausabfall zusammen, damit ich einen Grund habe,
ohne lächerlich oder aufdringlich zu wirken, in den Hof gehen zu müssen.
Während ich eile, überlege ich, was ich sagen könnte, aber ich weiß, spontan
bin ich am besten. Drunten: Ich grüße freundlich, sie grüßen zurück, die in
Luft gehüllte lächelt breit, es ist ein warmes, freundliches Lächeln, die
andere schläft noch. Wir tauschen uns oberflächlich aus, plaudern über das Wetter, das momentan die Launen wechselt wie ein störrisches Kind und haben so viel Grund zu reden. Es ist nett, denke ich, sie, ich sollte sie einladen, ich tue es auch.
Den ganzen Nachmittag bin ich nervös, immer wenn die Beiden am Fenster
auftauchen, fange ich zu zappeln an, das letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, dass Buch das ich lese ist spannend, ich vergesse sie oft, drüben ist wer. Wer?
Wir gehen aus, spazieren, einmal um den Block, ich vorn, es wird eine
lange Runde. Auf dem Weg finden wir eine Kneipe, „Plötzlich“ heißt die,
treten ein, weil uns das Drumherum gefällt, die Frau an der Bar ist auf
Speed, Koks, oder sieht zuviel fern, spricht nur spanisch und grüßt singend, ich denke, das sollte sie noch üben.
Die Unterhaltung ist zu Beginn verkrampft, ich bin verkrampft, aber
bei einem Glas Wasser werd’ ich schnell locker, die Frauen nehmen es
gelassen, bei Weißwein, den beide gut finden und die Bedienerin ist
definitiv high, wechselt ständig ihre BH’s, erst weiß, dann schwarz, blau und
wieder weiß, man sieht es an dem schulterfreien Stück Stoff, außerdem will
sie mir mein Wasser wegnehmen, wo es noch halbvoll ist.
Die Erste zeigt Interesse, das beinah schon bemüht wirkt, jetzt ist sie
verkrampft und ich bin locker, erzähle, frage mich, was sie rausholen möchte,
ich mag sie, spontan mag ich sie und ihr Bemühen schmeichelt mir, das hat
sie gar nicht nötig, fast möchte ich sie küssen, da werde ich nervös, das
letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, die andere mischt sich ein,
da, ein Hund, ein Hund, ein kleiner, süsüsüßer, waschlappengroßer Hund,
Frauen und Hunde, ich nicke, leichtes Ertragen und die Bedienerin saust
herum, unsere Gläser sind leer, sie übersieht es, jetzt blau tragend.

Wir werden zeitgleich müde, gegenüber beschmipft eine modische Frau in
den Vierzigern einen wesentlich älteren Mann, er solle nicht irreversibel
sagen, wenn er nicht wüsste was irreversibel bedeute, bezahlen, drinnen
läuft Jazz, “Plötzlich”, was für ein Name, die Nacht ist warm, wolkenlos, aber
Sterne kaum zu sehen, das Licht der Stadt verdrängt die Sicht, sie erklärt es mir, ich höre, dann sind wir wieder hier, sie fährt sich durch die Haare, ich höre Musik, ich summe, sie lacht, die andere geht, ein paarmal auf dem Weg
hatten wir uns angestoßen, beim Laufen berührt, sagen uns gute Nacht, ich
schlafe durch, träume, die sind, wie Shakespeare sagt, was Zwingendes, ich
wache auf und sie ist fort. Kein Traum, nur auf der Durchreise, schade, denk
ich, das letzte Mal, das ist lange her, mein Glück, ich lebe noch.

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Welt Fremd

Verfasst von michaelbolz am Mai 13, 2009

Da war es um mich geschehen.

Der andere Mensch setzte den Hebel

Der richtigen Stelle an.

Ein Kompliment?

Sicher nicht.

Politik ist tot!

Und ich?

Bin Welt Fremd.

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Kindstatt

Verfasst von michaelbolz am Mai 4, 2009

Die Besucher des Parks verstecken sich unter Worten, hinter Lippen und Stirnen und durch die Augen springen teerige Regenbögen voll Nebel und Tränen und zwischen den Mündern und Herzen liegt nicht selten ein staubiges Meer, ein Sturm und turmhohe Wellen, die an den Rändern traurig archivierter Überzeugungen nagen. Unter der Sonne im Park schleppt ein Junge Wolken auf seinem Rücken hin und her. Einmal dann entlädt er seine Wolken auf die Wiese, tummelt sich zwischen Löwenzahn und sucht nach Käfern, die ihm die Welt erklären. Ein Mädchen setzt sich dazu und lacht, ihr staubiges Kleid aus Lilien und Rosen schimmert vergilbt und sie wundert sich, was der Junge noch von den Käfern lernen möchte. Die Sonne schiebt den Himmel vor sich her, die Zeit fällt wie Schmetterlingsflügel von den Bäumen und wächst unter den Füßen der Parkbesucher, ein Federkleid aus säumigen Melodien der Erinnerungen der Kindheit, halb im Schlaf und halb im Schmerz verbracht – dazwischen viel geschrieen.

Der Junge legt sich frech zum Mädchen, sie spielen mit den Fingerspitzen Lern-mich-kennen, drücken, küssen und streicheln sich die Häute und blubbern aus den Herzen, es klingt das gemeinsame Rauschen wie ein Bach, ein Fluss, die Ströme und Weisen von Leben und Zärtlichkeit ergießen sich zwischen die Sinne der Eltern, verbotene Weisheit, spiegelbildliche Schattenspiele von Drachen, Rittern, Prinzessinnen und Königen und Gott.

Die Sonne versinkt hinter einer Reihe hohler Häuser, die zahnlos grinsen, bestreicht zuletzt das Dach der Bäume im Park mit Butter, bevor sie vom Abend, des Schlafes Grund und Bruder eingeäschert wird und einfach geht. … Dann ist es später. Die Parkbewohner haben sich in ihre Heimatlosigkeit verlaufen, die Kinder schauen vergessen Sterne und nicken dem Mond. Das Rauschen der nahen Straße tanzt vor den Ohren, verliert sich im Wind, der trägt es um und um drei Ecken, den Stein und das Glas, schleift und drückt Abgase durch die Rillen und Schienen der Straßenbahn, ein Hund kläfft um und um drei Häuser, das senile Licht einer Leuchtreklame lauert auf dem Asphalt wie Schimmel. Zwischen den Schattenkanälen wühlt sich ein Vogel ins Dickicht der Krone einer Birke. Ein Auto hält. Türen öffnen sich. Schritte. Lachen. Türen fallen zu. Schritte, die hörbar schrumpfen. Der Vogel singt und manchmal, dazwischen, da lacht er und der Mond lacht dann auch.

Ein Käfer steht vor der Welt und sucht den Jungen, dem er sie erklären sollte. Blätter von Lilien und Rosen ziehen durchs Gras, wo vorher sich zwei Hände fanden; liegen Wolken, der Tau für ein Morgen.

Ich wollte, wenn ich könnte, das Bild der Kinder halten. Wohin sind sie verschwunden?

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

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Heute ist Gestern

Verfasst von michaelbolz am April 25, 2009

Ich setz´ mich an den Schreibtisch, nehme Arbeitshaltung ein, den Kopf hoch, die Schultern zurück, meine Hoden verschwinden im Bauch, justiere die Stuhllehne nach, die M. mauschelt mit der F.

Freitag, der Tag zwischen Samstag und Gestern.

Ein Rabe flattert durchs offene Fenster ins Büro, Frisuren ducken sich und bleiben mit den Nasen an den Tischen kleben, unten.

Sonne im Nacken, nahtlos blauer Himmel.

Der Vogel setzt sich auf die obere Vorderkante meines Monitors und krächzt, unruhig tritt er von einem aufs andere Bein. Jetzt nur nicht kacken, denk ich, sonst ist die Technik im Arsch und im Eimer.

Die M. kommt mit Kaffee, den sie mir lustlos vors Gesicht fährt und streichelt das Tier vorsichtig am Kopf. Im nächsten Moment schnappt es sich – es ist ein Kolkrabe – den Keks vom Tassentellerbodenrand weg und zerdrückt ihn im Schnabel, ich denke, genüsslich, wobei es pfeilschnell schlingt. Die Brösel bröseln mir zwischen und unter die Tasten, im Schreiben fällt mittlerweile ständig das ´N´ aus, das ´T´ braucht Gewalt. Geht *ich*, denk ich. Ohne N und T. *ich*!

13 Uhr 34 und keine Minute später.

Besprechung im Atelier vom König. Ein Autobiograph beschwert sich über den Kunden U. Sagt, Us geistiger Dünnpfiff ließe sich nicht ohne Aufwand, gewaltigen, transkribieren, übersetzen – wär nix zu machen, nix Ordentliches draus zu fummeln. Ich denke, mein Gott, Latein. Der Schreibstift weiter, muss elendig leer im Kopf sein, wie der spricht, der Kunde, U. Die Tür raschelt über den Teppich, nach innen, die M. kommt mit Kaffee, sagt der Vogel müsste mal raus, oder so. Ich schüttle den Kopf, sehe über die rechte Schulter der Frau den Raben sitzen. Schüttelt den Kopf, den Schnabel, die Federn, auch, denk ich, der Rabe. Von wegen, denk ich, beinahe gedanklich schreiend, zur M.!

Tür geht zurück, hinaus, die M. im Anschlag hinterher, am Türgriff, der Klinke. Der Chef denunziert aktuell den Autobiographen exemplarisch öffentlich als wenig emphatisch in Kundenbelangen, nennt ihn geschäftsschädigend und durch die kleine Blume ein großartiges Arschloch. Wollte er immer einmal losgeworden sein. Haben: Tun und Sein. Sittenkunde im Verlagsalltag. Der Chef zeigt mit dem Finger auf mein Kinn, liegt, denk ich, an der Entfernung. Meine Statistik ist sauber, ich summe, gedanklich, ein Lied aus der Waschmittelwerbung. Der Chef zeigt auf meinen Bauch und nennt mich löblich. Durch die große Blume einen Kleinartigen. Als ich mich setze, sehe ich den Schreibstift zappeln, sein Grinsen: Dann besser Arschloch!

Wolken zwischen Licht und Nachmittag.

*ich* mit mir! – stellt mir der Monitor virtuell entgegen, Times New Roman, Standard und Block, Schriftgröße 48. Beim „mit“ war das ´T´ losgegangen wie ne Rakete. Die M. mit der F. rabarberrabarber. Ihren Rock hat sie der Hitze wegen hochgeschlagen und fächert sich mit der Linken. Dann-besser-Arschloch kommt, lächelt. Ich bestelle per meinen Zeigefinger einen Kaffee, der Rabe hat auch schon wieder Hunger. Latein. Die M. kommt betont unbetont, farbleer. Der Rabe macht den Keks verschwinden und weg. Dann-besser-Arschloch flirtet heftig mit der F. Der F.! Der Rabe schreit und flattert laut und senkrecht hoch. Ausgerechnet!

Dabei muss er kacken, pflatsch, auf die Maus drauf.

Vielleicht ist er deshalb auf, auf, aufgestiegen, hoch, denk ich. Musste kacken. Was ablassen, vorab Verdautes.

Einkaufen am Abend, Sonne geht mit dem Westen unter.

Edeka, eine Schlange Menschen bis zum Ladenschluss.

Der Kolkrabe auf meiner Schulter lacht.

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lacht in die Luft

Aus dem Kühlregal zwei Sorten Käse, gleich, denk ich, welchen, alles Beta-Carotin. Eine Stange Lauch, weil’s hübsch grün ist im Kühlschrank. Für den Film was zu knabbern. Meine Hand, die mich streichelt. Einsam vor der Glotze, später, dann. Der Kolkrabe lacht.

Die Schlange zur Kasse hin ist gewachsen, obwohl die ständig frisst. Der Rabe flattert, laut, klingt wie Peitschenknall in Luft. Ich frage, laut, aus dem Mund heraus, nach ´ner zweiten Bedienerin. Zustimmendes Murmeln aus dem Volk, bis auf einen, der meint, ´s ging doch noch. Die Frau mit dem Flammenkopf am Geldautomaten zieht eine Bionade durch den Scanner. Piepts! Ist grad nicht, meint sie, ist nicht, nickt nach hinten, der Kopf, der brennende, als wenn ich durch Wände glotzen könnte und meint hektisch, der Kopf, der Mund sagt: Lieferung.

„Reihen Sie sich also bitte ein“, so der Mund, schließlich, letztlich.

*ich* mit mir! Times New Roman! Schriftgröße 48! Standard und Block! – schrei ich, zappel, gedanklich, außen still. Der Rabe flattert über die Köpfe der Schlange, Medusa, nach hinten. Ladenschluss – Aus – Ende.

Als ich endlich dran komme, ist der Tag vor der Tür tot vor lauter Abend.

Der Rabe sitzt im Baum und wartet, sein goldener Ring am Fuß glitzert im Schein der Straßenleuchten. Fusseliges Licht und Leuchten. Mief und Staub und laute Kinder, die sich über zwei Straßen weit Fußballergebnisse der Regionalliga zuknallen. Ein alter Mensch stirbt vor meinen Augen, dabei schien er noch ganz jung zu sein, ein Knabe oder Mädchen.

Morgen bei um die 10 Grad im Schatten.

*icht mit mir!

Das ´T´ funktioniert tadellos, nur mit dem ´N´, dem ´N´…

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

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Nachhaus

Verfasst von michaelbolz am April 11, 2009

Ein Gedanke, ein Schmetterling, flattert von Hokkaido nach Patagonien, vom Nordpol zum Äquator, der Tundra bis nach Grönland – und wieder zurück, hinein, Nachhaus.

Wo er stirbt, der Heimkehrer, wie Odysseus Leid in den Armen der Penelope.

Wind und Wolken und Wasser

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