Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

immerwinter

Verfasst von michaelbolz am November 22, 2009

die Nächte sind lang

die tage kurz

es ist kalt

es regnet den ganzen sommer

der himmel ist erkältet

und weint sein nasskaltes lied

die Nächte werden länger

die tage kürzer

es wird kälter

es schneit jetzt sogar im sommer

der himmel ist krank

und weint sein weißkaltes lied

eiskalt

die Nächte werden noch länger

die tage noch kürzer

es wird noch kälter

kommen

es hagelt im sommer eis

fallen wie bomben

die herzen

gefroren

zerbrechen

an den verfluchten hirngespinsten

derjenigen, die meinen

sie wüssten

wie mathematik

der welt zu fressen geben könnte

und lügen

den herzen

liebe

 

(c) 2009 Michael Bolz

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Versuch über das religiöse Dogma einer Leitkultur

Verfasst von michaelbolz am November 13, 2009

…„von grôzer arebeit“, spricht der Erzähler des Nibelungenliedes, will er berichten und sieht man nach, was im Mittelalter unter arebeit zu verstehen ist, dann finden sich Entsprechungen wie Mühsal, Not und Anstrengung. Der Vergleich erscheint vielleicht im ersten Augenblick gewagt, wenn er aber überhaupt gewagt sein kann. Ja, wir müssen, ordentlich, die Verhältnisse der Zeit der Worte beachten und sehen, was war, als diese arebeit eine Not war und Mühsal und doch fällt sofort auf, dass die postmoderne Bedeutung, als gäbe es eine Zeit dieser Worte nicht, im gleichen Sinn gegenwärtig existiert. Warum? Und warum zerbrechen daneben wie Tonscherben die renommierten und Glück versprechenden Wortpedanten von Wohlstand und Wachstum und Fortschritt?

Wir leben und erleben tagtäglich die selbstzerstörerische Brutalität einer Leistungsgesellschaft, die unter den ungesündesten Bedingungen ihrer eigenen Vorstellung und Praxis schmerzlich leidet und fragt sich, was an diesem Vergleich denn bitte hoffentlich doch falsch sein könnte, damit man das Unbehagen in der Kultur, Freuds fliegendes Wort ist spürbar in jeder Facette des Alltags, widerlegen könnte; damit der eigene Zynismus nicht die nackte Wiedergabe der Lebenswirklichkeit bleibt und ist, sondern eine entwickelte, schräge Charaktereigenschaft, die man sich allseits noch gut und gern vergeben könnte. Doch es scheint ganz und gar nicht so und auch genau deshalb nicht sein zu dürfen. Pessimismus macht sich breit, um auf seine eigene Art vital nach den eingeschränkten Möglichkeiten, dem bisschen Optimismus im heutigen Unsinn zu forschen, wie ein Ethnologe sich selbst in einer fremden Lineage untersucht, deren Lebenssprache ihm vollkommen entgeht. Er versteht „die anderen“ nicht. Und ist doch Teil davon. Eine Alterität, die nicht zu entschlüsseln ist, die jede Möglichkeit, ihr ein winziges Schlüssellöchlein zu geben, mit einer weiteren Tür und Mauer dahinter, hinter den vielen Türen und Mauern davor, beantwortet.

Sozial ist, was Arbeit schafft, diesen Satz hört man aktuell aus der Politik und man muss sich fragen, ob dieser Satz wahr ist und was er bedeutet, denn er schmerzt. Zuerst die Beobachtung, was Arbeit ist. Dazu muss man sich einfach nur umsehen und die Augen offen halten und dann sieht man es. Arbeit ist Not und Mühsal und Anstrengung. Arbeit ist der vorab verlorene Kampf eines allesfressenden Wohlstands um den eigenen Lebenserhalt, das gute Leben. Arbeit ist die gesegnete Not einer toten Hirngeburt von Politik, die weiter Nichts verspricht, was sie auch leidlich gerne hält. Arbeit ist das gehetzte, neurotisch betonierte Lachen im Gesicht, das meist mit dem prägnanten, pejorativ chlorierten Satz einhergeht: „Was soll man auch anderes tun, man muss sich anpassen.“; oder: „Es hilft ja alles nichts.“ Und dann sieht man die maskierten Larven in einem entmenschlichten und entmenschlichenden Funktionalismus, wohinter irgendwo jeder Leistungsfratze ein Mensch haust, zutiefst verletzt und unbefriedigt in einer Welt sich zu Tode hetzen; sich und die jedem Selbst fremde Andersartigkeit des vermeintlichen Gegenübers, denn niemand versteht im Grunde, warum sich jeder anpassen muss und nichts hilft und das sind nicht die erstaunten und hilflosen Fragen von Kindern, sondern die von Erwachsenen, deren Antwort sie aber längst kennen. Und man sieht das Alles klein und verschreckt mit seinen verkümmerten Flügeln schlagen, gegen Panzergläser anrennen, hinter denen die Macht kauert und Pläne entwirft, die eigene Flugunfähigkeit zu kaschieren, während sie mit wilden Effekten das Gegenteil verkauft. Meist schreien sie. Auf beiden Seiten. Stumm.

Die Wahrheit ist, dass dieser Satz bedingt wahr ist, aber sehr wirklich. Die Prämissen sind merkwürdig katholisch scharf, die Kanten mathematisch logisch und insofern richtig. Arbeit ist sozial und Arbeit muss geschaffen werden und deshalb ist sozial, was Arbeit schafft. Aber Arbeit ist ein Gegenstand der kreatürlichen Wirklichkeit und nicht der kreativen Übervernunft und muss deshalb nicht erst geschaffen werden und vielleicht liegt genau darin das Problem. Wachstum und Fortschritt und Wohlstand passen sich semantisch hervorragend an einen konstruierten Ethos und subtilen moralischen Imperativ von „zu schaffender Arbeit“, der um seiner selbst Willen eine moralische Grundlage sucht. Die Rechtfertigung ist grotesk: Das Schaffen von Arbeit (ist sozial). Man zögert, dann fragen die Finger die Tasten, ob das nicht entfernt nach ideologischer Nötigung klingt.

Für vergangene Philosophen signalisierten diese Begriffe den Ausgang aus der Mühe, der Not und den Anstrengungen, der Lebensumstände des oikos, im Anschluss daran denkt man sie als den Ausgang aus der spätmittelalterlichen arebeit, verwirklicht in der höchsten Staatsform, einer Demokratie, sogar im heute verrückten Sinn des Wortes.

Die Wirklichkeit. Ein suspekt kunstvoller wie künstlicher Antrieb schiebt uns vorwärts, gegenwärtig in zusammen geschusterter Form eines kläglich gescheiterten, ökonomischen Arbeits-Ethos, abgesegnet durch die Politik, die sich wissentlich darin tief psychologisch verstrickt und jetzt den selbst darin versteckten Ausgang nicht mehr findet.

Die Wahrheit. Wachstum und Fortschritt und Wohlstand stellen sich von allein ein, sie entwickeln sich. Wie sie sich entwickeln, ist letztlich kaum bekannt.

Die Wirklichkeit. Wie sie entwickelt werden können, ist Gegenwart. Die Politik sieht ihre Aufgabe darin, der zufälligen bzw. unbekannten Entwicklung kunstvoll auf die Sprünge zu helfen und vertut sich in beinahe Allem. Wozu dieses vertun in beinahe Allem führt, sehen und erleben wir alltäglich, in den vielen allgegenwärtigen Krisen, die mittlerweile derart permanent und furchtsam bedrängend sind, dass allseits nur noch mit hysterisch wirkender Gleichgültigkeit darauf reagiert wird. Das Scheinindividuum flüchtet in archaische Schutz- und Gruppenverhalten. Führt diese Gleichgültigkeit nicht in die Sackgasse des Fatums? Freilich: In einer noch nicht erlebten Weise. Man spürt die pessimistische Formel des Untergangs und einer grauweiß drohenden Revolution, wenn über letztere nicht doch die endgültige Lethargie der fremdbestimmten Selbstaufgabe siegt und die aber Beide gar nicht unbedingt nötig sind. Genauso wenig, wie ein kompletter System-Neustart. Zu allen drei Optionen jedoch zeigt, unter gewissenhafter, politischer Führung, die dreist und manchmal überdreht klingende und häufig drohende Formel von Arbeit, die wir selbst längst überholt haben.

Sie stimmt nicht mehr, bloß ihre logische Rechtfertigung.

In ihrer eigenen Wirklichkeit zeitigt diese künstlich entwickelte Formel und praktische Definition von Arbeit und Sozialem ihr genaues Gegenteil: Arbeitslosigkeit und Sozialabbau; Armut und psychische und physische Krankheit. Sie offenbart die Heuchelei der gängelnden politischen Korrektheit und deren prinzipielle gesellschaftliche Illegalität durch ihre nötigende, ideologische Unwirklichkeit. Arbeit ist dagegen kreatürliche Wirklichkeit und sozial ist, sich frei gewollt gegenseitig bei der Bewältigung von Not und Mühsal und Anstrengungen zu helfen. Insofern sind Solidarität und Altruismus und „Sozial“ Begleiterscheinungen von Arbeit, die nicht erst politisch konstruiert und einseitig wahr bemüht werden müssten.

Der Ethnologe entdeckt in dieser Kultur, doch er versteht es nicht, in deren fremden Sprache einen Satz. Der, übersetzt, muss lauten: „Sozial ist, was Not schafft.

Das religiöse Dogma einer Leitkultur, die sich selbst verschlingt.

(c) 2009 Michael Bolz

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Schnuppern!

Verfasst von michaelbolz am Oktober 31, 2009

Peter lief, einem Dackel ähnlich gekleidet, durch die Straßen Berlins und suchte den blumigen Duft, der seine Nase just unsittlich erregte, kriechend also, von einem jämmerlichen Gejaule begleitet, vor dem Reichstag durch den Schnee. Die Touristen wunderten sich und trauten sich aber auch nicht, Peter zu fotografieren, sie sahen hinter seinem aufrichtigen Leid eine Art von Trick.

Das war es auch.

Peter

Armer Hund!

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Glaskasten

Verfasst von michaelbolz am Oktober 27, 2009

Herbert sortiert das Angebot, blickt über die Liste und bemerkt, als er über den Rand seines Portfolios blickt, eine junge und ansehnliche Frau, die sich interessiert über das Angebot von Glühbirnen beugt, dass sich vor ihrer Brust weit ausbreitet. Es sind die Glühbirnen, die sie neugierig machen, deren Glas und Form Flammen nachgebildet sind und die in einem nervösen Rhythmus trist im Raum flackern und ein nervöses Licht herum werfen, sofern das Tageslich im Laden das ersichtlich zulässt. Herbert wundert sich augenblicklich über die Helligkeit, es scheint ihm der Tag wenig fortgeschritten, kaum eine Stunde seit dem Morgen vergangen, obwohl ein Blick auf die Uhr genügen würde, zu beweisen, dass er sich bereits seit mehr als acht Stunden hier aufhält und, über die Inventurliste zitternd, bereits der Geschäftsschluss ansteht.

Die Frau trägt ein grünes, kurzes Kleidchen, das ihr fast bis zu den Knien reicht, für die Temperaturen wohl zu kurz, doch sie scheint das Wetter nicht zu bemerken, jedenfalls lächelt sie und pfeift in kurzen Augenblicken, als würde das Licht und der Bau der Glühbirnen und das Flackern ihr ein kindisches Vergnügen bereiten. Wahrscheinlich, denkt Herbert, denkt sie, dass sie von niemandem beobachtet wird. Als Herbert sich umsieht, wird ihm die Situation auch ganz klar, denn tatsächlich befindet sich neben ihm und der Frau niemand im Geschäft, nur vor den Fenstern reihen sich in trübsinnig wirkenden Reihen hunderte von Menschen, die davor ziellos umherzustreifen scheinen.

Durch einen Lautsprecher ertönt ein heißeres Klingeln und Herbert wirft die Liste achtlos in die Regalreihe mit den Toastern, wo sie nach einem dumpfen Schlag, als würde sie sich jetzt geschlagen geben, liegen bleibt. Herbert schlüpft aus seinem Kittel und geht der Frau entgegen. Jetzt sieht er, dass ihre Haare schwarz gefärbt sind, er erkennt es daran, dass die Haarwurzeln blond unter der Mütze hervorschimmern. Ein Mann in der Radioabteilung winkt Herbert, als würde er ihn kennen und auch Herbert hat so ein Gefühl, doch wichtiger ist jetzt, meint Herbert, der Frau Bescheid zu sagen, dass das Geschäft gleich geschlossen würde und entschlossen schreitet er ihr entgegen, während sie die Preise der Glühbirnen zu vergleichen scheint und der Mann nebenan, kaum weniger als drei Meter weiter, in der Radioabteilung, steht immer noch winkend da und Herbert überlegt, woher er ihn noch kennt.

Die, wenn sie die mir einpacken würden. Ja, drei Paar, zwei als Ersatz, sie wissen schon.

Herbert wusste nichts, doch freilich würde er ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen und versuchte zu ahnen, was ihr gleich einfallen würde, wenn er ihr sagte, dass der Klang ihrer Worte ihn soeben verzaubert hätte. Davon ließt er aber dann doch ab, denn ihm fiel auf, die Reihe an Menschen vor dem Fenster war verschwunden und es war draußen auch bereits finster und aus den Fenstern der Mietshäuser dem Geschäft gegenüber fielen verschiedene Lichter und Schatten durchs Schaufenster in den Laden hinein und die Flammen der Glühbirnen tanzten und die Frau tanzte gleich den falschen Lichtern und Schatten und warf ihre Hüften und noch kurz bevor sie durch die Tür hinaus trat, drehte sie sich obszön in der Hüfte und warf Herbert einen Blick zurück, von dem er nicht wusste, ob er ihn verletzen, oder auffordern sollte.

Das ist aber kein Service, beschwerte sich der Mann, der tatsächlich ein Bekannter von Herbert war, genauer gesagt sein Nachbar, Herr Titus, der mit einem Kofferradio vor ihm stand und erklärt haben wollte, warum nur in aller Welt die Begriffe auf dem Apparat für ihn unverstänlich in Englisch buchstabiert wären und als Herbert durch ihn nach der Türe spähte, war die Frau verschwunden, nur das Licht und die grauen Schatten aus den Fenstern der Gebäude gegenüber tanzten und spiegelten sich in der Schaufensterscheibe und in dem Plastik der Geräte im Geschäft und als Herbert anfing zu erzählen, war der Mann nicht mehr interessiert, er hatte sich spontan umentschieden, wie er meinte und verließ den Laden ebenso unbemerkt, wie Herbert recht überlegte, er ihn betreten haben musste.

Herbert verschloss die Tür, es war auch schon spät und als er auf die Uhr sah, fiel ihm auf, dass er beinahe säumig wäre, wollte er noch für das Abendessen einkaufen, die Frau war lang vergessen, die Lichter flackerten noch.

 

(c) 2009 Michael Bolz

 

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Oktober

Verfasst von michaelbolz am Oktober 21, 2009

Der Oktober präsentiert sich kalt und feucht und es regnet draußen, vor den Fenstern, wo es in den warmen Wohnhöhlen neben der Tagesschau und den Sportnachrichten und zwischen der kommenden Party scheint, als wären wir problemlos und Karibik.

Die jungen Leute vor der Universität drängen sich in dichten Korsi, rauchen eine Zigarette nach der anderen und suchen den Blick irgendwo im Gegenüber zu verankern, damit etwas wie Sicherheit durch die vermeintliche Gemeinschaft entsteht, ein wenig von dem, der verlorenen Essenz und dem verlorenen Wesen, was sie tief in ihren blutigen Leibern vermissen, seit sie von der Mutter aus dem Leib heraus unsanft getrennt wurden und hinaus, in die brutale und gemeine Kälte gerissen, von der sie bis heute keine Ahnung haben und die sie antreibt.

Dass, was man Welt nennt.

Irene lacht überdreht, während sie den schwulen Bernd anglotzt, sie denkt sie muss lachen und deshalb lacht sie, damit sich der Berndtyp im rosa Hemd fühlt, fühlen darf, wie er sich gegenwärtig meint sexuell-modisch fühlen dürfen zu müssen und er lacht und seine Hauer teilen den fühlbaren Raum so sehr, dass es schmerzt. Sie besuchen gemeinsam die Vorlesung über Kafka und lachen gerade gemein über die Professorin, die sich in ihren, in beider Augen so ausnehmend schlecht benimmt, wie ein kotzender Clown in der Manege und dann beißt sich der schwule Bernd versehentlich auf die Zunge und heult und eine Träne rutscht über seine Wange, hinunter in seinen Krangen, sein Hemd von H&M und gefertigt von Kinderhänden und er weiß nicht, warum Irene immer noch lacht und nicht damit aufhören kann, weil er nicht weiß, wie nah sich weinen und lachen sind.

Es geht weiter mit traurigen Geschichten und Bildern des alltäglichen und gegenständlichen städtischen Jammers, das wir doch nichts weniger als für alle Zeiten erfolgreich aus unserem Bewusstsein verbannen wollen; ich hoffe, ihr seid wie ich wieder da und freue mich auf eure Kommentare.

Grüße, der Narr.

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Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Apschied

Verfasst von michaelbolz am Juli 26, 2009

Aus der ersten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Feld geküsst und ihren Busen gestreichelt und als ich weiter ran wollte, wars Abend und wir mussten los. Ich seh´ noch die Halme im Sonnenuntergang das braungelbe Licht küssen und die Schatten, die Schatten – die eilten sich doch sehr.

Zwei Tage lang Herzweh, danach bin ich gestorben.

Am dritten Tage auferstanden.

Aus der zweiten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Arm gehalten, mich grad dem Mund genähert und als ich ran wollte, kam der Schuldirektor und der Hausmeister und die Eltern, die Polizei im Anschlag, verschleppten mich in ein Gefängnis, wo ich ohne Anklage einsitzen musste. Der Rainer, mein Zellengenosse hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt, wie Liebe zwischen Taschenlampen funktioniert. Zwei Tage lang und zwei Nächte auch. Ich denke, Rainer war ein wenig spinnert.

Am dritten Tage rausgekommen.

Aus der dritten und vierten Liebe wurd´ auch nichts, die kannten sich, ich nenn´s Zufall oder widrigen Umstand, bekamen aber stets beide dasselbe: Einen Topf mit einer Margerite drin, wo ich doch deren Gelb im Kopf so gerne esse. Konnte mich zusammenreißen. Zwei Tage lang. Danach gab´s statt Blumen Pralinen und einen Faustkampf gegen zwei brutale Frauen die sich zufällig kannten und ich natürlich die, den ich – natürlich – verloren habe. Bevor ich ran konnte. Mein Vater sagt, ich würde auch gegen Grillen beim Boxen verlieren und gegen Klopse. Kein Problem sag ich, kein Problem, wo wachsen die?

Die fünfte, beinahe ein Jahr lag dazwischen, weil ich so lange so litt, Liebe, die wurd´ freilich auch nichts. Ich hab ihr einen Brief von Herzen kommend geschrieben, der durch die Schule ging wie Freikarten für ein Konzert von Madonna, oder ähnlich, vielleicht auch nicht, nicht ganz so gut, nicht wie im Vorverkauf, aber halb so. Oder ähnlich. Jedenfalls seh ich sie und warte und ich hab ihr mein Herz ausgeschüttet drin und warte, zwei Tage hab ich gewartet, am dritten Tage seh ich sie und wie sie gelacht hat über mich, den Brief, meine soziale Herkunft und dementsprechende Finanzmittelsituation, dass hat mir mein Herz gebrochen.

Am vierten Tage getröstet mit Philip Bailey und Phil Collins und deren Hit „Easy Lover“ (remastered edit auf youtube und für noch mal zwei Tage).

Am dritten Tage in eine Schwulenbar.

Der Sechste (Liebe oder bloß geil?): Mit einem Rainer, der mir mit dem aus dem Knast verdächtig ähnlich schien nach Hause und rumgeknutscht. Bevor er mir an die Hoden und damit in seinen Mund konnte, stand die Polizei vor der Tür, es war tatsächlich der Rainer von vordem. Er hatte illegal importierte Taschenlampenpärchen verkauft, die zusammen keine Kinder kriegen wollten.

Am dritten Tag danach fahr ich nach Berlin.

In Berlin, einer Jungenherberge. Mit der Siebten (liebesähnlich) hats dann endlich funktioniert, wurde auch Zeit. Ihr Freund war Polizist und grad nicht anwesend und sie wollte es dringend und anhaltend und hat mich so gut instruiert, auch emphatisch-körperlich, dass ich über mehrere Stunden und zwei Tage danach nichts mehr zwischen meinen Beinen fühlen konnte, auch meine Zehen nicht. Heute beschreibe ich die Situation reflexiv als professionell, aber interessant und durchaus umfassend befriedigend – Note: Sehr gut.

So habe ich meine Unschuld verloren, wo die anwesenden anderen elf Mädchen im Zimmer für uns Liebende kein Hindernis darstellten.

Eine Beziehung ist draus aber nicht geworden, denn der Freund der A. war ja noch da und zwar bewaffnet.

Aus diesen Erfahrungen zog ich den Schluss.

Drei Tage später.

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Geschehen

Verfasst von michaelbolz am Juli 23, 2009

Durch die Wolken fallen Lichter auf mich herab. Der Abend beginnt finster. In der Scheibe der Vitrine im Fenster gegenüber sehe ich überbezahlte Autisten, die sich gegenseitig übers Grün hetzen. Ein Flugzeug steuert schräg heran. Die Frau an der Ecke grüßt mich, ohne aufzusehen. Ich erkenne uns nicht. Der Rest aus dem Hirn verliert sich im wogenden Nelkenduft. Mein Herz wankt zwischen Tempo und Rhythmus. Ein Gedanke überholt mich. An einen Stein gelehnt warte ich darauf, dass es neben mir zusammenstürzt. Ohne mich breche ich täglich mehrmals zusammen.

Ein Blatt rollt über den Kopfstein. Kinder, die nicht lachen mögen, beißen. Eine Zeitung ohne Nachricht im schief hängenden Papierkorb lungert. Wortlose Dingwelt. Der Krieg hat sich in die kleinsten Poren verkrochen und schießt jetzt mit Unmenschlichkeit. Damit wir es nicht kommen sehen. Unmenschlichkeit ist so was Menschliches. Ein Panzer biegt um die Ecke und fährt sich auf den Spielplatz. Eine Menge läuft davor zusammen. Eis wird verkauft, der Verkäufer kommt zu jedem zweimal. Zwischen der Menge Körper suche ich mit meinen Blicken Wärme und will Frauen riechen. Ein kräftiger Wind zerrt am Kanonenrohr. Ein Projektil kriecht träg heraus und fällt in den Sandkasten hinunter. Es öffnet sich. Eine Melodie erklingt, es ist die Hymne der Gläubigen. Die Kinder mögen jetzt lachen und spielen im Sand. Die Erwachsenen singen und halten sich das Herz fest. Es öffnet sich oben an dem Panzer die Luke. Die Menge jauchzt und jubelt, als sie die nationale Flagge sieht. Ein Soldat kommt heraus. Kein Krieg! Kein Krieg! Ruf er, die Menge freut sich. Über die Lautsprecher hört man aus dem Fahrzeuginneren den Verteidigungsminister flüstern. Die Presse reagiert sofort und ohne mitzudenken. Zeitungen erschlagen sich gegenseitig. Nichts und Keiner stimmt. An einen Stein gelehnt warte ich darauf, dass die neu-preußischen Häuser in meinem Kopf endlich versinken. Dass das Glas aus den Scheiben springt und lacht und ich, auf der Wolke, fang die Sterne wieder auf und setzt sie, wo sie fehlen, ein.

Die Frau hat gewendet und trifft mich an derselben Ecke wieder. Ich bin erst zwei Augenblicke weiter. Sie grüßt mich, ohne aufzusehen. Den neuen Augenblick ist es mir peinlich, dann ist es vorbei. Ihr Gesicht, beinahe hätte ich es verloren. Sie fasst uns unter, sie zieht mich von der Wand weg, die Wand hält. Ich halte mich aus und sie mich. Der Soldat steigt in die Kiste, die Menge schweigt beeindruckt. Es gibt viel Ruß und Rauch und es dröhnt, als der Panzer startet. Die Menge folgt dem Panzer auf dem Fuß. Ich gehe mit der Frau allein nach Haus. Sie hat einen Stern im Küchenregal liegen, den sie mir unbedingt zeigen muss. Der Panzer fällt später in die Spree, weil ihn die Brücke darüber nicht trägt. Die sich in Fische verwandelt haben, brechen mit hinein. Die Fische tauchen zufrieden durch die militärische Langeweile.

Ich höre und kann laufen. Ihr Haar schmeckt nach frischem Heu und Zimt.

Ein Augenblick des Glücks, wo es nur so wenig davon gibt.

Davon schreibt man nicht, es lässt sich nämlich nicht verkaufen.

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Dreibeinig

Verfasst von michaelbolz am Juli 16, 2009

Susanne sitzt im Publikum. Ganz hinten sitzt sie, auf dem zweiten Stuhl in der letzten Reihe von links gesehen, den hat sie sich bewusst ausgesucht, links, vorletzte Reihe, zweiter Platz von außen, ziemlich weit hinten, der zweite Stuhl. Die Handtasche mit den Frauensachen drin lauert gefährlich auf dem äußersten Sitz gleich neben ihr, damit den keiner mit seinem Hintern besetzen kann; damit ihr der hindernisfreie Fluchtweg aus der Veranstaltung gesichert ist; nur den Fall, denn wer kann schon sagen, was zivilisierten und angeheiterten Bildungsbürgern alles einfällt oder auf.

Susanne schwitzt zart wie frisches Gras in der Morgensonne im Herbst, es ist ihr katholischerweise unangenehm und deshalb wackelt sie unbewusst mit dem Kopf, während um sie herum bereits ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird, obwohl es noch gar nicht angefangen hat, die Diskussion, Susanne hofft, dass sie niemandem mit ihrem Geruch auf die Nase fällt.

Tagsüber und am Abend war Susanne mental angespannt gewesen, bis hin zu totaler geistiger Verkrampftheit, das Thema der Bürgerveranstaltung im Max-Liebermann-Haus interessierte sie brennend: “Erosion der Zivilgesellschaft” – das klang in ihren Ohren ähnlich reizvoll wie “Himbeeren mit Spülmittel doch genießbar machen”. Dazu der Untertitel: „Wie uns die moderne Jugend mit ihrer Dummheit abhanden kommt.“ Dabei hatte sich Susanne gedacht, abhanden kommt einem die Geldbörse, ein Schlüsselbund, oder die Jungfräulichkeit, aber doch niemals nicht die Jugend – egal, was man als Erwachsener später drunter versteht und der Jungfräulichkeit wegen hatte sie sich beinahe einen Moment geschämt.

Die Entscheidung, sich die Diskussion trotzdem anschaun zu wollen, war Susanne nicht einfach gefallen wie etwa der berühmte Groschen oder Denar, die Mauern von Jericho, oder Gerd Möllemann. Nein, auch bei ihr hatte der Auslöser zuerst ein wenig geklemmt. Sie hatte sich deshalb belesen, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte herausgefunden: Da wollten sich Berlins Bürgerliche im Liebermann-Haus treffen und diskutieren. Jene Sparte Mensch: Die Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses, der einfachen, angewandten Kunst aus Dosen und des Superlativs und der “Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra”-Ethik. “Herr!”, hatte Susanne laut zum Himmel gerufen, “Ist heute nicht Waschtag?” Doch der Herr hatte geschwiegen.

Als die Bürger noch lieb waren

Kartoffelernte in Barbizon von Max Liebermann

Susanne hatte sich also schweren Herzens entschlossen, entschlossen hinzugehen, sie nennt es: Politisch. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter – Gott hat sie selig! – erschienen ihr dem sittlichen Anlass entsprechend. “Bürgerliche!”, rief sie nervös immer wieder laut in die Wohnung, da war sie noch Zuhause und die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: “Die Zeit! Die Zeit!”; Susanne lag auf der Couch, beinahe hätte Susanne die Zeit und die Diskussion verschlafen.

Susanne sitzt im Publikum. Der Saal ist mit lustigen Bürgern gefüllt, sie trinken Sekt und literweise Wodka, den sie in Sprudelflaschen tarnen und wäre der Saal ein Nudelsieb, hätte Susanne ihn viertelvoll geschätzt; flach und ziemlich breit. Umsonst ist das Trinken ordnungsgerecht nicht, Susanne nuckelt an ihrer Teebuddel, zu kaufen gibt es neben den Getränken schicke Bücher, schicke Bestseller und Sammelbände der baldvortragenden Bühnenprofis, jedes für mindestens um die 20 Euro oder mehr und bunt. “Max Liebermann!”, ruft Susanne einsam und in Gedanken, “Du Zeichner der nackten Strände und schlüpfrigen Idyll´n!”. Susanne sitzt im Publikum, sitzt platz auf einem Stuhl, weiter oben habe ich schon berichtet, wo und wie, staffiert sich angenehm, die Frauentasche mit den Frauensachen drin bleibt gereizt und krätzig, jetzt zupft Susanne ihr Kostümchen an den feuchten Schultern zurecht und wartet, politisch.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die setzen sich dann, nachdem sie gehend kommen und später dann gehend gehen. “Kann der seinen Kopf nicht schneiden?”, faucht Susanne innerlich, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Augen auf die prächtige Bühne versperrt. Der Mann lächelt heimlich. Susanne schwitzt, die Handtasche knurrt.

Nur eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, treten dann die Aktionäre doch irgendwie noch in Aktion. Irgendwann. Einer heißt Mak und ist aus den Niederlanden und einer heißt Cosic und ist was Koratisches. Keiner kann richtiges Deutsch. Dem Cosic sieht man das gleich am Kinn an, denn der hatte eine Übersetzerin im Gepäck, die höflich neben ihm Platz nahm. Die ließ er später übrigens nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut, die Übersetzung davon klangen hervorragend. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner mehr ernst, nicht, seit die den Theo hinrichten haben lassen; nein, seit da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Das macht auch das Licht auf der Bühne, ausgehen und gleich wieder an, der Moderator sitzt schlagartig da und seine Gäste – wie ein Zauber geht das. Der Moderator glänzt, seine Brille glänzt, überhaupt scheint er ganz und gar fettich und schwitzt und Susanne hat ziemlich gute Augen. Nach wenigen Minuten hören wir in Susannes politischem Kopf Schreie. “Zitate!”, ruft Susanne aus, gedanklich, leise, politisch trotzdem, “Zitate!” Die kann dieser Wilfried F. Schoeller, dass muss man ihm lassen, man merkt, der ist gebildet und er ist der Moderator, wahrscheinlich deshalb. Und Bürgerlich. Erst nimmt er jenem Mak das Wort, genauso gekonnt, dann diesem Cosic, nein, seiner Übersetzerin, und wie er lenkt, merkt man gleich und wie er dabei unheimlich witzig ist, aber eher unheimlich als witzig, also typisch deutsch: Der ist der Führer, das hat er im Kloster gelernt und im Gymmi gefressen. SPDler mit CSU-Allüren. Die Schriftsteller erzählen also, sofern Bürger Schoeller sie lässt und er lässt sie oft und gern, aber eher nur manchmal und eigentlich kaum; da lässt er sie erzählen, sagen, reden, was sie so von der restlichen, geistigen Welt von außerhalb Deutschlands halten und schwitzt.

“Oje!”, denkt Susanne politisch, “Oje!” Wegen dem Deutsch. Der Mak ist toll. Und viel gereist. Über alle mentalen und materialen Landesgrenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Sein Haar glänzt. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig, aber bemüht. Geht vorüber wie ein Herbststurm. Dann antwortet nach fremdzitierter Überleitung Bürger Schoellers der Cosic. “Haha!”, lacht Susanne, “Haha!” Wegen dem Deutsch. Dass, der Übersetzerin natürlich, freilich. Lässt sie aber nicht ausreden, der Cosic. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Dabei zappelt die Frau hochaufmerksam, dass ihr der Busen im blauen Blazer baumelt. Nach weniger als dreizehn Sekunden holt der Cosic den kroatisch-deutschen Verbal-Hammer aus der Tüte, den versteht man aber erst nach der Übersetzung: “Das Bürgertum rostet, verschwindet. Ich seh´s nicht mehr! Nirgends.” Allgemein wird jetzt schlagartig bürgerlich viel geweint und sich dann gegenseitig noch weinerlich, aber freundschaftlich getröstet. Aber wie Bürgerliche so sind, kommen sie schnell darüber hinweg, wie sonst auch über alles und jeden. Mit dem Sekt und mit dem Wodka, der in Wasserflaschen getarnt zu kaufen ist. Dazu gibt´s auch eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Bürger Schoeller hat nämlich gleich für den unverschuldeten Selbstschwund eine Ursache parat, die er mit einem ziemlich intelligenten Zitat einleitete: “Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet)“ Die Jugendlichen, sagt er, seien vielleicht was dumm! Nix tun sie tun, zögert er, nix tun sie wissen von Geschichte! Schlechtes Deutsch. Werteverfall, sagt er, noch ruhig, gleich will er schreien. Moralisches Deutsch. Was wissen die noch von der Politik! Von Mode! Kunst! Gott! Nur noch die Elektrik, Verzeihung, schreit er, Elektronik, darin seien sie gut. Ganz schlechtes und moralisches Deutsch. Und in der einen Sache, wir wüssten schon, welche, schreit er und macht Bewegungen mit dem dicken Unterleib und schwitzt. Er schreit, schwitzend schreit er und lächelt dabei und freut sich und auf sein Handy kommen die Fußballergebnisse, er merkts an der Vibration in der Hosentasche, heut spielt nämlich der VFL Wolfsburg. Typisch Deutsch. Aber wenigstens wissen wir, schreit er, wie man den Brecht schreibt, mit „B“ nämlich! Da entlädt sich die Anspannung wie nach einem ersten Frontsieg. Tosender Applaus, der klingt wie Luftabwehrfeuer! Die Schnupftücher werden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgepackt und ausgerollt und zwar die Version von dem Bild Altdorfers. “Wie gemein!”, denkt Susanne, aber vorsichtig, trotzdem politisch, “Wie dumm!” Und so vergeht der Abend seinen Hörern schnurstraks, die sichtlich erfreut darüber sind, von den Wir-lieben-Europa-und-die-Welt-und-den-Lago-Magiore-Schriftstellern und dem Bürger Schoeller zu hören, dass alles nach ihnen dumm ist, denn damit kann man ruhig sterben und weiß, so ein Hegel im Regal ist schon was Tolles. Und sie lachen und sie klatschen! Denn das ist das Schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Sittliche, das Protestantische, vielleicht das Bürgerliche, ohne ständig drauf pochen zu wollen; um Susanne herum und drumherum und drüber über ihr Haupthaar wird ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt, obwohl die Diskussion noch gar nicht angefangen hat – meint sie. Dann darf noch, ganz modern, rückgefragt werden. So Townhallmeeting mäßig. Einer, ein weinerlicher Kerl mit der Figur einer Tomate, fragt, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte. Eine Frau, die für ihr Alter durchaus unansehnlich daherkommt, zudem ziemlich faltig und die einen äußert esoterischen Eindruck in den Raum hämmert, fragt also den Cosic, ob der Herr Cosic noch “solo” wäre, wie sie sich umständlich und mit einem arg glühenden Gesicht mutig ausdrückt, wofür sie im nächsten Moment von ihrer Freundin viel Applaus bekommt. Den Mut wahrscheinlich. Ja, ruft die, lass es raus. Dann kommen so schlaue Fragen an die Herren Gebildeten, wie: “Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?”, oder “Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?” Susanne erhebt sich schließlich politisch, entreißt dem grad sprechenden Jammerlappen, einem Angestellten im öffentlichen Dienst, wo, also in welchem Amt, wollte er nicht verraten, seiner Gestik nach aber sicherlich einer vom Fiskus, das Mikrofon und fragt: “Wie wäre es mit Sinn?” Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Bürger Schoeller fragt lustig: “Was meinen Sie denn bitte mit Sinn?” und stellt erstaunt fest, dass es auch ohne Zitate geht. “Das frage ich Sie”, antwortet Susanne, “Mir geht hier nämlich der Sinn ab!”, ruft sie denn, und sieht, dass alle sie für dumm halten und noch für ganz andere Sachen. Die Übersetzerin sucht nach dem kroatischen Pendant für Sinn, so ähnlich wie für Jörg Haider und Gott. Der Mak lächelt vollkommen niederländisch und hat keine Ahnung, was um ihn herum passiert, aber er freut sich auf sein Bett, nachher und auf die Sportschau. Der Bürger Schoeller sucht gebildet ein geeignetes Gegenzitat, das wäre aber Unsinn und dazu kennt er nichts.

Später und schnell ausgeblendet, damit es für die Bürger nicht peinlich wurde. Wenig später, aber glücklich. Wieder Zuhaus entwickelt sich Susanne, den Schal wirf sie achtlos auf ihren Eames-Chair. “Ein voller Erfolg!”, ruft sie in die Wohnung, die Möbel wundern sich, “Ein voller Erfolg!” Die Möbel nicken.

Noch später, jedoch nicht viel, viel später, nur ein bisschen später.

Susanne steht mit ihrer Zigarette am Fenster und schmaucht den Rauch in die Luft, es ist schon ziemlich kühl, der Herbst meldet sich kühl, die kalten Blätter am kühlen Boden, faulen. Feucht ist es auch. Da geht doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hat nur drei Beine und hüpft mehr, als dass er läuft und irgendwie wirkt es lächerlich und peinlich zugleich. “Also doch!”, ruft da aber Susanne und eilt nach draußen, den Hund zu fotografieren, “Also doch!” Der Hund ist ein echtes, armes Schwein, meint Susanne, aber er hüpft, meint sie, so fröhlich, wie er hüpft, obwohl ihm insgesamt ein ganzes Bein fehlt. Der Hund zögert erst, gibt sich dann, beim Shooting, rasch gelassen, professionell.

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All Tag

Verfasst von michaelbolz am Juli 11, 2009

Ich bin feige hinter meiner Brille.

Im Schatten kann ich besser sehen. Wenn ich andere reden hören, bekomme ich Angstschweiß. Der Friede hat jetzt eine Ampelkennzeichnung. Im Supermarkt wirken alle betreten. Eine Meinung ist keine und meine bloß eine. Ich reihe mich ein und rieche die Leben. Meine Frau sagt, zum Golde drängt, am Golde hängt. Neulich im Kaufhof fielen Leichen aus den Aufzügen. Auf der Arbeit spricht man nicht. Alle sind mutlos. Die Politiker verbreiten schlechte Stimmung. Im Park heucheln die Bäume. Ständig ist mir schlecht. Der Elsässer ist kein Franzose. Die EU bricht über uns herein. Rapsfelder erschlagen jede Zukunft. Einkaufen aus Notwehr. Vor meinem Fenster lauert der Nachbar. Kinder müssen ständig heulen. Jungendliche üben die Revolution an Spielkonsolen. Ich sage, wenn einer sich kennt, will er’s gleich wieder vergessen. Ich lenke mich ab, indem ich schneller laufe. Mein Handy ersetzt das Gegenüber. Freiheit ist die Feigheit des Andersdenkenden. Das Proletariat sieht fern und hört nix. Mein Zimmer besitzt keinen Notausgang. Stündliche Kriegsberichterstattung. Unser Gewissen sprengt sich in Afghanistan in die Luft. Amerika ist schuld. Gier ist angeboren. Führungsriegen regeln den Untergang. Öl ist trinkbar wie Scheiße.

Ich sterbe aus.

Der Satz lässt mich fürchten. Darüber streut man mir Schokolade und sagt, ich sei zu fett, doch ich glaub nichts mehr. Was wie mich jagt man mit Biosprit und Atomkraftwerken. Christen verfolgen Atheisten. Zu trinken reicht man mir Säure. Gott fährt U-Bahn in den Herzen der Entsicherten. Entgleist zimmern wir Häuser aus Granit. Ameisen kitzeln meine Zunge und krabbeln mir ins Gehirn. Meine Nerven zittern. Meine Augen zeigen mir Ausschnitte. Mein Mund sagt arme Worte. Ich schlucke ätzenden Honig von der Straße. Menschenrechte sind universell. Keiner will den andern. Ich renne durch die Mall, alles Unnötige bleibt sicher an mir kleben. Draußen stirbt der Bus. Die Augen drin zerfleischen meinen Rücken. Als ich aussteigen will, öffnet man mir ungern. Einen Moment gibt es Regen, ich stelle mich sicher und puste. Aus den Gullys höre ich Funkgeräusche. Vor der Haustür muss ich husten. Im Aufgang liegen alte Reifen. Die Treppe schimmert feucht und riecht nach toten Rosen. Im Klo blinkt der Wasserzähler. Meine Wut schleckt mir den Arsch. Wenn ich könnte, würde ich folgerichtig daneben stehen und mich bedauern.

Fortschritt bringt Friede.

Friede heißt die Gefangenschaft im Einmachglas.

Ich fühle mich erdrückt.                                                              (2009) Michael Bolz

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