Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Der Glaskasten – Fragment

Verfasst von michaelbolz am Februar 6, 2010

Der Glaskasten – Fragment

Der Vogel nahm

den Schnabel reichlich voll

Tod und Nacht

und spreizte stolz die Schwingen.“

Der Bär

Prolog: Der Einbrecher

Simon sah über den oberen Rand seiner Inventurliste und bemerkte dahinter, zuerst verschwommen, eine junge Frau, die sich interessiert über das Angebot von Glühbirnen beugte, dass sich vor ihrer Brust im Regal weithin ausbreitete. Es waren Glühbirnen unterschiedlichster Form, die sie aufgeregt neugierig untersuchte. Besonders vorsichtig betastete sie diejenigen Leuchtmittel, deren moderne Form sie in kindliches Entzücken versetzte und die den Raum mit ihrem schummrigen, verhaltenen Licht, ebenso aufgeregt wie sie es war, beflackerten. Es waren erfrorene und erstarrte Flammenzungen in Glas geblasen, fingerlang und an den Rändern breit und stumpf gezackt. Das Licht brach und jagte sich und die Schatten an den Wänden und der Decke und den Säulen des Verkaufsraumes abwechselnd lustig, während das abgestandene Abendlicht, dass die Stadt von ihren steinigen Höhen herab in die kleinen, staubigen Gassen und Straßen wie Sprühregen ausgoss, unkenntlich dünn durch das Schaufenster ins Fundus einströmte. Simon wunderte sich über die von außen beinahe feindlich eindringende Dunkelheit, es schien ihm noch Morgen, als wäre kaum eine Stunde seitdem vergangen, als er den Laden aufgeschlossen hatte, müde und ohne wirklich hinein gehen zu wollen. Ein Blick auf seine Uhr genügte, zu beweisen, dass er sich bereits seit weit mehr als acht Stunden hier aufhielt, und, über die unzählbaren, dicken und modrigen Seiten der Inventurliste zitternd, bereits der Geschäftsschluss anstand.

Die Armbanduhr an seinem schmalen Handgelenk, die Simon augenblicklich völlig entgeistert und fassungslos anstarrte, hatte er von seinem Großvater geschenkt bekommen, dabei war er sich aber, wenn er jetzt darüber nachdachte, nicht völlig sicher, ob sie nicht vielmehr seinem jüngeren Bruder zugedacht gewesen war. Doch es war Simon, der das faustgroße, bunte Geschenkschächtelchen während des Pessachfestes im heimischen Garten, der von einer hohen, mauerartigen und steifen und engen Hecke eingeschlossen war, worin Großvater die Uhr ungeschickt und grundlos tief verborgen hatte, noch vor seinem Bruder fand; tief in der bittersüß duftenden Leylandii-Hecke vergraben, worin er sich beinahe verlaufen hätte und deren stechenden Äste ihm die freiliegenden Unterarme zerkratzen. Er hatte nur ein kurzärmliges Hemd getragen, es war außergewöhnlich gewesen warm für die Jahreszeit. Und selbst wenn die Gesichter der Anwesenden schließlich Simon gegenüber einen nur wenig unglücklicheren Eindruck ausgehaucht hätten, so tröstete sich Simon im tiefsten Grunde seines Herzens doch damit, dass der allseits zurückhaltende Applaus seiner Eltern und der Gäste, einige waren sogar bis aus F. angereist, doch irgendwie ihm gegolten hatte, während der Bruder am Rockzipfel der Mutter weinte.

Die Frau nun trug ein grünes, allzu knappes Kleidchen, das ihr kaum bis zu den Knien hing, im Gegensatz zu den herrschenden Temperaturen schien es Simon reichlich seltsam, doch die Frau bemerkte weder Simons kritischen Blick, noch die winterliche Kälte vor der Tür; sie lächelte abwesend in alle möglichen Richtungen und pfiff kaum hörbar ein Kinderlied.

Wahrscheinlich, dachte Simon, bemerkt sie nicht, dass ich sie beobachte. Auch sonst benimmt sie sich so, dass selbst das ihr wahrscheinlich ziemlich gleichgültig wäre. Aber nein! Sicher hat sie mich bemerkt!

Simon sah sich um. Neben ihm und der Frau war niemand sonst im Fundus und er wunderte sich nicht länger, dass sie sich völlig ihrer ausgelassenen Stimmung hingab und ein wenig freute er sich sogar mit ihr, bis ihm heiß einfiel, dass er das Fundus gleich abschließen musste.

Vor den Schaufenstern marschierten in trübsinnigen und unscharfen Reihen unzählbar viele Menschen. Sie wanderten wie an unsichtbaren Schnüren gezogen umher. Die meisten davon trugen graue, oder schwarze Anzüge, die bis über die Hälse verknotet waren, darüber knöchellange Mäntel und sie warfen ihre großen Aktentaschen bis hinauf in ihre Gesichter, die darin nervös ins Schaufenster, auf die Auslage schielenden Augen, und sogar noch höher, zum Scheitel und über Hutkrempe hinaus. Und ihre weit ausladenden Schritte, die jeden anderen in diesem dichten Getümmel, so eng war es, gleich doch schmerzlich treffen mussten, gingen eng gemessen und scharf aneinander vorbei, wie durch eine heimliche Ordnung geregelt und an diesen unsichtbaren Schnüren gezogen, mal angehalten, dann wieder gezogen, marschierten sie Nachhause und während sie marschierten, bildete der Atem der Menschen kleine, weiße und dampfende Wölkchen, die gleich im nächsten Moment in der eiskalten Winterluft erfroren, wo sie sich nur ganz langsam wieder auflösten, schmolzen, selbst wenn schon der Nächste, der Übernächste, und so weiter, mit seinem offenen Mund in der Wolke des Vorgängers stand, oder mit den Augen dicht daran entlang vorbei zog und seine ganz eigene Wolke aus dem Mund heraus ließ und Simon sah, wie alle diese Wölkchen nach kurzer Zeit, schwer geworden durch die Kälte, zu Boden krachten, wo sie schließlich ungehört zerbrachen.

Durch einen Lautsprecher im Geschäft ertönte das automatisch geregelte Ladenschlusssignal und Simon warf die Inventurliste achtlos in die nächste Regalreihe vor sich mit den Toastern, wo sie nach einem dumpfen Aufschlag, als würde sie sich geschlagen geben, liegen blieb. Er schlüpfte angestrengt aus seinem blauen Kittel, worauf in Brusthöhe auf der rechten Seite ein weißes Namensschild angenäht war, auf dem sein Name eingestickt war, warf den Kittel jedoch achtlos beiseite, irgendwohin, suchte sein Spiegelbild in der Wand eines glänzenden Toasters, dass ihm wässrig verzerrt entgegen sah, fuhr sich gezwungen durch seine Haare und ging, die Hände in den Hosentaschen vergraben, der jungen Frau entgegen.

Jetzt konnte er zum ersten Mal erkennen, dass ihre Haare nachträglich schwarz gefärbt waren. Er erkannte es daran, dass der Haaransatz von der Kopfhaut weg vielleicht zwei, drei Zentimeter hoch hellblond unter ihren Fingern hervorschimmerte. Sie spielte mit ihrem Haar. Sie verdrehte es, wand es zu einem Zopf, den sie anschließend fahrig fallen ließ, fuhr sich wie ganz nebensächlich mit der anderen, der offenen Hand durch die gefärbte und matt schimmernde Masse ihrer Haare, die ihr bis beinahe auf die Mitte ihres Rückens herabfloss.

Ein älterer Herr in der Radioabteilung winkte Simon freundlich zu, gerade so, als würde er ihn kennen und auch Simon hatte das Gefühl, dass er den Mann kannte, doch viel wichtiger war jetzt, der Frau zu sagen, dass das Geschäft gleich geschlossen würde und sehr beherrscht schritt er ihr entgegen, während sie wie nebensächlich die Preise der Glühbirnen verglich, wobei sie verschiedene der Preisschilder gleichzeitig vorsichtig zwischen ihre kleinen und langgliedrigen Finger wog, dann gewissenhaft und sachkundig untersuchte, als sie aber plötzlich erschrocken zurücktrat und eines davon fallen ließ, als wäre ihr stumm ein Leid geschehen. Der ältere Herr nebenan, kaum weniger als drei Schritte entfernt, in der Radioabteilung, rief und winkte und Simon überlegte, woher er ihn noch kannte und ging dann aber währenddessen weiter auf die Frau zu, bis er sie schließlich fast umgestoßen hätte.

Die, wenn sie die mir einpacken würden… Ja, drei Paar, zwei als Ersatz, die junge Frau kicherte, sie wissen schon...

Simon versuchte ihren Blick fest zu halten, doch sie war jedem seiner Blicke wenigstens zwei Bewegungen mit ihren Augendrehungen voraus. Simon war sich sicher, dass sie das mit Absicht tat, dass sie dieses Spiel regelrecht genoss und wenn er in seiner Anstrengung nachließ, dann forderte sie ihn wiederum spürbar direkt auf, es erneut zu versuchen, indem sie ihm die Tiefe ihrer Augen fast schon billig nachgab und die Verdrehungen verkürzte, sodass sie für Simon berechenbar wurden, sodass Simon stets erneut der Illusion erlag, ihren Blick doch irgendwie packen zu können und im nächsten Augenblick beugte sie ihren Oberkörper, als er ihr die Plastiktüte mit den Glühbirnen über die Theke herüber reichte, besonders weit nach vorn, als würde sie es wiederum absichtsvoll tun, wie alles von unsichtbarer Absicht gelenkt schien und lachte mit ihrem Kopf, den Augen, der Nase, dem Mund, den Lippen und den Zähnen und Simon konnte ihren weitoffenen Ausschnitt einsehen, der nachlässig seitlich von einem grellfarbenen Schal eingerahmt war, vielleicht orange, oder rot, und dabei großartig leuchtete und loderte und brannte und darunter schimmerte die weiße, feine Haut, die ganz von hellstem Schnee bepinselt war und daneben und an den Rändern des Ausschnitts und an den Seiten die Spitzen ihrer Unterwäsche, des BH, bis hinauf zu ihrem schwanfeinen Hals und das ganze Wesen beinahe schmecken und riechen. Simon dachte und antwortete überzeugt, auch weil er nicht wusste, was sie zuvor damit gemeint hatte, er wüsste von nichts, und er versuchte angestrengt zu ahnen, was ihr gleich als Antwort darauf einfallen würde, worauf er unbedingt eine eigene Antwort parat haben wollte, doch sie schwieg und dieses Schweigen bedrückte ihn sehr, wie wenn etwas Gewaltiges ihm die Brust abschnürte, etwas Gewaltiges und Unwiderstehliches und er wusste nicht wie, doch er erinnerte sich, wie die Mutter, munter in der Küche sitzend, ein Liedchen aus den Lippen vor sich her in die Luft treibend, die vom Kartoffelwasser triefende, nasse und bis zum Bund in der Hüfte aufschnürte Schürze zwischen ihre breiten und strumpflosen, marmorweißen Schenkel in den Schoss geklemmt hatte, dasaß, mit einem verschwommenen Blick, als wollte sie ihm etwas Dringendes mitteilen. Die Kartoffeln hielt sie immer in der linken Hand, während sie mit der rechten fest das Messerheft umgriff. Die Klinge selbst war kaum daumenlang. Geschickt und rasch enthäutete sie, sie war darin sehr geübt, eine Kartoffel nach der anderen, wobei sie sehr darauf achtete, nach Möglichkeit wenig vom Körper der Kartoffel mit abzuschälen. Dann ließ sie die Kartoffel in den Kochbottich zwischen ihren Beinen plumpsen, was jedes Mal ein hohles, schmatzendes Geräusch abgab. Und sie pfiff eben dieses Kinderlied, dessen Name Simon gerade nicht einfallen wollte, was ihn so sehr an die junge Frau erinnerte. Die Mutter hatte sich die Haare aus der Stirn gewischt, sich die Hände zwischen jedem Schälgang an der Schürze getrocknet und nahm sich erst dann die nächste Kartoffel vor. Sie hatte ihn angelächelt und als Simon gerade wieder fort wollte, rief sie ihm nach und er musste zu ihr hin und sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und er roch aus ihrem Schoß den Geruch des Kartoffelwassers; es roch abgestanden und ihr Kuss schmeckte trocken, mehlig. Sie hatte heilsam und still gelacht und Simon wiederholt geküsst, ihm in die Wange gekniffen und dann hatte sie ihm auf den Hintern geklopft, aber sacht und mit eben diesem heilsamen, wissenden Mutterlachen und gemeint, dass Simon bitte seinen Bruder holen sollte, sie könnten gemeinsam den Tisch zu decken beginnen, das Essen wäre bald soweit. Und er hörte, wie die Tür im Flur zufiel und tatsächlich war der Vater gerade gekommen und wie es seine Art war, ging er knapp durch den Flur, betrat aber nie die Küche, sah durch die offenen Türen herein und grüßte jeden, den er dabei antraf und sagte, dass er sich auf die Mahlzeit freuen würde.

Die Adern auf der Stirn waren Simon geschwollen, wie die auf einer asiatischen Maske dem Buddha. Simon sah von der jungen Frau sehr weit weg. Ihm fiel auf, dass die dichte und verstrickte Reihe an Menschen vor dem Schaufenster verschwunden war und es war außerdem bereits finster und aus den Fenstern der Mietshäuser, dem Fundus gegenüber, fielen verschiedene, künstliche Lichter und scheuchten die Schatten durchs Schaufenster in den Laden hinein und die Flammen der Glühbirnen tanzten und die Frau tanzte gleich den falschen Lichtern und Schatten und warf ihre Hüften und noch kurz bevor sie endgültig durch die Tür hinaus verschwand, drehte sie sich obszön in der Hüfte und warf Simon einen einschnürenden Blick zu, vor dem Simon augenblicklich am besten rasch in Deckung gegangen wäre. Sie warf ihren Schal, der, wie Simon jetzt erkannte und worüber er sich doch tief wunderte, in einem herrlichen Blau erstrahlte, in einer ausladenden, aber bestimmten Bewegung um den dünnen, feinen und weißen Hals, als würde sie einem Nebel eine zärtliche Ohrfeige geben und öffnete die Tür und ging fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das ist aber kein Service, beschwerte sich der Mann, der tatsächlich ein entfernter Bekannter von Simon war. Es war Herr Titullus, der mit einem Kofferradio in der mächtigen Hand, die an den mittleren Gelenken voller Schwielen war, lauthals zappelnd vor ihm stand und erklärt haben wollte, warum nur in aller Welt die Begriffe auf dem Apparat für ihn unverständlich in Englisch draufbuchstabiert wären, dass hätte er nicht gelernt und wollte damit auch nicht mehr anfangen. Wir sind bereits geschlossen. Die Antwort ließ Herrn Titullus schrecklich schnell verstummen und es war Simon, als überlegte der Mann, was er darauf erwidern wollte, doch es fiel ihm weiter nichts ein, als zu zögern und er wankte dabei in seiner ganzen Erscheinung, wankte nach vorn und zurück, wankte der große und massive Körper, als wäre ein mächtiger Sturm in all seiner Gewalt über den kräftigen Menschen herein gebrochen und zerrte ihn mit tausend unsichtbaren Händen, endlich niederzugehen. Als Simon durch den dreisten Mann hindurch nach der Tür spähte, war die junge Frau verschwunden, nur das neblige Licht und die grauen Schatten aus den Kasernenfenstern der Gebäude von gegenüber und aus den Laternen in den Straßenschluchten zwischen den dunklen Steinhöhlen scheuchte und spiegelte sich in der Schaufensterscheibe und im polierten Plastik der Geräte in der Auslage und als Simon anfangen wollte, zu erklären, war der Mann nicht länger mehr interessiert, er hätte sich spontan, wie er kleinlaut zugab, umentschieden und verließ den Laden ebenso unbemerkt, wie, wenn Simon recht überlegte, er ihn betreten haben musste, denn er hatte ihn nicht herein kommen hören. Den Apparat hatte er vor Simons Brust auf die Theke gestellt.

Simon verschloss die Tür und prüfte, als er den Schlüssel bereits abgezogen hatte, indem er heftig am Türknauf rüttelte, ob auch gut verschlossen war. Einmal war es ihm nämlich passiert, dass er nicht richtig verschlossen hatte und es war ihm deshalb fast gekündigt worden. Der Herr Saaschlick, ursprünglich aus H. stammend, der Besitzer des Fundus, war ein im Grunde hochanständiger, kleiner wie breiter Mann, mit viel zu tief liegenden, gewissenhaften und doch auch manchmal ganz gemein klingenden Augen, die ständig blau um die Ränder herum leuchteten, weil ihn, wie er gerne erzählte, seine Frau, nicht zum Schlaf kommen ließ. Dieser Herr Saaschlick hätte ihn in einem Wutanfall vor wenigen Wochen beinahe hochkant hinausgeworfen. Saaschlick erzählte gerne rohe und meist schmutzige Witze und oft machte er sich den Spaß, Simon vor Kunden solche Witze zu erzählen, um ihn vor den Kunden lächerlich zu machen. Simon wusste nie, wie er reagieren sollte, wenn es soweit war. Sollte er dann lachen? Komisch waren die Witze aber wirklich nicht. Er konnte dem Saaschlick und seinem schändlichen Humor im Grunde auch nirgends entkommen, es sei denn, er wollte sich mit dem Herrn Saaschlick streiten, dazu mochte er aber die Arbeit hier im Fundus viel zu gern leiden und es war außerdem sehr schwer heutzutage, eine gute und gut bezahlte Stelle zu finden. Seitdem überprüfte Simon besser doppelt und meist sogar dreifach, ob das Schloss richtig verschlossen war und ob es hielt und manchmal kehrte er auf halbem Weg nach Hause nervös weder um, weil ihm drängend einfiel, dass er sicherlich nur einmal und nicht zweimal den Schlüssel im Schloss gedreht hatte.

Es war jetzt schon sehr spät und als Simon auf seine alte Uhr sah, fiel ihm ein, dass er es eilig hatte und er klatschte sich mit der flachen Hand auf die Stirn, denn er wollte noch einige Dinge vor der Nacht erledigen, die junge Frau war völlig vergessen, die seltsamen Lichter im Fundus, die über Nacht auf Anordnung von Herrn Saaschlick leuchten sollten, damit die Diebe von einem Einbruch abgeschreckt würden, loderten müßig und befangen und machten in Simons Augen einfach keinen Sinn. Simon erinnerte sich, als er loslief, die Hände in den Taschen, den Hut tief ins Gesicht gezogen, denn ein kalter Wind fauchte scharf durch die tiefen und schmalen Gassen, summend an die Farbe des Schals der jungen Frau, dieses saftige, satte Blau und er dachte, dieses Blau wäre doch an und für sich etwas ganz und gar Hübsches gewesen.

Der Mann ging mit seinem Gesicht tief auf der Straße und mit einer Leiter unterm Arm und rannte dabei, sodass er Simon mit der Leiter beinahe umgestoßen hätte. Als Simon sich eben mokieren wollte, zog der Mann rasch entschuldigend seinen Hut, was ihm, mit der Leiter unterm Arm und einem großen Kübel zwischen den Fingern seiner Hand, nicht unbedingt leicht fiel. Er nahm sich den Hut ungeschickt mit einer steifen Bewegung vom Kopf. Sein Schädel unter dem Hut war abstoßend kahl und mit großen Beulen übersäht und der Mann stammelte etwas, das klang, wie eine Entschuldigung und rannte dann aber eilends weiter. Als sich Simon bückte, er hatte, während er ausgewichen war, seine Tasche fallen lassen, die er jetzt wieder aufnahm, bemerkte er im hintersten Augenwinkel, wie der Mann von eben am nächstgelegenen Hauseck, die er von seiner Position aus jedoch kaum erkennen konnte, die Leiter an einer Laterne anstellte. Die Ecke war für ihn deshalb schlecht einsehbar, weil sie von einer Hausecke davor und einer dazwischen, vor der Simon jetzt stand, tief verdeckt war, so eng standen die Häuser und waren die Straßen ganz dicht und kaum ein Licht fiel in diese enge und schmale Gasse, durch die sich Simon beinahe schon selbst schieben musste, denn die Wände fielen einen an beiden Seiten unausweichlich an und der graue Mantel wurde dabei oft schmutzig, wenn sich, weil es auch einfach nicht anders möglich war, wenn etwa zwei Menschen aneinander vorbei sich drücken mussten, die Wände an dem Stoff des Mantels sich und den Dreck einer ganzen Stadt und einer undenkbaren Vielzahl von Leben, daran abrieben.

Als Simon den Mann nach der neuesten Nachricht rief, er war nämlich ein Bote und gerade dabei, die neueste Nachricht an der Laterne und dort oben in der Höhe gut lesbar für alle Bewohner anzubringen, war der aber schon wieder herunter geklettert, packte die Leiter unmissverständlich hart und ohne jegliches Zögern, ergriff den Kübel, darin hatte er für die Anbringung der Nachricht notwendige Werkzeuge eingepackt und rannte weiter und das war auch zu verstehen, denn das gesamte Viertel mit der Nachricht des Abends zu versorgen war seine Aufgabe und da waren noch einige Laternen, die er damit hoch oben behängen musste, sodass jedermann morgen früh Bescheid bekommen hatte.

Als Simon niemanden kommen sah und auch niemanden hörte, er lauschte für einen langen Augenblick sehr konzentriert, ging er die paar Meter, die es bis zur Laterne hin waren, zurück und sah hinauf, aber er konnte nur die in fetten und großen Lettern gedruckte Überschrift erkennen, die ihm nichts weiter sagte und er ärgerte sich, dass er seine Brille auf der Anrichte Zuhause auf dem Ofensims hatte liegen lassen. Da erschrak Simon. Ein greller, scheppernder Ton schob sich durch die Gassen, der eigentlich kaum zu hören war, der in Simons Ohren trotzdem mächtig anschwoll, wie der rasch sich nähernde, eilige Schritt harter, eisenbeschlagener Sohlen. Ein grässlicher Schauer jagte ihm vom Kopf bis zu den Füßen hinab und er musste die Arme und Hände ausschütteln, weil er meinte, zu fühlen, die wären ihm vor Schreck eingeschlafen und sie kribbelten auch ganz entsetzlich. Ein Mütterchen in einem dicken und grauen Pelz und mit vielen, im Schatten funkelnden Ringen und Ketten, die Simons Meinung nach ganz aus Gold sein mussten, bog um eine der unzähligen und sich gegenseitig versteckenden Ecken herein in die schmale und enge und dunkle Gasse, in der Simon hinter der hohen Laterne versteckt stand und wo er oben die Nachricht zu lesen suchte und sie führte an der Hand, an einer ausgeleierten, fasrigen Leine, einen großen Hund mit sich, der gleich in Haltestellung ging, eine Stellung, in die abgerichtete Hunde, Jagdhunde vor allem, sich sofort begeben, wenn sie die Beute einmal gestellt hatten. Die alte Dame tat ziemlich erschrocken und wich vor Simon zurück, wobei sie ihre Hände mit dem Schmuck um ihren Mantel legte, dann wieder anders herum, als wenn sie nicht wüsste, was sie zuerst an Wert vor ihm verstecken sollte. Sie zappelte, als wolle Simon ihr ans Leder und der Hund knurrte und fletschte das Maul und geiferte gefährlich und vor die Fenster in den Häusern oben und rundum wurden dichte Vorhänge gezogen und das kleine Licht der Laterne schlug kaum noch in der Gasse unten an, so dass sich Simon schließlich eingekleidet fand in Schatten. Er rief der Dame zu, dass er sicherlich kein Dieb sei und sich klar darüber wäre, dass er im Grunde hier nichts verloren hätte, aber auf dem Weg Nachhause hier vorbei kommen musste und dass er bislang keiner Person in seinem Leben jemals etwas angetan hätte, noch plante, etwas Ähnliches zu tun. Er könne durchaus verstehen, rief er matt vor Anstrengung, dass sie sich vor ihm erschrocken hätte, der er doch weit größer und kräftiger als sie hier anstünde, was aber nicht in seiner Absicht gelegen war und er sich jetzt, wenn sie den Hund nur ein kleines Stück zur Seite würde bringen können, entlang, vorbei, an ihr, nach Hause auf den Weg machen möchte; als plötzlich ein heißerer Pfiff ertönte. Simon sah noch, wie der Alten etwas aus ihrem Mund, aus den Lippen heraus wuchs und meinte, dass es sich dabei um eine Pfeife handeln musste.

Der laute und grelle Ton hallte in Simons Kopf wieder und wieder und er musste sich die Ohren fest zuhalten, anders hätte er schwerlich den skalpellschnittartigen Schrei, der durch die engen Gänge und Winkel der Stadt noch verstärkt wurde, kaum ertragen können und als er aufsah, war die Großmutter, die er eben noch mit ihrem Hundchen beim Spazierengehen gesehen hatte, verschwunden. Vielleicht nur eine weitere weiße Wolke, dachte Simon zu sich, oder ich habe geträumt. Er kümmerte sich nicht weiter um die Alte, denn nun war der Weg frei in die Nacht, wohinein sich Simon freudig und hastig stürzte, schließlich wollte er endlich Zuhause angekommen sein, wo ihn sein Zimmer und der morgens vorgewärmte Ofen freundlich erwarteten und das Dunkel der Stadt kam ihm vor, wie eine liebe Umarmung.

Nachdem der Schmerz in Simons Kopf schließlich ganz abgeklungen war, kam ihm zu Bewusstsein, dass er längst schon der Hausherrin hätte Bescheid geben müssen, dass er zurück war aus dem Fundus, weil sie wie stets für ihn kochte und er eilte sich, die Schöße seines Mantels greifend, zu laufen und er rannte, was seine Beine hergaben und die Schatten in seinem Rücken schlossen sich sacht, gleich einem wattigen Vorhang. Simon freute sich auf den Kartoffelauflauf, den ihm die Frau mit extra viel Käse, ganz, wie er es liebte, überbacken heute Morgen bereits angesagt hatte und noch mehr kitzelte ihn beinahe schon närrisch der vorgestellte Essensduft, der ihn gleich beim Eintritt ins Haus empfangen würde.

Guten Abend, wünschte die Hausherrin mürrisch, sie ließ Simon offen ihren Unmut spüren. Guten Abend, und…, wollte Simon anfangen. Sie sind zu spät! Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte die Frau auf dem Absatz um und ging zurück in die Küche, wo Simon sie hantieren und leise weiterschimpfen hörte. Die Tür stand weit offen. Irgendwo tief in der Wohnung schlug eine Uhr sieben. Simon dachte erst, seiner Einbildung zu unterliegen, doch er erkannte im Rahmen der Küchentür die junge Frau aus dem Fundus, die er hier im Haus aber noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug jetzt ein orangefarbenes Kleid, weshalb er sie nicht gleich wieder erkannt hatte, zuvor war es doch grün gewesen – und der blaue Schal war jetzt rot, blutrot und es troff ihr der Schal vom Hals weg über die Brüste auf den Bauch und in den Schoß und von den Schenkeln weiter herab, da war das Blut bereits geronnen und sie folgte neugierig den nervösen, suchenden Augen des Menschen vor ihr und sie lachte dumpf und glucksend, womit sie die herrschende Stille in Nichts zerbrach. Im Flur stand der Geruch von angebranntem Auflauf. Die Tapeten im Flur blätterten wie Sommerblumen im Herbst, es war ein Altbau, um den sich lang schon niemand mehr kümmerte und viele Türen standen in den Gängen und Etagen an die hohlen Wände gelehnt und warteten auf Morgen. Im Kelleraufgang erschienen die Frau Nitzsch und ihr Mann, es war ja bereits kurz nach sieben, die Zeit, wo beide noch zu einem Spaziergang hinausgingen. Der Mann fragte wütend, als er Simon erkannte, die Frau, warum bloß sich die Hausherrin mit dem Pöbel aus dem Dritten abgab, weil er unumstößlich und felsenfest davon überzeugt war, dass es sich bei dem Einbrecher, der vor kurzem in die Wohnung der Nitzsch´s im Keller eingestiegen war, um Simon handeln musste. Ich weiß genau, setze Herr Nitzsch an, woraufhin er sich heftig verschluckte. Das hatte ihm nämlich der Herr Kommissar eingeschärft, dass er nicht einfach Leute ohne Beweis verdächtigen dürfte. Frau Nitzsch bat errötend um Verzeihung und ihre Lippen bargen sich vor Scham tief in ihrem Gesicht und sie zog den Mann rasch an seinem Mantelsaum vor die Haustür und die Hausherrin, eben mit einem Teller voll Auflauf in der Tür erschienen, lachte und das junge Mädchen lachte und Simon stimmte ein, ihm war, als müsste er mitlachen.

(c) 2010 michael bolz

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Besuch im Fenster

Verfasst von michaelbolz am Februar 6, 2010



Ihr knielanges, hellblaues Kleidchen ist mit Erdbeeren bestickt, die aschfahl leuchten. An manchen Stellen ist das Kleid zerrissen, streng verfärbt, ein zweites Leben kann sie sich nicht leisten. Über ihr zerschlissenes Haus dröhnt eine tief fliegende Bomberstaffel in Richtung Süden, sie denkt an den Mann in den Gräben und weint. Durch die lotternde Tür in den Garten herein tritt ein junger, hübscher Soldat. Er verletzt sich wehmütig an den Skeletten der welken Rosenbüsche am Weg, wo jetzt Lilien wuchern. Die Büsche halten ihn. Als er die Frau anruft, wendet sie sich weit fort. Sie atmet den fruchtigen, dämmernden Duft des Gartens, tief im Beet knieend, tanzen dort die Erdbeeren wie lustige, jauchzende Zwerge in den dichten Sträuchern und da, die Zwiebeln für den Herbststrauch Tomaten rollen wie von selbst unaufgeregt in die liebevoll handtief ausgegrabene Erde. Das Dröhnen der Bomber verschwindet am Horizont, ein Hauch davon bleibt stehen. Es beginnt spritzend zu regnen, der junge Mann spannt einen Regenschirm auf und wartet in den Büschen, die Frau sitzt in der Küche und glotzt durchs Fenster hinaus. Vor ihr im Glas schimmert in der Luft ein Licht einer Kerze.

(c) 2010 michael bolz

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Hau drauf!

Verfasst von michaelbolz am Februar 4, 2010

Hau drauf!

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Krasser Vorschlag für den Tag III

Verfasst von michaelbolz am Februar 4, 2010

Cogito!

Ergo: dumm!

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Vorschlag für den Tag II

Verfasst von michaelbolz am Februar 4, 2010

kaum drei Minuten später: Ich bin so heiß!

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Vorschlag für den Tag

Verfasst von michaelbolz am Februar 4, 2010

Jammern hilft ja nichts, nur manchmal dann aber so richtig.

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Neue Dogmen für den Tag

Verfasst von michaelbolz am Januar 23, 2010

1. Das Leben ist schlecht, es lebe die Individualität!

2. Katzen würden nie Whiskas kaufen. Nie!

3. Die Luft ist kalt, der Wind er steht; grad hatte er´s Papier verweht.

4. Schlaf nie mit einer Wassermelone, die du erst zwei Tage kennst.

5. Dosensahne ist gut gegen Durchfall.

6. Amen!

Eigentlich wollte ich ja sagen, dass ich heute nacht nicht nur gut geschlafen habe, sondern auch wunderbar geträumt. Aber ich kann nicht sagen, wovon, denn ich weiß, dass auf dieser Seite jeder reingucken darf, auch, wer noch nich 18 is. Also darf ich nich von wildem Sex reden und von Träumen, wo ich unter einer Frau liege, die auf mir johlt und hüpft und ganz feucht sabbert und überall und vor allem untenrum. Darf ich nich. Höchstens denken.

Gute Nacht!

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Gewitter

Verfasst von michaelbolz am Januar 14, 2010

Die Erde schrumpft. Der graue Sturm am Himmel kommt rasch aus aller Ferne. Und niemand blickt hinauf. Ich eile mich und höre nach dem Wind. Der feixt und tanzt und schifft die Wolken näher, knüpft sie dichter, schafft sie einer Mauer gleich, die gleich auf unsere Dächer fällt.

Ich eile, ja, ich eile schon!

In der Straße am offnen Fenster steht eine alte Frau und steckt die Nase in die Luft. Ja, man kann es schmecken und riechen und fühlen. Es knistert in den Ohren und zupft an den Haaren. Gerade in der Tür, schwillt der Wind davor zum johlenden Orkan. Bäume, Sträucher, Halme, Gras – alles rast; Blätter schießen durch den Hof, haltlose Vogelleiber klatschen an die Wände und Fenster, kaum einer schwimmt dagegen an, Äste kratzen an jammernden Scheiben, die sich nach innen biegen, die Wehen droben werden kurz und kürzer, die gewaltigen Gummibäume rauschen im Sturm wie ein klappriger Sturzbach. Ein Moment der Stille, der alles zerreist. Die Alte schließt sich ein.

Der Himmel ruht in einer erdrückenden Farbe auf der Stadt. Ein verlorener, wässriger Tropf verwandelt sich auf meinem Fensterbrett in eine wässrige Scheibe, groß wie fünf Mark. Dann noch einer und noch einer und plötzlich, wie aus einem Guss singt kalter Hagel in einem Ton dazu, nimmt einen Herzschlag kurz ab und schreit dann in einem weiter. Die Abfalltonnen im Hof wandern von allein. Gefrorener Regen fällt dicht wie Nebel! Donner knattert, Blitze krachen! Sturm Sturm Sturm!

Ich stelle eine Kerze ins Fenster. Gegenüber seh ich die Alte, daneben ihre Tochter stehen.  Die Kleine schaukelt leis an der Hand ihrer Mutter und knabbert am Zeigefinger. Sie blickt hinauf. Und siehst du ihr beim sehen zu; du denkst es dauert Leben.

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2 tolle Dogmen für den heutigen Tag

Verfasst von michaelbolz am Januar 7, 2010

1. Und schon in der Bibel steht, wenn’s dunkel ist, mach Licht an!

2. Tage kommen und gehen, einer nach dem anderen.

3. Ich bin nichts Besonderes, nur Ich, der sich mir ständig aufdrängt.

Scheiße! Verzählt…

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Supermarkt

Verfasst von michaelbolz am Dezember 8, 2009

Es ist kalt, es regnet, meine Brille beschlägt und durch die dichten Tropfen seh ich sowieso kaum noch was, aber die Brille muss sein, ohne sie bin ich blind. Also taste ich mich vorsichtig durch die Straßen und über die Kreuzungen, manchmal frage ich, ob mir wer helfen kann, wenigstens die Ampelfarbe anzusagen, obwohl – die kann ich noch erkennen, ist auch dunkel genug im Dezember, wenn auch sonst kein Winter in Sicht. Die Ampel strahlt wie eine Sonne und ihr Licht, mal rot, mal grün, mal gelb, bricht sich Weg durch die Tröpfchen auf meiner Brille, es blendet und zwickt.

Als ich gerade durch die Haustür eingetreten bin und mir wie sonst auch den Ellbogen gestoßen habe, fällt mir ein, dass ich nichts zu essen im Haus habe, wobei der Begriff Haus sicherlich in Bezug auf `ne Einraumwohnung eine arge Übertreibung ist, aber das ist ja ganz egal, das andere sowieso, der Supermarkt hat noch geöffnet und mein Raum ist mein Haus. Was wäre ich bloß ohne. Und ohne Supermarkt. Also werf ich meine Sachen in den Flur und ohrfeige mich in Gedanken, wie ich nur so leer hatte sein können, den Einkauf zu vergessen, wo ich jetzt nichts lieber tat, als nochmals in die feuchtkalte grauschwarze Halbnacht der Stadt hinaus zu rennen.

Durch das Zwielicht erkenne ich, die Brille habe ich irgendwo auf dem Weg verloren, nur Schatten und Wind und höre Sirenen und irgendwo aus einem geöffneten Fenstern Musik und sehe hier und da das Fernsehlicht flackern, eine zappelnde, bleiche Haut aus Strom. Sicher sind alle hier glücklich. Ich trete beinahe in einen Haufen Hundekot, den ich erst für einen Blätterhaufen gehalten habe, dafür war er aber letztlich an den Enden zu rund. Das Pflaster schimmert seidig, zu regnen hat es aufgehört, die Pfützen versinken langsam im Asphalt. Die Straße wirkt, denk ich, trotzdem finster; trotz des Lichts, der Laternen, einsam sowieso, wer ist jetzt noch draußen, außer er muss einkaufen.

Die Schiebetür öffnet mir automatisch, drinn sind beide Kassen besetzt, die in Schlangen trippelnden Stadtleute stinken vor entsetzer Eile bis an meine Nase, schreien drinnen “Raus!” Mein Gehirn schafft aus dem Duft und Klang den “Blütentraum im Wiesengrund” im Hintergrund höre ich Volksmusik.

Die zweite Kasse, die zweite Frau, ein kurzer Blick und Lächeln und Nicken, schließlich bin ich Stammgast, sooft wie ich vergesse. Vergessen.

Ein Kind zupft mir am Mantel und reicht mir die Brille, da dachte ich schon, es wäre nun endgültig soweit gewesen, ich bedanke mich, streichle ihm zärtlich den Kopf, den ich doch viel lieber sonstwohin gedroschen hätte, aber der Vater stand wichtig dahinter. Danke, liebes Kind! Ich überlege, ob ich einen Lolly kaufen sollte, später, an der Kasse dann, der zweiten. Nur für den Fall, dass.

Aus den Regalen kralle ich mir das Wichtigste, überall stehen mir Dinge im Weg, die ich eigentlich doch brauche, trotzdem konzentriere ich mich auf das, was ich sicherlich nicht brauche, damit ich morgen wieder kommen muss. Im Grunde bin ich ja gern hier und es wäre auch überhaupt günstiger für mich, wenn ich hier lebte, nicht dort.

Ich frage die Frau an der Käsetheke, ob sie irgendwo Putztücher zu verkaufen haben und zeige auf die Brille, durch die ich jetzt leider wieder nichts sehe, denn beschlagen und feucht ist sie immer noch. Die Köpfe der Frau, durch die Tröpfchen sind es sicherlich tausende, schütteln sich im Kreis, mir wird schlecht, ich wende mich ab.

Als ich alles beisammen habe, wenig ist es nicht, was einem da nicht alles noch einfällt, oder eingefallen wird, nein, wenig ist was anderes, wenn man also durch die Regale geht und manchmal angerempelt wird und sich der andere ohne eine Entschuldigung, eine einfache Entschuldigung wenigstens! Hätte mir völlig genügt. Wahrscheinlich war ich selbst schuld. Die Gänge sind auch furchtbar eng und ich hätte aufpassen sollen, dass, wenn wer da durch will, ich ein wenig auf die Seite trete, vielleicht auf die Kühltruhe, oder hindurch. Ja, ich denke, das wäre das Beste.

Als ich also alles beisammen habe – und wie ich schon sagte: Es ist doch ganz schön was zusammen gekommen, finde ich mich, wie durch einen wunderbaren Zwang, an der Kassa stehen, eingekeilt zwischen Migranten, zwei Mädchen vorn, einem Jung hinten. Vor mir die eine von zweien telefoniert und der hinter mir auch und ich höre viel Privates und es klingt, so gut ich es auch meine, irgendwie alles völlig idiotisch und ich bin umzingelt von Telefonierern und Regalen voll mit Süßigkeiten und Plastiktüten und DVD´s im Sammelpack, minus oder plus R und Zigaretten gibts da auch.

Ich bin also an der zweiten Kasse und überlege, wie ich die Telefonierer möglichst brachial gewalttätig und derb blutig umbringe und dann totschlage und danach vergewaltige, während ich von deren Eingeweide nasche, ist ja immerhin Advent und ob das an mir liegt, dass mich das so dermaßen irre macht, dass die mit ihrem Kommunikations-Scheiß einen Stereo annerven müssen und überall und sich dazwischen noch mental durchbumsen, weil sie bemerkt haben, dass sie einander voll süß finden, das telefonierende Mädel den hinter mir telefonierenden Jung, vielleicht aber, dacht ich, sind die Telefonierenden die gleichzeitig miteinander Sprechenden, dann würde es auch Sinn machen, dass man nichts verstanden hat, so blöd und geil und blöd die mich da eingezwickt hatten und diese blöden Regale und ich wäre deshalb beinahe fast explodiert.

Vor der Haustür höre ich wen rufen, erst pfeifen, dann rufen, aber ich bin ja kein Hund und deshalb reagiere ich auf sowas nicht und der Mann, vor dem ich sicherlich geflüchtet wäre, wenn ich den Schlüssel gleich ins Schloss bekommen hätte; wie der ankam!

Bin ich ein Hund? Wuff! Wuff! Brachte mir der Kerl meine Brille nach, die ich im Supermarkt zwischen den Dosenspaghetti und den Damenbinden hatte liegen lassen, ich wusste auch gleich genau, wo, er hätte es mir nicht sagen müssen, ich erinnere mich, ich stand da und habe die Preise der Sachen verglichen, obwohl ich mir davon sicherlich nichts kaufen wollte, aber vergleich ist wichtig.

Die Wohnung sieht aus, wie ich sie verlassen habe, vielleicht eine Spur müder. Ich verstaue die Sachen und als ich plane, worauf ich jetzt Lust habe, fehlt mir die Hälfte und ich muss nochmals los.

Kaum bin ich aus der Tür, klopft es hinter mir, seltsam, denk ich, dabei bin ich doch gerade erst raus. Als ich aufschließe und sich die Tür öffnet, stehe ich vor mir und reiche mir die Brille, während ich mir den Ellenbogen reibe. Schon wieder. Es ist einfach zu eng.

Ich bedanke mich und während ich mir zusehe, wie ich die Tür schließe, bin ich schon unten und raus. Tatsächlich. Beinahe hätte ich die Brille wieder vergessen. Und wirklich: Ohne das Ding bin ich blind!

((c) 2009) Michael Bolz

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