Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Essay über die Liebe

Verfasst von michaelbolz am August 11, 2008

Was ist Liebe?
Den ganzen Tag hören wir davon sprechen und singen und die endlosen immergleich klingenden
Interpretationen aus egal welchem Kulturkreis können gut als Vollbetäubungsmittel herhalten –
noch mehr ehrlich: es nervt. Im Prinzip dreht sich jeder Song im Radio, auf CD oder DVD um
Liebe, Einsamkeit, Schmerz, Sehnsucht blablabla und blubblubblubb, genauso im Fernseher;
welcher Sender überbietet nicht den nächsten mit Themen zu Herzschmerz und Dies und Das, oder im Kino, z.B. 10 000 B.C., eine Lovestory wie aus einem Arztroman, nur mit glänzend visuellen Effekten. Wir befinden uns zwischen Werbetaumel und Selbstbefriedigung, da dazwischen, unauffällig, wird ein wenig übers Klima oder Politik geplauscht und vergessen wir letztlich nicht die Buchkultur, den kommerzialisierten Berufszweig für verfasste Liebesbeschreibungen in Knechtschaft sklavisch schuftender Unpoeten.

Das ist kommerzieller Narzissmus in Reinkultur über die existentiellste Herausforderung der Menschheit.

Von Freundschaft hört, sieht und liest man wenig, von Gemeinsamkeiten statt ständiger Überbetonung von Unterschieden nur in Zusammenhang mit Sex, Zwischenmenschlichkeit und Altrusimus klingen nach  Duschgel oder Wasserfiltern, dazwischen wird endlos geballert und gefickt – Oh! Entschuldigung, dass darf man so nicht sagen, außer man macht ein Lied daraus, wozu Jugendliche dann hip tanzen, Refrain: „Ich will Dich doch nur ficken, hier und auf dem Rücken“ und so weiter und lacht viel. Einwerfen könnte man, dass  nach Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, endlich eine Art Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen in sexueller Hinsicht stattfindet. Könnte man, tut es aber, bei genauerer Betrachtung, nicht. Die Partnerbeziehungen egal welcher sexuellen Ausrichtung, wobei die Homosexuellen, ob Lesben oder Schwule, in der Hinsicht liberal, also tatsächlich [ein einschränkendes tatsächlich] etwas freier wirken, sind stets  getränkt von Problemen, die sich, fast möchte man Freud beschwören, ausschließlich um Sexualität drehen und davor wird die Liebe geschoben.

Alles geschieht ja aus Liebe, sogar Mord und nicht nur im Drama.
Tatsächlich ist handelt es sich beobachtbar um eine stattfindende Sexualisierung des Alltäglichen
und Überbewertung der Sexualität, bei Zehnjährigen nennt man es liebevoll – Frühreife oder ADHS.

Was ist Liebe?
Ist es das aneinander Festketten in „guten wie in schlechten Zeiten“, in Hinwendung zu Gott? Also
eine über Religion moralisierende ethische Maßnahme? Das komplizierte Idealbild von etwas
vielleicht Möglichem? Ist Liebe Realität bzw. kann sie Realität sein oder werden? Oder ist Liebe
doch nur eine euphemistische Metapher für die alltägliche, allumfassende Geilheit?
Man sprich bekanntlich von den berühmten rosa Wolken, wenigstens noch am Anfang jeder
Beziehung, wenn der Trieb den Verstand zudeckt, die „Fehler“ des Anderen noch erscheinen wie

Zuckerwatte oder Lametta, oder was man sonst gern inhaliert, doch bald bemerkt man, so sehr man sich daran auch festkrallt – bei manchen dauert dieser Zustand übrigens bis zum Tod und darüber hinaus – die Wolken ziehen fort und wenn die Vernunft ein Wörtchen mitzureden hätte, würde sie schimpfen: „Rosa Wolken? Spinner! Es war nur der Trieb, aber das ist doch auch ganz schön.“ Wenigstens eine zeitlang, doch die Sexualisierung spricht andere Bände – poppen bis zum umfallen, als wäre dass das ganze Leben und dabei gefüttert werden, dass ist die Liebe.

Und was hat das mit wirklicher Liebe zu tun? [das kann es ja nicht sein?]

Schieben wir die rosa Wolken also auf den Trieb, denn Liebe sollte doch einen Moment länger währen als zwei oder drei Wochen, bestenfalls einen oder zwei Monate – selbst guten – Sex.

Was zum Teufel nochmal ist also Liebe?
Ideal gesehen vielleicht das: „Wenn in einer Beziehung jeder der Partner denkt, er hätte für sich das Beste.“ trotz irgenwie geartet „permanenter“ [grusel] Anwesenheit des Partners. Wie könnte das funktionieren? Das klingt nach Empathie, Interesse, Gegenseitigkeiten, Unvereinbarkeiten, Auseinandersetzungen und Kompromissen nach Politik! und auch nach Sexualität – klingt nach: „Damit kann ich leben, auch wenn mich ihr Schnarchen nachts doch irgendwie abstößt“ bzw. nach Emanzipation, nach Gleichberechtigung.
Gleichberechtigung?
Es ist nicht zuviel behauptet, dass wir davon ein kleines Stück weit entfernt sind.

Und was ist jetzt die Liebe?
Liebe ist in erster Linie eines, nämlich selten – und zwar so selten wie durch Jahrtausende hindurch selten auftretende seltene Sonnenfinsternisse.

Geradezu rar.
Und man merkt dass sie fehlt, wenn man andauern darüber sprechen, singen und lesen muss.
Oder, wenn eine Rasierklinge zärtlich übers Herz spazierengeht.
Hopst.

Guter Nachtisch.


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