Café
Verfasst von michaelbolz am August 23, 2008
Die Frau sah mich ständig an, aber wenn ich ihre Augen suchte, scheuchte sie ihren Blick rasch in eine andere Richtung, als wäre ich ein Eindringling in irgendwas. Ich machte das Spiel zweidreimal mit, dann hatte ich genug, ich war doch kein Kind, wenn, sollte sie langsam zu Sache kommen, es war ja schon peinlich. Die Leute drängten nervös aus dem Ausgang der U-Bahn gegenüber, es war gegen Achtzehn Uhr, Wolken schwammen wie kleine Boote übers Blau, Wind erregte die dicht bewachsenen Äste, dass es aussah wie ein grünes, bewegtes Meer. Ein Audi ließ es an der Ecke Wilhelmshavenerstraße pfeifen, aus dem Ausgang drängten sich mehr und mehr Menschen, schnell, schnell, keine Zeit; eine Frau schob einen Kinderwagen, telefonierte, rauchte, schrie Kommandos, ein Junge von vielleicht sechs oder sieben Jahren, braungebrannt, hellgelbe Haare, ein verwaschenes rotes T-Shirt mit Spiderman drauf, jagte pfeilschnell heran, maulte.
Die Frau sah mich ständig an.
Vielleicht, dachte ich, erinnere ich sie an jemanden, vielleicht sitzt mir eine Wespe auf dem Kopf, vielleicht gefällt ihr mein Hemd, vielleicht möchte sie wissen was ich trinke, vielleicht ist es meine Nase, vielleicht wirke ich in diesem Winkel besonders reizend, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Ein Radfahrer musste scharf bremsen und beschwerte sich lauthals, die Fußgänger waren auf dem Radweg gelaufen und wussten von nichts. Höhlenmenschen mir dicken Kopfhörern wanderten lässig an den Tischen vorüber. Eine Traube in bunte Gewänder gehüllte Afrikaner, vornweg zwei richtig dicke Mamas, deren Arme schlackerten als wären sie bloß angetackert, wurde vom Ausgang der U-Bahn, der gleichzeitig ein Eingang ist, verschluckt. Über das Rauschen des Windes legte sich eine Sirene, die bald in der Ferne verschwand. Am Dönerstand gegenüber unterhielten sie sich. Menschen kletterten nervös aus dem Ausgang der U-Bahn, andere wurden gefressen.
Die Frau sah mich ständig an und ich sah weg.
Vielleicht, dachte ich, ist sie schon fort, vielleicht schielt sie, vielleicht hängt neben mir ein goldener Apfel, vielleicht. Bin ich Paris?
Ich sah hin, sie weg.
Später, nicht viel später, ging ich hinein bezahlen.
Das Ambiente drinnen war abstoßend, finster, erhellt von vereinzelten Lämpchen, die ein schwaches, kegelförmiges Licht auf dafür viel zu große, abstrakte Gemälde streuten, sodass man von den Bildern überhaupt keinen Eindruck bekam weil ein Großteil davon im Schatten lag. Die Theke war passend dazu sehr modern, in der schwarzen Front fehlten Teile in Puzzleform, die schwach gelb leuchteten. Auf der Theke standen Gläser gefüllt mit Streicholzschachteln, drauf der Name des Café’s, ich steckte mir zwei Päckchen ein, da kam die Bedienerin, eine Frau, etwa einssechzig, einsfünfundsechzig groß, mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren, die sie sich zu beiden Seiten am Kopf nach hinten gezwirbelt hatte. Sie trug eine schwarze Schürze, darunter eine Jeans, einen schulterfreien schwarzen Body, darüber ein schwarzes Strickjäckchen. Sie hatte einen großen Mund mit vollen Lippen, die sie nur ansatzweise geschminkt hatte, musterte mich mit ihren blaugrauen Augen und reichte mir freundlich die Rechnung. Ich bezahlte, gab ihr einen Euro Trinkgeld, was ich im nächsten Moment bereits bereute, trat an die Luft; die Frau saß immer noch da, ihr gegenüber ein Mann, schütteres Haar, breiter Rücken, in einem gestreiften Hemd, einer Cordhose, passenden, braunen Lederschuhen, die Ärmel hochgekrempelt, sie lächelte und ich dachte, er lächelt gerade zurück oder erzählt.
Glücklich wirkte sie, die Augen schmeichelten wie Honig, fast bewunderte ich ihn, dann ging ich los. Ein Auto hielt, eines fuhr an, ein silberner Kombi besetzte den Behindertenparkplatz. Die Bedienerin eilte an mir vorbei, zwei Menüs in den Händen, es roch nach Basilikum. Nebenan schloss die Bäckerei, die Frau in der gelben Schürze kippte den Sonnenschirm und rollte ihn ziemlich umständlich durch die Eingangstür. Zwei Kerle mit Bierflaschen in den Händen wurden vom Ausgang gefressen. Eine Traube Asiaten fotografierte sich gegenseitig, lachend. Eine Frau schob einen Kinderwagen, telefonierte, rauchte, schrie Kommandos, es war dieselbe wie vorhin. Aus dem Ausgang der U-Bahn gegenüber krochen Menschen, einer über den anderen und ständig wurden es mehr und keiner wusste so recht, was er jetzt tun sollte.
Andere wiederum wurden gefressen.
(23ter August 2008 (c) Michael Bolz)
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