Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

In der Kälte der Nacht

Verfasst von michaelbolz am Dezember 11, 2008

20.30 Uhr. Im Andachtsraum der Stadtmission Lehrter Straße: „Suchet die Besten der Stadt und betet für sie zum Herrn“, ist in minuskelartiger Schrift auf der gelb leuchtenden Säule im Andachtsraum zu lesen. Rechts daneben befindet sich ein kunstloser, schmaler Holztisch, auf dem zwei Kerzen in hohlbauchigen Gläsern flackern. In der Mitte zwischen den Kerzen an der Wand hängt ein flaches Kreuz, ein Stuhlkreis bildet den Rahmen für den altarähnlichen Aufbau, die Fenster sind mit weinrotem Tüllstoff verhangen. Es wirkt heimelig, doch gleich-zeitig entsteht das Gefühl, als ob hier auch eine Sekte am Werk sein könnte, was dazu fehlt, ist allein der süßneblige Duft sakraler Spezereien.

20. 45 Uhr. Die Plätze füllen sich, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stadtmission nehmen Platz, Tobias ist einer davon. Er wartet, bis sich alle gesetzt haben. Es fehle noch die Gitarris-tin, meint er leise, sonst müsste man mit seiner Kunstfertigkeit vorlieb nehmen, er lacht, blickt über die losen Blätter in seiner Mappe, dass will er aber niemandem zumuten. Nach einem Moment erscheint die Praktikantin, greift die Gitarre und eine kurze Begrüßung später singen die Zwölf „Herr, ich komme zu Dir“, Lied Nummer Sechs im Liederbuch. Es wird still, Tobi-as beginnt, liest einen Auszug aus dem Matthäusevangelium, liest vom Weltgericht. „Ich bin ein Fremder gewesen, ihr habt mich nicht aufgenommen“, erzählt er mit seinem stark ausge-prägten schwäbischen Akzent, der es nicht leicht macht, sich in die Liturgie zu vertiefen. To-bias blickt auf, worum es hier geht, ist allen klar. Er spricht leise weiter, spielt auf die Aufer-stehung an, Ostern, Pfingsten, die Hoffnung, die Gott den Menschen durch Jesus geschenkt hat. Dann klappt er die Mappe zu. „Das war heute mal kein wirkliches Evangelium“, meint er etwas unsicher, und bittet die Praktikantin ein zweites Lied zu spielen, „Zeit der Stille“.

21.00 Uhr. Tobias teilt die Mitarbeiter ein. Der soll an den Eingang, durch den in wenigen Minuten die Obdachlosen eingelassen werden, der in die Küche, den Aufenthaltsraum. Man bespricht gelassen, wer Hausverbot hat und warum, dann ist es soweit, einen Moment wird noch schweigend gedacht, dann geht es los. Ein wenig Heiterkeit lässt sich noch ein, doch die Anspannung ist spürbar. Marie-Therese und Johannes haben nur halb hingehört, ihre Aufgabe ist eine andere, sie sind zwei der insgesamt fünf Fahrer, die für den Kältebus eingeteilt sind. Gleich, wenn sie in ihre dicken Jacken geschlüpft sind, fahren sie mit dem Bus quer durch die Nacht, durch die Stadt, und kümmern sich um die, die in und an U-Bahnhöfen herumlungern, auf Parkplätzen, oder irgendwo im Freien unter einer Plane pennen, die Obdach-, oder Woh-nungslosen. „Wir nennen sie Gäste, oder Kunden“, erzählt Johannes, und schließt die Heck-klappe des Ford Transit. Nach der jährlich neuen Statistik des Senats gäbe es um die 4000 Obdachlosen in Berlin, eine Zahl, die sich demnach seit Jahren kaum verändert hätte, die Hilfsorganisationen sprechen von einer deutlich höheren Dunkelziffer.

21.30 Uhr. Marie-Therese ist Studentin, studiert Baltistik, Psychologie und Theologie in Greifswald und arbeitet als Fahrerin für den Kältebus in Vollzeit, womit sie sich ihren Le-bensunterhalt verdient. Während der Bus durch die Franklinstraße in Richtung Ku´damm rollt, meint sie, dass sie mit Baltistik in der Wirtschaft gute Chancen hätte, aber dass sie das irgendwie nicht will. Sie schüttelt den Kopf. „Darin sehe ich keinen Sinn.“ Johannes nickt. Seit drei Jahren fährt Johannes mit, er selbst ist arbeitslos, ausgebildeter Kaufmann im Ein-zelhandel, fürs mitfahren gibt es eine Aufwandsentschädigung vom Jobcenter, wie viel, dar-über will er nicht sprechen. Die Beleuchtung des HP-Ladens am Ernst-Reuter-Platz taucht den davor liegenden Gehweg in grelles Pink. „Es ist unglaublich, wie die Stadt sich in der Nacht verändert“, erzählt Johannes und gerät mit einem verträumten Ausdruck ins Schwärmen. „Wenn du am Tag durch die Stadt fährst oder gehst, ist es etwas völlig anderes, in der Nacht verlierst du dich viel leichter.“
Am Ku´damm angekommen, drehen die Beiden eine Runde zu Fuß, suchen, keiner da. „Den Kältebus gibt es seit 1988, die Sieben-Tage-Schicht haben wir aber erst etabliert, vor einem Jahr war es noch ein Versuch.“ Johannes erzählt gern und kennt sich aus. Zu jeder Ecke fällt ihm eine kleine Geschichte ein, sein Blick ist ständig ins Lichtermeer gerichtet, nebenbei lotst er Marie-Therese, die sich noch nicht so gut auskennt. „Aber ich mache mich, was“, fragt sie frech. Johannes neckt: „Es geht.“ „Als Idealist wärst du aufgeschmissen“, sagt Marie-Therese, und, „natürlich, ein wenig idealistisch muss man schon sein, aber ich mache das in erster Li-nie, weil ich das Gefühl habe, hier etwas Gutes zu tun. Ich habe beispielsweise auf Bali die soziale Not erlebt. Da habe ich mich gefragt: Warum soweit fahren? Die Probleme liegen vor deinen Füßen. Ich dachte, kümmere dich zuerst um deine Nachbarn.“ Johannes geht es ähn-lich. In seinem Ausbildungsberuf würde er sich nicht wohl fühlen, und auch wenn die Fahre-rei nicht gut bezahlt ist, hier kann er helfen, fühlt er sich gebraucht.

22.00 Uhr. Der Savignyplatz liegt in zwei dunkle Hälften geteilt jenseits der grell und bunt beleuchteten Kantstraße da, wie ein zerschnittener, achtlos ringsum auf die Parkflächen ge-worfener Schatten. „Hier war letztens einer, nach dem wollte ich noch sehen“, sagt Marie-Therese, während die Beiden durch die Dunkelheit laufen. „Hatte Ärger mit seiner Freundin, war dann abgestürzt.“ Die Bänke harren leer, nur auf einer davon parken Essensreste und Ab-fälle; akribisch geordnet und in zwei Reihen verteilt, eine Art Heeresordnung aus Wohlstands-müll. „Die Obdachlosen sind sehr ordentlich“, sagt Johannes, „auf ihr Essen passen sie gut auf und gehen damit dementsprechend um.“ „Ist nicht da“, meint Marie-Therese, „lass uns wei-ter.“

22.15 Uhr. Richtung Wittenbergplatz. „Erstaunlich ist, dass etwa in Charlottenburg mehr Ob-dachlose zu finden sind, als im Ostteil der Stadt.“ Johannes Anregung kommt unvermittelt, seine rechte Hand, die Fingerspitzen trommeln sacht am geöffneten Fenster, sein Blick springt von Leuchtreklame zu Leuchtreklame. „Finde ich auch“, meint Marie-Therese. „Ob das was mit dem Wohlstandsgefälle zu tun hat? Der Mentalität?“ Die Beiden kommen zu keinem Schluss. „Spannend ist es auf jeden Fall, denn es ist eine Tatsache – warum auch immer“, schließt Marie-Therese. Kurz vor dem Wittenbergplatz hält der Bus. „Hier im Parkhaus, da war einer. Hatte sich hinten eingenistet, lass uns nachsehen ob er da ist.“ Johannes geht vor. „Oft ist es ein Ratespiel. Man kann nie wissen, ob sich einer zweimal am selben Ort aufhält und genauso häufig findest du an Orten welche, wo du nie jemanden vermutet hättest. Des-halb ist es wichtig, dass wir keine feste Route fahren, sondern nur grobe Bezugspunkte festle-gen und darüber hinaus noch Ausschau halten“, erzählt Marie-Therese und hat plötzlich eine Eingebung. „Du, wir müssen nachher ans Paul-Linke-Ufer, da war ich gestern erst gewesen, hat sich einer direkt am Wasser unter ´ner Plane eingerichtet.“ Das Parkhaus ist leer, der Wit-tenbergplatz gesperrt. „Hier finden wir niemanden mehr, ein ruhiger Abend“, meint Johannes.

22.45 Uhr. Richtung Paul-Linke-Ufer. Das Handy klingelt. „Endlich“, ruft Marie-Therese, „Ja, endlich“, bestätigt Johannes. Ohne ihre Kunden fühlen die Beiden sich nicht wohl. Jo-hannes spricht kurz mit dem Apparat, dann legt er auf. „Polizei“, sagt er. „Wir sollen gegen eins einen abholen. Passiert immer wieder, aber das ist gut so. Früher hatte die Polizei keine Ahnung, was wir tun, dass wir die Obdachlosen in die Stadtmission fahren, oder an andere Übernachtungseinrichtungen verteilen.“ Trotzdem ist Johannes nicht ganz glücklich, der Kunde ist stark alkoholisiert aufgegriffen worden und befindet sich seit zwei Stunden in der Ausnüchterungszelle. „Na ja, angenehm ist das nicht. Aber die Hauptsache ist, dass die keinen Ärger machen, sonst wird es anstrengend.“

23.15 Uhr. Am Ostbahnhof treffen die Beiden Dietmar. Dietmar ist angetrunken und bester Laune. Er erzählt, dass er gerade aus der Stadtmission käme, da hätte er aber Hausverbot. Ma-rie-Therese bietet ihm an, ihn nach Neu-Westend zu fahren, Dietmar ist überglücklich. Im Auto fängt er an zu singen. „Du bist alles, was ich habe auf der Welt“, und nennt Marie-Therese Schnucki. Es ist ihr nicht unangenehm, doch wohl scheint sie sich nicht zu fühlen. „Es gibt eine Liste“, sagt sie, „da stehen die Kunden und die Spitznamen, die sie für uns ha-ben, drauf.“ Dietmar reizt sein Repertoire aus: „Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling.“ „Letztes Jahr hatten wir einen, dem konnten wir helfen.“ Johannes wirkt ernst. „Da kann ich sagen, hätten wir den nicht entdeckt, der wäre bald tot gewesen.“ Marie-Therese versteht. „Das ist dann die Spritze, die reicht fürs ganze Jahr.“ Sie setzt den Blinker. „Sind wir hier richtig?“ Johannes nickt. Bis etwa gegen drei sind die Beiden mit dem Bus unterwegs durch die Stadt, durch die Straßen, das künstliche Licht und die Schatten. Dietmar ist stiller gewor-den. Bis zum Schichtende sind es noch ein paar Stunden und mit jeder Sekunde scheint sich Johannes Satz zu bewahrheiten: Es ist unglaublich, wie die Stadt sich in der Nacht verändert. Wenn du am Tag durch die Stadt fährst oder gehst, ist es etwas völlig anderes, in der Nacht verlierst du dich viel leichter.
Dietmar hat sich herzlich für den Transport bedankt. Eine kleine „Spritze“: „Leute, was würde ich ohne Euch machen“. Und die Beiden vom Kältebus haben einen kleinen Grund mehr, sich weiter durch die Nacht zu arbeiten.

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