Nachbarin
Verfasst von michaelbolz am Mai 27, 2009
Im Fenster gegenüber gibt’s viel nackte Haut zu sehen und ich feuere die
Frau in Gedanken an: „Weiter, weiter, noch ein Stück, ein kleines noch,
komm! Komm!“
Sie beugt sich heraus, in ein luftiges, nebliges Negligee gehüllt, kleiner Busen, eigentlich keiner, doch erotisch wirkt es allemal, sie hat die Haare zurückgebunden, ein dunkler Packen, dessen schwarzgefärbter Anteil
bis zur Hälfte herausgewachsen ist, eine Zigarette im Mund, deren Rauch sie
durch wülstige, fleischige, rotleuchtende Lippen hindurch läppisch in die Luft bläst und dicke Augen, die Nacht war sicher lang gewesen. Sie sieht mich und winkt, schamlos winkt sie, ich winke schamlos zurück.
Ihre Freundin setzt sich neben sie auf die Fensterbank, im Verhältnis zu ihr ist sie bekleidet wie die Leute in Alaska im Dezember, ihre Ärmchen sind durch, geröstet, knackbraun, die Beinchen bleich und die Farbe wirkt selbst über die Entfernung wie von etwas Krankem, sie zündet sich eine Zigarette an, blickt in den Hof, sie beginnen sich mit der anderen zu unterhalten, die zeigt herüber, die Neue guckt.
Ich suche möglichst viel Hausabfall zusammen, damit ich einen Grund habe,
ohne lächerlich oder aufdringlich zu wirken, in den Hof gehen zu müssen.
Während ich eile, überlege ich, was ich sagen könnte, aber ich weiß, spontan
bin ich am besten. Drunten: Ich grüße freundlich, sie grüßen zurück, die in
Luft gehüllte lächelt breit, es ist ein warmes, freundliches Lächeln, die
andere schläft noch. Wir tauschen uns oberflächlich aus, plaudern über das Wetter, das momentan die Launen wechselt wie ein störrisches Kind und haben so viel Grund zu reden. Es ist nett, denke ich, sie, ich sollte sie einladen, ich tue es auch.
Den ganzen Nachmittag bin ich nervös, immer wenn die Beiden am Fenster
auftauchen, fange ich zu zappeln an, das letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, dass Buch das ich lese ist spannend, ich vergesse sie oft, drüben ist wer. Wer?
Wir gehen aus, spazieren, einmal um den Block, ich vorn, es wird eine
lange Runde. Auf dem Weg finden wir eine Kneipe, „Plötzlich“ heißt die,
treten ein, weil uns das Drumherum gefällt, die Frau an der Bar ist auf
Speed, Koks, oder sieht zuviel fern, spricht nur spanisch und grüßt singend, ich denke, das sollte sie noch üben.
Die Unterhaltung ist zu Beginn verkrampft, ich bin verkrampft, aber
bei einem Glas Wasser werd’ ich schnell locker, die Frauen nehmen es
gelassen, bei Weißwein, den beide gut finden und die Bedienerin ist
definitiv high, wechselt ständig ihre BH’s, erst weiß, dann schwarz, blau und
wieder weiß, man sieht es an dem schulterfreien Stück Stoff, außerdem will
sie mir mein Wasser wegnehmen, wo es noch halbvoll ist.
Die Erste zeigt Interesse, das beinah schon bemüht wirkt, jetzt ist sie
verkrampft und ich bin locker, erzähle, frage mich, was sie rausholen möchte,
ich mag sie, spontan mag ich sie und ihr Bemühen schmeichelt mir, das hat
sie gar nicht nötig, fast möchte ich sie küssen, da werde ich nervös, das
letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, die andere mischt sich ein,
da, ein Hund, ein Hund, ein kleiner, süsüsüßer, waschlappengroßer Hund,
Frauen und Hunde, ich nicke, leichtes Ertragen und die Bedienerin saust
herum, unsere Gläser sind leer, sie übersieht es, jetzt blau tragend.
Wir werden zeitgleich müde, gegenüber beschmipft eine modische Frau in
den Vierzigern einen wesentlich älteren Mann, er solle nicht irreversibel
sagen, wenn er nicht wüsste was irreversibel bedeute, bezahlen, drinnen
läuft Jazz, „Plötzlich“, was für ein Name, die Nacht ist warm, wolkenlos, aber
Sterne kaum zu sehen, das Licht der Stadt verdrängt die Sicht, sie erklärt es mir, ich höre, dann sind wir wieder hier, sie fährt sich durch die Haare, ich höre Musik, ich summe, sie lacht, die andere geht, ein paarmal auf dem Weg
hatten wir uns angestoßen, beim Laufen berührt, sagen uns gute Nacht, ich
schlafe durch, träume, die sind, wie Shakespeare sagt, was Zwingendes, ich
wache auf und sie ist fort. Kein Traum, nur auf der Durchreise, schade, denk
ich, das letzte Mal, das ist lange her, mein Glück, ich lebe noch.
Schmitti sagte
Schön!
Ich glaub, ich kenne das „Plötzlich“.
Grüße, Schmitti
julielasourire sagte
Lieber Michael,
es gefällt mir sehr gut von einem Hinterhof der Metropole aus. Diese Geschichte klingt so real.
„ein Hund, ein Hund, ein kleiner, süsüsüßer, waschlappengroßer Hund,
Frauen und Hunde, ich nicke, leichtes Ertragen“….Lächel*..
ja, so sind die meisten Frauen, aber es beruhigt da nicht alle so vernarrt sind…..
Trotzdem sehr Wortgewand geschrieben. Man möchte von den lesend fesselnden Silben gedankenvoll versinken und verlangt nach mehr.
Ich danke dir.
Liebe Grüsse
Julie