Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Tierfest im Garten

Verfasst von michaelbolz am Juni 7, 2009

Auf der einen Seite des Zaunes hetzen sie.

Kinder, nervös, mit Blicken, die neurotisch rasen, an die rasenden Blicke gekettete Eltern. Ein witziger Animateur plärrt über hallenden Techno-Stumpf aus monströsen Lautsprechern – klebrig. Die Einkaufs- und Unterhaltungsstraße, sonst leidlich von Autos bewohnt, nennt man spaßvoll Kinderfest, international ist es sowieso, aus Mode. Die unterschiedlich kulturell-bunten Hüpfburgen wabern im stetige wechselnden Rhythmus sich stetig wechselnder Bälger, die die Eltern dann weiter, vom einen zum nächsten Konsumstand, dann weiter, weiter, zerren. Die Dixie-Toiletten sind gleich den Luftballonverkäufern und Süßigkeitenständen überlastet, überlaufen, stinken. Polizei beschützend an allen Enden.

Aus dem Nichts Sirenen, doch es ist bloß ein Karussell, das schreit, heult, als tät was geschehen. Und überhaupt – scheint alles Illusion; bis auf die Preise dafür, oder die Kosten für dieses oder jenes.

Der gänzlich Unbeteiligte darf gegen einen Euro Strafe die Straße überqueren, vom einen Loch zum andern, man nennt es Durchgang. Die Löcher im Zaun, die Durchgänge, sind besetzt mit durchweg jungen Menschen, die hohl glotzen und mich nicht verstehen, weil ich bezahlen müssen für einmaliges Straßeüberqueren nicht verstehe.

Auf der anderen Seite des Zaunes lachen sie.

Am Tümpel ein nackter Mann aus Bronze gegossen, Familien, kaum, aber auch Deutsche. Russisch hört man, Türkisch, Italienisch. Berliner. Ein Junge schafft am Ufer vom Wasser einen Damm und bohrt und buddelt.

Sie Sonne über allem, auch dem, auf der anderen Seite.

Man wirft sich Bälle, Scheiben zu und bunte Federn fliegen. Grillen ist erlaubt. Immer mehr machen sich breit ohne sich zu treten. Lachen. Ein zwergwüchsiger Kleinling kauert im Gras, guckt langeweilt – ich meine wohl, er meditiert.

Was der Zaun nicht trennt, nicht trennen kann, ist was bleibt, ist hier wie dort.

Ein Boxerhündchen staunt und kaut auf Resten der Dinge der Wesen.

Restdinge, unzählige, bedecken das Feld, hier Gras und dort den Asphalt, die hier wie dort nicht schlucken.

Ein warmer Tag und strahlend; die Sonne über allem.

Dankbar ist sie heut, das Licht, mein ich, wahrscheinlich ist – sie kann nicht anders.

Das Boxerhündchen schmatzt.


Eine Antwort zu “Tierfest im Garten”

  1. Hallo Michael,

    es scheint, als hättest du einen Tag am Wochenende so verbracht. Stillschweigend durch das Geschehen mitten der Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, detailgetreu beobachtend. Es hört sich gut an.

    Ja, Unbeteiligte müssen meist nichtverstehend für Handhabungen des Gestern, heute bezahlen und sei es nur der eine Tag. Logik existiert da in den Köpfen der Aufpassenden nicht, nur gesteuert durch öffentliches Machtgehabe.

    Ich lese die Texte von dir immer wieder gern. Danke!

    Liebe Grüsse
    Julie

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