Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Leichenmacher Mottenwelt

Verfasst von michaelbolz am Juli 3, 2009

Sie klebt fest mit den Schwingen. Sie stößt ihren Leib ab, als hätte sie Beine dran. Sie versucht die Schwingen nachzuziehen und aufzuspreizen. Ihre Fühler fühlen hilflos. Wieder dieser Krampf, wo der Leib von der Köderfalle herausschwillt, hervor, fort vom Klebstoff. Ich vermute, es handelt sich um ein Weibchen. Ich bestreiche meine halbe Schrippe mit Butter und Frischkäse. Mit jedem Aufbäumen kommt sie dem Tod rasch näher. Bald bleibt sie ruhig, denk ich, wie die anderen. Ich frage mich, wie lange noch. Morgen. Ich nehme einen Schluck Kaffee. Eine Woche. Wieder ein Versuch. Drei Tage. Als hätte sie Beine. Stunden. Würde sich die Schwingen abreißen, wenn sie los käme dafür. Die Sonne fängt sich im Hof, schwüles Licht presst herein, ich brösel mir die Hosen voll. Sicher ist es ein Weibchen und trägt Eier, das Aufbäumen verräts. Sie trägt Leben. Bis zu Zweihundertmal. Einmal. Sie schwillt. Morgen, ich denke, morgen. Ich schwitze in den Achselhöhlen. Ich schäle mir einen Apfel. Der Duft kitzelt in der Nase. Ich denke, die Falle funktioniert und zähle die Leichen. Vier Tote, zwei Schwerverletzte, eine davon eine Frau. In fünf Tagen. Die Männer haben sich nicht gewehrt, weniger. Wie lange noch? Der Kaffee schmeckt holzig und trocken. Vor dem Fenster wieder Fenster. Iwo, denk ich, versuch meine Schwingen zu spreizen. Kleb an der Oberfläche, im Sterben begriffen. Die Schwingen verpappt. Kindheit unter Beton vergossen. Ja, ich bin ruhiger, denk ich, weil ich keine Eier trag. Gefangen vom Lockduft. Sexualreizstoff. Kitt für die Fenster. Ich fresse Eier. Wir fressen unsere Eier. Verkrüppelte Seelen zerstoßener Herzen. Leichenmacher – jetzt bloß noch Dinge. Sie stößt sich ab. Als hätte sie Füße am Leib, menschliche Füße an kräftigen, menschlichen Beinen, sie tritt und reißt sich los. Ich sehe ihr beim sterben zu. Noch lebt sie. Wie lange noch? Im Regelfall: Zweihundertmal.

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