Glaskasten
Verfasst von michaelbolz am Oktober 27, 2009
Herbert sortiert das Angebot, blickt über die Liste und bemerkt, als er über den Rand seines Portfolios blickt, eine junge und ansehnliche Frau, die sich interessiert über das Angebot von Glühbirnen beugt, dass sich vor ihrer Brust weit ausbreitet. Es sind die Glühbirnen, die sie neugierig machen, deren Glas und Form Flammen nachgebildet sind und die in einem nervösen Rhythmus trist im Raum flackern und ein nervöses Licht herum werfen, sofern das Tageslich im Laden das ersichtlich zulässt. Herbert wundert sich augenblicklich über die Helligkeit, es scheint ihm der Tag wenig fortgeschritten, kaum eine Stunde seit dem Morgen vergangen, obwohl ein Blick auf die Uhr genügen würde, zu beweisen, dass er sich bereits seit mehr als acht Stunden hier aufhält und, über die Inventurliste zitternd, bereits der Geschäftsschluss ansteht.
Die Frau trägt ein grünes, kurzes Kleidchen, das ihr fast bis zu den Knien reicht, für die Temperaturen wohl zu kurz, doch sie scheint das Wetter nicht zu bemerken, jedenfalls lächelt sie und pfeift in kurzen Augenblicken, als würde das Licht und der Bau der Glühbirnen und das Flackern ihr ein kindisches Vergnügen bereiten. Wahrscheinlich, denkt Herbert, denkt sie, dass sie von niemandem beobachtet wird. Als Herbert sich umsieht, wird ihm die Situation auch ganz klar, denn tatsächlich befindet sich neben ihm und der Frau niemand im Geschäft, nur vor den Fenstern reihen sich in trübsinnig wirkenden Reihen hunderte von Menschen, die davor ziellos umherzustreifen scheinen.
Durch einen Lautsprecher ertönt ein heißeres Klingeln und Herbert wirft die Liste achtlos in die Regalreihe mit den Toastern, wo sie nach einem dumpfen Schlag, als würde sie sich jetzt geschlagen geben, liegen bleibt. Herbert schlüpft aus seinem Kittel und geht der Frau entgegen. Jetzt sieht er, dass ihre Haare schwarz gefärbt sind, er erkennt es daran, dass die Haarwurzeln blond unter der Mütze hervorschimmern. Ein Mann in der Radioabteilung winkt Herbert, als würde er ihn kennen und auch Herbert hat so ein Gefühl, doch wichtiger ist jetzt, meint Herbert, der Frau Bescheid zu sagen, dass das Geschäft gleich geschlossen würde und entschlossen schreitet er ihr entgegen, während sie die Preise der Glühbirnen zu vergleichen scheint und der Mann nebenan, kaum weniger als drei Meter weiter, in der Radioabteilung, steht immer noch winkend da und Herbert überlegt, woher er ihn noch kennt.
Die, wenn sie die mir einpacken würden. Ja, drei Paar, zwei als Ersatz, sie wissen schon.
Herbert wusste nichts, doch freilich würde er ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen und versuchte zu ahnen, was ihr gleich einfallen würde, wenn er ihr sagte, dass der Klang ihrer Worte ihn soeben verzaubert hätte. Davon ließt er aber dann doch ab, denn ihm fiel auf, die Reihe an Menschen vor dem Fenster war verschwunden und es war draußen auch bereits finster und aus den Fenstern der Mietshäuser dem Geschäft gegenüber fielen verschiedene Lichter und Schatten durchs Schaufenster in den Laden hinein und die Flammen der Glühbirnen tanzten und die Frau tanzte gleich den falschen Lichtern und Schatten und warf ihre Hüften und noch kurz bevor sie durch die Tür hinaus trat, drehte sie sich obszön in der Hüfte und warf Herbert einen Blick zurück, von dem er nicht wusste, ob er ihn verletzen, oder auffordern sollte.
Das ist aber kein Service, beschwerte sich der Mann, der tatsächlich ein Bekannter von Herbert war, genauer gesagt sein Nachbar, Herr Titus, der mit einem Kofferradio vor ihm stand und erklärt haben wollte, warum nur in aller Welt die Begriffe auf dem Apparat für ihn unverstänlich in Englisch buchstabiert wären und als Herbert durch ihn nach der Türe spähte, war die Frau verschwunden, nur das Licht und die grauen Schatten aus den Fenstern der Gebäude gegenüber tanzten und spiegelten sich in der Schaufensterscheibe und in dem Plastik der Geräte im Geschäft und als Herbert anfing zu erzählen, war der Mann nicht mehr interessiert, er hatte sich spontan umentschieden, wie er meinte und verließ den Laden ebenso unbemerkt, wie Herbert recht überlegte, er ihn betreten haben musste.
Herbert verschloss die Tür, es war auch schon spät und als er auf die Uhr sah, fiel ihm auf, dass er beinahe säumig wäre, wollte er noch für das Abendessen einkaufen, die Frau war lang vergessen, die Lichter flackerten noch.
(c) 2009 Michael Bolz