Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Kränkend’

Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Apschied

Verfasst von michaelbolz am Juli 26, 2009

Aus der ersten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Feld geküsst und ihren Busen gestreichelt und als ich weiter ran wollte, wars Abend und wir mussten los. Ich seh´ noch die Halme im Sonnenuntergang das braungelbe Licht küssen und die Schatten, die Schatten – die eilten sich doch sehr.

Zwei Tage lang Herzweh, danach bin ich gestorben.

Am dritten Tage auferstanden.

Aus der zweiten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Arm gehalten, mich grad dem Mund genähert und als ich ran wollte, kam der Schuldirektor und der Hausmeister und die Eltern, die Polizei im Anschlag, verschleppten mich in ein Gefängnis, wo ich ohne Anklage einsitzen musste. Der Rainer, mein Zellengenosse hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt, wie Liebe zwischen Taschenlampen funktioniert. Zwei Tage lang und zwei Nächte auch. Ich denke, Rainer war ein wenig spinnert.

Am dritten Tage rausgekommen.

Aus der dritten und vierten Liebe wurd´ auch nichts, die kannten sich, ich nenn´s Zufall oder widrigen Umstand, bekamen aber stets beide dasselbe: Einen Topf mit einer Margerite drin, wo ich doch deren Gelb im Kopf so gerne esse. Konnte mich zusammenreißen. Zwei Tage lang. Danach gab´s statt Blumen Pralinen und einen Faustkampf gegen zwei brutale Frauen die sich zufällig kannten und ich natürlich die, den ich – natürlich – verloren habe. Bevor ich ran konnte. Mein Vater sagt, ich würde auch gegen Grillen beim Boxen verlieren und gegen Klopse. Kein Problem sag ich, kein Problem, wo wachsen die?

Die fünfte, beinahe ein Jahr lag dazwischen, weil ich so lange so litt, Liebe, die wurd´ freilich auch nichts. Ich hab ihr einen Brief von Herzen kommend geschrieben, der durch die Schule ging wie Freikarten für ein Konzert von Madonna, oder ähnlich, vielleicht auch nicht, nicht ganz so gut, nicht wie im Vorverkauf, aber halb so. Oder ähnlich. Jedenfalls seh ich sie und warte und ich hab ihr mein Herz ausgeschüttet drin und warte, zwei Tage hab ich gewartet, am dritten Tage seh ich sie und wie sie gelacht hat über mich, den Brief, meine soziale Herkunft und dementsprechende Finanzmittelsituation, dass hat mir mein Herz gebrochen.

Am vierten Tage getröstet mit Philip Bailey und Phil Collins und deren Hit „Easy Lover“ (remastered edit auf youtube und für noch mal zwei Tage).

Am dritten Tage in eine Schwulenbar.

Der Sechste (Liebe oder bloß geil?): Mit einem Rainer, der mir mit dem aus dem Knast verdächtig ähnlich schien nach Hause und rumgeknutscht. Bevor er mir an die Hoden und damit in seinen Mund konnte, stand die Polizei vor der Tür, es war tatsächlich der Rainer von vordem. Er hatte illegal importierte Taschenlampenpärchen verkauft, die zusammen keine Kinder kriegen wollten.

Am dritten Tag danach fahr ich nach Berlin.

In Berlin, einer Jungenherberge. Mit der Siebten (liebesähnlich) hats dann endlich funktioniert, wurde auch Zeit. Ihr Freund war Polizist und grad nicht anwesend und sie wollte es dringend und anhaltend und hat mich so gut instruiert, auch emphatisch-körperlich, dass ich über mehrere Stunden und zwei Tage danach nichts mehr zwischen meinen Beinen fühlen konnte, auch meine Zehen nicht. Heute beschreibe ich die Situation reflexiv als professionell, aber interessant und durchaus umfassend befriedigend – Note: Sehr gut.

So habe ich meine Unschuld verloren, wo die anwesenden anderen elf Mädchen im Zimmer für uns Liebende kein Hindernis darstellten.

Eine Beziehung ist draus aber nicht geworden, denn der Freund der A. war ja noch da und zwar bewaffnet.

Aus diesen Erfahrungen zog ich den Schluss.

Drei Tage später.

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Dreibeinig

Verfasst von michaelbolz am Juli 16, 2009

Susanne sitzt im Publikum. Ganz hinten sitzt sie, auf dem zweiten Stuhl in der letzten Reihe von links gesehen, den hat sie sich bewusst ausgesucht, links, vorletzte Reihe, zweiter Platz von außen, ziemlich weit hinten, der zweite Stuhl. Die Handtasche mit den Frauensachen drin lauert gefährlich auf dem äußersten Sitz gleich neben ihr, damit den keiner mit seinem Hintern besetzen kann; damit ihr der hindernisfreie Fluchtweg aus der Veranstaltung gesichert ist; nur den Fall, denn wer kann schon sagen, was zivilisierten und angeheiterten Bildungsbürgern alles einfällt oder auf.

Susanne schwitzt zart wie frisches Gras in der Morgensonne im Herbst, es ist ihr katholischerweise unangenehm und deshalb wackelt sie unbewusst mit dem Kopf, während um sie herum bereits ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird, obwohl es noch gar nicht angefangen hat, die Diskussion, Susanne hofft, dass sie niemandem mit ihrem Geruch auf die Nase fällt.

Tagsüber und am Abend war Susanne mental angespannt gewesen, bis hin zu totaler geistiger Verkrampftheit, das Thema der Bürgerveranstaltung im Max-Liebermann-Haus interessierte sie brennend: “Erosion der Zivilgesellschaft” – das klang in ihren Ohren ähnlich reizvoll wie “Himbeeren mit Spülmittel doch genießbar machen”. Dazu der Untertitel: „Wie uns die moderne Jugend mit ihrer Dummheit abhanden kommt.“ Dabei hatte sich Susanne gedacht, abhanden kommt einem die Geldbörse, ein Schlüsselbund, oder die Jungfräulichkeit, aber doch niemals nicht die Jugend – egal, was man als Erwachsener später drunter versteht und der Jungfräulichkeit wegen hatte sie sich beinahe einen Moment geschämt.

Die Entscheidung, sich die Diskussion trotzdem anschaun zu wollen, war Susanne nicht einfach gefallen wie etwa der berühmte Groschen oder Denar, die Mauern von Jericho, oder Gerd Möllemann. Nein, auch bei ihr hatte der Auslöser zuerst ein wenig geklemmt. Sie hatte sich deshalb belesen, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte herausgefunden: Da wollten sich Berlins Bürgerliche im Liebermann-Haus treffen und diskutieren. Jene Sparte Mensch: Die Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses, der einfachen, angewandten Kunst aus Dosen und des Superlativs und der “Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra”-Ethik. “Herr!”, hatte Susanne laut zum Himmel gerufen, “Ist heute nicht Waschtag?” Doch der Herr hatte geschwiegen.

Als die Bürger noch lieb waren

Kartoffelernte in Barbizon von Max Liebermann

Susanne hatte sich also schweren Herzens entschlossen, entschlossen hinzugehen, sie nennt es: Politisch. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter – Gott hat sie selig! – erschienen ihr dem sittlichen Anlass entsprechend. “Bürgerliche!”, rief sie nervös immer wieder laut in die Wohnung, da war sie noch Zuhause und die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: “Die Zeit! Die Zeit!”; Susanne lag auf der Couch, beinahe hätte Susanne die Zeit und die Diskussion verschlafen.

Susanne sitzt im Publikum. Der Saal ist mit lustigen Bürgern gefüllt, sie trinken Sekt und literweise Wodka, den sie in Sprudelflaschen tarnen und wäre der Saal ein Nudelsieb, hätte Susanne ihn viertelvoll geschätzt; flach und ziemlich breit. Umsonst ist das Trinken ordnungsgerecht nicht, Susanne nuckelt an ihrer Teebuddel, zu kaufen gibt es neben den Getränken schicke Bücher, schicke Bestseller und Sammelbände der baldvortragenden Bühnenprofis, jedes für mindestens um die 20 Euro oder mehr und bunt. “Max Liebermann!”, ruft Susanne einsam und in Gedanken, “Du Zeichner der nackten Strände und schlüpfrigen Idyll´n!”. Susanne sitzt im Publikum, sitzt platz auf einem Stuhl, weiter oben habe ich schon berichtet, wo und wie, staffiert sich angenehm, die Frauentasche mit den Frauensachen drin bleibt gereizt und krätzig, jetzt zupft Susanne ihr Kostümchen an den feuchten Schultern zurecht und wartet, politisch.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die setzen sich dann, nachdem sie gehend kommen und später dann gehend gehen. “Kann der seinen Kopf nicht schneiden?”, faucht Susanne innerlich, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Augen auf die prächtige Bühne versperrt. Der Mann lächelt heimlich. Susanne schwitzt, die Handtasche knurrt.

Nur eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, treten dann die Aktionäre doch irgendwie noch in Aktion. Irgendwann. Einer heißt Mak und ist aus den Niederlanden und einer heißt Cosic und ist was Koratisches. Keiner kann richtiges Deutsch. Dem Cosic sieht man das gleich am Kinn an, denn der hatte eine Übersetzerin im Gepäck, die höflich neben ihm Platz nahm. Die ließ er später übrigens nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut, die Übersetzung davon klangen hervorragend. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner mehr ernst, nicht, seit die den Theo hinrichten haben lassen; nein, seit da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Das macht auch das Licht auf der Bühne, ausgehen und gleich wieder an, der Moderator sitzt schlagartig da und seine Gäste – wie ein Zauber geht das. Der Moderator glänzt, seine Brille glänzt, überhaupt scheint er ganz und gar fettich und schwitzt und Susanne hat ziemlich gute Augen. Nach wenigen Minuten hören wir in Susannes politischem Kopf Schreie. “Zitate!”, ruft Susanne aus, gedanklich, leise, politisch trotzdem, “Zitate!” Die kann dieser Wilfried F. Schoeller, dass muss man ihm lassen, man merkt, der ist gebildet und er ist der Moderator, wahrscheinlich deshalb. Und Bürgerlich. Erst nimmt er jenem Mak das Wort, genauso gekonnt, dann diesem Cosic, nein, seiner Übersetzerin, und wie er lenkt, merkt man gleich und wie er dabei unheimlich witzig ist, aber eher unheimlich als witzig, also typisch deutsch: Der ist der Führer, das hat er im Kloster gelernt und im Gymmi gefressen. SPDler mit CSU-Allüren. Die Schriftsteller erzählen also, sofern Bürger Schoeller sie lässt und er lässt sie oft und gern, aber eher nur manchmal und eigentlich kaum; da lässt er sie erzählen, sagen, reden, was sie so von der restlichen, geistigen Welt von außerhalb Deutschlands halten und schwitzt.

“Oje!”, denkt Susanne politisch, “Oje!” Wegen dem Deutsch. Der Mak ist toll. Und viel gereist. Über alle mentalen und materialen Landesgrenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Sein Haar glänzt. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig, aber bemüht. Geht vorüber wie ein Herbststurm. Dann antwortet nach fremdzitierter Überleitung Bürger Schoellers der Cosic. “Haha!”, lacht Susanne, “Haha!” Wegen dem Deutsch. Dass, der Übersetzerin natürlich, freilich. Lässt sie aber nicht ausreden, der Cosic. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Dabei zappelt die Frau hochaufmerksam, dass ihr der Busen im blauen Blazer baumelt. Nach weniger als dreizehn Sekunden holt der Cosic den kroatisch-deutschen Verbal-Hammer aus der Tüte, den versteht man aber erst nach der Übersetzung: “Das Bürgertum rostet, verschwindet. Ich seh´s nicht mehr! Nirgends.” Allgemein wird jetzt schlagartig bürgerlich viel geweint und sich dann gegenseitig noch weinerlich, aber freundschaftlich getröstet. Aber wie Bürgerliche so sind, kommen sie schnell darüber hinweg, wie sonst auch über alles und jeden. Mit dem Sekt und mit dem Wodka, der in Wasserflaschen getarnt zu kaufen ist. Dazu gibt´s auch eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Bürger Schoeller hat nämlich gleich für den unverschuldeten Selbstschwund eine Ursache parat, die er mit einem ziemlich intelligenten Zitat einleitete: “Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet)“ Die Jugendlichen, sagt er, seien vielleicht was dumm! Nix tun sie tun, zögert er, nix tun sie wissen von Geschichte! Schlechtes Deutsch. Werteverfall, sagt er, noch ruhig, gleich will er schreien. Moralisches Deutsch. Was wissen die noch von der Politik! Von Mode! Kunst! Gott! Nur noch die Elektrik, Verzeihung, schreit er, Elektronik, darin seien sie gut. Ganz schlechtes und moralisches Deutsch. Und in der einen Sache, wir wüssten schon, welche, schreit er und macht Bewegungen mit dem dicken Unterleib und schwitzt. Er schreit, schwitzend schreit er und lächelt dabei und freut sich und auf sein Handy kommen die Fußballergebnisse, er merkts an der Vibration in der Hosentasche, heut spielt nämlich der VFL Wolfsburg. Typisch Deutsch. Aber wenigstens wissen wir, schreit er, wie man den Brecht schreibt, mit „B“ nämlich! Da entlädt sich die Anspannung wie nach einem ersten Frontsieg. Tosender Applaus, der klingt wie Luftabwehrfeuer! Die Schnupftücher werden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgepackt und ausgerollt und zwar die Version von dem Bild Altdorfers. “Wie gemein!”, denkt Susanne, aber vorsichtig, trotzdem politisch, “Wie dumm!” Und so vergeht der Abend seinen Hörern schnurstraks, die sichtlich erfreut darüber sind, von den Wir-lieben-Europa-und-die-Welt-und-den-Lago-Magiore-Schriftstellern und dem Bürger Schoeller zu hören, dass alles nach ihnen dumm ist, denn damit kann man ruhig sterben und weiß, so ein Hegel im Regal ist schon was Tolles. Und sie lachen und sie klatschen! Denn das ist das Schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Sittliche, das Protestantische, vielleicht das Bürgerliche, ohne ständig drauf pochen zu wollen; um Susanne herum und drumherum und drüber über ihr Haupthaar wird ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt, obwohl die Diskussion noch gar nicht angefangen hat – meint sie. Dann darf noch, ganz modern, rückgefragt werden. So Townhallmeeting mäßig. Einer, ein weinerlicher Kerl mit der Figur einer Tomate, fragt, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte. Eine Frau, die für ihr Alter durchaus unansehnlich daherkommt, zudem ziemlich faltig und die einen äußert esoterischen Eindruck in den Raum hämmert, fragt also den Cosic, ob der Herr Cosic noch “solo” wäre, wie sie sich umständlich und mit einem arg glühenden Gesicht mutig ausdrückt, wofür sie im nächsten Moment von ihrer Freundin viel Applaus bekommt. Den Mut wahrscheinlich. Ja, ruft die, lass es raus. Dann kommen so schlaue Fragen an die Herren Gebildeten, wie: “Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?”, oder “Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?” Susanne erhebt sich schließlich politisch, entreißt dem grad sprechenden Jammerlappen, einem Angestellten im öffentlichen Dienst, wo, also in welchem Amt, wollte er nicht verraten, seiner Gestik nach aber sicherlich einer vom Fiskus, das Mikrofon und fragt: “Wie wäre es mit Sinn?” Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Bürger Schoeller fragt lustig: “Was meinen Sie denn bitte mit Sinn?” und stellt erstaunt fest, dass es auch ohne Zitate geht. “Das frage ich Sie”, antwortet Susanne, “Mir geht hier nämlich der Sinn ab!”, ruft sie denn, und sieht, dass alle sie für dumm halten und noch für ganz andere Sachen. Die Übersetzerin sucht nach dem kroatischen Pendant für Sinn, so ähnlich wie für Jörg Haider und Gott. Der Mak lächelt vollkommen niederländisch und hat keine Ahnung, was um ihn herum passiert, aber er freut sich auf sein Bett, nachher und auf die Sportschau. Der Bürger Schoeller sucht gebildet ein geeignetes Gegenzitat, das wäre aber Unsinn und dazu kennt er nichts.

Später und schnell ausgeblendet, damit es für die Bürger nicht peinlich wurde. Wenig später, aber glücklich. Wieder Zuhaus entwickelt sich Susanne, den Schal wirf sie achtlos auf ihren Eames-Chair. “Ein voller Erfolg!”, ruft sie in die Wohnung, die Möbel wundern sich, “Ein voller Erfolg!” Die Möbel nicken.

Noch später, jedoch nicht viel, viel später, nur ein bisschen später.

Susanne steht mit ihrer Zigarette am Fenster und schmaucht den Rauch in die Luft, es ist schon ziemlich kühl, der Herbst meldet sich kühl, die kalten Blätter am kühlen Boden, faulen. Feucht ist es auch. Da geht doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hat nur drei Beine und hüpft mehr, als dass er läuft und irgendwie wirkt es lächerlich und peinlich zugleich. “Also doch!”, ruft da aber Susanne und eilt nach draußen, den Hund zu fotografieren, “Also doch!” Der Hund ist ein echtes, armes Schwein, meint Susanne, aber er hüpft, meint sie, so fröhlich, wie er hüpft, obwohl ihm insgesamt ein ganzes Bein fehlt. Der Hund zögert erst, gibt sich dann, beim Shooting, rasch gelassen, professionell.

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Ich bin Rassist!

Verfasst von michaelbolz am März 2, 2009

Ich bin Rassist. Ich hasse Politiker.

Ich bin ein entstelltes Kind. Bin ein Kind der Politik.

Ich bin Chauvinist und ich bin Faschist. Ich bin Politiker.

Ich finde, wie die sind: Ich spreche vom: Politiker.

Zeigt sich im Krisensinn.

Dem Zentrum: Der Politik.

Sie versagt.

Mörder der Freiheit.

Verbrecher durch Neid.

Da wäre ja der Kommunismus besser.

Das wäre er.

Weil: Er wäre menschlicher.

Da wüsste ich, dass ich ein Sklave wäre.

Jetzt bekomme ich es bloß zu spüren.

Biss auf: Die Knochen.

Niemand spricht darüber.

Niemand hört hin.

Ich selbst am allerwenigsten.

Ich seh´ nur:

Wie die Kohle fliegt und flattert!

Wie die Zeit verraucht und die Knochen gelb macht!

Wie die Zukunft schön winkt und schön fächert.

Hach!

Es könnte doch so schön sein.

Blinke, blinke, sternfunkelndes Haar, in Mondenlicht gewattet,

Schwebst du vor meinen Lippen – durch die Nacht, mein Herz, mein…

Genau dann bin ich aufgewacht.

Und draußen goß´ es Eisen und Stahl, als weinte alles Meer in Bomben vom Himmel,

Standen die Bäume beschlossen, nackt und traurig – zu verwesen;

Standen die Menschen, die Viecher mit entblößten Zähnen,

Jeden Moment bereit, zu schlachten. Mensch.

Du bist angerichtet.

Hingerichtet.

Auf- und Vorbereitet.

Auf!

Auf zum Nachschlag.

Immer auf. Das Wesen!

Kniend noch knüppeln wir Krüppel, Krüppel selbst, kriechend mit Knüppeln uns

Zu Krüppeln.

Dank, Dir, verlorener Traum, verlogen. Mensch. Dank uns.

Ich bin Rassist.

Ich hasse den Menschen.

Wie er sich gibt. Gemein. Gierig. Grausam.

Wir alle.

Wir tanzen erfroren auf ganz, ganz dünnem Eis.

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Weitere Details aus dem Roman…

Verfasst von michaelbolz am Februar 10, 2009

Ein Paar (Zeugen Jehovas) kommt gemeinsam mit Atlas ins Wohnzimmer, Hermes und der Postler gucken nach der Unterwäsche Selenes.

„Wenn Sie gestatten“, setzt Atlas an, „Der Mensch dort ist Postangestellter, das befellte Tierchen dahinter mein Kater, die Dame auf der Couch eine gewisse Selene.“ Hermes verbeugt sich. Der Postler schreckt hoch.

„Ich bitte Sie“, bittet Atlas höflich, „Ich bitte Sie! Schließlich sind wir hier doch unter uns?“

„Was wir eigentlich…“ Zeuge 1 scheint verwirrt, Zeuge 2 hält sich den Wachturm vor die Augen.

„So nicht“, ruft Atlas, Hermes faucht. „Sie haben unsere Seance unterbrochen, Sie allein, damit sind sie indirekt die Verpflichtung eingegangen, durch ihr solidarisches Zutun die hier im entstehen begriffene Collage mitzuentwickeln.“ Atlas guckt fragend auf Hermes, Hermes wiegt den Kopf zustimmend.

Der Postler eilt mit ausgestreckter Hand auf die Zeugen zu. „Tag! Ich bin…“

Atlas unterbricht. „Der Mann in Gelb hat uns von seinen Fähigkeiten bereits in Kenntnis gesetzt, er ist Sänger. Nun die Frage: Was können Sie?“

Zeuge 2 bleibt versteckt, beginnt zu wimmern, Zeuge 1 beginnt zaghaft. „Als von dem weinenden Morgen schied die Sonne mit Purpurantlitz, eilt´ Adonis schon…“

Atlas trocknet sich die Tränen, winkt ab. „Mein Gott, Shakespeare! Und ich dachte, wir wären in Athen. Himmel! Das gibt Bilder!“

Atlas greift sich seinen Apparat, Hermes schielt auf Selene´s Brüst´s, der Postler singt sich warm.

„Wenn Sie, ja Sie“, brüllt Atlas, Zeuge 2 blinzelt hinter dem Heft hervor. „Wenn ich Sie bitten dürfte? Sie müssen ja nichts machen, aber stellen Sie sich dafür einfach ans Kopfende der Couch, ja?“ Zeuge 2 zögert. „Hermes!“ Hermes beginnt bedrohlich zu fauchen, Zeuge 2 eilt. „Nun bitte das Heft vor die Nase – und beten!“ Atlas spickt durch den Sucher.

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„Die Mitteilung“ – 5 Minuten Theater für Jedermann

Verfasst von michaelbolz am August 21, 2008

Handelnde Personen: Peter und Paul, kurz P1 (Peter) und P2 (Paul). Sie befinden sich in einem Zimmer mit zwei Fenstern. Man sieht: es regnet. Es ist überhaupt ein grauer Tag. Peter und Paul kennen sich seit längerem, haben sich aber lange nicht gesehen.

P1: „Es regnet, ich…“

P2: unterbricht „Es tut was? Kann nicht sein…“ (guckt raus)

P1: „Du, ich…“

P2: unterbricht „Mist! Und ich hab keinen Schirm.“

P1: schmollt

P2: „Hast Du zufällig einen? So ein Mist!“

P1: überlegt

P2: „War was?“

P1: „Ich…“

P2: unterbricht „SAUWETTER!“

P1: lauter „Ich…“

P2: unterbricht „Hätte ich das gewusst, ich mein, vorher…“

P1: ruft „Ich weiß was, was Du nicht weißt!“

P2: „Ich weiß. Aber ich weiß es besser.“

P1: provozierend „Ach? Woher denn? Was denn?“

P2: säuselt „Weiß nicht. Sag Du´s mir.“

P1: „Ist aber ein Geheimnis! Ich sagte ja…“

P2: unterbricht „Ich weiß. Du weißt was und so weiter….“

P1: sicher „Und das ist?“

P2: „Mir völlig schnuppe.“

P1: „Mit Dir ist schwer zu reden.“

P2: säuselt „Ich weiß!“

P1: grummelt

P2: pfeift, guckt in die Luft

P1: beobachtet P2 dabei

P2: beobachtet seine Fingernägel

P1: „Nun frag!“

P2: „Nö! Nein und nicht!“

P1: lauter „Mach!“

P2: „Was denn?“

P1: schreit offensichtlich „FRAAAAGEN!“

P2: säuselt „Wozu? Wenn es mich nicht…“

P1: enttäuscht „Was aber ist ein Geheimnis wert, mein ich, wenn niemand….“

P2: unterbricht „…fragt, meinst Du?“

P1: „Ja, also…“

P2: provoziert „Ich wusste es!“

P1: zischt „Duuuuuu……“

P2: „Ich!“

P1: schreit „DUUUUUUUU!“

P2: völlig ruhig „Ja?“

P1: gibt auf „Gut! Es geht also….“

P2: unterbricht „…um deine Schuhe!“

P1: verwirrt „Schuft! Was? Wie?“

P2: „Will raten!“

P1: fragt sich „Du willst…..?“

P2: „Das Hemd, nein! Die Krawatte!“

P1: „Ich…“

P2: unterbricht „Halt! Sag nichts! Ich… - er schnuppert - …ein neues Deodorant?“

P1: vollkommen verwirrt „Was? … äh….“

P2: „Dein Anzug? Neu? Der Haarschnitt? Oder….die Nase? Nein, jetzt….die weiße Stelle am Finger! Dein Ring…“

P1: unterbricht „…ist fort.“

P2: „Wann?“

P1: „Vor drei Wochen. Ich wollte mit Dir…“

P2: unterbricht „Ein Anderer?“

P1: blickt zu Boden „Muss wohl. Ich….“

P2: unterbricht, zwinkert „Oder Eine…?“

P1: wütend „Ach! Hör auf!“

P2: säuselt „Ich wusste es!“

P1: „Ich weiß.“

P2: „Aber Du wolltest es nicht glauben.“

Licht aus. Alle ab. Die Wolken gehen, Sonne kommt.

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