Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Liebevoll’

Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Apschied

Verfasst von michaelbolz am Juli 26, 2009

Aus der ersten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Feld geküsst und ihren Busen gestreichelt und als ich weiter ran wollte, wars Abend und wir mussten los. Ich seh´ noch die Halme im Sonnenuntergang das braungelbe Licht küssen und die Schatten, die Schatten – die eilten sich doch sehr.

Zwei Tage lang Herzweh, danach bin ich gestorben.

Am dritten Tage auferstanden.

Aus der zweiten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Arm gehalten, mich grad dem Mund genähert und als ich ran wollte, kam der Schuldirektor und der Hausmeister und die Eltern, die Polizei im Anschlag, verschleppten mich in ein Gefängnis, wo ich ohne Anklage einsitzen musste. Der Rainer, mein Zellengenosse hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt, wie Liebe zwischen Taschenlampen funktioniert. Zwei Tage lang und zwei Nächte auch. Ich denke, Rainer war ein wenig spinnert.

Am dritten Tage rausgekommen.

Aus der dritten und vierten Liebe wurd´ auch nichts, die kannten sich, ich nenn´s Zufall oder widrigen Umstand, bekamen aber stets beide dasselbe: Einen Topf mit einer Margerite drin, wo ich doch deren Gelb im Kopf so gerne esse. Konnte mich zusammenreißen. Zwei Tage lang. Danach gab´s statt Blumen Pralinen und einen Faustkampf gegen zwei brutale Frauen die sich zufällig kannten und ich natürlich die, den ich – natürlich – verloren habe. Bevor ich ran konnte. Mein Vater sagt, ich würde auch gegen Grillen beim Boxen verlieren und gegen Klopse. Kein Problem sag ich, kein Problem, wo wachsen die?

Die fünfte, beinahe ein Jahr lag dazwischen, weil ich so lange so litt, Liebe, die wurd´ freilich auch nichts. Ich hab ihr einen Brief von Herzen kommend geschrieben, der durch die Schule ging wie Freikarten für ein Konzert von Madonna, oder ähnlich, vielleicht auch nicht, nicht ganz so gut, nicht wie im Vorverkauf, aber halb so. Oder ähnlich. Jedenfalls seh ich sie und warte und ich hab ihr mein Herz ausgeschüttet drin und warte, zwei Tage hab ich gewartet, am dritten Tage seh ich sie und wie sie gelacht hat über mich, den Brief, meine soziale Herkunft und dementsprechende Finanzmittelsituation, dass hat mir mein Herz gebrochen.

Am vierten Tage getröstet mit Philip Bailey und Phil Collins und deren Hit „Easy Lover“ (remastered edit auf youtube und für noch mal zwei Tage).

Am dritten Tage in eine Schwulenbar.

Der Sechste (Liebe oder bloß geil?): Mit einem Rainer, der mir mit dem aus dem Knast verdächtig ähnlich schien nach Hause und rumgeknutscht. Bevor er mir an die Hoden und damit in seinen Mund konnte, stand die Polizei vor der Tür, es war tatsächlich der Rainer von vordem. Er hatte illegal importierte Taschenlampenpärchen verkauft, die zusammen keine Kinder kriegen wollten.

Am dritten Tag danach fahr ich nach Berlin.

In Berlin, einer Jungenherberge. Mit der Siebten (liebesähnlich) hats dann endlich funktioniert, wurde auch Zeit. Ihr Freund war Polizist und grad nicht anwesend und sie wollte es dringend und anhaltend und hat mich so gut instruiert, auch emphatisch-körperlich, dass ich über mehrere Stunden und zwei Tage danach nichts mehr zwischen meinen Beinen fühlen konnte, auch meine Zehen nicht. Heute beschreibe ich die Situation reflexiv als professionell, aber interessant und durchaus umfassend befriedigend – Note: Sehr gut.

So habe ich meine Unschuld verloren, wo die anwesenden anderen elf Mädchen im Zimmer für uns Liebende kein Hindernis darstellten.

Eine Beziehung ist draus aber nicht geworden, denn der Freund der A. war ja noch da und zwar bewaffnet.

Aus diesen Erfahrungen zog ich den Schluss.

Drei Tage später.

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Dreibeinig

Verfasst von michaelbolz am Juli 16, 2009

Susanne sitzt im Publikum. Ganz hinten sitzt sie, auf dem zweiten Stuhl in der letzten Reihe von links gesehen, den hat sie sich bewusst ausgesucht, links, vorletzte Reihe, zweiter Platz von außen, ziemlich weit hinten, der zweite Stuhl. Die Handtasche mit den Frauensachen drin lauert gefährlich auf dem äußersten Sitz gleich neben ihr, damit den keiner mit seinem Hintern besetzen kann; damit ihr der hindernisfreie Fluchtweg aus der Veranstaltung gesichert ist; nur den Fall, denn wer kann schon sagen, was zivilisierten und angeheiterten Bildungsbürgern alles einfällt oder auf.

Susanne schwitzt zart wie frisches Gras in der Morgensonne im Herbst, es ist ihr katholischerweise unangenehm und deshalb wackelt sie unbewusst mit dem Kopf, während um sie herum bereits ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird, obwohl es noch gar nicht angefangen hat, die Diskussion, Susanne hofft, dass sie niemandem mit ihrem Geruch auf die Nase fällt.

Tagsüber und am Abend war Susanne mental angespannt gewesen, bis hin zu totaler geistiger Verkrampftheit, das Thema der Bürgerveranstaltung im Max-Liebermann-Haus interessierte sie brennend: “Erosion der Zivilgesellschaft” – das klang in ihren Ohren ähnlich reizvoll wie “Himbeeren mit Spülmittel doch genießbar machen”. Dazu der Untertitel: „Wie uns die moderne Jugend mit ihrer Dummheit abhanden kommt.“ Dabei hatte sich Susanne gedacht, abhanden kommt einem die Geldbörse, ein Schlüsselbund, oder die Jungfräulichkeit, aber doch niemals nicht die Jugend – egal, was man als Erwachsener später drunter versteht und der Jungfräulichkeit wegen hatte sie sich beinahe einen Moment geschämt.

Die Entscheidung, sich die Diskussion trotzdem anschaun zu wollen, war Susanne nicht einfach gefallen wie etwa der berühmte Groschen oder Denar, die Mauern von Jericho, oder Gerd Möllemann. Nein, auch bei ihr hatte der Auslöser zuerst ein wenig geklemmt. Sie hatte sich deshalb belesen, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte herausgefunden: Da wollten sich Berlins Bürgerliche im Liebermann-Haus treffen und diskutieren. Jene Sparte Mensch: Die Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses, der einfachen, angewandten Kunst aus Dosen und des Superlativs und der “Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra”-Ethik. “Herr!”, hatte Susanne laut zum Himmel gerufen, “Ist heute nicht Waschtag?” Doch der Herr hatte geschwiegen.

Als die Bürger noch lieb waren

Kartoffelernte in Barbizon von Max Liebermann

Susanne hatte sich also schweren Herzens entschlossen, entschlossen hinzugehen, sie nennt es: Politisch. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter – Gott hat sie selig! – erschienen ihr dem sittlichen Anlass entsprechend. “Bürgerliche!”, rief sie nervös immer wieder laut in die Wohnung, da war sie noch Zuhause und die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: “Die Zeit! Die Zeit!”; Susanne lag auf der Couch, beinahe hätte Susanne die Zeit und die Diskussion verschlafen.

Susanne sitzt im Publikum. Der Saal ist mit lustigen Bürgern gefüllt, sie trinken Sekt und literweise Wodka, den sie in Sprudelflaschen tarnen und wäre der Saal ein Nudelsieb, hätte Susanne ihn viertelvoll geschätzt; flach und ziemlich breit. Umsonst ist das Trinken ordnungsgerecht nicht, Susanne nuckelt an ihrer Teebuddel, zu kaufen gibt es neben den Getränken schicke Bücher, schicke Bestseller und Sammelbände der baldvortragenden Bühnenprofis, jedes für mindestens um die 20 Euro oder mehr und bunt. “Max Liebermann!”, ruft Susanne einsam und in Gedanken, “Du Zeichner der nackten Strände und schlüpfrigen Idyll´n!”. Susanne sitzt im Publikum, sitzt platz auf einem Stuhl, weiter oben habe ich schon berichtet, wo und wie, staffiert sich angenehm, die Frauentasche mit den Frauensachen drin bleibt gereizt und krätzig, jetzt zupft Susanne ihr Kostümchen an den feuchten Schultern zurecht und wartet, politisch.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die setzen sich dann, nachdem sie gehend kommen und später dann gehend gehen. “Kann der seinen Kopf nicht schneiden?”, faucht Susanne innerlich, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Augen auf die prächtige Bühne versperrt. Der Mann lächelt heimlich. Susanne schwitzt, die Handtasche knurrt.

Nur eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, treten dann die Aktionäre doch irgendwie noch in Aktion. Irgendwann. Einer heißt Mak und ist aus den Niederlanden und einer heißt Cosic und ist was Koratisches. Keiner kann richtiges Deutsch. Dem Cosic sieht man das gleich am Kinn an, denn der hatte eine Übersetzerin im Gepäck, die höflich neben ihm Platz nahm. Die ließ er später übrigens nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut, die Übersetzung davon klangen hervorragend. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner mehr ernst, nicht, seit die den Theo hinrichten haben lassen; nein, seit da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Das macht auch das Licht auf der Bühne, ausgehen und gleich wieder an, der Moderator sitzt schlagartig da und seine Gäste – wie ein Zauber geht das. Der Moderator glänzt, seine Brille glänzt, überhaupt scheint er ganz und gar fettich und schwitzt und Susanne hat ziemlich gute Augen. Nach wenigen Minuten hören wir in Susannes politischem Kopf Schreie. “Zitate!”, ruft Susanne aus, gedanklich, leise, politisch trotzdem, “Zitate!” Die kann dieser Wilfried F. Schoeller, dass muss man ihm lassen, man merkt, der ist gebildet und er ist der Moderator, wahrscheinlich deshalb. Und Bürgerlich. Erst nimmt er jenem Mak das Wort, genauso gekonnt, dann diesem Cosic, nein, seiner Übersetzerin, und wie er lenkt, merkt man gleich und wie er dabei unheimlich witzig ist, aber eher unheimlich als witzig, also typisch deutsch: Der ist der Führer, das hat er im Kloster gelernt und im Gymmi gefressen. SPDler mit CSU-Allüren. Die Schriftsteller erzählen also, sofern Bürger Schoeller sie lässt und er lässt sie oft und gern, aber eher nur manchmal und eigentlich kaum; da lässt er sie erzählen, sagen, reden, was sie so von der restlichen, geistigen Welt von außerhalb Deutschlands halten und schwitzt.

“Oje!”, denkt Susanne politisch, “Oje!” Wegen dem Deutsch. Der Mak ist toll. Und viel gereist. Über alle mentalen und materialen Landesgrenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Sein Haar glänzt. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig, aber bemüht. Geht vorüber wie ein Herbststurm. Dann antwortet nach fremdzitierter Überleitung Bürger Schoellers der Cosic. “Haha!”, lacht Susanne, “Haha!” Wegen dem Deutsch. Dass, der Übersetzerin natürlich, freilich. Lässt sie aber nicht ausreden, der Cosic. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Dabei zappelt die Frau hochaufmerksam, dass ihr der Busen im blauen Blazer baumelt. Nach weniger als dreizehn Sekunden holt der Cosic den kroatisch-deutschen Verbal-Hammer aus der Tüte, den versteht man aber erst nach der Übersetzung: “Das Bürgertum rostet, verschwindet. Ich seh´s nicht mehr! Nirgends.” Allgemein wird jetzt schlagartig bürgerlich viel geweint und sich dann gegenseitig noch weinerlich, aber freundschaftlich getröstet. Aber wie Bürgerliche so sind, kommen sie schnell darüber hinweg, wie sonst auch über alles und jeden. Mit dem Sekt und mit dem Wodka, der in Wasserflaschen getarnt zu kaufen ist. Dazu gibt´s auch eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Bürger Schoeller hat nämlich gleich für den unverschuldeten Selbstschwund eine Ursache parat, die er mit einem ziemlich intelligenten Zitat einleitete: “Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet)“ Die Jugendlichen, sagt er, seien vielleicht was dumm! Nix tun sie tun, zögert er, nix tun sie wissen von Geschichte! Schlechtes Deutsch. Werteverfall, sagt er, noch ruhig, gleich will er schreien. Moralisches Deutsch. Was wissen die noch von der Politik! Von Mode! Kunst! Gott! Nur noch die Elektrik, Verzeihung, schreit er, Elektronik, darin seien sie gut. Ganz schlechtes und moralisches Deutsch. Und in der einen Sache, wir wüssten schon, welche, schreit er und macht Bewegungen mit dem dicken Unterleib und schwitzt. Er schreit, schwitzend schreit er und lächelt dabei und freut sich und auf sein Handy kommen die Fußballergebnisse, er merkts an der Vibration in der Hosentasche, heut spielt nämlich der VFL Wolfsburg. Typisch Deutsch. Aber wenigstens wissen wir, schreit er, wie man den Brecht schreibt, mit „B“ nämlich! Da entlädt sich die Anspannung wie nach einem ersten Frontsieg. Tosender Applaus, der klingt wie Luftabwehrfeuer! Die Schnupftücher werden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgepackt und ausgerollt und zwar die Version von dem Bild Altdorfers. “Wie gemein!”, denkt Susanne, aber vorsichtig, trotzdem politisch, “Wie dumm!” Und so vergeht der Abend seinen Hörern schnurstraks, die sichtlich erfreut darüber sind, von den Wir-lieben-Europa-und-die-Welt-und-den-Lago-Magiore-Schriftstellern und dem Bürger Schoeller zu hören, dass alles nach ihnen dumm ist, denn damit kann man ruhig sterben und weiß, so ein Hegel im Regal ist schon was Tolles. Und sie lachen und sie klatschen! Denn das ist das Schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Sittliche, das Protestantische, vielleicht das Bürgerliche, ohne ständig drauf pochen zu wollen; um Susanne herum und drumherum und drüber über ihr Haupthaar wird ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt, obwohl die Diskussion noch gar nicht angefangen hat – meint sie. Dann darf noch, ganz modern, rückgefragt werden. So Townhallmeeting mäßig. Einer, ein weinerlicher Kerl mit der Figur einer Tomate, fragt, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte. Eine Frau, die für ihr Alter durchaus unansehnlich daherkommt, zudem ziemlich faltig und die einen äußert esoterischen Eindruck in den Raum hämmert, fragt also den Cosic, ob der Herr Cosic noch “solo” wäre, wie sie sich umständlich und mit einem arg glühenden Gesicht mutig ausdrückt, wofür sie im nächsten Moment von ihrer Freundin viel Applaus bekommt. Den Mut wahrscheinlich. Ja, ruft die, lass es raus. Dann kommen so schlaue Fragen an die Herren Gebildeten, wie: “Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?”, oder “Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?” Susanne erhebt sich schließlich politisch, entreißt dem grad sprechenden Jammerlappen, einem Angestellten im öffentlichen Dienst, wo, also in welchem Amt, wollte er nicht verraten, seiner Gestik nach aber sicherlich einer vom Fiskus, das Mikrofon und fragt: “Wie wäre es mit Sinn?” Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Bürger Schoeller fragt lustig: “Was meinen Sie denn bitte mit Sinn?” und stellt erstaunt fest, dass es auch ohne Zitate geht. “Das frage ich Sie”, antwortet Susanne, “Mir geht hier nämlich der Sinn ab!”, ruft sie denn, und sieht, dass alle sie für dumm halten und noch für ganz andere Sachen. Die Übersetzerin sucht nach dem kroatischen Pendant für Sinn, so ähnlich wie für Jörg Haider und Gott. Der Mak lächelt vollkommen niederländisch und hat keine Ahnung, was um ihn herum passiert, aber er freut sich auf sein Bett, nachher und auf die Sportschau. Der Bürger Schoeller sucht gebildet ein geeignetes Gegenzitat, das wäre aber Unsinn und dazu kennt er nichts.

Später und schnell ausgeblendet, damit es für die Bürger nicht peinlich wurde. Wenig später, aber glücklich. Wieder Zuhaus entwickelt sich Susanne, den Schal wirf sie achtlos auf ihren Eames-Chair. “Ein voller Erfolg!”, ruft sie in die Wohnung, die Möbel wundern sich, “Ein voller Erfolg!” Die Möbel nicken.

Noch später, jedoch nicht viel, viel später, nur ein bisschen später.

Susanne steht mit ihrer Zigarette am Fenster und schmaucht den Rauch in die Luft, es ist schon ziemlich kühl, der Herbst meldet sich kühl, die kalten Blätter am kühlen Boden, faulen. Feucht ist es auch. Da geht doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hat nur drei Beine und hüpft mehr, als dass er läuft und irgendwie wirkt es lächerlich und peinlich zugleich. “Also doch!”, ruft da aber Susanne und eilt nach draußen, den Hund zu fotografieren, “Also doch!” Der Hund ist ein echtes, armes Schwein, meint Susanne, aber er hüpft, meint sie, so fröhlich, wie er hüpft, obwohl ihm insgesamt ein ganzes Bein fehlt. Der Hund zögert erst, gibt sich dann, beim Shooting, rasch gelassen, professionell.

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Kindstatt

Verfasst von michaelbolz am Mai 4, 2009

Die Besucher des Parks verstecken sich unter Worten, hinter Lippen und Stirnen und durch die Augen springen teerige Regenbögen voll Nebel und Tränen und zwischen den Mündern und Herzen liegt nicht selten ein staubiges Meer, ein Sturm und turmhohe Wellen, die an den Rändern traurig archivierter Überzeugungen nagen. Unter der Sonne im Park schleppt ein Junge Wolken auf seinem Rücken hin und her. Einmal dann entlädt er seine Wolken auf die Wiese, tummelt sich zwischen Löwenzahn und sucht nach Käfern, die ihm die Welt erklären. Ein Mädchen setzt sich dazu und lacht, ihr staubiges Kleid aus Lilien und Rosen schimmert vergilbt und sie wundert sich, was der Junge noch von den Käfern lernen möchte. Die Sonne schiebt den Himmel vor sich her, die Zeit fällt wie Schmetterlingsflügel von den Bäumen und wächst unter den Füßen der Parkbesucher, ein Federkleid aus säumigen Melodien der Erinnerungen der Kindheit, halb im Schlaf und halb im Schmerz verbracht – dazwischen viel geschrieen.

Der Junge legt sich frech zum Mädchen, sie spielen mit den Fingerspitzen Lern-mich-kennen, drücken, küssen und streicheln sich die Häute und blubbern aus den Herzen, es klingt das gemeinsame Rauschen wie ein Bach, ein Fluss, die Ströme und Weisen von Leben und Zärtlichkeit ergießen sich zwischen die Sinne der Eltern, verbotene Weisheit, spiegelbildliche Schattenspiele von Drachen, Rittern, Prinzessinnen und Königen und Gott.

Die Sonne versinkt hinter einer Reihe hohler Häuser, die zahnlos grinsen, bestreicht zuletzt das Dach der Bäume im Park mit Butter, bevor sie vom Abend, des Schlafes Grund und Bruder eingeäschert wird und einfach geht. … Dann ist es später. Die Parkbewohner haben sich in ihre Heimatlosigkeit verlaufen, die Kinder schauen vergessen Sterne und nicken dem Mond. Das Rauschen der nahen Straße tanzt vor den Ohren, verliert sich im Wind, der trägt es um und um drei Ecken, den Stein und das Glas, schleift und drückt Abgase durch die Rillen und Schienen der Straßenbahn, ein Hund kläfft um und um drei Häuser, das senile Licht einer Leuchtreklame lauert auf dem Asphalt wie Schimmel. Zwischen den Schattenkanälen wühlt sich ein Vogel ins Dickicht der Krone einer Birke. Ein Auto hält. Türen öffnen sich. Schritte. Lachen. Türen fallen zu. Schritte, die hörbar schrumpfen. Der Vogel singt und manchmal, dazwischen, da lacht er und der Mond lacht dann auch.

Ein Käfer steht vor der Welt und sucht den Jungen, dem er sie erklären sollte. Blätter von Lilien und Rosen ziehen durchs Gras, wo vorher sich zwei Hände fanden; liegen Wolken, der Tau für ein Morgen.

Ich wollte, wenn ich könnte, das Bild der Kinder halten. Wohin sind sie verschwunden?

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

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Worte einer Mutter

Verfasst von michaelbolz am März 31, 2009

Mein Sohn ist ein guter Junge, manchmal etwas schwierig, doch im Grunde hat er ein weiches Keksherz. In diesen unsicheren Zeiten möchte ich meinen Sohn jedoch unterstützen. Von wegen Individualität, da hat mein Bello schon Recht! Ich meine, mein Mann und ich, er ist jetzt lange tot, was wir alles zusammen durchgestanden haben! Da machen Sie sich keinen Begriff von! Den Krieg, den Hitler, die Mauer und die Finanzkrisen – ist ja die aktuelle nicht meine erste; Ölkrisen gab es, Angst vor dem Atomkrieg mit den Russen und so was alles. Aber ich will sie nicht langweilen. Es hilft nichts, soviel dazu, sich voreinander zu verstecken und zu verkriechen und es dann Individualität zu nennen, weil einem die Oberfläche des anderen angeblich genügt. Nennt es wie es ist: Einsamkeit; nein, besser noch, weil Einsamkeit dem Grunde nach nichts Schlechtes ist: Totale Vereinzelung.

Ich weiß noch, mein Mann und ich, wir saßen am See, Buckow, schöne Gegend, wenn sie schon mal dort waren. Der Wald fing sich im Wasser, am Rand, und das Wasser war ruhig und glatt wie ein Spiegel. Da waren wir seit 38 Jahren zusammen. Die Sonne kam hervor, wir bestaunten das milchige Band einer Galaxie, die Sterne blinkten und blitzten. Die halbe Nacht hatten wir gemeinsam darauf gewartet und wir haben es nicht gemerkt, bis an diesen Morgen, dass darf ich sagen; es war dasselbe für uns beide. Da hat er nämlich meine Hand in seine Hand genommen, gelegt, zärtlich konnte er schon sein, manchmal; da war also diese morgendliche Ruhe und alles, was ich an ihm nicht verstanden habe, war wie weggeblasen und wir waren wieder jung. Und die Sonne kam hervor. Die Sterne sieht man nur auf dem Land, in der Stadt vergisst man leicht, dass es Sterne gibt, etwas, dass man noch nicht erreicht hat und wofür man gerne lebt. Und wir waren also wieder jung und er sah mich an und hat mich einfach auf den Mund geküsst. 38 Jahre.

Und da erst wusste ich, dass ich ihn liebe.

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8te Geschichte

Verfasst von michaelbolz am März 25, 2009

Filomena verliebt sich in Gispodio, doch wagt sie es aus Ängstlichkeit nicht, ihm ihre Liebe zu offenbaren. Als sich Gispodio Filomena nähert, flieht Filomena und sinnt in Folge auf Rache. Mathilda, die Dienerin der Filomena, verliebt sich in Gispodio und er sich in sie, die beiden heiraten. Filomena versteinert aus unerfüllter Rachsucht und stirbt alt, nach vielen Jahren in Einsamkeit.

In Verona lebte ein junger, stattlicher Mann, dem die Natur zwar den Adel kraftvoller Schönheit, doch einen niederen Stand und wenig Reichtum geschenkt hatte, wovon der Mann, er hieß Gispodio, sich aber keinen Begriff machte oder nicht machen wollte – jedenfalls war er´s zufrieden und lebte davon, was ihm seine Arbeit einbrachte, er war Weber, gut und gern.

Wie nun Gispodio häufig vor seinem Hause saß und bei seiner Arbeit die gute Luft genoss, kam, wegen Einkäufen oder allein aus Lust am Spaziergang, ein junges Ding entlang, Filomena Certa, die schöne, aber eingebildete Tochter des Stadtwächters Phillipe Certa, der sich seit Jahren schon besorgte, einen geeigneten Schwiegersohn für seine Tochter zu finden. Davon wollte die Filomena jedoch nichts wissen, sie hatte, wie sie sagte, reichlich von den Dingen der Liebe gehört und dass es doch immer nur auf das eine hinauslaufe und von dem einen, hätte sie, ohne jemals davon gekostet, jetzt schon genug. Die Dienerin der Filomena aber, ein junges, hübsches Ding, genannt Mathilda, und in Liebesdingen ganz und gar nichts weniger als unkeusch zu nennen, wusste zu erzählen, dass Filomena einmal vollkommen vor Liebe entbrannt war für den Sohn des Grafen von Verona, den Mario degli Alberighi, der sie, als sie ihm seine Liebe offenbarte, nicht nur verlacht, sondern gleichwohl auch ins Gesicht geschlagen haben soll, woraufhin Filomena, wie man sich leicht vorstellen kann, gekränkt nichts mehr von den Männern wissen wollte, weil sie diese fortan alle über einen Kamm zog.

Diese Filomena kam nun also bei Gispodio vorbei und sah, wie er ein Stück Stoff bearbeitete und war ganz angetan von seiner Fertigkeit und auch kam sie nicht umhin, heimlich seine körperlichen Vorzüge zu bewundern, und noch ehe sie sich überhaupt besinnen konnte, entflammte sich die verhängnisvollste aller Leidenschaften, ihrer Meinung nach, die Liebe, in ihrem Herzen und wollte sie folglich nichts mehr, als sich gleich in die Arme des Webers zu stürzen.

Nun, wieder Zuhause, überlegte Filomena gemeinsam mit ihrer Dienerin, wie sie es einrichten wollte, den Gispodio in ihre Arme zu bringen. Gleichwohl sollte das Ganze sehr vorsichtig vonstatten gehen, denn die vergangene, schlechte Erfahrung mit dem Sohn des Grafen, stach ihr nach wie vor derart heftig ins Herz und durchwühlte ihr Blut, dass, gleich, wie sehr sie den Gispodio jetzt schon liebte, sie ihn noch mehr hasste und wie sehr sie ihn küssen wollte, wollte sie ihm gleichzeitig die schlimmsten, denkbaren Schmerzen zufügen. Das Beste erschien Filomena daher, wie auch der Mathilda, den Gispodio einem Test zu unterziehen. Dazu sollte sich die Mathilda an den Gispodio heranmachen und herausfinden, wozu er denn – im Guten wie im Schlechten – in der Lage wäre und dann wieder kommen und berichten.

Mathilda nahm diese Aufgabe sehr ernst, aber auch sehr gerne auf sich, da sie auf den Weber schon seit längerem ein Auge geworfen hatte. Gleich am nächsten Tage machte sie sich also hin zum Hause des Gispodio, der, seiner Gewohnheit folgend, vor dem Hause sitzend Wolle kratzte, oder Stoffe pflegte. Mathilda, unter dem Vorwand, im Auftrag einer Kundin zu handeln, was so nicht unbedingt gelogen war, führte Gispodio ins Haus und begann nun, ihrem Auftrag gemäß, den Gispodio auszuhorchen und zu befragen und zwar derart leidenschaftlich und wild und wiederholt, dass ihr hinterher die Schenkel schmerzten. Daraufhin verabschiedete sie sich und eilte nach Hause zu ihrer Herrin und erzählte ihr aus ihrer Sicht genau und bis ins Kleinste, dass der Gispodio nichts Ungesundes und Rohes oder gar Gewalttätiges an sich hätte, im Gegenteil, dass ihm viel menschliches Verständnis eignete und ein tiefer Sinn dafür, was den Frauen wohl gefalle. Die Filomena, die natürlich nicht ahnte, was die Mathilda genau damit meinte, die ihren Auftrag aber in ihrem Sinne erfüllt sah, dachte nun, dass sie es wagen wollte, sich dem Gispodio zu nähern. Sie war auch nicht faul gewesen und hatte den Tag über Erkundigungen über Gispodio eingezogen und jeder Mann und jede Frau wusste nichts anderes, Gispodio als arbeitsamen, zuvorkommendem, bescheidenen und höflichem Manne zu schildern.

Wiederum am folgenden Tage, machte sich die Filomena auf, den Gispodio zu besuchen, unter dem Vorwand, dass er ein Kleidungsstück für sie anfertigen sollte. Wie sie die geschäftlichen Dinge mit ihm am Besprechen war, sprudelte aus ihren Augen pure Leidenschaft, als wäre es Lava aus einem Vulkan und am liebsten wäre sie ihm gleich um den Hals gefallen und hätte den Gispodio von oben bis unten mit Küssen eingedeckt, doch ihr Gewissen hieß ihre Taten lügen und sie behielt sich unter Kontrolle. Dem Gispodio war unterdessen die jungendliche Schönheit der Filomena gleich wenig entgangen und in seinem Herzen kämpfen sich die Flammen der Liebe höher und höher, so dass er, gerade als die Filomena sich, kaum beherrscht, abwenden und nachhause gehen wollte, denn sie konnte den Mut nicht finden, dem Gispodio ihr Herz zu eröffnen, am Arm ergriff und ihr seine Liebe offenbarte. Und wie es bei den einfachen Leuten Sitte, gab er ihr mit seinem Geständnis gleich einen Kuss mit auf den Mund, wovon die Filomena aber furchtbar erschrak und den Gispodio ausschalt und ein Geschrei machte, dass gleich die Nachbarn hinzuliefen, nachzusehen, was geschehen war.

Vor den Leuten redete die Filomena den Gispodio aus Scham schlecht und erzählte, dass er sich an ihr vergehen hatte wollen, was so ja nicht stimmte. Der Gispodio hingegen blieb ruhig und vermutete richtig, dass die Filomena sich vor ihm nur ängstigte und ließ den Schimpf und den Spott der Leute über sich ergehen und als die Filomena endlich verschwunden war, kehrte auch bald wieder Ruhe ein, die Wachen, als man sie hatte rufen wollen, ließ Filomena aus schlechtem Gewissen sein, wo sie waren, auch fürchtete sie sich vor dem Unmut des Vaters.

Mathilda, die sich nun inzwischen gar nicht anders besinnen konnte, fühlte sich mit jedem Tag dem Gispodio näher und noch viel zu fern, ja, sie war vollkommen in Liebe entbrannt und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich dem Manne hinzugeben, wie auch immer der es wollte, wo er ihr vormals und vollkommen selbstlos soviel liebliche Freude und Genüsse beschert hatte. Heimlich machte sie sich eines Nachts auf, schlicht in das Haus des Gispodio, legte sich neben ihn ins Bett und weckte ihn unter zärtlichsten und süßesten Küssen, gestand ihm ihre Liebe, woraufhin Gispodio, der den Schmerz über die unerfüllte Liebe zu Filomena bereits aus seinem Herzen verbannt hatte, sich gleich eifrig in Mathilda verliebte. Die ganze Nacht bekamen die Beiden kein Auge zu, bekannten sich zueinander und taten, was Liebende einmal zu tun geneigt sind, bis tief in den Morgen hinein, als sie endlich Schlaf fanden, einer in des anderen Arm liegend, herzlich verschlungen. Filomena bemerkte am folgenden Morgen das Fehlen ihrer Dienerin und konnte sich auch sonst keinen Reim darauf machen, wo Mathilda denn abgeblieben wäre. Am Mittag eilte Mathilda zurück, erklärte Filomena in knappen Worten, was geschehen war und ergänzte, dass sie und der Gispodio noch am Freitag heiraten wollten, das Fest sei schon bestellt. Dann machte sie sich daran, ihre Sachen zu packen.

antoniobellucci

Filomena, die nicht glauben wollte, dass es dem Gispodio einfach so gelungen sein sollte, sie aus seinem Herzen zu verbannen, die selbst noch immer unter heftigstem Liebesfieber für Gispodio brannte, sann auf schmerzvolle Rache, trat leis´ aus der Kammer der Mathilda und schloss die Tür von außen ab. Dann beeilte sie sich, zum Hause des Gispodio zu kommen, der sich gerade wusch und deshalb mit entblößtem Oberkörper in seiner Wohnung stand und erzählte ihm, dass Mathilda allein auf ihren Wunsch hin bei ihm eingezogen wäre, damit sie über die Dienerin erführe, was für ein Mann Gispodio sei. Sie versuchte, Gispodio von der Unaufrichtigkeit der Mathilda zu überzeugen, aber Gispodio kam rasch dahinter, dass es allein die beleidigte Eitelkeit der Filomena und ihre Liebe zu ihm war, die sie zu derlei rachsüchtigen Reden veranlasste. Nach wenigen Minuten trat nun Mathilda durch die Tür herein, die sich rasch befreien konnte und es begann unter den Frauen ein heftiges Geschrei und Gezeter, worüber sie sogar handgreiflich wurden und die Nachbarn liefen herbei und lachten und wäre nicht die Stadtwache dazwischen gegangen, so einfach wären die Frauen nicht zu trennen gewesen.

Darüber kam dem Vater der Filomena, der selbst Stadtwächter war, die Geschichte zu Ohren und er schalt seine Tochter aus, und meinte, dass er nicht verstehen könnte, wie sie, zugegeben die schlechte Erfahrung mit dem Sohne des Grafen, derart mit Gispodio hatte verfahren können. Er raufte sich die Haare und meinte, eine Strafe wäre eine solche Tochter, für die sich mit Sicherheit nicht leicht ein angemessener Mann finden ließe. Außerdem entschuldigte er sich höflich bei Gispodio und gab, für angemessene Dienste, der Mathilda ein wenig der Aussteuer, die sonst für Filomena gedacht gewesen war, worüber diese furchtbar böse wurde.

Am folgenden Freitag fand dann die Hochzeit statt und es war ein schönes Fest und ein schönes Paar, dessen Liebe und Zärtlichkeit die Feierlichkeiten noch lange Zeit hin überstrahlte. Die Filomena jedoch, die auf ihre Art nicht zufrieden werden konnte, wohnte über den Tod ihres Vaters hinaus, der bald, manche meinten, aus Gram über seine Tochter, ins Grab ging, weiter in dessen Haus, dass sie aber immer seltener verließ. Ihre Liebe zu Gispodio hatte sich in einen Stein verwandelt, der ihr Herz und ihre Sinne beschwerte und sie durch und durch gemein und böse werden lies. Man weiß nichts weiter zu berichten, als dass Filomena als alte Jungfer und einsam viele Jahre später starb.

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Mittwoch

Verfasst von michaelbolz am März 18, 2009

Den Tag in Eis und Wind verbracht, müde auf dem Rad durch die Straßen getreten, denke an die Niederkunft der Blödheit und als ich die Augen wieder öffne, bin ich Zuhaus. Ich puhle den Schlüssel aus der Tasche, der klimpert frech, als wollte er sich absichtlich nicht finden lassen, dann habe ich ihn.

Drinnen.

Ich schließe die Tür, lege den Mantel ab, die Jacke, drehe mich herum, erinnere mich daran, dass ich noch einen Schal um habe, den lege ich auch ab. Wenn ich an die Welt draußen denke, fühle ich mich, als würde der Winter nicht aufhören, an ein Museum im Eis. Wir sprechen davon, als würden wir die Welt kennen, als würden wir uns kennen, erkennen, sehen, sprechen, küssen, lieben, leben, miteinander auf einer Reise Leben erleben, eine Reise, die uns an ein zukünftiges, ein historisches Ziel führt, doch wenn ich an das Ziel denke, bin ich wieder im Museum, im Eis, der Lobby, sehe die Möglichkeiten, die Gänge, die vermeintliche Auswahl die ich habe – kann hierhin, kann dorthin, nur darf ich nichts anfassen.

Darf nicht fragen, nur sehen, hören, kaufen – Kataloge, worin steht, wie es um die Auswahl steht, die Welt, unser Geschick, in dem Gang etwa: Menschlichkeit. Ich setze mich ins Cafe, bestelle mir einen Milchkaffe, ein Stück Kuchen, die Menschen um mich herum sitzen erstarrt, Schaufensterpuppen mit Gabeln oder Tassen in den Händen, die Unterhaltung quillt aus den Boxen, nur Schönes, nur Gutes, keine Erinnerungen, kein Denken, verbotene Gefühle.

Ein Mann mir gegenüber erzählt seiner Partnerin von einer Yacht, einem Haus, einem Aktiendepot, der Kuchen fault schon auf der Gabel und ist Staub, noch bevor er ihn herunterschlucken kann. Der Mann lächelt. Er zwickt sich ein weiteres Stück vom Kuchen ab, diesmal schafft er es, bringt er es in den Mund, in den Augen, auf das Dekoltee seiner Partnerin schielend, steht lächeln der Triumph. Seine Partnerin gefällt sich in ihrem Kleidchen, dem Schmuck, der Maske, der Fassade, plant den nächsten Urlaub, die Reise ins Nirgendwo, die Wärme, das Meer, wo die kleinen Negerkinder um sie herum tanzen, warum, versteht sie auch nicht, aber gerne wirft sie ein paar Brocken hin, bevor sie in die Limousine steigen und in den Club fahren, wo Freunde warten, von denen sie nichts weiß.

Die Kellnerin kassiert, ihr Lächeln gefroren, passend zum Ambiente, ich verlasse das Museum, gehe ins Eis, der Wind, in meiner Manteltasche den Rest des Kuchens, ich war rasch satt gewesen. Der Kaffee kribbelt, meine Nerven springen im Kreis, ich fühle mich für einen Moment, als könnte ich fliegen, ich springe, von einem Bein auf das andere, springe, aber komme nicht vom Fleck.

Mein Rad ist zugeschneit, ich schlage den Kragen hoch, ziehe mir den Hut ins Gesicht, klopfe den Schnee herunter, schwinge mich in den Sattel und fahre los, vorsichtig, damit ich nicht falle.

Den Tag in Eis und Wind verbracht, im Museum, müde aber satt auf dem Rad durch die Straßen getreten, denke an die Niederkunft der Blödheit und als ich die Augen öffne, bin ich Zuhaus. Drinnen. Ich schließe die Tür, lege den Mantel ab, die Jacke, drehe mich herum, erinnere mich daran, dass ich noch einen Schal um habe, den lege ich auch ab.

Wenn ich an die Welt draußen denke, fühle ich mich, als würde der Winter nicht aufhören, an ein Museum im Eis. Und wir Kinder spielen an den Keksdosen und suchen die Mutter, damit sie uns Milch aufsetzt, uns auf den Schoß nimmt und uns Geschichten erzählt.

wintersturm

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Ich bin Rassist!

Verfasst von michaelbolz am März 2, 2009

Ich bin Rassist. Ich hasse Politiker.

Ich bin ein entstelltes Kind. Bin ein Kind der Politik.

Ich bin Chauvinist und ich bin Faschist. Ich bin Politiker.

Ich finde, wie die sind: Ich spreche vom: Politiker.

Zeigt sich im Krisensinn.

Dem Zentrum: Der Politik.

Sie versagt.

Mörder der Freiheit.

Verbrecher durch Neid.

Da wäre ja der Kommunismus besser.

Das wäre er.

Weil: Er wäre menschlicher.

Da wüsste ich, dass ich ein Sklave wäre.

Jetzt bekomme ich es bloß zu spüren.

Biss auf: Die Knochen.

Niemand spricht darüber.

Niemand hört hin.

Ich selbst am allerwenigsten.

Ich seh´ nur:

Wie die Kohle fliegt und flattert!

Wie die Zeit verraucht und die Knochen gelb macht!

Wie die Zukunft schön winkt und schön fächert.

Hach!

Es könnte doch so schön sein.

Blinke, blinke, sternfunkelndes Haar, in Mondenlicht gewattet,

Schwebst du vor meinen Lippen – durch die Nacht, mein Herz, mein…

Genau dann bin ich aufgewacht.

Und draußen goß´ es Eisen und Stahl, als weinte alles Meer in Bomben vom Himmel,

Standen die Bäume beschlossen, nackt und traurig – zu verwesen;

Standen die Menschen, die Viecher mit entblößten Zähnen,

Jeden Moment bereit, zu schlachten. Mensch.

Du bist angerichtet.

Hingerichtet.

Auf- und Vorbereitet.

Auf!

Auf zum Nachschlag.

Immer auf. Das Wesen!

Kniend noch knüppeln wir Krüppel, Krüppel selbst, kriechend mit Knüppeln uns

Zu Krüppeln.

Dank, Dir, verlorener Traum, verlogen. Mensch. Dank uns.

Ich bin Rassist.

Ich hasse den Menschen.

Wie er sich gibt. Gemein. Gierig. Grausam.

Wir alle.

Wir tanzen erfroren auf ganz, ganz dünnem Eis.

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Henning killt weiter – Teil XXX

Verfasst von michaelbolz am Dezember 26, 2008

Die Arbeit am neuen Roman schreitet voran, hier ein weiterer Hinweis auf mögliche Inhalte. (Moritz ist übrigens ein Kater)

Brit ist dem Zauber der Kissen verfallen, obwohl sie eine Frau ist, schnarcht sie. Rudi nascht vom Salat, sitzt ihr gegenüber.

„Slähäf tu se rism“, raunt Grace.

Brit ist kaum zu sehen, der Rock beinahe bis zum Bauchnabel hoch gerutscht, Moritz geht nachsehen.

„Und“, fragt Rudi, „rasiert?“

Moritz nickt. Rudi nickt.

„Soll ich sie jetzt fotografieren? Sie sieht doch recht hübsch aus, so, so unsichtbar“ Moritz nickt. Rudi erhebt sich leise. Moritz reizt der Geruch aus dem Schritt, er streckt sein Köpfchen vor.

„Mau?“

Rudi kommt mit Stativ und Tasche wieder. Moritz guckt und zwinkert. „Von da aus? Meinetwegen.“

Rudi montiert das Stativ, öffnet die Tasche, holt den Fotoapparat hervor, prüft den Batteriestand.

„Pieppiep!“

Dann schraubt er die Kamera auf den Stativkopf. Moritz schiebt seinen Kopf zwischen Brits Schenkel.

„Moritz?“ Moritz guckt.

„Nicht, dass Du mir da drin verloren gehst!“

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Judith

Verfasst von michaelbolz am August 17, 2008

Wiegst mich in deine Blicke,

Wie man Milch legt in die Hände,

Der unsterblichen Unendlichkeit.

In deinen Augen Bernsteinglut,

Dahinter ein Feuer aus tausend

Singenden Sonnen, die tanzen

wie Winde im Sternenbad durchs

Lichte Samt des Weltalls.

Und deine Lippen, deren

Bekenntnis mich tröstet wie

Der Saft gold’ner Äpfel

Von Bäumen aus Lachen

Mit Blättern von Luft,

Deren Wurzeln tiefer gehen

Als alle Erde und Zeit

Und die Neid und Tod nicht dürre machen kann;

Dass ich den Sinn im Fleisch

Erfahre wie Moos den Frühlingsstaub und Regen,

Wie ein Kind die schönste Milch der Welt.

Dein Haar möchte ich küssen,

Das ist wie der süßesten Strauch

in einer kochenden Wüste von Nichts

Und berühren, dass es mich

In den Menschen verwandelt

Der ich in deinen Liedern bin.

Trag mich durch den Rauch

Der aus uns’rer Herzen Mitte

Quillt wie Safran aus der Brust

Von Eden.

Zeig mir das Bild, dass Du

Vor Dir ausgebreitet hast,

Wenn Du von Afrikas Küsten

Aufs Meer hinaus schaust;

Weil die Ungeheuer aus den Tiefen

Dich nicht schrecken

Wenn Perlen Dich rufen

Voll Licht.

(17ter August 2008 Copyright Michael Bolz)

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