Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Politisches’

Oktober

Verfasst von michaelbolz am Oktober 21, 2009

Der Oktober präsentiert sich kalt und feucht und es regnet draußen, vor den Fenstern, wo es in den warmen Wohnhöhlen neben der Tagesschau und den Sportnachrichten und zwischen der kommenden Party scheint, als wären wir problemlos und Karibik.

Die jungen Leute vor der Universität drängen sich in dichten Korsi, rauchen eine Zigarette nach der anderen und suchen den Blick irgendwo im Gegenüber zu verankern, damit etwas wie Sicherheit durch die vermeintliche Gemeinschaft entsteht, ein wenig von dem, der verlorenen Essenz und dem verlorenen Wesen, was sie tief in ihren blutigen Leibern vermissen, seit sie von der Mutter aus dem Leib heraus unsanft getrennt wurden und hinaus, in die brutale und gemeine Kälte gerissen, von der sie bis heute keine Ahnung haben und die sie antreibt.

Dass, was man Welt nennt.

Irene lacht überdreht, während sie den schwulen Bernd anglotzt, sie denkt sie muss lachen und deshalb lacht sie, damit sich der Berndtyp im rosa Hemd fühlt, fühlen darf, wie er sich gegenwärtig meint sexuell-modisch fühlen dürfen zu müssen und er lacht und seine Hauer teilen den fühlbaren Raum so sehr, dass es schmerzt. Sie besuchen gemeinsam die Vorlesung über Kafka und lachen gerade gemein über die Professorin, die sich in ihren, in beider Augen so ausnehmend schlecht benimmt, wie ein kotzender Clown in der Manege und dann beißt sich der schwule Bernd versehentlich auf die Zunge und heult und eine Träne rutscht über seine Wange, hinunter in seinen Krangen, sein Hemd von H&M und gefertigt von Kinderhänden und er weiß nicht, warum Irene immer noch lacht und nicht damit aufhören kann, weil er nicht weiß, wie nah sich weinen und lachen sind.

Es geht weiter mit traurigen Geschichten und Bildern des alltäglichen und gegenständlichen städtischen Jammers, das wir doch nichts weniger als für alle Zeiten erfolgreich aus unserem Bewusstsein verbannen wollen; ich hoffe, ihr seid wie ich wieder da und freue mich auf eure Kommentare.

Grüße, der Narr.

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Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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All Tag

Verfasst von michaelbolz am Juli 11, 2009

Ich bin feige hinter meiner Brille.

Im Schatten kann ich besser sehen. Wenn ich andere reden hören, bekomme ich Angstschweiß. Der Friede hat jetzt eine Ampelkennzeichnung. Im Supermarkt wirken alle betreten. Eine Meinung ist keine und meine bloß eine. Ich reihe mich ein und rieche die Leben. Meine Frau sagt, zum Golde drängt, am Golde hängt. Neulich im Kaufhof fielen Leichen aus den Aufzügen. Auf der Arbeit spricht man nicht. Alle sind mutlos. Die Politiker verbreiten schlechte Stimmung. Im Park heucheln die Bäume. Ständig ist mir schlecht. Der Elsässer ist kein Franzose. Die EU bricht über uns herein. Rapsfelder erschlagen jede Zukunft. Einkaufen aus Notwehr. Vor meinem Fenster lauert der Nachbar. Kinder müssen ständig heulen. Jungendliche üben die Revolution an Spielkonsolen. Ich sage, wenn einer sich kennt, will er’s gleich wieder vergessen. Ich lenke mich ab, indem ich schneller laufe. Mein Handy ersetzt das Gegenüber. Freiheit ist die Feigheit des Andersdenkenden. Das Proletariat sieht fern und hört nix. Mein Zimmer besitzt keinen Notausgang. Stündliche Kriegsberichterstattung. Unser Gewissen sprengt sich in Afghanistan in die Luft. Amerika ist schuld. Gier ist angeboren. Führungsriegen regeln den Untergang. Öl ist trinkbar wie Scheiße.

Ich sterbe aus.

Der Satz lässt mich fürchten. Darüber streut man mir Schokolade und sagt, ich sei zu fett, doch ich glaub nichts mehr. Was wie mich jagt man mit Biosprit und Atomkraftwerken. Christen verfolgen Atheisten. Zu trinken reicht man mir Säure. Gott fährt U-Bahn in den Herzen der Entsicherten. Entgleist zimmern wir Häuser aus Granit. Ameisen kitzeln meine Zunge und krabbeln mir ins Gehirn. Meine Nerven zittern. Meine Augen zeigen mir Ausschnitte. Mein Mund sagt arme Worte. Ich schlucke ätzenden Honig von der Straße. Menschenrechte sind universell. Keiner will den andern. Ich renne durch die Mall, alles Unnötige bleibt sicher an mir kleben. Draußen stirbt der Bus. Die Augen drin zerfleischen meinen Rücken. Als ich aussteigen will, öffnet man mir ungern. Einen Moment gibt es Regen, ich stelle mich sicher und puste. Aus den Gullys höre ich Funkgeräusche. Vor der Haustür muss ich husten. Im Aufgang liegen alte Reifen. Die Treppe schimmert feucht und riecht nach toten Rosen. Im Klo blinkt der Wasserzähler. Meine Wut schleckt mir den Arsch. Wenn ich könnte, würde ich folgerichtig daneben stehen und mich bedauern.

Fortschritt bringt Friede.

Friede heißt die Gefangenschaft im Einmachglas.

Ich fühle mich erdrückt.                                                              (2009) Michael Bolz

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Besetzt

Verfasst von michaelbolz am Juni 24, 2009

Oder?

Der Anhalter flattert in den Beifahrersitz. Seine Haut ist abgehetzt, abgeschmirgelt wie Knochen von Sand und saftlos. Erst wollte ich nicht halten. Seine verwetzte Ledertasche umklammert ihn vor dem Bauch als wäre er tot, wehrlos. Sein Blick ist ein Mückenschwarm. Hätte ich bloß nicht. Jetzt ist er drin. Auf der Fahrt kommen ihm Bedenken, ich kann ihn kaum zurückhalten, auf der Autobahn will er raus. Seinen Namen verrät er nicht.

Zukunftsgleise

Oder?

Israels Geburtsort und Heimat ist die Wanderung, selbst sein Gott wurde auf der Wanderung geboren. Jetzt steht Israel wie ein tödlicher Eichenholzschrank im fremden Wohnzimmer und wehrt sich mit Selbstschussanlagen gegen die Versuche der Bewohner, das aufdringliche Monstrum wiederum mit Gewalt auf die Straße zu stellen.

Draufgepapt: Zu verschenken!

Oder?

Ich konnte nicht mehr, konnte einfach nicht. Die Frau kotzt falsche Tränen. Den Dolch hat sie ihm in die Blase gerammt. Erst ins Herz. Der tote Mann mit dem scharfen Schwanz treibt in einer Suppe aus Scheiße und Blut. Er lächelt. Sie fühlt sich frei.

Oder?

Er kommt vom Sport, geduscht hat er da. Fühlt sich noch dreckig. Im Spiegel nur ein Ding. Dreck. Stellt die Tasche ab, im Flur. Schnell an den Computer, schnell einen Kaffee. Wer hat geschrieben? Seine Hände zittern. Das virtuelle Postfach ist trocken, nur einer, der ihm egal ist. Seine Hände zittern, er fummelt an seinem Glied. Er ruft. Ich lebe! Ich lebe! Dem Netz ist das gleich, der Monitor schläft wohl. Da sitzt er. Einer auf seinem Platz. Nicht er.

Oder?

Besetzt!

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Gespräch

Verfasst von michaelbolz am Juni 21, 2009

Der Typ am Infostand rührt hockend in einem Eimer Leim, dicke Klumpen am Pinsel, die aussehen wie eitrige Taubeneier, schickes Stirnband, Zwölftagebart, aus der Sporthose baumelt unten die Eichel heraus. S. will sich´s nicht ausreden lassen mitreden zu wollen. Nein, sagt der S., nein, ich war ja bei den Jungen Grünen. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Vielleicht, dass er da am Establishment gescheitert ist und noch nicht drüber weg kommt. Vielleicht, dass ihm davon ein Schwafelklumpen übrig geblieben ist im Kopf, der sich wütend an der Hirnrinde reibt und ihn verrückt macht.

Jedenfalls krebst dieser Typ am Infostand in seinem Eimer und lässt den Pimmel atmen und rührt und ignoriert den S. jetzt schon eine geschlagene Viertelstunde und der S. will immer noch über die Aktion reden. Die Augen bläht´s ihm aus der Stirn und den Stand hackt er in Strich´ und Fäden mit seinen verachteten politischen Gedanken und der Wind fährt im durchs blonde Gespinst und eine Taube schwimmt in der Wiese und pickt und pickt und manchmal hüpft sie. S. glaubt ans Gute. S. glaubt, wenn er nur lang genug da wartet…, S. glaubt dem Peter, wenn der sagt, seine Mutter wär ´ne geile Drecksau. Ein Mann wirft einem dressierten Hund ein Stöckchen. Da wirft der sich der S. auch dramatisch herum, dann weint er, aber heimlich. Ich hab mich anfangs gewundert, wie er diesen madigen Ton um die Augen so hinkriegt, so ganz ohne Schminke.

Der Leim wird nicht besser.

Der Typ popelt im Leim.

Seine Eichel vertrocknet im Wind.

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Schilderung aus dem Sudan

Verfasst von michaelbolz am April 8, 2009

Ich blieb still und weinte. Doch durfte mich dabei niemand sehen. Mein Fahrtgeld vergrub ich in der ersten Nacht außerhalb des Dorfes, an einer Stelle, wo ich sicher war, dass es nicht gefunden wurde. Ich half den Rebellen oder den Staatstruppen, egal welcher Seite, um zu überleben, das war anders nicht möglich. Am schlimmsten war, dass ich darüber beinahe meine Familie und meine Schwester vergessen hätte. Als ich bemerkte, wie die grausamste Unmenschlichkeit mir meine Wahrnehmung nahm, die Sehnsucht auf Hoffnung, die nicht von Tieren zerfleischt werden kann, Hoffnung! – überkam mich große Scham. Später, auch hier in Berlin, habe ich diese Scham noch häufig kennen gelernt, bis ich begriffen habe, dass ich mich schämte, weil ich Dinge glaubte, die nicht wahr waren, und andere nicht sehen wollte, die viel Schlimmer waren – und wahr. Doch von dieser Scham befreite ich mich bald und von der Reue, die nur dazu dient, Angst zu machen. Sorgen und Furcht, so wird die Welt regiert. Nicht meine Welt. Ich habe aufgehört, an Dinge zu glauben, wie sie nur ein Kind glauben kann und doch bin ich Kind geblieben. Verstehen Sie? Es ist nicht schwer, lässt man falsche Befürchtungen und Sorgen fort. Fort damit. Es gibt keine endgültige Wahrheit, deshalb bleibe ich ein Mensch ohne Eigenschaften, ein Baum ohne Form, entwurzelt: Das trübe Aquarell eines Schattens im Nebel.

Nach drei Monaten kam der Bus. Wie ich bis dahin überlebt habe, ist mir nicht klar. Ich kann darüber nachdenken wie ich will. Ich erinnere mich. Ich sehe jeden einzelnen Tag vor mir, aber ich kann nicht sagen, was ich dabei gefühlt habe und wie ich gelebt habe. Ich weiß es nicht mehr und doch: Ich weiß alles.

Ich warf mich eilends aufs Dach, der Bus war heillos überfüllt.  Als wir Kutum hinter uns ließen, blickte ich noch einmal zurück und glaubte, Dike zu sehen, meine Schwester. Eine Krähe saß auf ihrer Schulter und hackte ihr das linke Auge aus, während in Sturzbächen Blut aus unzähligen Schusswunden in den Staub floss.

Sie winkte.

In Ad-Dabbah angekommen, empfingen uns bereits Schleuser, die versprachen, uns nach Sidi Barani bringen zu wollen, von wo aus wir in die EU geschifft würden. Die Schleuser überboten sich mit günstigen Fahrtangeboten und so blieb auch dem letzten keine Wahl mehr zur Umkehr. Doch wer wollte das, nachdem er es soweit gebracht hatte, noch darauf ankommen lassen? Im Vergleich zur Zeit in Kutum, war die kommende Zeit ein Kinderspiel. In Ad-Dabbah arbeitete ich einige Zeit, wir wollten erst im Herbst aufbrechen, als Schuhputzer, als Handwerker – was sich gerade anbot, häufig genug schlief ich noch in kleinen Gassen, im Dreck von denen, die es, in meinen Augen, bereits geschafft hatten – jedoch nicht weit genug. Die Arbeit ließ mich rasch wieder klar denken, oder lenkte mich ab, jedenfalls kam ich gut zurecht und konnte sogar über das hinaus, was mir zum Fahrtgeld fehlte, ein wenig Geld zusammensparen. Hoffnung, ein Baum aus dem fruchtlosen Sand der Wüste, sprießt, wo eigentlich nichts wächst und wachsen kann und darf; ein Lied, das ich erst wie ein Tauber und Blinder tastend aus der Muttererde wachsen fühlte; erste Töne, zarte Triebe, getrieben von Willen und Glauben an eine Zukunft, die ich mir, nach allem, was bislang hinter mir lag, verdient glaubte. Von der Nachtsonne beschienen, ein Baum, tausendfach grünfarbene Blätter, Funkeln im Schimmer des Mondlichts, ferne Sterne, ferne Welten, von denen ich nichts ahne und doch: Rufe, Lockungen, der Erstgeborene, der Schwarze aus dem wüsten Land, Heimkehr, Heimkehr! Es gibt in unserem Dorf ein Sprichwort: Die Schlange lauert auf das Ei, womit sie sich, gleich wenn es gelegt ist, den langen Magen füllt und das Ei, durch die Muskeln zerdrückt, zerquetscht, verdaut – restlos ausscheidet.

Die Überfahrt von Sidi Barani nach Italien dauerte kaum drei Tage, das Meer lag ruhig, kaum ein Wind verkürzte uns die Leiden, die wir auf Deck lagernd von der Sonne ausgetrocknet wurden. Der Kahn war alt und rostig, angetrieben von einem alten Dieselmotor, der bereits in der ersten Nacht den Geist aufgab. Daraufhin gab es Streit, denn die meisten der Mitfahrenden bekamen es mit der Angst zu tun. Niemand mehr wollte umkehren, wir waren zu weit gekommen. Die Schleuser beruhigten die Menge mit ihren Pistolen und versicherten, der Motor würde in Kürze seinen Dienst wieder aufnehmen. Zu unserem Glück kam es so. Kurz vor Brindisi kam ein großer und gewaltiger Sturm auf, der meine Gedanken und Hoffnungen zu strafen schien, wenigstens glaubte ich fest daran, und warf mich an die Reling, dem Sturm zum Trotz und flehte, dass mich, im Andenken an Dike, ihre Liebe dies alles überstehen ließe. Im größten Unwetter legten wir an. Da war ich.

"Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

"Abd al-Rahman, 13. Bild: Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

Wir wurden in LKW´s verladen, die uns in den Norden bringen sollten. Ich fror elendig, war nass bis auf die Knochen, hatte seit zwei Tagen nichts mehr zu essen gehabt und war froh, endlich unter der Plane des Fahrzeugs in Sicherheit zu kommen, wo ich sofort einschlief. Auf der Fahrt nach Norden gab es zwei Zwischenfälle, an die ich mich nicht gerne erinnere. Erst nach einem weiteren Tag gab es etwas zu essen, pappiges, süßes Zeugs, dass in Plastikpapier verpackt war und von dem wir angeblich schnell satt werden sollten. Der Schleuser lachte, als er uns die Schokoladenriegel unter die Plane warf. „Seid froh“, rief er laut, „überhaupt etwas zu essen zu bekommen.“

Niemand war froh darüber.

Eine Frau und ein Mann waren krank geworden und husteten und spuckten schlimm, bis es den Schleusern irgendwann zu viel wurde, außerdem gab es Beschwerden von Leuten, die Angst hatten, sie würden sich anstecken. Ich gebe zu, dass ich auch dazu gehört habe. Ich dachte, die Beschwerden würden helfen, die Schleuser wurden sich darum kümmern, dass Medizin beschafft würde, schließlich waren wir in der neuen Welt angekommen. Kurz vor Loreto hielt der LKW in der Nacht an. Die Beiden wurden von der Ladefläche geholt, wogegen sie sich heftig wehrten, doch sie waren zu schwach und wir wagten nicht, ihnen zu helfen. Wie getriebene Tiere versteckten wir uns im hinteren Teil des LKW, drückten uns zusammen und gegeneinander, dass uns die Luft auszugehen schien, bis schließlich, ich weiß es noch genau, fünf Schüsse fielen. Die Plane wurde zugezogen, der Motor gestartet, wir fuhren weiter.

Die Angst war nur eine winzige, aber doch beachtliche Wolke, die über einem weiten Feld lag und ich dachte, die Angst wäre alles, ein weites Feld gäbe es nicht. Ich lernte, der Angst auszuweichen. Aber der Angst auszuweichen ist sinnlos, denn trotzdem harrt sie über dem Ort, der Oase, wie der Nebel, nein! Der Nebel über der Oase ist die Angst!

Ich wischte sie fort.

Jetzt bin ich wirklich frei und weiß, es gibt keine endgültige Wahrheit.

Es ist schwer, sich eine Welt aufzubauen, wenn man weiß, es gibt keine Wahrheit. Viele versuchen, mir einen Teil ihrer Wahrheit in meine Welt zu rücken. Doch ich will diese Wahrheiten nicht. Ich baue mir meine Welt und meine Wahrheit selbst. Und mein Haus ist wie ich. Es lebt und wächst mit jedem Tag – es verändert sich. Ich bin kein Tier.

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Der endültige Titel steht fest: Polis

Verfasst von michaelbolz am Februar 1, 2009

Nun ist es soweit, der Roman begibt sich in die Endphase und hat seinen Arbeitstitel weit von sich geworfen.

Der Titel des kommenden Berlin-Romans wird sein „Polis“ – das Thema: die griechischen Götter, Helden und Sagengestalten leben unter uns! Hier ein weiteres Appetithäppchen. Bis bald!

Demeter bürstet ihr Haar und findet sich einmal mehr hässlicher als zehn Sack Weizen. Dareios findet kaum tröstende Worte und im Grunde will er Demeter, seine Frau, auch nicht trösten. Dareios ist beleidigt. All die Jahrzehnte war er Demeter gefolgt, hatte sie unterstützt, getragen und geschwitzt, hatte sogar seiner Habilitation entsagt, nur damit Demi auf der Agora Basileus spielen kann, die Königin. Jetzt sieht Dareios Demeter häufiger im Fernsehen, als unter der heimischen Dusche, wobei dieser spezielle Reiz über die Jahrzehnte freilich Schimmel angesetzt hat. Doch Dareios liebt seine Demi irgendwo in seinem schmalen Herzen, aber die Demi will Agora-Queen sein. Und sie hat es geschafft.

Gerade fällt die Tür ins Schloss und reißt Dareios aus seinen trübsinnigen Gedanken. Wieder einmal hat sie vergessen, sich zu verabschieden. Am Fenster stehend, sieht er unten Demeter umständlich in die Limousine klettern, heute gibt es Staatsbesuch aus Makedonien und ein Interview, Demeter ist völlig vorausgelastet. Dareios macht sich an den Abwasch. „Scheints, als wäre immer wenigstens einer die Frau“, raunzt er müde in die Küche.

Demeter im Interview: „Liebe Frau Demeter! Wenn ich darf, würde ich gleich mit der ersten Frage beginnen.“

„Gernt.“

„Wie?“

„Los!“

„Frau Demeter, was waren in ihrer Kindheit die schönsten Erlebnisse?“

„Na, ich gehöre zu der Filiation, die das Ende des Sozialismus in der DDR und anschließend die deutsche Einheit mit ihren unglaubwürdigen Umwälzungen erleben musste. Äh, durfte, sollen. Habe! Es gibt das Gute! Das war mir belegt damit. Und jetzt diese Krise! Es gibt das Schlimme.“

„Schlimm also! Was tun?“

„Ja, was tun! Wir müssen in einem großen und vor allem national-protektionistischem Kraftakt einer weltweiten Rezession entgegnen und die Folgen für unsere Partei und unsere Geldbäutel eindemmen. Diesem Krampfakt gehe ich mit aller Nachfolge ein. Durch. Um.“

„Glauben Sie, sie können das? Im Ernst, meine ich?“

„Natürlich nicht. Wir werden uns zurückziehen, und warten ab, dass die akute Notlage das Folg in seinem Bestand soweit dezimiert hat, dass wirs nit mehr brauchen, oder wenn doch, dann nicht.“

„Soso!“

„Jaja!“

„Diese Woche sind die Athener ja Banker geworden…“

„Ich alleine!“

„Gut, sie also. Und zwar bei der Cometzbank und auch bei der Tröstnerbank. Kann es die Polis besser als rücksichtslos-sozialdarwinistische Banker?“

„Ich schon.“

„Wie stehen Sie zum Vorschlag eines 100 Milliarden schweren Deutschlandfondues zur Rettung ausländischer Unternehmen im Inland?“

„Ich werde mit meinem Paket Interventionen in Bildung und Infrastruktur beschließen, vergessere die Regelung zum Kurzarbeitergeld, um Entlassungswellen vorerst abzuschwächen, und wir schaffen einen Font, um an sich gesunden Unternehmen mit Steuergeldern zu helfen. Das ist eine Brücke, wie es mein Lieblingsphilosoph, Pierre Pascal, einmal ausgedrückt zu haben pflägte, in die Zeit, in der es wiederr aufwärts geht! Aufwärts! Vorwärts! In eine Zeit, wo Firmen und Banken wieder normal im Geldregen duschen, wo der zutiefst demokratische Kapitalismus funktioniert ohne den Staat und ich schon lange Königin bin! Dafür im Übrigens sind die 100 Mille Frischgeld nötig, wobei es sich vor allem um die Einnahmen der Ausgaben der Armen handelt. Und deren Erspartes.“

„Frau Demeter, ihr Ausschnitt ist heute wieder köstlich!“

„Ist das eine Fangfrage, oder soll ich jetzt rot werden?“

„Ganz wie sie wollen, doch bevor es an dieser Stelle weitergeht, verliebte Zuhörer, kurz Werbung vom Olymp! Bis gleich!“

Demeter winkt und lächelt.

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In der Kälte der Nacht

Verfasst von michaelbolz am Dezember 11, 2008

20.30 Uhr. Im Andachtsraum der Stadtmission Lehrter Straße: „Suchet die Besten der Stadt und betet für sie zum Herrn“, ist in minuskelartiger Schrift auf der gelb leuchtenden Säule im Andachtsraum zu lesen. Rechts daneben befindet sich ein kunstloser, schmaler Holztisch, auf dem zwei Kerzen in hohlbauchigen Gläsern flackern. In der Mitte zwischen den Kerzen an der Wand hängt ein flaches Kreuz, ein Stuhlkreis bildet den Rahmen für den altarähnlichen Aufbau, die Fenster sind mit weinrotem Tüllstoff verhangen. Es wirkt heimelig, doch gleich-zeitig entsteht das Gefühl, als ob hier auch eine Sekte am Werk sein könnte, was dazu fehlt, ist allein der süßneblige Duft sakraler Spezereien.

20. 45 Uhr. Die Plätze füllen sich, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stadtmission nehmen Platz, Tobias ist einer davon. Er wartet, bis sich alle gesetzt haben. Es fehle noch die Gitarris-tin, meint er leise, sonst müsste man mit seiner Kunstfertigkeit vorlieb nehmen, er lacht, blickt über die losen Blätter in seiner Mappe, dass will er aber niemandem zumuten. Nach einem Moment erscheint die Praktikantin, greift die Gitarre und eine kurze Begrüßung später singen die Zwölf „Herr, ich komme zu Dir“, Lied Nummer Sechs im Liederbuch. Es wird still, Tobi-as beginnt, liest einen Auszug aus dem Matthäusevangelium, liest vom Weltgericht. „Ich bin ein Fremder gewesen, ihr habt mich nicht aufgenommen“, erzählt er mit seinem stark ausge-prägten schwäbischen Akzent, der es nicht leicht macht, sich in die Liturgie zu vertiefen. To-bias blickt auf, worum es hier geht, ist allen klar. Er spricht leise weiter, spielt auf die Aufer-stehung an, Ostern, Pfingsten, die Hoffnung, die Gott den Menschen durch Jesus geschenkt hat. Dann klappt er die Mappe zu. „Das war heute mal kein wirkliches Evangelium“, meint er etwas unsicher, und bittet die Praktikantin ein zweites Lied zu spielen, „Zeit der Stille“.

21.00 Uhr. Tobias teilt die Mitarbeiter ein. Der soll an den Eingang, durch den in wenigen Minuten die Obdachlosen eingelassen werden, der in die Küche, den Aufenthaltsraum. Man bespricht gelassen, wer Hausverbot hat und warum, dann ist es soweit, einen Moment wird noch schweigend gedacht, dann geht es los. Ein wenig Heiterkeit lässt sich noch ein, doch die Anspannung ist spürbar. Marie-Therese und Johannes haben nur halb hingehört, ihre Aufgabe ist eine andere, sie sind zwei der insgesamt fünf Fahrer, die für den Kältebus eingeteilt sind. Gleich, wenn sie in ihre dicken Jacken geschlüpft sind, fahren sie mit dem Bus quer durch die Nacht, durch die Stadt, und kümmern sich um die, die in und an U-Bahnhöfen herumlungern, auf Parkplätzen, oder irgendwo im Freien unter einer Plane pennen, die Obdach-, oder Woh-nungslosen. „Wir nennen sie Gäste, oder Kunden“, erzählt Johannes, und schließt die Heck-klappe des Ford Transit. Nach der jährlich neuen Statistik des Senats gäbe es um die 4000 Obdachlosen in Berlin, eine Zahl, die sich demnach seit Jahren kaum verändert hätte, die Hilfsorganisationen sprechen von einer deutlich höheren Dunkelziffer.

21.30 Uhr. Marie-Therese ist Studentin, studiert Baltistik, Psychologie und Theologie in Greifswald und arbeitet als Fahrerin für den Kältebus in Vollzeit, womit sie sich ihren Le-bensunterhalt verdient. Während der Bus durch die Franklinstraße in Richtung Ku´damm rollt, meint sie, dass sie mit Baltistik in der Wirtschaft gute Chancen hätte, aber dass sie das irgendwie nicht will. Sie schüttelt den Kopf. „Darin sehe ich keinen Sinn.“ Johannes nickt. Seit drei Jahren fährt Johannes mit, er selbst ist arbeitslos, ausgebildeter Kaufmann im Ein-zelhandel, fürs mitfahren gibt es eine Aufwandsentschädigung vom Jobcenter, wie viel, dar-über will er nicht sprechen. Die Beleuchtung des HP-Ladens am Ernst-Reuter-Platz taucht den davor liegenden Gehweg in grelles Pink. „Es ist unglaublich, wie die Stadt sich in der Nacht verändert“, erzählt Johannes und gerät mit einem verträumten Ausdruck ins Schwärmen. „Wenn du am Tag durch die Stadt fährst oder gehst, ist es etwas völlig anderes, in der Nacht verlierst du dich viel leichter.“
Am Ku´damm angekommen, drehen die Beiden eine Runde zu Fuß, suchen, keiner da. „Den Kältebus gibt es seit 1988, die Sieben-Tage-Schicht haben wir aber erst etabliert, vor einem Jahr war es noch ein Versuch.“ Johannes erzählt gern und kennt sich aus. Zu jeder Ecke fällt ihm eine kleine Geschichte ein, sein Blick ist ständig ins Lichtermeer gerichtet, nebenbei lotst er Marie-Therese, die sich noch nicht so gut auskennt. „Aber ich mache mich, was“, fragt sie frech. Johannes neckt: „Es geht.“ „Als Idealist wärst du aufgeschmissen“, sagt Marie-Therese, und, „natürlich, ein wenig idealistisch muss man schon sein, aber ich mache das in erster Li-nie, weil ich das Gefühl habe, hier etwas Gutes zu tun. Ich habe beispielsweise auf Bali die soziale Not erlebt. Da habe ich mich gefragt: Warum soweit fahren? Die Probleme liegen vor deinen Füßen. Ich dachte, kümmere dich zuerst um deine Nachbarn.“ Johannes geht es ähn-lich. In seinem Ausbildungsberuf würde er sich nicht wohl fühlen, und auch wenn die Fahre-rei nicht gut bezahlt ist, hier kann er helfen, fühlt er sich gebraucht.

22.00 Uhr. Der Savignyplatz liegt in zwei dunkle Hälften geteilt jenseits der grell und bunt beleuchteten Kantstraße da, wie ein zerschnittener, achtlos ringsum auf die Parkflächen ge-worfener Schatten. „Hier war letztens einer, nach dem wollte ich noch sehen“, sagt Marie-Therese, während die Beiden durch die Dunkelheit laufen. „Hatte Ärger mit seiner Freundin, war dann abgestürzt.“ Die Bänke harren leer, nur auf einer davon parken Essensreste und Ab-fälle; akribisch geordnet und in zwei Reihen verteilt, eine Art Heeresordnung aus Wohlstands-müll. „Die Obdachlosen sind sehr ordentlich“, sagt Johannes, „auf ihr Essen passen sie gut auf und gehen damit dementsprechend um.“ „Ist nicht da“, meint Marie-Therese, „lass uns wei-ter.“

22.15 Uhr. Richtung Wittenbergplatz. „Erstaunlich ist, dass etwa in Charlottenburg mehr Ob-dachlose zu finden sind, als im Ostteil der Stadt.“ Johannes Anregung kommt unvermittelt, seine rechte Hand, die Fingerspitzen trommeln sacht am geöffneten Fenster, sein Blick springt von Leuchtreklame zu Leuchtreklame. „Finde ich auch“, meint Marie-Therese. „Ob das was mit dem Wohlstandsgefälle zu tun hat? Der Mentalität?“ Die Beiden kommen zu keinem Schluss. „Spannend ist es auf jeden Fall, denn es ist eine Tatsache – warum auch immer“, schließt Marie-Therese. Kurz vor dem Wittenbergplatz hält der Bus. „Hier im Parkhaus, da war einer. Hatte sich hinten eingenistet, lass uns nachsehen ob er da ist.“ Johannes geht vor. „Oft ist es ein Ratespiel. Man kann nie wissen, ob sich einer zweimal am selben Ort aufhält und genauso häufig findest du an Orten welche, wo du nie jemanden vermutet hättest. Des-halb ist es wichtig, dass wir keine feste Route fahren, sondern nur grobe Bezugspunkte festle-gen und darüber hinaus noch Ausschau halten“, erzählt Marie-Therese und hat plötzlich eine Eingebung. „Du, wir müssen nachher ans Paul-Linke-Ufer, da war ich gestern erst gewesen, hat sich einer direkt am Wasser unter ´ner Plane eingerichtet.“ Das Parkhaus ist leer, der Wit-tenbergplatz gesperrt. „Hier finden wir niemanden mehr, ein ruhiger Abend“, meint Johannes.

22.45 Uhr. Richtung Paul-Linke-Ufer. Das Handy klingelt. „Endlich“, ruft Marie-Therese, „Ja, endlich“, bestätigt Johannes. Ohne ihre Kunden fühlen die Beiden sich nicht wohl. Jo-hannes spricht kurz mit dem Apparat, dann legt er auf. „Polizei“, sagt er. „Wir sollen gegen eins einen abholen. Passiert immer wieder, aber das ist gut so. Früher hatte die Polizei keine Ahnung, was wir tun, dass wir die Obdachlosen in die Stadtmission fahren, oder an andere Übernachtungseinrichtungen verteilen.“ Trotzdem ist Johannes nicht ganz glücklich, der Kunde ist stark alkoholisiert aufgegriffen worden und befindet sich seit zwei Stunden in der Ausnüchterungszelle. „Na ja, angenehm ist das nicht. Aber die Hauptsache ist, dass die keinen Ärger machen, sonst wird es anstrengend.“

23.15 Uhr. Am Ostbahnhof treffen die Beiden Dietmar. Dietmar ist angetrunken und bester Laune. Er erzählt, dass er gerade aus der Stadtmission käme, da hätte er aber Hausverbot. Ma-rie-Therese bietet ihm an, ihn nach Neu-Westend zu fahren, Dietmar ist überglücklich. Im Auto fängt er an zu singen. „Du bist alles, was ich habe auf der Welt“, und nennt Marie-Therese Schnucki. Es ist ihr nicht unangenehm, doch wohl scheint sie sich nicht zu fühlen. „Es gibt eine Liste“, sagt sie, „da stehen die Kunden und die Spitznamen, die sie für uns ha-ben, drauf.“ Dietmar reizt sein Repertoire aus: „Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling.“ „Letztes Jahr hatten wir einen, dem konnten wir helfen.“ Johannes wirkt ernst. „Da kann ich sagen, hätten wir den nicht entdeckt, der wäre bald tot gewesen.“ Marie-Therese versteht. „Das ist dann die Spritze, die reicht fürs ganze Jahr.“ Sie setzt den Blinker. „Sind wir hier richtig?“ Johannes nickt. Bis etwa gegen drei sind die Beiden mit dem Bus unterwegs durch die Stadt, durch die Straßen, das künstliche Licht und die Schatten. Dietmar ist stiller gewor-den. Bis zum Schichtende sind es noch ein paar Stunden und mit jeder Sekunde scheint sich Johannes Satz zu bewahrheiten: Es ist unglaublich, wie die Stadt sich in der Nacht verändert. Wenn du am Tag durch die Stadt fährst oder gehst, ist es etwas völlig anderes, in der Nacht verlierst du dich viel leichter.
Dietmar hat sich herzlich für den Transport bedankt. Eine kleine „Spritze“: „Leute, was würde ich ohne Euch machen“. Und die Beiden vom Kältebus haben einen kleinen Grund mehr, sich weiter durch die Nacht zu arbeiten.

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warum ein Hund vier Beine hat

Verfasst von michaelbolz am September 27, 2008

Susanne sitzt in der Diskussion. Ganz hinten sitzt sie, den zweiten Platz in der letzten Reihe von links hat sie sich ausgesucht. Die Tasche mit ihren tollen Frauensachen drin parkte direkt neben ihr, damit den äußersten Stuhl keiner okkupieren könnte, der ihr den hindernisfreien Fluchtweg aus der Veranstaltung sichern soll. Sie schwitzt leicht, es ist ihr unangenehm und sie wackelt mit dem Kopf, während um sie herum ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird. Konsens – wie grässlich!

Den Tag über war Susanne angespannt, das Thema der Runde interessierte sie jedoch brennend. „Erosion der Zivilgesellschaft“ – das klang ähnlich spannend wie „Himbeeren mit Spülmittel doch geniesbar machen“ oder „Warum ein Hund vier Beine hat und Autos niemals pupsen“.

Die Entscheidung sich diese Diskussion anhören zu wollen, war nicht einfach gefallen wie der berühmte Groschen oder Denar oder die Mauern von Jericho. Susannchen hatte sich informiert, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte Folgendes herausgefunden: Da wollten sich Bürgerliche treffen und diskutieren! Wie Sternschnuppen fiel ihr die Geschichte der Menschheit herab vor die Augen vom Himmel der Erinnerungen – die Bürger, die Bürgerlichen, die vielleicht eher konservativen Konservendosen; die Sparte der Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses und des Superlativs und der „Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra“ Ethik. „Herr!“, hatte Susanne laut ausgerufen, „Ist heute nicht Waschtag?“ Doch der Herr war ruhig geblieben.

Susili hatte sich also schweren Herzens entschieden hinzugehen. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter erschienen ihr dem Anlass zu entsprechen. „Bürgerliche!“, rief sie immer wieder laut in die Wohnung, die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: „Die Zeit! Die Zeit!“; beinahe hätte Susanne sie verschlafen.

Der Saal war gedämpft gefüllt, wäre er ein Nudelsieb wäre es viertelvoll gewesen. Es gab nichts zu trinken, nur Bücher der Baldvortragenden zu kaufen, jedes für mindestens 20 Euro. „Max Liebermann!“, rief Susanne in Gedanken, „Du Zeichner der schönen Strände und Idyllen!“. Sie nahm platz auf einem Stuhl, weiter oben haben wir schon berichtet, wo, staffierte sich angenehm, zupfte das Kostüm an den Schultern zurecht und wartete.

Nach und nach kamen doch Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die saßen dann, nachdem sie gehend kamen und später dann gehend gingen. „Kann der seinen Kopf nicht schneiden?“, fragte Susannchen, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Sicht auf die Komplexität der Bühne versperrte. Der Mann lächelte heimlich.

Eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, traten dann die Aktionäre doch noch in Aktion. Einer hieß Mak und einer hieß Cosic, einer war Niederländer, einer was Koratisches. Keiner konnte richtig Deutsch. Dem Cosic sah man das gleich an, denn der hatte eine Translatorin im Gepäck. Die ließ er aber nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner ernst, seit die den Theo hinrichten ließen; da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Dann ging es an, der Moderator glänzte, die Brille glänzte, überhaupt schien er ganz und gar fettich. „Zitate!“, rief Susannili aus, gedanklich freilich, sonst wäre sie als Verbalterroristin entfernt worden, „Zitate!“ Die konnte dieser Wilfried F. Schoeller, man merkte, er war gebildet, der Moderator. Und Bürgerlicher. Erst nahm er jenem das Wort, dann diesem und wie er lenkte, merkte man, typisch deutsch: der ist der Führer. Die Schriftsteller erzählten also, sofern Schoeller sie ließ und er ließ sie oft und gern, was sie so von der restlichen, geistigen Welt hielten. „Oje!“, dachte Susanne, „Oje!“ Wegen dem Deutsch.

Der Mak war toll. Und viel gereist. Über Grenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig. Kaum eigentlich, aber bemüht. Dann antwortete nach Überleitung Schoellers Cosic. „Haha!“, lachte Susanne, „Haha!“ Gutes Deutsch. Die Translatorin. Ließ sie aber nicht ausreden. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Ist sein Verbalkonter ihm selber schnurz? Sprach von Popeye und dann der kroatisch-deutsche Hammer: „Das Bürgertum verschwindet. Ich seh´s nicht mehr!“ Allgemein wurde jetzt viel geweint und sich gegenseitig getröstet. Und wie Bürgerliche so sind, kamen sie schnell darüber hinweg. Dazu gab es eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Herr Schoeller hatte nämlich gleich für den Selbstschwund eine Ursache parat, dass er mit einem Zitat einleitete: „Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet) Die Jugendlichen sind vielleicht was dumm! Nix wissens von Geschichte! Werteverfall! 1870/71! Universaler Imperativ! Moral! Ethik! Das ist für die wie für uns den Brecht zu ignorieren, aber wenigstens wissen wir, wie man Brecht schreibt!“ Tosender Applaus! Die Schnupftücher wurden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgerollt. Die Version von dem Bild Altdorfers. „Wie gemein!“, dachte Susanne, aber vorsichtig, „Wie gemein!“

Und so verging der Abend seinen Hörern, die sichtlich erfreut darüber waren von den Schriftstellern und dem Zitator zu hören, dass alles nach ihnen dumm war, denn damit kann man ruhig sterben. Und lachen und klatschen! Denn das war das schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Bürgerliche; um Susanne herum wurde ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt.“Ja, die Dummen!“, dachte sich Susanne, meinte aber wen ganz anderes als die im Saal. „Süße Doppeldeutigkeit!“

Dann durfte noch gefragt werden. Einer fragte, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte, eine andere, ob der Herr Cosic noch „solo“ wäre, wie sie sich umständlich ausdrückte. „Und das mit 70!“, stöhnte Susannchen innerlich, „Mit 70!“ Dann kamen so schlaue Fragen, wie: „Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?“ oder „Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?“ Susanne erhob sich schließlich, entriss der 70gerin das Mikrofon und fragte: „Wie wäre es mit Sinn?“ Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Schoeller fragte: „Was meinen Sie mit Sinn?“ „Das frage ich Sie“, antwortete Susanne, „Mir geht hier nämlich der Sinn ab!“, rief sie denn, und sah, dass alle sie für dumm hielten. Die Übersetzerin suchte nach dem kroatischen Pendant für Sinn. Der Mak lächelte vollkommen niederländisch. Der Schoeller suchte gebildet ein geeignetes Gegenzitat.

Wieder Zuhaus entwickelte sich Susannchen-Schnuffi. „Ein voller Erfolg!“, rief sie in die Wohnung, die Möbel wunderten sich, „Ein voller Erfolg!“

Wie immer, stellte jemand Sinnfragen in öffentlichen Runden, hatte es ein Tohuwabohu-Tamtam-Di-Di gegeben, bis beinahe zur völligen Raserei der bürgerlichen Selbstdarsteller. „Und dabei scheißen die sich genauso in die Hosen wie die Dummen. Schön dumm!“, rief Susanne-Maledjewna-Pur-Prostata gänzlich unzivilisiert in den Raum und die Zeit hinaus.

Später, jedoch nicht viel später.

Susannelilalulalei-di-dumdeldei stand mit ihrer Zigarette am Fenster und schmauchte den Rauch in die Luft, es war schon ziemlich kühl, der Herbst meldete sich, die Blätter am Boden faulten. Feucht war es auch. Da ging doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hatte nur drei Beine und hüpfte mehr als dass er lief. „Also doch!“, rief Susanne und eilte nach draußen, den Hund zu fotografieren, „Also doch!“

Tatsächlich gibt es auch Hunde mit nur drei Beinen! Die mögen wir im Allgemeinen aber weniger.

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Im Nebel

Verfasst von michaelbolz am September 8, 2008

Das Gedichtlein entstand inspiriert durch Hesses Gedicht „Im Nebel„. Im Gedicht von Hesse selbst würde es die vierte Strophe sein bzw. die dritte ersetzen.

Und wahrlich; der lebt da einsam,

Des´ Herz sich nicht kennt;

Des´ Bahnen leiden zweisam

Weil Einsamkeit ihn trennt.

(c) 2008 Michael Bolz

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