Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Stadtpoesie’

Besetzt

Verfasst von michaelbolz am Juni 24, 2009

Oder?

Der Anhalter flattert in den Beifahrersitz. Seine Haut ist abgehetzt, abgeschmirgelt wie Knochen von Sand und saftlos. Erst wollte ich nicht halten. Seine verwetzte Ledertasche umklammert ihn vor dem Bauch als wäre er tot, wehrlos. Sein Blick ist ein Mückenschwarm. Hätte ich bloß nicht. Jetzt ist er drin. Auf der Fahrt kommen ihm Bedenken, ich kann ihn kaum zurückhalten, auf der Autobahn will er raus. Seinen Namen verrät er nicht.

Zukunftsgleise

Oder?

Israels Geburtsort und Heimat ist die Wanderung, selbst sein Gott wurde auf der Wanderung geboren. Jetzt steht Israel wie ein tödlicher Eichenholzschrank im fremden Wohnzimmer und wehrt sich mit Selbstschussanlagen gegen die Versuche der Bewohner, das aufdringliche Monstrum wiederum mit Gewalt auf die Straße zu stellen.

Draufgepapt: Zu verschenken!

Oder?

Ich konnte nicht mehr, konnte einfach nicht. Die Frau kotzt falsche Tränen. Den Dolch hat sie ihm in die Blase gerammt. Erst ins Herz. Der tote Mann mit dem scharfen Schwanz treibt in einer Suppe aus Scheiße und Blut. Er lächelt. Sie fühlt sich frei.

Oder?

Er kommt vom Sport, geduscht hat er da. Fühlt sich noch dreckig. Im Spiegel nur ein Ding. Dreck. Stellt die Tasche ab, im Flur. Schnell an den Computer, schnell einen Kaffee. Wer hat geschrieben? Seine Hände zittern. Das virtuelle Postfach ist trocken, nur einer, der ihm egal ist. Seine Hände zittern, er fummelt an seinem Glied. Er ruft. Ich lebe! Ich lebe! Dem Netz ist das gleich, der Monitor schläft wohl. Da sitzt er. Einer auf seinem Platz. Nicht er.

Oder?

Besetzt!

Veröffentlicht in Politisches, Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

Gespräch

Verfasst von michaelbolz am Juni 21, 2009

Der Typ am Infostand rührt hockend in einem Eimer Leim, dicke Klumpen am Pinsel, die aussehen wie eitrige Taubeneier, schickes Stirnband, Zwölftagebart, aus der Sporthose baumelt unten die Eichel heraus. S. will sich´s nicht ausreden lassen mitreden zu wollen. Nein, sagt der S., nein, ich war ja bei den Jungen Grünen. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Vielleicht, dass er da am Establishment gescheitert ist und noch nicht drüber weg kommt. Vielleicht, dass ihm davon ein Schwafelklumpen übrig geblieben ist im Kopf, der sich wütend an der Hirnrinde reibt und ihn verrückt macht.

Jedenfalls krebst dieser Typ am Infostand in seinem Eimer und lässt den Pimmel atmen und rührt und ignoriert den S. jetzt schon eine geschlagene Viertelstunde und der S. will immer noch über die Aktion reden. Die Augen bläht´s ihm aus der Stirn und den Stand hackt er in Strich´ und Fäden mit seinen verachteten politischen Gedanken und der Wind fährt im durchs blonde Gespinst und eine Taube schwimmt in der Wiese und pickt und pickt und manchmal hüpft sie. S. glaubt ans Gute. S. glaubt, wenn er nur lang genug da wartet…, S. glaubt dem Peter, wenn der sagt, seine Mutter wär ´ne geile Drecksau. Ein Mann wirft einem dressierten Hund ein Stöckchen. Da wirft der sich der S. auch dramatisch herum, dann weint er, aber heimlich. Ich hab mich anfangs gewundert, wie er diesen madigen Ton um die Augen so hinkriegt, so ganz ohne Schminke.

Der Leim wird nicht besser.

Der Typ popelt im Leim.

Seine Eichel vertrocknet im Wind.

Veröffentlicht in Politisches, Stadtpoesie, Uncategorized | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare »

Tierfest im Garten

Verfasst von michaelbolz am Juni 7, 2009

Auf der einen Seite des Zaunes hetzen sie.

Kinder, nervös, mit Blicken, die neurotisch rasen, an die rasenden Blicke gekettete Eltern. Ein witziger Animateur plärrt über hallenden Techno-Stumpf aus monströsen Lautsprechern – klebrig. Die Einkaufs- und Unterhaltungsstraße, sonst leidlich von Autos bewohnt, nennt man spaßvoll Kinderfest, international ist es sowieso, aus Mode. Die unterschiedlich kulturell-bunten Hüpfburgen wabern im stetige wechselnden Rhythmus sich stetig wechselnder Bälger, die die Eltern dann weiter, vom einen zum nächsten Konsumstand, dann weiter, weiter, zerren. Die Dixie-Toiletten sind gleich den Luftballonverkäufern und Süßigkeitenständen überlastet, überlaufen, stinken. Polizei beschützend an allen Enden.

Aus dem Nichts Sirenen, doch es ist bloß ein Karussell, das schreit, heult, als tät was geschehen. Und überhaupt – scheint alles Illusion; bis auf die Preise dafür, oder die Kosten für dieses oder jenes.

Der gänzlich Unbeteiligte darf gegen einen Euro Strafe die Straße überqueren, vom einen Loch zum andern, man nennt es Durchgang. Die Löcher im Zaun, die Durchgänge, sind besetzt mit durchweg jungen Menschen, die hohl glotzen und mich nicht verstehen, weil ich bezahlen müssen für einmaliges Straßeüberqueren nicht verstehe.

Auf der anderen Seite des Zaunes lachen sie.

Am Tümpel ein nackter Mann aus Bronze gegossen, Familien, kaum, aber auch Deutsche. Russisch hört man, Türkisch, Italienisch. Berliner. Ein Junge schafft am Ufer vom Wasser einen Damm und bohrt und buddelt.

Sie Sonne über allem, auch dem, auf der anderen Seite.

Man wirft sich Bälle, Scheiben zu und bunte Federn fliegen. Grillen ist erlaubt. Immer mehr machen sich breit ohne sich zu treten. Lachen. Ein zwergwüchsiger Kleinling kauert im Gras, guckt langeweilt – ich meine wohl, er meditiert.

Was der Zaun nicht trennt, nicht trennen kann, ist was bleibt, ist hier wie dort.

Ein Boxerhündchen staunt und kaut auf Resten der Dinge der Wesen.

Restdinge, unzählige, bedecken das Feld, hier Gras und dort den Asphalt, die hier wie dort nicht schlucken.

Ein warmer Tag und strahlend; die Sonne über allem.

Dankbar ist sie heut, das Licht, mein ich, wahrscheinlich ist – sie kann nicht anders.

Das Boxerhündchen schmatzt.

Veröffentlicht in Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar »

Welt Fremd

Verfasst von michaelbolz am Mai 13, 2009

Da war es um mich geschehen.

Der andere Mensch setzte den Hebel

Der richtigen Stelle an.

Ein Kompliment?

Sicher nicht.

Politik ist tot!

Und ich?

Bin Welt Fremd.

Veröffentlicht in Gedichte, Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare »

Kindstatt

Verfasst von michaelbolz am Mai 4, 2009

Die Besucher des Parks verstecken sich unter Worten, hinter Lippen und Stirnen und durch die Augen springen teerige Regenbögen voll Nebel und Tränen und zwischen den Mündern und Herzen liegt nicht selten ein staubiges Meer, ein Sturm und turmhohe Wellen, die an den Rändern traurig archivierter Überzeugungen nagen. Unter der Sonne im Park schleppt ein Junge Wolken auf seinem Rücken hin und her. Einmal dann entlädt er seine Wolken auf die Wiese, tummelt sich zwischen Löwenzahn und sucht nach Käfern, die ihm die Welt erklären. Ein Mädchen setzt sich dazu und lacht, ihr staubiges Kleid aus Lilien und Rosen schimmert vergilbt und sie wundert sich, was der Junge noch von den Käfern lernen möchte. Die Sonne schiebt den Himmel vor sich her, die Zeit fällt wie Schmetterlingsflügel von den Bäumen und wächst unter den Füßen der Parkbesucher, ein Federkleid aus säumigen Melodien der Erinnerungen der Kindheit, halb im Schlaf und halb im Schmerz verbracht – dazwischen viel geschrieen.

Der Junge legt sich frech zum Mädchen, sie spielen mit den Fingerspitzen Lern-mich-kennen, drücken, küssen und streicheln sich die Häute und blubbern aus den Herzen, es klingt das gemeinsame Rauschen wie ein Bach, ein Fluss, die Ströme und Weisen von Leben und Zärtlichkeit ergießen sich zwischen die Sinne der Eltern, verbotene Weisheit, spiegelbildliche Schattenspiele von Drachen, Rittern, Prinzessinnen und Königen und Gott.

Die Sonne versinkt hinter einer Reihe hohler Häuser, die zahnlos grinsen, bestreicht zuletzt das Dach der Bäume im Park mit Butter, bevor sie vom Abend, des Schlafes Grund und Bruder eingeäschert wird und einfach geht. … Dann ist es später. Die Parkbewohner haben sich in ihre Heimatlosigkeit verlaufen, die Kinder schauen vergessen Sterne und nicken dem Mond. Das Rauschen der nahen Straße tanzt vor den Ohren, verliert sich im Wind, der trägt es um und um drei Ecken, den Stein und das Glas, schleift und drückt Abgase durch die Rillen und Schienen der Straßenbahn, ein Hund kläfft um und um drei Häuser, das senile Licht einer Leuchtreklame lauert auf dem Asphalt wie Schimmel. Zwischen den Schattenkanälen wühlt sich ein Vogel ins Dickicht der Krone einer Birke. Ein Auto hält. Türen öffnen sich. Schritte. Lachen. Türen fallen zu. Schritte, die hörbar schrumpfen. Der Vogel singt und manchmal, dazwischen, da lacht er und der Mond lacht dann auch.

Ein Käfer steht vor der Welt und sucht den Jungen, dem er sie erklären sollte. Blätter von Lilien und Rosen ziehen durchs Gras, wo vorher sich zwei Hände fanden; liegen Wolken, der Tau für ein Morgen.

Ich wollte, wenn ich könnte, das Bild der Kinder halten. Wohin sind sie verschwunden?

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

Veröffentlicht in Liebevoll, Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar »

Heute ist Gestern

Verfasst von michaelbolz am April 25, 2009

Ich setz´ mich an den Schreibtisch, nehme Arbeitshaltung ein, den Kopf hoch, die Schultern zurück, meine Hoden verschwinden im Bauch, justiere die Stuhllehne nach, die M. mauschelt mit der F.

Freitag, der Tag zwischen Samstag und Gestern.

Ein Rabe flattert durchs offene Fenster ins Büro, Frisuren ducken sich und bleiben mit den Nasen an den Tischen kleben, unten.

Sonne im Nacken, nahtlos blauer Himmel.

Der Vogel setzt sich auf die obere Vorderkante meines Monitors und krächzt, unruhig tritt er von einem aufs andere Bein. Jetzt nur nicht kacken, denk ich, sonst ist die Technik im Arsch und im Eimer.

Die M. kommt mit Kaffee, den sie mir lustlos vors Gesicht fährt und streichelt das Tier vorsichtig am Kopf. Im nächsten Moment schnappt es sich – es ist ein Kolkrabe – den Keks vom Tassentellerbodenrand weg und zerdrückt ihn im Schnabel, ich denke, genüsslich, wobei es pfeilschnell schlingt. Die Brösel bröseln mir zwischen und unter die Tasten, im Schreiben fällt mittlerweile ständig das ´N´ aus, das ´T´ braucht Gewalt. Geht *ich*, denk ich. Ohne N und T. *ich*!

13 Uhr 34 und keine Minute später.

Besprechung im Atelier vom König. Ein Autobiograph beschwert sich über den Kunden U. Sagt, Us geistiger Dünnpfiff ließe sich nicht ohne Aufwand, gewaltigen, transkribieren, übersetzen – wär nix zu machen, nix Ordentliches draus zu fummeln. Ich denke, mein Gott, Latein. Der Schreibstift weiter, muss elendig leer im Kopf sein, wie der spricht, der Kunde, U. Die Tür raschelt über den Teppich, nach innen, die M. kommt mit Kaffee, sagt der Vogel müsste mal raus, oder so. Ich schüttle den Kopf, sehe über die rechte Schulter der Frau den Raben sitzen. Schüttelt den Kopf, den Schnabel, die Federn, auch, denk ich, der Rabe. Von wegen, denk ich, beinahe gedanklich schreiend, zur M.!

Tür geht zurück, hinaus, die M. im Anschlag hinterher, am Türgriff, der Klinke. Der Chef denunziert aktuell den Autobiographen exemplarisch öffentlich als wenig emphatisch in Kundenbelangen, nennt ihn geschäftsschädigend und durch die kleine Blume ein großartiges Arschloch. Wollte er immer einmal losgeworden sein. Haben: Tun und Sein. Sittenkunde im Verlagsalltag. Der Chef zeigt mit dem Finger auf mein Kinn, liegt, denk ich, an der Entfernung. Meine Statistik ist sauber, ich summe, gedanklich, ein Lied aus der Waschmittelwerbung. Der Chef zeigt auf meinen Bauch und nennt mich löblich. Durch die große Blume einen Kleinartigen. Als ich mich setze, sehe ich den Schreibstift zappeln, sein Grinsen: Dann besser Arschloch!

Wolken zwischen Licht und Nachmittag.

*ich* mit mir! – stellt mir der Monitor virtuell entgegen, Times New Roman, Standard und Block, Schriftgröße 48. Beim „mit“ war das ´T´ losgegangen wie ne Rakete. Die M. mit der F. rabarberrabarber. Ihren Rock hat sie der Hitze wegen hochgeschlagen und fächert sich mit der Linken. Dann-besser-Arschloch kommt, lächelt. Ich bestelle per meinen Zeigefinger einen Kaffee, der Rabe hat auch schon wieder Hunger. Latein. Die M. kommt betont unbetont, farbleer. Der Rabe macht den Keks verschwinden und weg. Dann-besser-Arschloch flirtet heftig mit der F. Der F.! Der Rabe schreit und flattert laut und senkrecht hoch. Ausgerechnet!

Dabei muss er kacken, pflatsch, auf die Maus drauf.

Vielleicht ist er deshalb auf, auf, aufgestiegen, hoch, denk ich. Musste kacken. Was ablassen, vorab Verdautes.

Einkaufen am Abend, Sonne geht mit dem Westen unter.

Edeka, eine Schlange Menschen bis zum Ladenschluss.

Der Kolkrabe auf meiner Schulter lacht.

rabe1

lacht in die Luft

Aus dem Kühlregal zwei Sorten Käse, gleich, denk ich, welchen, alles Beta-Carotin. Eine Stange Lauch, weil’s hübsch grün ist im Kühlschrank. Für den Film was zu knabbern. Meine Hand, die mich streichelt. Einsam vor der Glotze, später, dann. Der Kolkrabe lacht.

Die Schlange zur Kasse hin ist gewachsen, obwohl die ständig frisst. Der Rabe flattert, laut, klingt wie Peitschenknall in Luft. Ich frage, laut, aus dem Mund heraus, nach ´ner zweiten Bedienerin. Zustimmendes Murmeln aus dem Volk, bis auf einen, der meint, ´s ging doch noch. Die Frau mit dem Flammenkopf am Geldautomaten zieht eine Bionade durch den Scanner. Piepts! Ist grad nicht, meint sie, ist nicht, nickt nach hinten, der Kopf, der brennende, als wenn ich durch Wände glotzen könnte und meint hektisch, der Kopf, der Mund sagt: Lieferung.

„Reihen Sie sich also bitte ein“, so der Mund, schließlich, letztlich.

*ich* mit mir! Times New Roman! Schriftgröße 48! Standard und Block! – schrei ich, zappel, gedanklich, außen still. Der Rabe flattert über die Köpfe der Schlange, Medusa, nach hinten. Ladenschluss – Aus – Ende.

Als ich endlich dran komme, ist der Tag vor der Tür tot vor lauter Abend.

Der Rabe sitzt im Baum und wartet, sein goldener Ring am Fuß glitzert im Schein der Straßenleuchten. Fusseliges Licht und Leuchten. Mief und Staub und laute Kinder, die sich über zwei Straßen weit Fußballergebnisse der Regionalliga zuknallen. Ein alter Mensch stirbt vor meinen Augen, dabei schien er noch ganz jung zu sein, ein Knabe oder Mädchen.

Morgen bei um die 10 Grad im Schatten.

*icht mit mir!

Das ´T´ funktioniert tadellos, nur mit dem ´N´, dem ´N´…

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

Veröffentlicht in Stadtpoesie, Uncategorized | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

Nachhaus

Verfasst von michaelbolz am April 11, 2009

Ein Gedanke, ein Schmetterling, flattert von Hokkaido nach Patagonien, vom Nordpol zum Äquator, der Tundra bis nach Grönland – und wieder zurück, hinein, Nachhaus.

Wo er stirbt, der Heimkehrer, wie Odysseus Leid in den Armen der Penelope.

Wind und Wolken und Wasser

Veröffentlicht in Grün, Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

Edgar springt!

Verfasst von michaelbolz am April 11, 2009

Edgar steht an der Kante des Hochhauses, am Rande vom Dach. Die Sonne geht und hinterlässt am Horizont einen orangeroten Schleier, der weit in die dunkle Tiefe des Abendhimmels hineinfließt. Er blickt nicht hinunter, er blickt über die Stadt, die leuchtet, Wind spielt mit seinem Mantel, er geht sich mit der Hand durch die Haare. Sein linker Arm schlenkert – sacht vor und leicht zurück. Die Geburt einer Frühlingsnacht, denkt er.

Er erinnert sich, wie sie ihn verlassen hat. Sie hatte gelacht und ihn beschimpft, ungerecht und selbstverliebt. Wie sie dastand, hatte er alles geglaubt. Sein Versagen. Seine Unfähigkeit zu lieben. Seine Impotenz. Hatte die Kälte gespürt, die Kälte, wie er dachte, und auf Knien heulend alles zugegeben.

Blickende Häuser

„Aber ich liebe dich“, hatte er gesagt, und „Bitte…“. Wie es unendlich hallt. „…Bitte lass mich nicht so - allein.“ Jede seiner Tränen hatte sie weiter fort getrieben und ihr erst schemenhafter Ekel nahm grässliche Gestalt an. Sie glotzte, spie, drückte ihn tiefer, noch tiefer in den schlingenden Sumpf seiner verstümmelten Gefühle. Als sie ging und ihn verließ, lag er am Boden, zuckend, tödlich verwundet.

Lange danach erhob er sich, nahm den Mantel, schlüpfte hinein, die Schuhe, den Hut, den Schal, nahm den Schlüssel und ging los.

Der Wind streicht sanft über Edgars Wunden. In seinen Augen spiegeln sich die Stadt und ihr Leuchten. Hier: Kann er die Sterne sehen! Eine Träne stiehlt sich über seine Wange, er schließt die Augen, atmet bis Boden seines Körpers.

Edgar hebt seine Arme, der Wind hebt mit ihm an, er geht.

Zu spät öffnet er seine Augen ein zweites Mal.

Veröffentlicht in Grün, Stadtpoesie | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare »

Schilderung aus dem Sudan

Verfasst von michaelbolz am April 8, 2009

Ich blieb still und weinte. Doch durfte mich dabei niemand sehen. Mein Fahrtgeld vergrub ich in der ersten Nacht außerhalb des Dorfes, an einer Stelle, wo ich sicher war, dass es nicht gefunden wurde. Ich half den Rebellen oder den Staatstruppen, egal welcher Seite, um zu überleben, das war anders nicht möglich. Am schlimmsten war, dass ich darüber beinahe meine Familie und meine Schwester vergessen hätte. Als ich bemerkte, wie die grausamste Unmenschlichkeit mir meine Wahrnehmung nahm, die Sehnsucht auf Hoffnung, die nicht von Tieren zerfleischt werden kann, Hoffnung! – überkam mich große Scham. Später, auch hier in Berlin, habe ich diese Scham noch häufig kennen gelernt, bis ich begriffen habe, dass ich mich schämte, weil ich Dinge glaubte, die nicht wahr waren, und andere nicht sehen wollte, die viel Schlimmer waren – und wahr. Doch von dieser Scham befreite ich mich bald und von der Reue, die nur dazu dient, Angst zu machen. Sorgen und Furcht, so wird die Welt regiert. Nicht meine Welt. Ich habe aufgehört, an Dinge zu glauben, wie sie nur ein Kind glauben kann und doch bin ich Kind geblieben. Verstehen Sie? Es ist nicht schwer, lässt man falsche Befürchtungen und Sorgen fort. Fort damit. Es gibt keine endgültige Wahrheit, deshalb bleibe ich ein Mensch ohne Eigenschaften, ein Baum ohne Form, entwurzelt: Das trübe Aquarell eines Schattens im Nebel.

Nach drei Monaten kam der Bus. Wie ich bis dahin überlebt habe, ist mir nicht klar. Ich kann darüber nachdenken wie ich will. Ich erinnere mich. Ich sehe jeden einzelnen Tag vor mir, aber ich kann nicht sagen, was ich dabei gefühlt habe und wie ich gelebt habe. Ich weiß es nicht mehr und doch: Ich weiß alles.

Ich warf mich eilends aufs Dach, der Bus war heillos überfüllt.  Als wir Kutum hinter uns ließen, blickte ich noch einmal zurück und glaubte, Dike zu sehen, meine Schwester. Eine Krähe saß auf ihrer Schulter und hackte ihr das linke Auge aus, während in Sturzbächen Blut aus unzähligen Schusswunden in den Staub floss.

Sie winkte.

In Ad-Dabbah angekommen, empfingen uns bereits Schleuser, die versprachen, uns nach Sidi Barani bringen zu wollen, von wo aus wir in die EU geschifft würden. Die Schleuser überboten sich mit günstigen Fahrtangeboten und so blieb auch dem letzten keine Wahl mehr zur Umkehr. Doch wer wollte das, nachdem er es soweit gebracht hatte, noch darauf ankommen lassen? Im Vergleich zur Zeit in Kutum, war die kommende Zeit ein Kinderspiel. In Ad-Dabbah arbeitete ich einige Zeit, wir wollten erst im Herbst aufbrechen, als Schuhputzer, als Handwerker – was sich gerade anbot, häufig genug schlief ich noch in kleinen Gassen, im Dreck von denen, die es, in meinen Augen, bereits geschafft hatten – jedoch nicht weit genug. Die Arbeit ließ mich rasch wieder klar denken, oder lenkte mich ab, jedenfalls kam ich gut zurecht und konnte sogar über das hinaus, was mir zum Fahrtgeld fehlte, ein wenig Geld zusammensparen. Hoffnung, ein Baum aus dem fruchtlosen Sand der Wüste, sprießt, wo eigentlich nichts wächst und wachsen kann und darf; ein Lied, das ich erst wie ein Tauber und Blinder tastend aus der Muttererde wachsen fühlte; erste Töne, zarte Triebe, getrieben von Willen und Glauben an eine Zukunft, die ich mir, nach allem, was bislang hinter mir lag, verdient glaubte. Von der Nachtsonne beschienen, ein Baum, tausendfach grünfarbene Blätter, Funkeln im Schimmer des Mondlichts, ferne Sterne, ferne Welten, von denen ich nichts ahne und doch: Rufe, Lockungen, der Erstgeborene, der Schwarze aus dem wüsten Land, Heimkehr, Heimkehr! Es gibt in unserem Dorf ein Sprichwort: Die Schlange lauert auf das Ei, womit sie sich, gleich wenn es gelegt ist, den langen Magen füllt und das Ei, durch die Muskeln zerdrückt, zerquetscht, verdaut – restlos ausscheidet.

Die Überfahrt von Sidi Barani nach Italien dauerte kaum drei Tage, das Meer lag ruhig, kaum ein Wind verkürzte uns die Leiden, die wir auf Deck lagernd von der Sonne ausgetrocknet wurden. Der Kahn war alt und rostig, angetrieben von einem alten Dieselmotor, der bereits in der ersten Nacht den Geist aufgab. Daraufhin gab es Streit, denn die meisten der Mitfahrenden bekamen es mit der Angst zu tun. Niemand mehr wollte umkehren, wir waren zu weit gekommen. Die Schleuser beruhigten die Menge mit ihren Pistolen und versicherten, der Motor würde in Kürze seinen Dienst wieder aufnehmen. Zu unserem Glück kam es so. Kurz vor Brindisi kam ein großer und gewaltiger Sturm auf, der meine Gedanken und Hoffnungen zu strafen schien, wenigstens glaubte ich fest daran, und warf mich an die Reling, dem Sturm zum Trotz und flehte, dass mich, im Andenken an Dike, ihre Liebe dies alles überstehen ließe. Im größten Unwetter legten wir an. Da war ich.

"Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

"Abd al-Rahman, 13. Bild: Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

Wir wurden in LKW´s verladen, die uns in den Norden bringen sollten. Ich fror elendig, war nass bis auf die Knochen, hatte seit zwei Tagen nichts mehr zu essen gehabt und war froh, endlich unter der Plane des Fahrzeugs in Sicherheit zu kommen, wo ich sofort einschlief. Auf der Fahrt nach Norden gab es zwei Zwischenfälle, an die ich mich nicht gerne erinnere. Erst nach einem weiteren Tag gab es etwas zu essen, pappiges, süßes Zeugs, dass in Plastikpapier verpackt war und von dem wir angeblich schnell satt werden sollten. Der Schleuser lachte, als er uns die Schokoladenriegel unter die Plane warf. „Seid froh“, rief er laut, „überhaupt etwas zu essen zu bekommen.“

Niemand war froh darüber.

Eine Frau und ein Mann waren krank geworden und husteten und spuckten schlimm, bis es den Schleusern irgendwann zu viel wurde, außerdem gab es Beschwerden von Leuten, die Angst hatten, sie würden sich anstecken. Ich gebe zu, dass ich auch dazu gehört habe. Ich dachte, die Beschwerden würden helfen, die Schleuser wurden sich darum kümmern, dass Medizin beschafft würde, schließlich waren wir in der neuen Welt angekommen. Kurz vor Loreto hielt der LKW in der Nacht an. Die Beiden wurden von der Ladefläche geholt, wogegen sie sich heftig wehrten, doch sie waren zu schwach und wir wagten nicht, ihnen zu helfen. Wie getriebene Tiere versteckten wir uns im hinteren Teil des LKW, drückten uns zusammen und gegeneinander, dass uns die Luft auszugehen schien, bis schließlich, ich weiß es noch genau, fünf Schüsse fielen. Die Plane wurde zugezogen, der Motor gestartet, wir fuhren weiter.

Die Angst war nur eine winzige, aber doch beachtliche Wolke, die über einem weiten Feld lag und ich dachte, die Angst wäre alles, ein weites Feld gäbe es nicht. Ich lernte, der Angst auszuweichen. Aber der Angst auszuweichen ist sinnlos, denn trotzdem harrt sie über dem Ort, der Oase, wie der Nebel, nein! Der Nebel über der Oase ist die Angst!

Ich wischte sie fort.

Jetzt bin ich wirklich frei und weiß, es gibt keine endgültige Wahrheit.

Es ist schwer, sich eine Welt aufzubauen, wenn man weiß, es gibt keine Wahrheit. Viele versuchen, mir einen Teil ihrer Wahrheit in meine Welt zu rücken. Doch ich will diese Wahrheiten nicht. Ich baue mir meine Welt und meine Wahrheit selbst. Und mein Haus ist wie ich. Es lebt und wächst mit jedem Tag – es verändert sich. Ich bin kein Tier.

Veröffentlicht in Politisch, Politisches, Stadtpoesie, Uncategorized | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar »

Worte einer Mutter

Verfasst von michaelbolz am März 31, 2009

Mein Sohn ist ein guter Junge, manchmal etwas schwierig, doch im Grunde hat er ein weiches Keksherz. In diesen unsicheren Zeiten möchte ich meinen Sohn jedoch unterstützen. Von wegen Individualität, da hat mein Bello schon Recht! Ich meine, mein Mann und ich, er ist jetzt lange tot, was wir alles zusammen durchgestanden haben! Da machen Sie sich keinen Begriff von! Den Krieg, den Hitler, die Mauer und die Finanzkrisen – ist ja die aktuelle nicht meine erste; Ölkrisen gab es, Angst vor dem Atomkrieg mit den Russen und so was alles. Aber ich will sie nicht langweilen. Es hilft nichts, soviel dazu, sich voreinander zu verstecken und zu verkriechen und es dann Individualität zu nennen, weil einem die Oberfläche des anderen angeblich genügt. Nennt es wie es ist: Einsamkeit; nein, besser noch, weil Einsamkeit dem Grunde nach nichts Schlechtes ist: Totale Vereinzelung.

Ich weiß noch, mein Mann und ich, wir saßen am See, Buckow, schöne Gegend, wenn sie schon mal dort waren. Der Wald fing sich im Wasser, am Rand, und das Wasser war ruhig und glatt wie ein Spiegel. Da waren wir seit 38 Jahren zusammen. Die Sonne kam hervor, wir bestaunten das milchige Band einer Galaxie, die Sterne blinkten und blitzten. Die halbe Nacht hatten wir gemeinsam darauf gewartet und wir haben es nicht gemerkt, bis an diesen Morgen, dass darf ich sagen; es war dasselbe für uns beide. Da hat er nämlich meine Hand in seine Hand genommen, gelegt, zärtlich konnte er schon sein, manchmal; da war also diese morgendliche Ruhe und alles, was ich an ihm nicht verstanden habe, war wie weggeblasen und wir waren wieder jung. Und die Sonne kam hervor. Die Sterne sieht man nur auf dem Land, in der Stadt vergisst man leicht, dass es Sterne gibt, etwas, dass man noch nicht erreicht hat und wofür man gerne lebt. Und wir waren also wieder jung und er sah mich an und hat mich einfach auf den Mund geküsst. 38 Jahre.

Und da erst wusste ich, dass ich ihn liebe.

Veröffentlicht in Liebevoll, Stadtpoesie, Uncategorized | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar schreiben »