Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Uncategorized’

Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Gespräch

Verfasst von michaelbolz am Juni 21, 2009

Der Typ am Infostand rührt hockend in einem Eimer Leim, dicke Klumpen am Pinsel, die aussehen wie eitrige Taubeneier, schickes Stirnband, Zwölftagebart, aus der Sporthose baumelt unten die Eichel heraus. S. will sich´s nicht ausreden lassen mitreden zu wollen. Nein, sagt der S., nein, ich war ja bei den Jungen Grünen. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Vielleicht, dass er da am Establishment gescheitert ist und noch nicht drüber weg kommt. Vielleicht, dass ihm davon ein Schwafelklumpen übrig geblieben ist im Kopf, der sich wütend an der Hirnrinde reibt und ihn verrückt macht.

Jedenfalls krebst dieser Typ am Infostand in seinem Eimer und lässt den Pimmel atmen und rührt und ignoriert den S. jetzt schon eine geschlagene Viertelstunde und der S. will immer noch über die Aktion reden. Die Augen bläht´s ihm aus der Stirn und den Stand hackt er in Strich´ und Fäden mit seinen verachteten politischen Gedanken und der Wind fährt im durchs blonde Gespinst und eine Taube schwimmt in der Wiese und pickt und pickt und manchmal hüpft sie. S. glaubt ans Gute. S. glaubt, wenn er nur lang genug da wartet…, S. glaubt dem Peter, wenn der sagt, seine Mutter wär ´ne geile Drecksau. Ein Mann wirft einem dressierten Hund ein Stöckchen. Da wirft der sich der S. auch dramatisch herum, dann weint er, aber heimlich. Ich hab mich anfangs gewundert, wie er diesen madigen Ton um die Augen so hinkriegt, so ganz ohne Schminke.

Der Leim wird nicht besser.

Der Typ popelt im Leim.

Seine Eichel vertrocknet im Wind.

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Nachbarin

Verfasst von michaelbolz am Mai 27, 2009

Im Fenster gegenüber gibt’s viel nackte Haut zu sehen und ich feuere die
Frau in Gedanken an: „Weiter, weiter, noch ein Stück, ein kleines noch,
komm! Komm!“

Sie beugt sich heraus, in ein luftiges, nebliges Negligee gehüllt, kleiner Busen, eigentlich keiner, doch erotisch wirkt es allemal, sie hat die Haare zurückgebunden, ein dunkler Packen, dessen schwarzgefärbter Anteil
bis zur Hälfte herausgewachsen ist, eine Zigarette im Mund, deren Rauch sie
durch wülstige, fleischige, rotleuchtende Lippen hindurch läppisch in die Luft bläst und dicke Augen, die Nacht war sicher lang gewesen. Sie sieht mich und winkt, schamlos winkt sie, ich winke schamlos zurück.

Ihre Freundin setzt sich neben sie auf die Fensterbank, im Verhältnis zu ihr ist sie bekleidet wie die Leute in Alaska im Dezember, ihre Ärmchen sind durch, geröstet, knackbraun, die Beinchen bleich und die Farbe wirkt selbst über die Entfernung wie von etwas Krankem, sie zündet sich eine Zigarette an, blickt in den Hof, sie beginnen sich mit der anderen zu unterhalten, die zeigt herüber, die Neue guckt.

Ich suche möglichst viel Hausabfall zusammen, damit ich einen Grund habe,
ohne lächerlich oder aufdringlich zu wirken, in den Hof gehen zu müssen.
Während ich eile, überlege ich, was ich sagen könnte, aber ich weiß, spontan
bin ich am besten. Drunten: Ich grüße freundlich, sie grüßen zurück, die in
Luft gehüllte lächelt breit, es ist ein warmes, freundliches Lächeln, die
andere schläft noch. Wir tauschen uns oberflächlich aus, plaudern über das Wetter, das momentan die Launen wechselt wie ein störrisches Kind und haben so viel Grund zu reden. Es ist nett, denke ich, sie, ich sollte sie einladen, ich tue es auch.
Den ganzen Nachmittag bin ich nervös, immer wenn die Beiden am Fenster
auftauchen, fange ich zu zappeln an, das letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, dass Buch das ich lese ist spannend, ich vergesse sie oft, drüben ist wer. Wer?
Wir gehen aus, spazieren, einmal um den Block, ich vorn, es wird eine
lange Runde. Auf dem Weg finden wir eine Kneipe, „Plötzlich“ heißt die,
treten ein, weil uns das Drumherum gefällt, die Frau an der Bar ist auf
Speed, Koks, oder sieht zuviel fern, spricht nur spanisch und grüßt singend, ich denke, das sollte sie noch üben.
Die Unterhaltung ist zu Beginn verkrampft, ich bin verkrampft, aber
bei einem Glas Wasser werd’ ich schnell locker, die Frauen nehmen es
gelassen, bei Weißwein, den beide gut finden und die Bedienerin ist
definitiv high, wechselt ständig ihre BH’s, erst weiß, dann schwarz, blau und
wieder weiß, man sieht es an dem schulterfreien Stück Stoff, außerdem will
sie mir mein Wasser wegnehmen, wo es noch halbvoll ist.
Die Erste zeigt Interesse, das beinah schon bemüht wirkt, jetzt ist sie
verkrampft und ich bin locker, erzähle, frage mich, was sie rausholen möchte,
ich mag sie, spontan mag ich sie und ihr Bemühen schmeichelt mir, das hat
sie gar nicht nötig, fast möchte ich sie küssen, da werde ich nervös, das
letzte Mal, das ist schon lange her, mein Glück, die andere mischt sich ein,
da, ein Hund, ein Hund, ein kleiner, süsüsüßer, waschlappengroßer Hund,
Frauen und Hunde, ich nicke, leichtes Ertragen und die Bedienerin saust
herum, unsere Gläser sind leer, sie übersieht es, jetzt blau tragend.

Wir werden zeitgleich müde, gegenüber beschmipft eine modische Frau in
den Vierzigern einen wesentlich älteren Mann, er solle nicht irreversibel
sagen, wenn er nicht wüsste was irreversibel bedeute, bezahlen, drinnen
läuft Jazz, „Plötzlich“, was für ein Name, die Nacht ist warm, wolkenlos, aber
Sterne kaum zu sehen, das Licht der Stadt verdrängt die Sicht, sie erklärt es mir, ich höre, dann sind wir wieder hier, sie fährt sich durch die Haare, ich höre Musik, ich summe, sie lacht, die andere geht, ein paarmal auf dem Weg
hatten wir uns angestoßen, beim Laufen berührt, sagen uns gute Nacht, ich
schlafe durch, träume, die sind, wie Shakespeare sagt, was Zwingendes, ich
wache auf und sie ist fort. Kein Traum, nur auf der Durchreise, schade, denk
ich, das letzte Mal, das ist lange her, mein Glück, ich lebe noch.

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Heute ist Gestern

Verfasst von michaelbolz am April 25, 2009

Ich setz´ mich an den Schreibtisch, nehme Arbeitshaltung ein, den Kopf hoch, die Schultern zurück, meine Hoden verschwinden im Bauch, justiere die Stuhllehne nach, die M. mauschelt mit der F.

Freitag, der Tag zwischen Samstag und Gestern.

Ein Rabe flattert durchs offene Fenster ins Büro, Frisuren ducken sich und bleiben mit den Nasen an den Tischen kleben, unten.

Sonne im Nacken, nahtlos blauer Himmel.

Der Vogel setzt sich auf die obere Vorderkante meines Monitors und krächzt, unruhig tritt er von einem aufs andere Bein. Jetzt nur nicht kacken, denk ich, sonst ist die Technik im Arsch und im Eimer.

Die M. kommt mit Kaffee, den sie mir lustlos vors Gesicht fährt und streichelt das Tier vorsichtig am Kopf. Im nächsten Moment schnappt es sich – es ist ein Kolkrabe – den Keks vom Tassentellerbodenrand weg und zerdrückt ihn im Schnabel, ich denke, genüsslich, wobei es pfeilschnell schlingt. Die Brösel bröseln mir zwischen und unter die Tasten, im Schreiben fällt mittlerweile ständig das ´N´ aus, das ´T´ braucht Gewalt. Geht *ich*, denk ich. Ohne N und T. *ich*!

13 Uhr 34 und keine Minute später.

Besprechung im Atelier vom König. Ein Autobiograph beschwert sich über den Kunden U. Sagt, Us geistiger Dünnpfiff ließe sich nicht ohne Aufwand, gewaltigen, transkribieren, übersetzen – wär nix zu machen, nix Ordentliches draus zu fummeln. Ich denke, mein Gott, Latein. Der Schreibstift weiter, muss elendig leer im Kopf sein, wie der spricht, der Kunde, U. Die Tür raschelt über den Teppich, nach innen, die M. kommt mit Kaffee, sagt der Vogel müsste mal raus, oder so. Ich schüttle den Kopf, sehe über die rechte Schulter der Frau den Raben sitzen. Schüttelt den Kopf, den Schnabel, die Federn, auch, denk ich, der Rabe. Von wegen, denk ich, beinahe gedanklich schreiend, zur M.!

Tür geht zurück, hinaus, die M. im Anschlag hinterher, am Türgriff, der Klinke. Der Chef denunziert aktuell den Autobiographen exemplarisch öffentlich als wenig emphatisch in Kundenbelangen, nennt ihn geschäftsschädigend und durch die kleine Blume ein großartiges Arschloch. Wollte er immer einmal losgeworden sein. Haben: Tun und Sein. Sittenkunde im Verlagsalltag. Der Chef zeigt mit dem Finger auf mein Kinn, liegt, denk ich, an der Entfernung. Meine Statistik ist sauber, ich summe, gedanklich, ein Lied aus der Waschmittelwerbung. Der Chef zeigt auf meinen Bauch und nennt mich löblich. Durch die große Blume einen Kleinartigen. Als ich mich setze, sehe ich den Schreibstift zappeln, sein Grinsen: Dann besser Arschloch!

Wolken zwischen Licht und Nachmittag.

*ich* mit mir! – stellt mir der Monitor virtuell entgegen, Times New Roman, Standard und Block, Schriftgröße 48. Beim „mit“ war das ´T´ losgegangen wie ne Rakete. Die M. mit der F. rabarberrabarber. Ihren Rock hat sie der Hitze wegen hochgeschlagen und fächert sich mit der Linken. Dann-besser-Arschloch kommt, lächelt. Ich bestelle per meinen Zeigefinger einen Kaffee, der Rabe hat auch schon wieder Hunger. Latein. Die M. kommt betont unbetont, farbleer. Der Rabe macht den Keks verschwinden und weg. Dann-besser-Arschloch flirtet heftig mit der F. Der F.! Der Rabe schreit und flattert laut und senkrecht hoch. Ausgerechnet!

Dabei muss er kacken, pflatsch, auf die Maus drauf.

Vielleicht ist er deshalb auf, auf, aufgestiegen, hoch, denk ich. Musste kacken. Was ablassen, vorab Verdautes.

Einkaufen am Abend, Sonne geht mit dem Westen unter.

Edeka, eine Schlange Menschen bis zum Ladenschluss.

Der Kolkrabe auf meiner Schulter lacht.

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lacht in die Luft

Aus dem Kühlregal zwei Sorten Käse, gleich, denk ich, welchen, alles Beta-Carotin. Eine Stange Lauch, weil’s hübsch grün ist im Kühlschrank. Für den Film was zu knabbern. Meine Hand, die mich streichelt. Einsam vor der Glotze, später, dann. Der Kolkrabe lacht.

Die Schlange zur Kasse hin ist gewachsen, obwohl die ständig frisst. Der Rabe flattert, laut, klingt wie Peitschenknall in Luft. Ich frage, laut, aus dem Mund heraus, nach ´ner zweiten Bedienerin. Zustimmendes Murmeln aus dem Volk, bis auf einen, der meint, ´s ging doch noch. Die Frau mit dem Flammenkopf am Geldautomaten zieht eine Bionade durch den Scanner. Piepts! Ist grad nicht, meint sie, ist nicht, nickt nach hinten, der Kopf, der brennende, als wenn ich durch Wände glotzen könnte und meint hektisch, der Kopf, der Mund sagt: Lieferung.

„Reihen Sie sich also bitte ein“, so der Mund, schließlich, letztlich.

*ich* mit mir! Times New Roman! Schriftgröße 48! Standard und Block! – schrei ich, zappel, gedanklich, außen still. Der Rabe flattert über die Köpfe der Schlange, Medusa, nach hinten. Ladenschluss – Aus – Ende.

Als ich endlich dran komme, ist der Tag vor der Tür tot vor lauter Abend.

Der Rabe sitzt im Baum und wartet, sein goldener Ring am Fuß glitzert im Schein der Straßenleuchten. Fusseliges Licht und Leuchten. Mief und Staub und laute Kinder, die sich über zwei Straßen weit Fußballergebnisse der Regionalliga zuknallen. Ein alter Mensch stirbt vor meinen Augen, dabei schien er noch ganz jung zu sein, ein Knabe oder Mädchen.

Morgen bei um die 10 Grad im Schatten.

*icht mit mir!

Das ´T´ funktioniert tadellos, nur mit dem ´N´, dem ´N´…

(c) und (p) 2009 Michael Bolz

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Schilderung aus dem Sudan

Verfasst von michaelbolz am April 8, 2009

Ich blieb still und weinte. Doch durfte mich dabei niemand sehen. Mein Fahrtgeld vergrub ich in der ersten Nacht außerhalb des Dorfes, an einer Stelle, wo ich sicher war, dass es nicht gefunden wurde. Ich half den Rebellen oder den Staatstruppen, egal welcher Seite, um zu überleben, das war anders nicht möglich. Am schlimmsten war, dass ich darüber beinahe meine Familie und meine Schwester vergessen hätte. Als ich bemerkte, wie die grausamste Unmenschlichkeit mir meine Wahrnehmung nahm, die Sehnsucht auf Hoffnung, die nicht von Tieren zerfleischt werden kann, Hoffnung! – überkam mich große Scham. Später, auch hier in Berlin, habe ich diese Scham noch häufig kennen gelernt, bis ich begriffen habe, dass ich mich schämte, weil ich Dinge glaubte, die nicht wahr waren, und andere nicht sehen wollte, die viel Schlimmer waren – und wahr. Doch von dieser Scham befreite ich mich bald und von der Reue, die nur dazu dient, Angst zu machen. Sorgen und Furcht, so wird die Welt regiert. Nicht meine Welt. Ich habe aufgehört, an Dinge zu glauben, wie sie nur ein Kind glauben kann und doch bin ich Kind geblieben. Verstehen Sie? Es ist nicht schwer, lässt man falsche Befürchtungen und Sorgen fort. Fort damit. Es gibt keine endgültige Wahrheit, deshalb bleibe ich ein Mensch ohne Eigenschaften, ein Baum ohne Form, entwurzelt: Das trübe Aquarell eines Schattens im Nebel.

Nach drei Monaten kam der Bus. Wie ich bis dahin überlebt habe, ist mir nicht klar. Ich kann darüber nachdenken wie ich will. Ich erinnere mich. Ich sehe jeden einzelnen Tag vor mir, aber ich kann nicht sagen, was ich dabei gefühlt habe und wie ich gelebt habe. Ich weiß es nicht mehr und doch: Ich weiß alles.

Ich warf mich eilends aufs Dach, der Bus war heillos überfüllt.  Als wir Kutum hinter uns ließen, blickte ich noch einmal zurück und glaubte, Dike zu sehen, meine Schwester. Eine Krähe saß auf ihrer Schulter und hackte ihr das linke Auge aus, während in Sturzbächen Blut aus unzähligen Schusswunden in den Staub floss.

Sie winkte.

In Ad-Dabbah angekommen, empfingen uns bereits Schleuser, die versprachen, uns nach Sidi Barani bringen zu wollen, von wo aus wir in die EU geschifft würden. Die Schleuser überboten sich mit günstigen Fahrtangeboten und so blieb auch dem letzten keine Wahl mehr zur Umkehr. Doch wer wollte das, nachdem er es soweit gebracht hatte, noch darauf ankommen lassen? Im Vergleich zur Zeit in Kutum, war die kommende Zeit ein Kinderspiel. In Ad-Dabbah arbeitete ich einige Zeit, wir wollten erst im Herbst aufbrechen, als Schuhputzer, als Handwerker – was sich gerade anbot, häufig genug schlief ich noch in kleinen Gassen, im Dreck von denen, die es, in meinen Augen, bereits geschafft hatten – jedoch nicht weit genug. Die Arbeit ließ mich rasch wieder klar denken, oder lenkte mich ab, jedenfalls kam ich gut zurecht und konnte sogar über das hinaus, was mir zum Fahrtgeld fehlte, ein wenig Geld zusammensparen. Hoffnung, ein Baum aus dem fruchtlosen Sand der Wüste, sprießt, wo eigentlich nichts wächst und wachsen kann und darf; ein Lied, das ich erst wie ein Tauber und Blinder tastend aus der Muttererde wachsen fühlte; erste Töne, zarte Triebe, getrieben von Willen und Glauben an eine Zukunft, die ich mir, nach allem, was bislang hinter mir lag, verdient glaubte. Von der Nachtsonne beschienen, ein Baum, tausendfach grünfarbene Blätter, Funkeln im Schimmer des Mondlichts, ferne Sterne, ferne Welten, von denen ich nichts ahne und doch: Rufe, Lockungen, der Erstgeborene, der Schwarze aus dem wüsten Land, Heimkehr, Heimkehr! Es gibt in unserem Dorf ein Sprichwort: Die Schlange lauert auf das Ei, womit sie sich, gleich wenn es gelegt ist, den langen Magen füllt und das Ei, durch die Muskeln zerdrückt, zerquetscht, verdaut – restlos ausscheidet.

Die Überfahrt von Sidi Barani nach Italien dauerte kaum drei Tage, das Meer lag ruhig, kaum ein Wind verkürzte uns die Leiden, die wir auf Deck lagernd von der Sonne ausgetrocknet wurden. Der Kahn war alt und rostig, angetrieben von einem alten Dieselmotor, der bereits in der ersten Nacht den Geist aufgab. Daraufhin gab es Streit, denn die meisten der Mitfahrenden bekamen es mit der Angst zu tun. Niemand mehr wollte umkehren, wir waren zu weit gekommen. Die Schleuser beruhigten die Menge mit ihren Pistolen und versicherten, der Motor würde in Kürze seinen Dienst wieder aufnehmen. Zu unserem Glück kam es so. Kurz vor Brindisi kam ein großer und gewaltiger Sturm auf, der meine Gedanken und Hoffnungen zu strafen schien, wenigstens glaubte ich fest daran, und warf mich an die Reling, dem Sturm zum Trotz und flehte, dass mich, im Andenken an Dike, ihre Liebe dies alles überstehen ließe. Im größten Unwetter legten wir an. Da war ich.

"Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

"Abd al-Rahman, 13. Bild: Tötet die Sklaven, tötet die Schwarzen!"

Wir wurden in LKW´s verladen, die uns in den Norden bringen sollten. Ich fror elendig, war nass bis auf die Knochen, hatte seit zwei Tagen nichts mehr zu essen gehabt und war froh, endlich unter der Plane des Fahrzeugs in Sicherheit zu kommen, wo ich sofort einschlief. Auf der Fahrt nach Norden gab es zwei Zwischenfälle, an die ich mich nicht gerne erinnere. Erst nach einem weiteren Tag gab es etwas zu essen, pappiges, süßes Zeugs, dass in Plastikpapier verpackt war und von dem wir angeblich schnell satt werden sollten. Der Schleuser lachte, als er uns die Schokoladenriegel unter die Plane warf. „Seid froh“, rief er laut, „überhaupt etwas zu essen zu bekommen.“

Niemand war froh darüber.

Eine Frau und ein Mann waren krank geworden und husteten und spuckten schlimm, bis es den Schleusern irgendwann zu viel wurde, außerdem gab es Beschwerden von Leuten, die Angst hatten, sie würden sich anstecken. Ich gebe zu, dass ich auch dazu gehört habe. Ich dachte, die Beschwerden würden helfen, die Schleuser wurden sich darum kümmern, dass Medizin beschafft würde, schließlich waren wir in der neuen Welt angekommen. Kurz vor Loreto hielt der LKW in der Nacht an. Die Beiden wurden von der Ladefläche geholt, wogegen sie sich heftig wehrten, doch sie waren zu schwach und wir wagten nicht, ihnen zu helfen. Wie getriebene Tiere versteckten wir uns im hinteren Teil des LKW, drückten uns zusammen und gegeneinander, dass uns die Luft auszugehen schien, bis schließlich, ich weiß es noch genau, fünf Schüsse fielen. Die Plane wurde zugezogen, der Motor gestartet, wir fuhren weiter.

Die Angst war nur eine winzige, aber doch beachtliche Wolke, die über einem weiten Feld lag und ich dachte, die Angst wäre alles, ein weites Feld gäbe es nicht. Ich lernte, der Angst auszuweichen. Aber der Angst auszuweichen ist sinnlos, denn trotzdem harrt sie über dem Ort, der Oase, wie der Nebel, nein! Der Nebel über der Oase ist die Angst!

Ich wischte sie fort.

Jetzt bin ich wirklich frei und weiß, es gibt keine endgültige Wahrheit.

Es ist schwer, sich eine Welt aufzubauen, wenn man weiß, es gibt keine Wahrheit. Viele versuchen, mir einen Teil ihrer Wahrheit in meine Welt zu rücken. Doch ich will diese Wahrheiten nicht. Ich baue mir meine Welt und meine Wahrheit selbst. Und mein Haus ist wie ich. Es lebt und wächst mit jedem Tag – es verändert sich. Ich bin kein Tier.

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Schöner Tag!

Verfasst von michaelbolz am April 6, 2009

Die Frau an der Kasse grüßt mich lächelnd, kassiert, gibt mir das Wechselgeld und den Kassenbon und fragt nach meiner Postleitzahl. Ich sage, dass ich die nicht sagen möchte. Sie meint, die Werbung kommt so oder so und wünscht mir mit einem geübten Lächeln einen „Schönen Tag“. Es schneidet tief und tut weh.

Draußen machen die Wolken der Sonne Platz, das neue Industriegebiet in der Quitzowstraße liegt dreckig da, die Triebe der Bäume, der Büsche – das Gras; die Natur braucht noch einen Moment, bevor sie sich von den Temperaturen anstecken lässt und die Straßen und Wege und Höfe grün zu säumen beginnt. Ich überquere mit dem Rad die Straße, bevor ich von einem LKW überfahren werde und atme süßklebrige Abgase in meine Lungen.

Zuhause packe ich die Dinge aus, ein Regal, vier Schrauben, vier Dübel, höre draußen wen an der Mülltonne hantieren, vermesse die Bohrlöcher, prüfe mit der Wasserwaage, zeichne an, höre Schritte im Aufgang, die mit jedem Herzschlag leiser werden. Die Bohrmaschine sirrt wie ein Wespennest, der Bohrer saugt sich bis zum Anschlag in die Wand. Die Dübel halten nicht, die Wand ist aus Pappe, ich suche mir Holzreste vom Winter, vom Anfeuerholz, schnitze es passend zurecht, klopfe es in die Löcher, drehe die Schrauben hinein und nehme wieder die Wasserwaage zur Hand. Ein wenig hier nachklopfen, ein wenig dort, das Schaufenster der Waage zeigt die ideale Horizontlinie.

Ich stemme das Regal, hänge es ein, fülle es mit überflüssigen Büchern, wenigstens sagte meine Tante kürzlich, die Menge der Bücher hier mache ihr Angst, dass wäre doch alles überflüssig. Ich sehe ein Band über die Deutsche Geschichte, Herman Bangs gesammelte Erzählungen, Wittenwiller, Nietzsche, John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“. Überflüssig. Furchteinflößend. Einen Moment bekomme ich Angst. Mit dem Handfeger und der Kehrschaufel nehme ich den Schmutz vom Boden auf, höre schnelle Tritte die Treppen herauf kommen, einen Moment später klappert der Briefkasten, Werbung von Real, Hellweg und einem Pizzaservice namens „Pastino“ fällt herein.

regen

Vor meinem inneren Auge sehe ich die Frau an der Kasse sitzen,  nach meiner Postleitzahl fragen, ihr tausendmal geübtes, beißendes Lächeln; sehe hinter der Maske ein kleines, hübsches Mädchen weinen, obwohl es für Tränen lange kein Wasser mehr hat; weinen, weil die Blumen im Garten verrotten, das Haus morsch in sich zusammenbricht, der Mann seit Jahren fort ist, an einer lauten Front im Nirgendwo. Der Weg zuück? Verloren? Ihr knielanges Kleidchen ist mit Erdbeeren bestickt, die aschfahl leuchten. An manchen Stellen ist es zerrissen, gelb verfärbt, ein neues Gewand, ein zweites Leben kann sie sich nicht leisten. Wer kann das schon? Über das zerschlissene Haus dröhnt eine tieffliegende Bomberstaffel in Richtung Süden, sie muss an ihren Mann denken und beginnt wieder, zu weinen.

Durch die Tür in den Garten tritt ein junger Mann, er verletzt sich an den Dornen der welken Rosenbüsche, sie möchte jetzt aber niemanden sehen, mit niemandem sprechen, will allein sein mit ihrem Leid und Jammer – will ihren Mann zurück, dass das Kleidchen weiß strahlt und die Erdbeeren rot leuchten. Als er sie anspricht, wendet sie sich fort. Sie will den fruchtigen Duft des Gartens in sich aufsaugen, wenn sie im Beet kniet und die Zwiebeln für den Herbststrauch Tomaten pflanzt, sich an den Fliederknospen freuen, sich ausmalen, was ihr Mann ihr heute schenkt, wenn er ihr einmal mehr zeigt, dass er sie nicht vergessen hat.

Das Dröhnen der Bomber verschwindet am Horizont, es beginnt zu regnen, der junge Mann spannt einen Regenschirm auf und wartet darauf, dass ihn seine Frau wieder erkennt.

(Bild (c) 2009 Günther Weber)

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Worte einer Mutter

Verfasst von michaelbolz am März 31, 2009

Mein Sohn ist ein guter Junge, manchmal etwas schwierig, doch im Grunde hat er ein weiches Keksherz. In diesen unsicheren Zeiten möchte ich meinen Sohn jedoch unterstützen. Von wegen Individualität, da hat mein Bello schon Recht! Ich meine, mein Mann und ich, er ist jetzt lange tot, was wir alles zusammen durchgestanden haben! Da machen Sie sich keinen Begriff von! Den Krieg, den Hitler, die Mauer und die Finanzkrisen – ist ja die aktuelle nicht meine erste; Ölkrisen gab es, Angst vor dem Atomkrieg mit den Russen und so was alles. Aber ich will sie nicht langweilen. Es hilft nichts, soviel dazu, sich voreinander zu verstecken und zu verkriechen und es dann Individualität zu nennen, weil einem die Oberfläche des anderen angeblich genügt. Nennt es wie es ist: Einsamkeit; nein, besser noch, weil Einsamkeit dem Grunde nach nichts Schlechtes ist: Totale Vereinzelung.

Ich weiß noch, mein Mann und ich, wir saßen am See, Buckow, schöne Gegend, wenn sie schon mal dort waren. Der Wald fing sich im Wasser, am Rand, und das Wasser war ruhig und glatt wie ein Spiegel. Da waren wir seit 38 Jahren zusammen. Die Sonne kam hervor, wir bestaunten das milchige Band einer Galaxie, die Sterne blinkten und blitzten. Die halbe Nacht hatten wir gemeinsam darauf gewartet und wir haben es nicht gemerkt, bis an diesen Morgen, dass darf ich sagen; es war dasselbe für uns beide. Da hat er nämlich meine Hand in seine Hand genommen, gelegt, zärtlich konnte er schon sein, manchmal; da war also diese morgendliche Ruhe und alles, was ich an ihm nicht verstanden habe, war wie weggeblasen und wir waren wieder jung. Und die Sonne kam hervor. Die Sterne sieht man nur auf dem Land, in der Stadt vergisst man leicht, dass es Sterne gibt, etwas, dass man noch nicht erreicht hat und wofür man gerne lebt. Und wir waren also wieder jung und er sah mich an und hat mich einfach auf den Mund geküsst. 38 Jahre.

Und da erst wusste ich, dass ich ihn liebe.

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8te Geschichte

Verfasst von michaelbolz am März 25, 2009

Filomena verliebt sich in Gispodio, doch wagt sie es aus Ängstlichkeit nicht, ihm ihre Liebe zu offenbaren. Als sich Gispodio Filomena nähert, flieht Filomena und sinnt in Folge auf Rache. Mathilda, die Dienerin der Filomena, verliebt sich in Gispodio und er sich in sie, die beiden heiraten. Filomena versteinert aus unerfüllter Rachsucht und stirbt alt, nach vielen Jahren in Einsamkeit.

In Verona lebte ein junger, stattlicher Mann, dem die Natur zwar den Adel kraftvoller Schönheit, doch einen niederen Stand und wenig Reichtum geschenkt hatte, wovon der Mann, er hieß Gispodio, sich aber keinen Begriff machte oder nicht machen wollte – jedenfalls war er´s zufrieden und lebte davon, was ihm seine Arbeit einbrachte, er war Weber, gut und gern.

Wie nun Gispodio häufig vor seinem Hause saß und bei seiner Arbeit die gute Luft genoss, kam, wegen Einkäufen oder allein aus Lust am Spaziergang, ein junges Ding entlang, Filomena Certa, die schöne, aber eingebildete Tochter des Stadtwächters Phillipe Certa, der sich seit Jahren schon besorgte, einen geeigneten Schwiegersohn für seine Tochter zu finden. Davon wollte die Filomena jedoch nichts wissen, sie hatte, wie sie sagte, reichlich von den Dingen der Liebe gehört und dass es doch immer nur auf das eine hinauslaufe und von dem einen, hätte sie, ohne jemals davon gekostet, jetzt schon genug. Die Dienerin der Filomena aber, ein junges, hübsches Ding, genannt Mathilda, und in Liebesdingen ganz und gar nichts weniger als unkeusch zu nennen, wusste zu erzählen, dass Filomena einmal vollkommen vor Liebe entbrannt war für den Sohn des Grafen von Verona, den Mario degli Alberighi, der sie, als sie ihm seine Liebe offenbarte, nicht nur verlacht, sondern gleichwohl auch ins Gesicht geschlagen haben soll, woraufhin Filomena, wie man sich leicht vorstellen kann, gekränkt nichts mehr von den Männern wissen wollte, weil sie diese fortan alle über einen Kamm zog.

Diese Filomena kam nun also bei Gispodio vorbei und sah, wie er ein Stück Stoff bearbeitete und war ganz angetan von seiner Fertigkeit und auch kam sie nicht umhin, heimlich seine körperlichen Vorzüge zu bewundern, und noch ehe sie sich überhaupt besinnen konnte, entflammte sich die verhängnisvollste aller Leidenschaften, ihrer Meinung nach, die Liebe, in ihrem Herzen und wollte sie folglich nichts mehr, als sich gleich in die Arme des Webers zu stürzen.

Nun, wieder Zuhause, überlegte Filomena gemeinsam mit ihrer Dienerin, wie sie es einrichten wollte, den Gispodio in ihre Arme zu bringen. Gleichwohl sollte das Ganze sehr vorsichtig vonstatten gehen, denn die vergangene, schlechte Erfahrung mit dem Sohn des Grafen, stach ihr nach wie vor derart heftig ins Herz und durchwühlte ihr Blut, dass, gleich, wie sehr sie den Gispodio jetzt schon liebte, sie ihn noch mehr hasste und wie sehr sie ihn küssen wollte, wollte sie ihm gleichzeitig die schlimmsten, denkbaren Schmerzen zufügen. Das Beste erschien Filomena daher, wie auch der Mathilda, den Gispodio einem Test zu unterziehen. Dazu sollte sich die Mathilda an den Gispodio heranmachen und herausfinden, wozu er denn – im Guten wie im Schlechten – in der Lage wäre und dann wieder kommen und berichten.

Mathilda nahm diese Aufgabe sehr ernst, aber auch sehr gerne auf sich, da sie auf den Weber schon seit längerem ein Auge geworfen hatte. Gleich am nächsten Tage machte sie sich also hin zum Hause des Gispodio, der, seiner Gewohnheit folgend, vor dem Hause sitzend Wolle kratzte, oder Stoffe pflegte. Mathilda, unter dem Vorwand, im Auftrag einer Kundin zu handeln, was so nicht unbedingt gelogen war, führte Gispodio ins Haus und begann nun, ihrem Auftrag gemäß, den Gispodio auszuhorchen und zu befragen und zwar derart leidenschaftlich und wild und wiederholt, dass ihr hinterher die Schenkel schmerzten. Daraufhin verabschiedete sie sich und eilte nach Hause zu ihrer Herrin und erzählte ihr aus ihrer Sicht genau und bis ins Kleinste, dass der Gispodio nichts Ungesundes und Rohes oder gar Gewalttätiges an sich hätte, im Gegenteil, dass ihm viel menschliches Verständnis eignete und ein tiefer Sinn dafür, was den Frauen wohl gefalle. Die Filomena, die natürlich nicht ahnte, was die Mathilda genau damit meinte, die ihren Auftrag aber in ihrem Sinne erfüllt sah, dachte nun, dass sie es wagen wollte, sich dem Gispodio zu nähern. Sie war auch nicht faul gewesen und hatte den Tag über Erkundigungen über Gispodio eingezogen und jeder Mann und jede Frau wusste nichts anderes, Gispodio als arbeitsamen, zuvorkommendem, bescheidenen und höflichem Manne zu schildern.

Wiederum am folgenden Tage, machte sich die Filomena auf, den Gispodio zu besuchen, unter dem Vorwand, dass er ein Kleidungsstück für sie anfertigen sollte. Wie sie die geschäftlichen Dinge mit ihm am Besprechen war, sprudelte aus ihren Augen pure Leidenschaft, als wäre es Lava aus einem Vulkan und am liebsten wäre sie ihm gleich um den Hals gefallen und hätte den Gispodio von oben bis unten mit Küssen eingedeckt, doch ihr Gewissen hieß ihre Taten lügen und sie behielt sich unter Kontrolle. Dem Gispodio war unterdessen die jungendliche Schönheit der Filomena gleich wenig entgangen und in seinem Herzen kämpfen sich die Flammen der Liebe höher und höher, so dass er, gerade als die Filomena sich, kaum beherrscht, abwenden und nachhause gehen wollte, denn sie konnte den Mut nicht finden, dem Gispodio ihr Herz zu eröffnen, am Arm ergriff und ihr seine Liebe offenbarte. Und wie es bei den einfachen Leuten Sitte, gab er ihr mit seinem Geständnis gleich einen Kuss mit auf den Mund, wovon die Filomena aber furchtbar erschrak und den Gispodio ausschalt und ein Geschrei machte, dass gleich die Nachbarn hinzuliefen, nachzusehen, was geschehen war.

Vor den Leuten redete die Filomena den Gispodio aus Scham schlecht und erzählte, dass er sich an ihr vergehen hatte wollen, was so ja nicht stimmte. Der Gispodio hingegen blieb ruhig und vermutete richtig, dass die Filomena sich vor ihm nur ängstigte und ließ den Schimpf und den Spott der Leute über sich ergehen und als die Filomena endlich verschwunden war, kehrte auch bald wieder Ruhe ein, die Wachen, als man sie hatte rufen wollen, ließ Filomena aus schlechtem Gewissen sein, wo sie waren, auch fürchtete sie sich vor dem Unmut des Vaters.

Mathilda, die sich nun inzwischen gar nicht anders besinnen konnte, fühlte sich mit jedem Tag dem Gispodio näher und noch viel zu fern, ja, sie war vollkommen in Liebe entbrannt und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich dem Manne hinzugeben, wie auch immer der es wollte, wo er ihr vormals und vollkommen selbstlos soviel liebliche Freude und Genüsse beschert hatte. Heimlich machte sie sich eines Nachts auf, schlicht in das Haus des Gispodio, legte sich neben ihn ins Bett und weckte ihn unter zärtlichsten und süßesten Küssen, gestand ihm ihre Liebe, woraufhin Gispodio, der den Schmerz über die unerfüllte Liebe zu Filomena bereits aus seinem Herzen verbannt hatte, sich gleich eifrig in Mathilda verliebte. Die ganze Nacht bekamen die Beiden kein Auge zu, bekannten sich zueinander und taten, was Liebende einmal zu tun geneigt sind, bis tief in den Morgen hinein, als sie endlich Schlaf fanden, einer in des anderen Arm liegend, herzlich verschlungen. Filomena bemerkte am folgenden Morgen das Fehlen ihrer Dienerin und konnte sich auch sonst keinen Reim darauf machen, wo Mathilda denn abgeblieben wäre. Am Mittag eilte Mathilda zurück, erklärte Filomena in knappen Worten, was geschehen war und ergänzte, dass sie und der Gispodio noch am Freitag heiraten wollten, das Fest sei schon bestellt. Dann machte sie sich daran, ihre Sachen zu packen.

antoniobellucci

Filomena, die nicht glauben wollte, dass es dem Gispodio einfach so gelungen sein sollte, sie aus seinem Herzen zu verbannen, die selbst noch immer unter heftigstem Liebesfieber für Gispodio brannte, sann auf schmerzvolle Rache, trat leis´ aus der Kammer der Mathilda und schloss die Tür von außen ab. Dann beeilte sie sich, zum Hause des Gispodio zu kommen, der sich gerade wusch und deshalb mit entblößtem Oberkörper in seiner Wohnung stand und erzählte ihm, dass Mathilda allein auf ihren Wunsch hin bei ihm eingezogen wäre, damit sie über die Dienerin erführe, was für ein Mann Gispodio sei. Sie versuchte, Gispodio von der Unaufrichtigkeit der Mathilda zu überzeugen, aber Gispodio kam rasch dahinter, dass es allein die beleidigte Eitelkeit der Filomena und ihre Liebe zu ihm war, die sie zu derlei rachsüchtigen Reden veranlasste. Nach wenigen Minuten trat nun Mathilda durch die Tür herein, die sich rasch befreien konnte und es begann unter den Frauen ein heftiges Geschrei und Gezeter, worüber sie sogar handgreiflich wurden und die Nachbarn liefen herbei und lachten und wäre nicht die Stadtwache dazwischen gegangen, so einfach wären die Frauen nicht zu trennen gewesen.

Darüber kam dem Vater der Filomena, der selbst Stadtwächter war, die Geschichte zu Ohren und er schalt seine Tochter aus, und meinte, dass er nicht verstehen könnte, wie sie, zugegeben die schlechte Erfahrung mit dem Sohne des Grafen, derart mit Gispodio hatte verfahren können. Er raufte sich die Haare und meinte, eine Strafe wäre eine solche Tochter, für die sich mit Sicherheit nicht leicht ein angemessener Mann finden ließe. Außerdem entschuldigte er sich höflich bei Gispodio und gab, für angemessene Dienste, der Mathilda ein wenig der Aussteuer, die sonst für Filomena gedacht gewesen war, worüber diese furchtbar böse wurde.

Am folgenden Freitag fand dann die Hochzeit statt und es war ein schönes Fest und ein schönes Paar, dessen Liebe und Zärtlichkeit die Feierlichkeiten noch lange Zeit hin überstrahlte. Die Filomena jedoch, die auf ihre Art nicht zufrieden werden konnte, wohnte über den Tod ihres Vaters hinaus, der bald, manche meinten, aus Gram über seine Tochter, ins Grab ging, weiter in dessen Haus, dass sie aber immer seltener verließ. Ihre Liebe zu Gispodio hatte sich in einen Stein verwandelt, der ihr Herz und ihre Sinne beschwerte und sie durch und durch gemein und böse werden lies. Man weiß nichts weiter zu berichten, als dass Filomena als alte Jungfer und einsam viele Jahre später starb.

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Polis – neue Folge

Verfasst von michaelbolz am Februar 25, 2009

Penelope griff sich die Schneeschippe. Hektor-Gerard stand grinsend bei, grinsend reichte er die Schippe und grinste dabei. Er hatte ihr vom Fenster aus gewunken und Zeichen gemacht, solange, bis Penelope ihr Fenster endlich öffnete. Was denn wäre, hatte sie über den Hof gerufen und Hektor, von dem sie nur wusste, dass er ständig vor der Glotze wohnt, hatte geantwortet und nach oben gezeigt.

Das es schneit, seh´ ich selber.

„Es schneit! Und wer schippt den Hof? Ich habe heute Morgen um sieben schon.“ Hektor wirkte zufrieden mit sich. Penelope konnte auf den ersten Blick überhaupt nichts erkennen, keine Spur, kein Weg, nichts schien durch den frisch gefallenen Schnee darauf hinzudeuten, dass hier vor wenigen Stunden erst geräumt worden wäre.

„Ich habe die Hausverwaltung angerufen, die haben sich für den Anruf bedankt“, schimpft Hektor halbherzig, „angeblich ist jemand mit der Räumung beauftragt. Aber du siehst ja!“

Wann habe ich dem Kerl das Du angeboten?

Hektor ließ nicht nach. Als so kaltschnäuzig Penelope sich im Prinzip einschätzte, hier fehlte ihre sonstige Durchsetzungskraft vollkommen. Auch der Kaffee tat keine helfende Wirkung, im Gegenteil, Penelope fühlte sich noch verschrumpelt und schläfrig und war flüssige Butter unter den neugierigen Blicken und Händen Hektors, die sie beinahe zärtlich um ihre Schultern streichen fühlte.

So ein geiles Schwein!

Penelope schippt, der Schnee liegt schwer und feucht auf der Schaufel, Hektor steht am offenen Fenster und schneidet sich die Fingernägel.

„Schwer, was“, ruft er herunter, auf seiner Nase lauert eine Brille mehr, als sie da sitzt, gibt seinem Gesicht eine gefährliche, eine drohende Note.

Penelope schnauft. Die Kälte war nach wenigen Augenblicken verflogen, jetzt spürt sie in kleinen Bächen widerwärtigen Schweiß über den Rücken laufen. Als Hektor seine Nägel ordentlich manikürt vorfindet, weißt er Penelope an, die Schippe, wenn sie denn irgendwann zum einem Ende kommen sollte, an den Fahrradschuppen zu stellen.

„Um den Rest kümmere ich mich dann.“

Mit einem leisen Poltern schließt Hektor sein Fenster und zieht den Vorhang zu. Penelope flucht.

Warum habe ich mich darauf eingelassen? So ein Mist. Erstens bin ich nicht solidarisch, zweitens nicht sozial und drittens überhaupt. Soll sich die Verwaltung drum kümmern. Mir gleich, wenn hier jemand auf die Nase fällt.

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Weitere Details aus dem Roman…

Verfasst von michaelbolz am Februar 10, 2009

Ein Paar (Zeugen Jehovas) kommt gemeinsam mit Atlas ins Wohnzimmer, Hermes und der Postler gucken nach der Unterwäsche Selenes.

„Wenn Sie gestatten“, setzt Atlas an, „Der Mensch dort ist Postangestellter, das befellte Tierchen dahinter mein Kater, die Dame auf der Couch eine gewisse Selene.“ Hermes verbeugt sich. Der Postler schreckt hoch.

„Ich bitte Sie“, bittet Atlas höflich, „Ich bitte Sie! Schließlich sind wir hier doch unter uns?“

„Was wir eigentlich…“ Zeuge 1 scheint verwirrt, Zeuge 2 hält sich den Wachturm vor die Augen.

„So nicht“, ruft Atlas, Hermes faucht. „Sie haben unsere Seance unterbrochen, Sie allein, damit sind sie indirekt die Verpflichtung eingegangen, durch ihr solidarisches Zutun die hier im entstehen begriffene Collage mitzuentwickeln.“ Atlas guckt fragend auf Hermes, Hermes wiegt den Kopf zustimmend.

Der Postler eilt mit ausgestreckter Hand auf die Zeugen zu. „Tag! Ich bin…“

Atlas unterbricht. „Der Mann in Gelb hat uns von seinen Fähigkeiten bereits in Kenntnis gesetzt, er ist Sänger. Nun die Frage: Was können Sie?“

Zeuge 2 bleibt versteckt, beginnt zu wimmern, Zeuge 1 beginnt zaghaft. „Als von dem weinenden Morgen schied die Sonne mit Purpurantlitz, eilt´ Adonis schon…“

Atlas trocknet sich die Tränen, winkt ab. „Mein Gott, Shakespeare! Und ich dachte, wir wären in Athen. Himmel! Das gibt Bilder!“

Atlas greift sich seinen Apparat, Hermes schielt auf Selene´s Brüst´s, der Postler singt sich warm.

„Wenn Sie, ja Sie“, brüllt Atlas, Zeuge 2 blinzelt hinter dem Heft hervor. „Wenn ich Sie bitten dürfte? Sie müssen ja nichts machen, aber stellen Sie sich dafür einfach ans Kopfende der Couch, ja?“ Zeuge 2 zögert. „Hermes!“ Hermes beginnt bedrohlich zu fauchen, Zeuge 2 eilt. „Nun bitte das Heft vor die Nase – und beten!“ Atlas spickt durch den Sucher.

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