Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Unglaublich’

Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Apschied

Verfasst von michaelbolz am Juli 26, 2009

Aus der ersten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Feld geküsst und ihren Busen gestreichelt und als ich weiter ran wollte, wars Abend und wir mussten los. Ich seh´ noch die Halme im Sonnenuntergang das braungelbe Licht küssen und die Schatten, die Schatten – die eilten sich doch sehr.

Zwei Tage lang Herzweh, danach bin ich gestorben.

Am dritten Tage auferstanden.

Aus der zweiten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Arm gehalten, mich grad dem Mund genähert und als ich ran wollte, kam der Schuldirektor und der Hausmeister und die Eltern, die Polizei im Anschlag, verschleppten mich in ein Gefängnis, wo ich ohne Anklage einsitzen musste. Der Rainer, mein Zellengenosse hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt, wie Liebe zwischen Taschenlampen funktioniert. Zwei Tage lang und zwei Nächte auch. Ich denke, Rainer war ein wenig spinnert.

Am dritten Tage rausgekommen.

Aus der dritten und vierten Liebe wurd´ auch nichts, die kannten sich, ich nenn´s Zufall oder widrigen Umstand, bekamen aber stets beide dasselbe: Einen Topf mit einer Margerite drin, wo ich doch deren Gelb im Kopf so gerne esse. Konnte mich zusammenreißen. Zwei Tage lang. Danach gab´s statt Blumen Pralinen und einen Faustkampf gegen zwei brutale Frauen die sich zufällig kannten und ich natürlich die, den ich – natürlich – verloren habe. Bevor ich ran konnte. Mein Vater sagt, ich würde auch gegen Grillen beim Boxen verlieren und gegen Klopse. Kein Problem sag ich, kein Problem, wo wachsen die?

Die fünfte, beinahe ein Jahr lag dazwischen, weil ich so lange so litt, Liebe, die wurd´ freilich auch nichts. Ich hab ihr einen Brief von Herzen kommend geschrieben, der durch die Schule ging wie Freikarten für ein Konzert von Madonna, oder ähnlich, vielleicht auch nicht, nicht ganz so gut, nicht wie im Vorverkauf, aber halb so. Oder ähnlich. Jedenfalls seh ich sie und warte und ich hab ihr mein Herz ausgeschüttet drin und warte, zwei Tage hab ich gewartet, am dritten Tage seh ich sie und wie sie gelacht hat über mich, den Brief, meine soziale Herkunft und dementsprechende Finanzmittelsituation, dass hat mir mein Herz gebrochen.

Am vierten Tage getröstet mit Philip Bailey und Phil Collins und deren Hit „Easy Lover“ (remastered edit auf youtube und für noch mal zwei Tage).

Am dritten Tage in eine Schwulenbar.

Der Sechste (Liebe oder bloß geil?): Mit einem Rainer, der mir mit dem aus dem Knast verdächtig ähnlich schien nach Hause und rumgeknutscht. Bevor er mir an die Hoden und damit in seinen Mund konnte, stand die Polizei vor der Tür, es war tatsächlich der Rainer von vordem. Er hatte illegal importierte Taschenlampenpärchen verkauft, die zusammen keine Kinder kriegen wollten.

Am dritten Tag danach fahr ich nach Berlin.

In Berlin, einer Jungenherberge. Mit der Siebten (liebesähnlich) hats dann endlich funktioniert, wurde auch Zeit. Ihr Freund war Polizist und grad nicht anwesend und sie wollte es dringend und anhaltend und hat mich so gut instruiert, auch emphatisch-körperlich, dass ich über mehrere Stunden und zwei Tage danach nichts mehr zwischen meinen Beinen fühlen konnte, auch meine Zehen nicht. Heute beschreibe ich die Situation reflexiv als professionell, aber interessant und durchaus umfassend befriedigend – Note: Sehr gut.

So habe ich meine Unschuld verloren, wo die anwesenden anderen elf Mädchen im Zimmer für uns Liebende kein Hindernis darstellten.

Eine Beziehung ist draus aber nicht geworden, denn der Freund der A. war ja noch da und zwar bewaffnet.

Aus diesen Erfahrungen zog ich den Schluss.

Drei Tage später.

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Der endültige Titel steht fest: Polis

Verfasst von michaelbolz am Februar 1, 2009

Nun ist es soweit, der Roman begibt sich in die Endphase und hat seinen Arbeitstitel weit von sich geworfen.

Der Titel des kommenden Berlin-Romans wird sein „Polis“ – das Thema: die griechischen Götter, Helden und Sagengestalten leben unter uns! Hier ein weiteres Appetithäppchen. Bis bald!

Demeter bürstet ihr Haar und findet sich einmal mehr hässlicher als zehn Sack Weizen. Dareios findet kaum tröstende Worte und im Grunde will er Demeter, seine Frau, auch nicht trösten. Dareios ist beleidigt. All die Jahrzehnte war er Demeter gefolgt, hatte sie unterstützt, getragen und geschwitzt, hatte sogar seiner Habilitation entsagt, nur damit Demi auf der Agora Basileus spielen kann, die Königin. Jetzt sieht Dareios Demeter häufiger im Fernsehen, als unter der heimischen Dusche, wobei dieser spezielle Reiz über die Jahrzehnte freilich Schimmel angesetzt hat. Doch Dareios liebt seine Demi irgendwo in seinem schmalen Herzen, aber die Demi will Agora-Queen sein. Und sie hat es geschafft.

Gerade fällt die Tür ins Schloss und reißt Dareios aus seinen trübsinnigen Gedanken. Wieder einmal hat sie vergessen, sich zu verabschieden. Am Fenster stehend, sieht er unten Demeter umständlich in die Limousine klettern, heute gibt es Staatsbesuch aus Makedonien und ein Interview, Demeter ist völlig vorausgelastet. Dareios macht sich an den Abwasch. „Scheints, als wäre immer wenigstens einer die Frau“, raunzt er müde in die Küche.

Demeter im Interview: „Liebe Frau Demeter! Wenn ich darf, würde ich gleich mit der ersten Frage beginnen.“

„Gernt.“

„Wie?“

„Los!“

„Frau Demeter, was waren in ihrer Kindheit die schönsten Erlebnisse?“

„Na, ich gehöre zu der Filiation, die das Ende des Sozialismus in der DDR und anschließend die deutsche Einheit mit ihren unglaubwürdigen Umwälzungen erleben musste. Äh, durfte, sollen. Habe! Es gibt das Gute! Das war mir belegt damit. Und jetzt diese Krise! Es gibt das Schlimme.“

„Schlimm also! Was tun?“

„Ja, was tun! Wir müssen in einem großen und vor allem national-protektionistischem Kraftakt einer weltweiten Rezession entgegnen und die Folgen für unsere Partei und unsere Geldbäutel eindemmen. Diesem Krampfakt gehe ich mit aller Nachfolge ein. Durch. Um.“

„Glauben Sie, sie können das? Im Ernst, meine ich?“

„Natürlich nicht. Wir werden uns zurückziehen, und warten ab, dass die akute Notlage das Folg in seinem Bestand soweit dezimiert hat, dass wirs nit mehr brauchen, oder wenn doch, dann nicht.“

„Soso!“

„Jaja!“

„Diese Woche sind die Athener ja Banker geworden…“

„Ich alleine!“

„Gut, sie also. Und zwar bei der Cometzbank und auch bei der Tröstnerbank. Kann es die Polis besser als rücksichtslos-sozialdarwinistische Banker?“

„Ich schon.“

„Wie stehen Sie zum Vorschlag eines 100 Milliarden schweren Deutschlandfondues zur Rettung ausländischer Unternehmen im Inland?“

„Ich werde mit meinem Paket Interventionen in Bildung und Infrastruktur beschließen, vergessere die Regelung zum Kurzarbeitergeld, um Entlassungswellen vorerst abzuschwächen, und wir schaffen einen Font, um an sich gesunden Unternehmen mit Steuergeldern zu helfen. Das ist eine Brücke, wie es mein Lieblingsphilosoph, Pierre Pascal, einmal ausgedrückt zu haben pflägte, in die Zeit, in der es wiederr aufwärts geht! Aufwärts! Vorwärts! In eine Zeit, wo Firmen und Banken wieder normal im Geldregen duschen, wo der zutiefst demokratische Kapitalismus funktioniert ohne den Staat und ich schon lange Königin bin! Dafür im Übrigens sind die 100 Mille Frischgeld nötig, wobei es sich vor allem um die Einnahmen der Ausgaben der Armen handelt. Und deren Erspartes.“

„Frau Demeter, ihr Ausschnitt ist heute wieder köstlich!“

„Ist das eine Fangfrage, oder soll ich jetzt rot werden?“

„Ganz wie sie wollen, doch bevor es an dieser Stelle weitergeht, verliebte Zuhörer, kurz Werbung vom Olymp! Bis gleich!“

Demeter winkt und lächelt.

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Henning killt und killt – ein weiterer Teil

Verfasst von michaelbolz am November 30, 2008

Heinz in der Küche. Auf einem Stück Zewa entwickelt er eine Strategie, das Monstrum im Nebenzimmer auszuschalten, zu vergewaltigen, um dann mit ihr zu schlafen. Moment, denkt Heinz und nimmt die ersten Streichungen vor. Der Pott auf dem Gasherd gluckst fröhlich, plötzlich steht Berta in der Tür.

„Fertig“, sagt sie und deutet auf das kochende Wasser.

„Tee!“ Imperativ.

„Nee, Heinz“, entfleucht es spontan dem Heinz.

„Ich weiß“, prügelt Berta auf ihn ein, „Tassen?“

Heinz zeigt auf das Regal.

„Eine Schwarze oder eine Blaue?“

Heinz zuckt die Schultern, Berta ergreift eine schwarze und eine hellgelbe Tasse, prüft den Boden auf Staub, geht an die Spüle und wäscht die Tassen aus.

„Der Tee?“

Heinz zeigt auf den Tisch. Berta reißt die Beutel hoch, stopft sie in die Tassen, geht zum Herd und kippt das Wasser drüber.

„Komm!“

Heinz stößt sich beim hochschnellen die Minisken. Beide.

„Licht aus!“

Berta sitzt schon wieder.

Sie ist Friseuse aus Leidenschaft.

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Henning killt den Kapitalismus (Teil 1)

Verfasst von michaelbolz am Oktober 24, 2008

Wenn morgens um acht der Wecker geht, und Henning, der bereits seit halb sechs mit dem Vorschlaghammer im Anschlag auf die Klingelattacke wartend, dem Weckruf durch einen ordentlichen Bums ein Ende bereitet, fühlt er sich richtig gut und wach. Dann döst Henning noch eine halbe Stunde, oder schläft gar wieder ein. Henning ist Student, aber das nur am Rande. Wenn er dann richtig wach ist und unter der Bettdecke heraus für die Nachbarn deutlich hörbar grimmige Elvis-Interpretationen schummern, dauert es nur noch Minuten, manchmal bis zu einer Stunde, bis Henning es dann schafft, sich aufzuraffen. Henning ist Student, so nebenbei.

Dann sitzt er auf der Bettkante, krault sich die Hoden (alle Drei!) und sucht irgendwas auf seinem Oberschenkel, was genau, weiß er nur im Vollrausch, aber der war gestern. Frühstück! Leider bringt ihm das keiner bzw. keine, so sehr Henning auch ruft und weint, er vermutet, das liegt daran, dass er allein lebt. Also schwingt er sich hoch, dehnt sich, macht für fünfzehn Minuten Joga, das aussieht wie Karate im Kopfstand und unter Wasser. Er brauche das, sagt Henning, wen ihn wer fragt, aber wer fragt ihn schon morgens um acht oder 14 Uhr, wenn er gerade aus dem Bett kommt. Henning ist Student, in China ist es gerade zwölf Uhr siebenundvierzig.

Im Bad sitzt Henning just auf der Schüssel und spielt am Pipi. Ihm gegenüber hängt an der Wand ein Spiegel. Henning findet sich hübsch und behauptet das auch gerne, schließlich hat er sich lieb. Er wischt sich den Hintern ab und beguckt seinen Bauch, der könnte ein wenig weniger vorstehen, im Profil, da ist sich Henning am liebsten und der Bauch, egal wie klein, noch viel zu groß. Dann sieht er sich nochmal genau an, sein Spiegelbild, winkt ab und denkt sich, dass Eitelkeit was ist für Mädchen und Artischocken. Henning ißt gern Fleisch, dazwischen ist er Student.

Er schlüpft in den Schlüpfer, jagt in sein Hemd, schnellt in die Hose, hetzt in die Socken, rast in die Schuhe. Fertig. Immer noch kein Frühstück, es klingelt auch niemand bzw. niemande. Henning steht auf Gender, vor allem in weiblicher Hinsicht. Henning macht es sich selbst. Das Frühstück. Weil er alleine lebt. Wie soll er auch eine Familie gründen, mit knapp 600 Euro Bafög? Nein, sagt Henning mehr zu sich selbst, weil grad keine da ist, nein, da muss ich erst mich habitualisieren. Habet! Moneten! Dann Frau und Zimmer und Kind. Henning pflegt in seiner Freizeit krebskranke Palästinenserinnen, die von ihren Männern verlassen wurden und ist Student. Manchmal.

Er blickt auf den Stundenplan. Er blickt aus dem Fenster. Gerard, der Halbfranzose von Gegenüber, der in Wirklichkeit Max heißt und Hartz IV verdient, schüttelt seinen Besen aus. Dem Fenster. Unten ist grad die Müllabfuhr gekommen, da war Max, wie es aussieht, aus dem Bette geeilt und tut, als würd er putzen, nur damit er mitbekommen kann, was die Müllmänner mit dem Müll machen. Tun. Eine dringende Frage, findet Henning und blickt zurück auf den Stundenplan. Dann wieder aus dem Fenster. Maxens Haar ist verwuschelt und so schaut man doch nicht hinaus. Dazu der Bauch, der lange und breite, denn Max ist halbnackt. Henning nagelt seine Augen am Stundenplan fest. Nicht, nichts kann ihn davon mehr ablenken, denkt er, als er aus dem Fenster glotzt. Max hat einen behaarten Bauch und beginnt den Müllmännern irgend etwas zuzurufen. Dann grüßt er Henning. Henning grüßt zurück, schließlich ist er Student.

So sieht ein Frühstück aus: Brot, daumendick bestrichen mit Sonnenblumenmargarine, insgesamt zwischen zwei, drei oder sechs Scheiben. Das mache ich von der Laune abhängig, sagt Henning, die Wand nickt dankbar, sonst ist sie ja allein und hat niemanden, der mit ihr spricht. Und dann geht es um die Wurst. Leberwurst, Jagdwurst – überwiegend – und darauf einen feinen Strich Sempf (eine Wortschöpfung Hennings, er interessiert sich für Sprachen, studiert Philosophie). Was die da an Wörtern erfunden haben und wofür! Jetzt dankt auch der Kühlschrank. Daneben der Wurst gibt es Käse, meist Gouda oder was anderes mit Beta Carotin. Lecker, denkt Henning, zieht das Faß Apfelschmaus aus dem Kühlfach, öffnet, riecht, schnuppert, fächelt, leckt sich die Lippen, steckt das Messer hinein und nimmt eine Probe. Oder besser doch nicht, sagt Henning und packt das Glas wieder ein. Henning ist manchmal unentschlossen, aber nur, weil er Studen ist.

Fertig. Henning putzt sich die Zähne, dabei singt er, diesmal was von den White Stripes und auch nur, weil die eine Schlagzeugerin haben. Henning mag Frauen in Bands und Bauchtanz. Das Geschirr in der Anrichte blickt ihm anklagend entgegen. Bald, meint Henning beschwichtigend, bald. Und er meint es auch so. In der Küche ist Henning ungern und selten, nur wenn er kocht, dann mag er die Küche und die Küche mag dann ihn auch. Jetzt aber besser schnell weg! In den Flur. Schuhe stehen da, Jacken hängen, Bilder, eine chinesische Lampe in Rot, die macht, dass es hier abends aussieht wie aus einem Pufffenster heraus oder einem Grill. Henning überlegt, im Flur stehend überlegt er, doch nie zu lange. Und manchmal kommen mir da die seltsamsten Sachen, meint Henning und meint damit den Anruf gestern, Mama. Er hatte sich erst mit falschem Namen gemeldet, gesagt, hier wäre das Forstamt, aber sie war nicht darauf reingefallen. Daraufhin hatte er die Täuschung zugegeben und getan, als hätte sie es nicht bemerkt. Die Mama findet Henning seltsam, schiebt das aber gutmeinend auf das Studium. Bei soviel Wissen, erzählt sie Frau Klamuse, da muss man ja doof werden. Und blöd. Die Klamuse nickt und denkt dabei an ihren Mann. Der Mann arbeitet noch bei Volvo, wie es aussieht, wird es jedoch zukünftig spannend. Das Wort, zükünftig, hätte sie von Henning, ihrem Sohn, dem, der studiert. Und irgendwie wäre sie doch stolz auf ihn. Und dann weint sie, weil der Junge soweit fort ist, weg aus Jerusalem (im Allgäu), hin „ins“ Berlin. Warum erzählst du mir das, fragte Henning dann die Mama, ich kenne den Mann der Klamuse gar nicht. Na, sagte sie eher sporadisch als frei, weil du dir irgendwann auch überlegen musst, was du tun willst mit deinem Leben. Henning verstand Leber, sein Zweitfach ist, er ist Student, Geschichte.

(c) 2008 Michael Bolz

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waldspaziergang

Verfasst von michaelbolz am Oktober 11, 2008

Verehrtes Publikum!

Im Grunde geschehen lebenslang nur Missverständnisse und wir nennen es Kommunikation. Worunter leiden wir mehr? Darunter dass wir das nicht anerkennen wollen? Oder darunter, dass es gar nicht stimmt? Müssten wir uns nicht einfach nur a bisserl mehr zuhören?

Der folgende Dialog ist ein Schnappschuss, ich habe im Grunewald Menschen miteinander umgehen hören und was Sie in Folge hier lesen, ist – ungelogen!!! – die absolute Wahrheit, das, was meine Erinnerung mir von Wahrheit ständig einsagt. Es unterhalten sich also zwei Personen, die gemeinsam spazieren.

„Im Grunde ist doch ganz einfach. Siehst du die Tanne da?“

„Nein.“

„Himmel! Wir stehen im Wald!“

„Du vergisst, dass ich blind bin.“

„Oh! Natürlich.“

„…“

„Na, eine Tanne ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kieferngewächse…“

„Ich weiß, was eine Tanne ist.“

„Tannen essen nicht. Nicht in dem Sinn wie wir es etwa tun.“

„Verarschst du mich weil ich blind bin? Ist es das?“

„Wäre mir überhaupt nicht aufgefallen. Nein. Du bist wirklich blind?“

„Seit meiner Geburt.“

„Und? Wie ist das so?“

„Im Moment ziemlich düster.“

„Glaubst du, Humor ist was Genetisches?“

„Das glaube ich nicht.“

„Da! Eine Schleiereule! Oh…“

„Macht nichts.“

„Wie war es für dich in der Schule? Da stößt man doch überall an. Da stehen Tische, Stühle. Hat sich wer darum gekümmert?“

„Am Anfang war es schwer. Aber als meine Mutter zu klagen begann, klebten sie Kissen an die Kanten der Stühle und räumten die Sachen vor mir aus dem Weg, damit ich nicht darüber fiele.“

„Im Ernst?“

„Im Frühjahr.“

„An welcher Schule warst du?“

„Das willst du gar nicht wissen.“

„Ich gebe mir Mühe.“

„Wozu?“

„Erzähl mehr von den Kiefern.“

„Tannen.“

„Blühen sie jetzt? Es duftet.“

„Dass ist das Harz. Da, an der Rinde. Siehst du?“

„Nicht wirklich.“

„Dann bist du also wirklich blind.“

„Wie man´s nimmt.“

„Sieht aus wie Honig.“

„Was?“

„Das Harz. Warte…hier.“

„Was?“

„Deine Hand. Arm ausstrecken, Hand öffnen, da!“

„Fühlt sich an wie die Nippel meiner Frau.“

„Stimmt.“

„Was machen wir jetzt?“

„Ich würde sagen, wir nehmen diesen Weg. Wirkt freundlicher.“

„Ein paar der Kerle in der Schule haben mir immer heimlich was in den Weg gestellt. Dann bin gestolpert und gefallen. Seither trage ich keine Brille mehr. Die ging dabei ständig kaputt.“

„Aber du bist doch…“

„Ich bin eitel. Mutter sagte, die Brille stünde mir.“

„War sie Kommunistin?“

„Ungern. Ich musste auch Kleider tragen.“

„Kleider?“

„Und die Echthaarperücke meiner Großmutter. Der Rektor reklamierte es zwar, aber Mutter konnte ziemlich rustikal sein.“

„Herrlich!“

„Ich habe Mutter, glaube ich, nie richtig verstanden.“

„Die Sonne geht gleich unter. Wir sollten hier rasten, nachts sehen wir die Hand nicht vor der Nase.“

„Du machst das mit Absicht.“

„Ich habe Heuschnupfen. Es hat angefangen, da war ich etwa sechzehn.“

„Bist du gestillt worden?“

„Ja, Vater sagte immer: jetzt halt endlich die Schnauze.“

„Ich habe mir oft überlegt wie ich auf Frauen wirke.“

„Das ist doch lächerlich!“

„Darf ich etwa nicht normal sein? Ich wollte immer sein wie die anderen auch. Wollte tanzen, singen, malen. Ich wollte eigentlich Architekt werden.“

„Und? Warum bist du es nicht?“

„Habe den Zeichentest nicht bestanden.“

„Ich denke, du bist talentiert.“

„Denkst du?“

„Manchmal. Hier, hier ist ein guter Platz. Lass uns bleiben.“

„Woher soll ich wissen, dass das ein guter Platz ist?“

„Vertrau mir.“

„…“

„Was soll das heißen?“

„Was?“

„Dein Schweigen!“

„Schweigen genügt.“

„Ich war in einem Weizenfeld und meine Augen wurden ganz dick. Ab da konnte ich für die nächsten zehn Jahre im Sommer nicht mehr hinaus, ohne eine Taucherbrille aufsetzen zu müssen.“

„Lass mich dein Gesicht berühren.“

„Ich bin unrasiert.“

„Das sehe ich.“

„Du bist blind!“

„Erwischt!“

„Ich denke, es lag daran, dass ich nicht gestillt worden bin.“

„Das ist doch die schönste Zeit im Leben.“

„Sich mit dem Kopf in die Euter drücken und ohne Unterlass der Mutter Lust bereiten.“

„Hat sie es genossen?“

„Dem Stöhnen nach.“

„Sie haben viel über mich gelacht. Der Kleider und der Perücke wegen. Ich hatte es nicht leicht.“

„Wer hat das schon?“

„Dazu bin ich blind.“

„Na und?“

„Wenn ich mir eine Pizza bestelle, weiß ich nie, was wirklich drauf ist.“

„Dann ging ich zu einem Homöopathen und der hat mich getestet. Ich bin gegen alles allergisch, außer gegen Katzenhaare und Hausstaub.“

„Glückskind.“

„Sei nicht so.“

„Lass mich dein Gesicht berühren.“

„Was hast du nur mit meinem Gesicht? Ich bin doch schon 37!“

„Das wusste ich nicht.“

„Wie auch?“

„Intuition. Blinde sehen mehr mit den Ohren als manche denken.“

„Ich hatte es immer leicht.“

„Vielleicht bist du einfach kräftig.“

„Nicht schlecht.“

„Ich schlief viel in der Waschküche. Das Geräusch der Maschine beruhigte mich.“

„Und jetzt?“

„Es ist nicht einfach. Meine Frau mag keine Waschmaschinen im Bett und ein Toaster wäscht so schlecht.“

„Verständlich.“

„Ist es schon Nacht?“

„Völlige.“

„Ich höre ein Fahrzeug. Es ist ein, glaube ich, nein…“

„Hätte mich auch gewundert.“

„Man kann es doch schließlich versuchen.“

„Dann wurde ich über zwei Jahre therapiert. Was mich das gekostet hat.“

„Und?“

„Zwei Beziehungen in zwei Jahren.“

„Aber jetzt geht es dir besser.“

„Gern.“

„Für den Weg in die Schule brauchte ich einen Führer. Der half mir die Treppen hoch, die hätte ich alleine nicht gefunden.“

„Was es eine Frau?“

„Leider nicht. Es ist schön, sich an Frauen zu halten. Sie führen gern und du drängst sie heimlich in die passende Richtung.“

„Da! Ein Fuchs!“

„Und wenn es die Franz-Josef wäre.“

„Sein Tod hat mir schwer zu schaffen gemacht.“

„Der Führer hat mein Brot gegessen und mir gedroht, dass er mich vergewaltigen würde, wenn ich es Mutter sage.“

„Eine Bestie!“

„Wo?“

„Der Führer.“

„Ist es schon Morgen?“

„Sehr.“

„Die Therapie hat angeschlagen. Seither gehe ich in den Wald.“

„Und die Lehrerin gab mir immer eine Fünf oder schlimmer. Ich wollte, dass sie mir die Rechtschreibfehler zeigt.“

„Der Mensch entfremdet sich sich.“

„Da hat sie mich ausgelacht.“

„Der Mensch ist verloren.“

„Hat mir eine Ohrfeige gegeben.“

„Der Mensch ist ein scheußlich´ Tier.“

„Ich habe es nicht kommen sehen.“

„Der Mensch ist roh.“

„Aber die Tränen! Himmel, ich konnte heulen!“

„Der Mensch ist verletzlich.“

„Und die Klasse lachte, ich spürte die Perücke rutschen.“

„Der Mensch ist allein.“

„Dann habe ich Goethe zu rezitieren begonnen.“

„Der Mensch ist Gesellschaft.“

„Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen“

„Der Mensch ist sich Leid.“

„Ihr durchstudiert die groß´ und kleine Welt“

„Der Mensch sitzt im Wald, kaum einen Schritt vor der Höhle.“

„Um es am Ende gehen zu lassen“

„Der Mensch ist ein Buch aus Fleisch und Blut und Sehnen; Knochen!“

„Ganz wie es Gott gefällt“

„Der Mensch tötet seine Kinder.“

„Vergeblich, dass ihr ringsum wissenschaftlich schweift“

„Der Mensch hat sich vergessen.“

„Ein jeder lernt nur, was er lernen kann“

„Der Mensch ringt zu den Sternen.“

„Doch wer den Augenblick begreift“

„Das sei der rechte Mann.“

„Ich bin ein Zauberlehrling.“

„Und ich mag recht böse sein.“

„Ist es schon Samstag?“

„Ganz fest!“

„Wissen sie, eigentlich ist es im Grunde doch ganz einfach: weniger Narzissmus!“

„Wieso „siezen“ wir uns jetzt?“

„Ich spreche nicht mit dir.“

„Gar nicht nett.“

2ter Oktober 2008 © Michael Bolz

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warum ein Hund vier Beine hat

Verfasst von michaelbolz am September 27, 2008

Susanne sitzt in der Diskussion. Ganz hinten sitzt sie, den zweiten Platz in der letzten Reihe von links hat sie sich ausgesucht. Die Tasche mit ihren tollen Frauensachen drin parkte direkt neben ihr, damit den äußersten Stuhl keiner okkupieren könnte, der ihr den hindernisfreien Fluchtweg aus der Veranstaltung sichern soll. Sie schwitzt leicht, es ist ihr unangenehm und sie wackelt mit dem Kopf, während um sie herum ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird. Konsens – wie grässlich!

Den Tag über war Susanne angespannt, das Thema der Runde interessierte sie jedoch brennend. „Erosion der Zivilgesellschaft“ – das klang ähnlich spannend wie „Himbeeren mit Spülmittel doch geniesbar machen“ oder „Warum ein Hund vier Beine hat und Autos niemals pupsen“.

Die Entscheidung sich diese Diskussion anhören zu wollen, war nicht einfach gefallen wie der berühmte Groschen oder Denar oder die Mauern von Jericho. Susannchen hatte sich informiert, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte Folgendes herausgefunden: Da wollten sich Bürgerliche treffen und diskutieren! Wie Sternschnuppen fiel ihr die Geschichte der Menschheit herab vor die Augen vom Himmel der Erinnerungen – die Bürger, die Bürgerlichen, die vielleicht eher konservativen Konservendosen; die Sparte der Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses und des Superlativs und der „Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra“ Ethik. „Herr!“, hatte Susanne laut ausgerufen, „Ist heute nicht Waschtag?“ Doch der Herr war ruhig geblieben.

Susili hatte sich also schweren Herzens entschieden hinzugehen. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter erschienen ihr dem Anlass zu entsprechen. „Bürgerliche!“, rief sie immer wieder laut in die Wohnung, die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: „Die Zeit! Die Zeit!“; beinahe hätte Susanne sie verschlafen.

Der Saal war gedämpft gefüllt, wäre er ein Nudelsieb wäre es viertelvoll gewesen. Es gab nichts zu trinken, nur Bücher der Baldvortragenden zu kaufen, jedes für mindestens 20 Euro. „Max Liebermann!“, rief Susanne in Gedanken, „Du Zeichner der schönen Strände und Idyllen!“. Sie nahm platz auf einem Stuhl, weiter oben haben wir schon berichtet, wo, staffierte sich angenehm, zupfte das Kostüm an den Schultern zurecht und wartete.

Nach und nach kamen doch Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die saßen dann, nachdem sie gehend kamen und später dann gehend gingen. „Kann der seinen Kopf nicht schneiden?“, fragte Susannchen, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Sicht auf die Komplexität der Bühne versperrte. Der Mann lächelte heimlich.

Eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, traten dann die Aktionäre doch noch in Aktion. Einer hieß Mak und einer hieß Cosic, einer war Niederländer, einer was Koratisches. Keiner konnte richtig Deutsch. Dem Cosic sah man das gleich an, denn der hatte eine Translatorin im Gepäck. Die ließ er aber nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner ernst, seit die den Theo hinrichten ließen; da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Dann ging es an, der Moderator glänzte, die Brille glänzte, überhaupt schien er ganz und gar fettich. „Zitate!“, rief Susannili aus, gedanklich freilich, sonst wäre sie als Verbalterroristin entfernt worden, „Zitate!“ Die konnte dieser Wilfried F. Schoeller, man merkte, er war gebildet, der Moderator. Und Bürgerlicher. Erst nahm er jenem das Wort, dann diesem und wie er lenkte, merkte man, typisch deutsch: der ist der Führer. Die Schriftsteller erzählten also, sofern Schoeller sie ließ und er ließ sie oft und gern, was sie so von der restlichen, geistigen Welt hielten. „Oje!“, dachte Susanne, „Oje!“ Wegen dem Deutsch.

Der Mak war toll. Und viel gereist. Über Grenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig. Kaum eigentlich, aber bemüht. Dann antwortete nach Überleitung Schoellers Cosic. „Haha!“, lachte Susanne, „Haha!“ Gutes Deutsch. Die Translatorin. Ließ sie aber nicht ausreden. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Ist sein Verbalkonter ihm selber schnurz? Sprach von Popeye und dann der kroatisch-deutsche Hammer: „Das Bürgertum verschwindet. Ich seh´s nicht mehr!“ Allgemein wurde jetzt viel geweint und sich gegenseitig getröstet. Und wie Bürgerliche so sind, kamen sie schnell darüber hinweg. Dazu gab es eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Herr Schoeller hatte nämlich gleich für den Selbstschwund eine Ursache parat, dass er mit einem Zitat einleitete: „Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet) Die Jugendlichen sind vielleicht was dumm! Nix wissens von Geschichte! Werteverfall! 1870/71! Universaler Imperativ! Moral! Ethik! Das ist für die wie für uns den Brecht zu ignorieren, aber wenigstens wissen wir, wie man Brecht schreibt!“ Tosender Applaus! Die Schnupftücher wurden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgerollt. Die Version von dem Bild Altdorfers. „Wie gemein!“, dachte Susanne, aber vorsichtig, „Wie gemein!“

Und so verging der Abend seinen Hörern, die sichtlich erfreut darüber waren von den Schriftstellern und dem Zitator zu hören, dass alles nach ihnen dumm war, denn damit kann man ruhig sterben. Und lachen und klatschen! Denn das war das schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Bürgerliche; um Susanne herum wurde ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt.“Ja, die Dummen!“, dachte sich Susanne, meinte aber wen ganz anderes als die im Saal. „Süße Doppeldeutigkeit!“

Dann durfte noch gefragt werden. Einer fragte, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte, eine andere, ob der Herr Cosic noch „solo“ wäre, wie sie sich umständlich ausdrückte. „Und das mit 70!“, stöhnte Susannchen innerlich, „Mit 70!“ Dann kamen so schlaue Fragen, wie: „Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?“ oder „Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?“ Susanne erhob sich schließlich, entriss der 70gerin das Mikrofon und fragte: „Wie wäre es mit Sinn?“ Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Schoeller fragte: „Was meinen Sie mit Sinn?“ „Das frage ich Sie“, antwortete Susanne, „Mir geht hier nämlich der Sinn ab!“, rief sie denn, und sah, dass alle sie für dumm hielten. Die Übersetzerin suchte nach dem kroatischen Pendant für Sinn. Der Mak lächelte vollkommen niederländisch. Der Schoeller suchte gebildet ein geeignetes Gegenzitat.

Wieder Zuhaus entwickelte sich Susannchen-Schnuffi. „Ein voller Erfolg!“, rief sie in die Wohnung, die Möbel wunderten sich, „Ein voller Erfolg!“

Wie immer, stellte jemand Sinnfragen in öffentlichen Runden, hatte es ein Tohuwabohu-Tamtam-Di-Di gegeben, bis beinahe zur völligen Raserei der bürgerlichen Selbstdarsteller. „Und dabei scheißen die sich genauso in die Hosen wie die Dummen. Schön dumm!“, rief Susanne-Maledjewna-Pur-Prostata gänzlich unzivilisiert in den Raum und die Zeit hinaus.

Später, jedoch nicht viel später.

Susannelilalulalei-di-dumdeldei stand mit ihrer Zigarette am Fenster und schmauchte den Rauch in die Luft, es war schon ziemlich kühl, der Herbst meldete sich, die Blätter am Boden faulten. Feucht war es auch. Da ging doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hatte nur drei Beine und hüpfte mehr als dass er lief. „Also doch!“, rief Susanne und eilte nach draußen, den Hund zu fotografieren, „Also doch!“

Tatsächlich gibt es auch Hunde mit nur drei Beinen! Die mögen wir im Allgemeinen aber weniger.

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Zwüffelspitz

Verfasst von michaelbolz am September 14, 2008

Hier ein Stück ordinärer Literatur darüber, was in einem Café vofallen kann, ich wünsche gute Unterhaltung.

Zwüffelspitz
Herr B. verweilt bei einem guten Buch seitlich des Café unter einem Baum. Der
Baum ist Eigentum des Café, der Tisch darunter ebenso, es nieseltregnet, es ist
18 Uhr 37, Herr F. erscheint.
„Ah! Guten Abend, ich dachte ja nicht, noch wen hier zu sehen“, sagt F. und
setzte sich.
Herr B., mental noch mittendrin im Text: „Soso, guten Abend auch, na setzen
Sie sich.“
F. sitzt lange schon, sucht die Bedienerin mit Händen und Füßen.
B.: „Wenn Sie hier herumzappeln wie eine Holzpuppe wird es auch nicht besser.
Haben’s Geduld, ich seh Sie schon.“
Er legt das Buch zur Seite, die Kellnerin fliegt heran, ein hübsches Frauenzimmer
irgendwas zwischen 25 und 55 Jahren mit tiefladenden Augen und schweren
Säcken drumherum; mit bemalten, fleischigen Lippen die aussehen wie
Cabanossi und einem Dialekt zum Fürchten.
Zu F.: „Sie wünschen? Oder habens keine Wünsche mehr? So wie Sie aussehen!
Ha!“ Sie zwinkert.
B.: „Ts Ts!“ F. Fassungs- und wortlos.
Sie: „Nun aber! Die Herren haben keinen Humor? Tja, auf der Karte finden’s
den auch nicht – ausverkauft. Also, wissen’s schon, was wollen?“
F.: „Dazu müsst ich zuerst die Karte gesehen haben, also her damit! Und noch
ein Ton in diesem Ton, dann werd ich zum Beschwerdegänger und such den
Dominus auf!“
Sie flitzt.
F.: „Hat man so was schon gesehen? Eine Unverschämtheit! Das liegt an der
Zeit sage ich, jetzt werden auch die Armen frech, wenn´s unsereins nicht besser
geht als denen!“
B., nichtrauchend: „Gesehen? Täglich. Tjaja, die verdient mit ihrem SechsEuro-
Job und dem Trinkgeld monatlich soviel wie ich im Amt, naja, beinahe, aber
eine Frechheit ist das schon – still!“
Die Kellnerin drischt F. die Karte auf den Tisch.
Sie: „Da war ne Fliege! Nicht dass sie sagen, hier gäb’s Fliegen und ich wär
schuld. So, also ich warte. Das Tagesangebot kann ich nicht empfehlen und über
ihre Gemeinheit von grade habe ich nachgedacht. Dann gehen’s doch zum
Chef, soll der mich feuern! Aber das wird er nicht, denn gute Bedienerinnen
sind selten und ich bin so eine Seltenheit! Mindestens 40% vom Umsatz am
Nachmittag mach ich ihm an 9 Tagen die Woche und dass ich unfreundlich
wär’ hat sich auch noch keiner sagen trauen.“
B.: „Sie sagen es! Trauen!“
Sie: „Wie? Warum geb´ ich mich überhaupt ab mit Ihnen? Beamte die tun wie
Weltmänner! Aber Weltmänner sind sie keine, die kenne ich nämlich, einen sogar
persönlich, sie mit dem vergleichen ist wie, wie…“ Sie ringt nach Worten
und wird dabei ganz erotisch.
F. studiert die Karte, findet aber nicht was er will.
F.: „Seit ich in Italien war, so schön wie in den Sechzigern, nach wie vor mein
ich, trinke ich nur noch Expresso mit Grappa drinnen!“, zur Bedienerin, „Sehen’s
ich war auch schon außerhalb der Stadt.“
Sie: „So was führen wir nicht! Wär’ ja noch schöner, Sonderwünsche. Verheiratet?“
F. nickt, B. legt den Finger an den Mund als wolle er sagen: „Bloß nicht!“
Sie, erregt: „Soso und dann alleine hier? Und das Heimchen sitzt vorm Fernseha,
wo sie es hier ein wenig ausführrn könnten? Soso? Und sich dann noch beschweren?
Solche kenn ich! Kriegen Zuhause die Klappe nicht auf, aber…“
Während sie fortfährt, liest B. rasch den Artikel zu Ende.
F.: „Was lesen´s denn da?“, zu ihr, „Und Sie hören endlich auf zu schimpfen.
Meine Frau lässt mich raus, wann ich es will, nur damit wir uns verstehen, klar!
Und jetzt los, einfach einen Espresso, den haben sie hier doch und schütten einen
Grappa rein, kapito? Und sehen sie mich nicht so an, man könnte sich fast
fürchten.“
Sie, spöttelnd: „Und wie viel von dem Grappa soll dann rein? Zwei, Vier, Sechs
cl?“
F.: „Zwei natürlich, wofür halten Sie mich?“
B. Fährt sich mit der Hand an den Schädel als wolle er sagen: „So ein Idiot, jetzt
reizt er sie.“
Sie fährt hoch: „Wofür ich Sie halte, Schlawiner, dass wollen Sie doch gar nicht
wissen! Und dann mache ich meine Arbeit und das gefällt Ihnen auch nicht! So
was kenn ich, so was! Niemals kann man es Ihnen Recht machen und sehen Sie
mich nicht so an, nur weil ich bediene, bin ich kein Untermensch, kapito? Sie!
Sie Mittelschicht, Sie! Nur damit Sie es wissen, falls Ihnen die Tagespolitik
beim Arsch hinten vorbei geht, es gibt nur zwei Schichten: Die Obere und die
Untere und alles unterhalb von oben ist unten und oben sind Sie ganz gewiss
nicht. Und für die Zweiteilung kann ich nichts, die ist gottgegeben. So! Und
wie? Also zwei cl, gleich, sofort, ich eile, pronto!“
F. glotzt ihr hinterher und schüttelt den Kopf: „Haben Sie so etwas schon erlebt?
Von wegen!“, schüttelt den Kopf wie einen Birnbaum, „Von wegen!“
B.: „I h r e“, er dehnt das Wort und zeigt der Schürze hinterher, „Theorie ist natürlich
billig, regelrecht banal, aber reden wir was anderes, mir wird schon
ganz dusselig bei all dem fäkalisierten Streitgetue.“
F.: „Ja, was anderes, aber warten Sie, da kommt Sie schon.“
Die Beiden ducken sich in die Schultern. Die Kellnerin knallt F. den Espresso
auf den Tisch, merkwürdigerweise geht nichts daneben. Sie: „Sonst noch einen
Wunsch? Nein? Und Sie? Jeder ein Tässchen bloß was, ha! Sie sind mir schon
Gäste…“, und tritt ab wie ein Blitz.
F. und B. blicken sich an.
B.: „Ist Sie…“
Sie, aus dem Café heraus: „Aber von Inflation nix wissen!“
F. schüttelt den Kopf: „Fast traut man sich nicht mehr fort zugehen. Wissen Sie,
B., dass ist nicht das erste Mal, dass mir dergleichen passiert. Ständig passiert´s!
Die Leute werden scheinbar immer unzufriedener, sogar meine Holde. Einen
Zweitjob tät ich brauchen, meint Sie, damit wir uns den Urlaub noch leisten
können, vielleicht sogar einen Dritten, damit’s auch ja sicher ist. Was sagt man
dazu? Dabei bin ich Beamter!“
B.: „Die Zeiten, mein Lieber, die Zeiten! Tut mir Leid wenn ich das jetzt sagen
muss, aber ich bin regelrecht froh, dass ich nicht verheiratet bin.“
Schweigen.
F. setzt an und wieder ab, fasst sich: „Das war nicht nett jetzt. Ich meine, wer
will schon gern allein sein? Wenn ich Sie ansehe, Sie entschuldigen, aber einen
glücklichen Eindruck machen Sie mir nicht.“
B., der gerade am Espresso nippt, verschluckt sich: „Was heißt jetzt das? Sie
sind wirklich eine unverschämte Matz! Nur weil ich keinen haben will, der mir
daheim auf die Nerven geht und mir sagt, was ich angeblich bräuchte, bin ich
ein schlechter Mensch? Mensch! Mensch Sie! Sie sind ja vollkommen…“
Er sieht F. zucken, dessen Blick erfasst irgendetwas hinter ihm.
Sie: „Meine Herren, wenn sie sich streiten möchten, dann möchte ich sie aufgefordert
haben, das Lokal zu verlassen. Wo wird denn bitte gestritten? Reicht es
den ganzen Tag noch nicht? Streitigkeiten über Streitigkeiten und dann noch über solch
einen Blödsinn! Sie sehen doch, der hält’s nur aus allein weil er sich masturbiert
und Sie halten es aus weil’s die Frau ihnen macht. So. Gut jetzt? Ich warne Sie!
Noch einmal und Sie gehen!“
B. zögert, F. nickt.
B.: „Himmel! Da traut man sich ja gar nicht reden. Finden Sie, wir haben gestritten?
Ich werd’ mich wohl rechtfertigen dürfen, oder? Oder nicht?“
F.: „Jaja, ganz recht. Ich fand ihren Ton zwar etwas, etwas, na…“
B.: „Wie? Mein Ton? Was denn nun?“
F., rasch: „Leise, ich bitte Sie, wir wollen den Abend doch schließlich genießen,
oder nicht?“
B.: „Verzeihung, ich bin nun einmal ein leidenschaftlicher Mensch. Vergessen
wir’s, gut? Wo waren wir?“
F.: „Nicht viel weiter. Da fällt mir ein, ich brauch Arbeit…“
B.: „Können wir aufhören von Arbeit zu reden? Es ist mir nicht danach.“
F.: „Sie kommt!“
B. fällt in sich zusammen.
F.: „War nur ein Scherz! Ha! Jetzt habe ich’s Ihnen aber gezeigt!“
B. springt auf: „Sie wollen es also wissen!“
F.: springt auf: „Ich? Natürlich, Sie etwa nicht? Wo ist jetzt bloß meine Bibel,
damit ich Sie ihnen…“
B.: „Kommen Sie mir nicht so! Ich bin aufgeklärt!“
F.: „Und? Und wenn schon! Beim Odin!“
Sie, scharf wie Natronlauge: „Hinsetzen! Prontosubitoplötzlichnow! Was habe
ich gesagt?“
B. und F. tun als wären sie woanders.
Sie zu B.: „W a s h a b e i c h v o r h i n g e s a g t?“
B. zittert: „Wir sollen nicht streiten.“
Sie: „Gut! Und was war das eben?“
F. von der Seite: „Ein ungarischer Tanz, ich bitte Sie, aber davon verstehen Sie
nichts, oder haben Sie vielleicht ein Abitur?“
B. blickt F. an als wäre er ihm dankbar, einem freiwilligen Selbstmörder aufrichtig
dankbar.
Sie: „Nur dass wir uns verstehen: Leute wie sie, die sind es doch, die machen,
dass es immer abwärts und nicht vorwärts geht; Leute wie sie in allen Positionen,
für die’s ein Abitur braucht, dass kann man aber mittlerweile sogar bei Mc’
Donalds machen. Wozu also, frage ich, wozu die Streiterei? Ist ihnen langweilig,
dann machen sie Sport, huch! Sie können ja nicht verlieren. Für Leute wie
sie hat der Churchill das erfunden „No Sports!“, für die, die nicht verlieren
können. Wissen Sie? Die ganze Welt zockt und keiner kann verlieren und deshalb
geht sie den Bach hinunter, hinunter weil Leute wie sie denken, Leute wie
ich sind blöd, anstatt sich zu solidarisieren. Stattdessen lassen sie sich vor den
Karren einspannen und überlegen, wie viel Arbeit sie sich noch, ach, was sag
ich…“
B. und F. sind gegangen, das Geld liegt auf dem Tisch.
Ein halbes Jahr später.
Herr B. verweilt bei einem guten Buch seitlich des Café unter einem Baum. Der
Baum ist Eigentum des Café, der Tisch darunter ebenso, es duftet nach Frühling,
Abgasen und Sir Irish Moos. Es ist 18 Uhr 37, Herr F. erscheint.
F.: „Ah! Guten Abend, ich dachte ja nicht, noch wen hier zu sehen“, sagt er und
setzte sich.
Herr B., mental noch mittendrin im Text: „Soso, guten Abend auch, na setzen
Sie sich.“
F. sitzt, sucht die Bedienerin mit Händen und Füßen.
B.: „Wenn Sie hier herumzappeln wie eine Holzpuppe wird es auch nicht besser.
Haben’s Geduld, ich seh´ Sie schon.“ Er legt das Buch zur Seite, die Kellnerin
fliegt heran, ein hübsches Frauenzimmer irgendwas zwischen 25 und 55
Jahren mit tiefladenden Augen und schweren Säcken drumherum; mit bemalten,
fleischigen Lippen wie Cabanossi und einem Dialekt zum Fürchten; im
Gegensatz zur vorherigen ist diese blond.
Zu F.: „Sie wünschen? Oder habens keine Wünsche mehr? So wie Sie aussehen!
Ha!“
F., überlegt: „B.? Kommt Ihnen das nicht alles irgendwie bekannt vor?“
B. stutzt, nickt.
Sie: „Der Herr? Erde an Mann? Bitte kommen!“, klopft F’s Kopf, „Klingt hohl.
Haha! Hohl, verstehen’s?“
B. empört sich, springt auf: „Natürlich weiß ich, was hohl ist! Sie sind hohl, Sie
dumme Nuss, Sie! Holen Sie mir sofort und umgehend den Chef, aber gleich,
sonst geh ich ab wie eine Rakete nach Russland! Hopahopa!“
Die Kellnerin äfft ihn abgehend nach: „Hopahopa!“
F.: „War das jetzt nicht ein wenig, sagen wir, ein wenig zu…“
B.: „Und sie halten schön den Mund und wenn der Chef da ist, sagen Sie
nichts, nein, Sie nicken.“
F. nickt, B. lobt: „Sehr gut, sehr schön, F.! Aber sagen Sie, diese ungesunde,
grüngraue Bleiche, wirkt dass nicht übertrieben?“
F. zeigt nach hinter ihm.
Sie (die Kellnerin von vor einem halben Jahr): „Aha! Sie schon wieder!“
B.: „Aber? Wie? Sie? Himmel!“
Sie: „Der wird Ihnen nichts nützen und ich dachte, Sie wären aufgeklärt? Jaja,
in den schwächsten Momenten wir der Mann wieder zum Katholiken. Ab nach
Amerika, Zapfsäulen anbeten! Das hätten Sie nicht gedacht, was? Eine wie ich?
So und nun, das Problem bitteschön, ansonsten wollte ich Sie bitten zu gehen,
wir schließen jetzt.“
B.: „Jetzt, um…?“
Sie, zur Blonden: „Schau Dir den an, will mir sagen, wie ich mein Geschäft…“
F.: „Aber nein, will er nicht, wir wollten nur, wir, aber, hier“, F. wühlt in seinen
Taschen kramt einen Zehn-Euroschein hervor, „Wollte Sie immer einmal schon
eingeladen haben, B., hier also“, zu ihr, „Pax? Und auf Wiedersehen!“
F. zerrt B. am Kragen fort.
Sie hinterher: „Und es wäre mir eine Freude, Sie hier nicht mehr begrüßen zu
dürfen! Das ist nämlich eine Oase des Friedens!“
Die Blonde lacht: „Hopahopa!“

(14ter September © 2008 Michael Bolz)

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„Die Mitteilung“ – 5 Minuten Theater für Jedermann

Verfasst von michaelbolz am August 21, 2008

Handelnde Personen: Peter und Paul, kurz P1 (Peter) und P2 (Paul). Sie befinden sich in einem Zimmer mit zwei Fenstern. Man sieht: es regnet. Es ist überhaupt ein grauer Tag. Peter und Paul kennen sich seit längerem, haben sich aber lange nicht gesehen.

P1: „Es regnet, ich…“

P2: unterbricht „Es tut was? Kann nicht sein…“ (guckt raus)

P1: „Du, ich…“

P2: unterbricht „Mist! Und ich hab keinen Schirm.“

P1: schmollt

P2: „Hast Du zufällig einen? So ein Mist!“

P1: überlegt

P2: „War was?“

P1: „Ich…“

P2: unterbricht „SAUWETTER!“

P1: lauter „Ich…“

P2: unterbricht „Hätte ich das gewusst, ich mein, vorher…“

P1: ruft „Ich weiß was, was Du nicht weißt!“

P2: „Ich weiß. Aber ich weiß es besser.“

P1: provozierend „Ach? Woher denn? Was denn?“

P2: säuselt „Weiß nicht. Sag Du´s mir.“

P1: „Ist aber ein Geheimnis! Ich sagte ja…“

P2: unterbricht „Ich weiß. Du weißt was und so weiter….“

P1: sicher „Und das ist?“

P2: „Mir völlig schnuppe.“

P1: „Mit Dir ist schwer zu reden.“

P2: säuselt „Ich weiß!“

P1: grummelt

P2: pfeift, guckt in die Luft

P1: beobachtet P2 dabei

P2: beobachtet seine Fingernägel

P1: „Nun frag!“

P2: „Nö! Nein und nicht!“

P1: lauter „Mach!“

P2: „Was denn?“

P1: schreit offensichtlich „FRAAAAGEN!“

P2: säuselt „Wozu? Wenn es mich nicht…“

P1: enttäuscht „Was aber ist ein Geheimnis wert, mein ich, wenn niemand….“

P2: unterbricht „…fragt, meinst Du?“

P1: „Ja, also…“

P2: provoziert „Ich wusste es!“

P1: zischt „Duuuuuu……“

P2: „Ich!“

P1: schreit „DUUUUUUUU!“

P2: völlig ruhig „Ja?“

P1: gibt auf „Gut! Es geht also….“

P2: unterbricht „…um deine Schuhe!“

P1: verwirrt „Schuft! Was? Wie?“

P2: „Will raten!“

P1: fragt sich „Du willst…..?“

P2: „Das Hemd, nein! Die Krawatte!“

P1: „Ich…“

P2: unterbricht „Halt! Sag nichts! Ich… - er schnuppert - …ein neues Deodorant?“

P1: vollkommen verwirrt „Was? … äh….“

P2: „Dein Anzug? Neu? Der Haarschnitt? Oder….die Nase? Nein, jetzt….die weiße Stelle am Finger! Dein Ring…“

P1: unterbricht „…ist fort.“

P2: „Wann?“

P1: „Vor drei Wochen. Ich wollte mit Dir…“

P2: unterbricht „Ein Anderer?“

P1: blickt zu Boden „Muss wohl. Ich….“

P2: unterbricht, zwinkert „Oder Eine…?“

P1: wütend „Ach! Hör auf!“

P2: säuselt „Ich wusste es!“

P1: „Ich weiß.“

P2: „Aber Du wolltest es nicht glauben.“

Licht aus. Alle ab. Die Wolken gehen, Sonne kommt.

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Moralsong

Verfasst von michaelbolz am August 16, 2008

Der Moralist sagt was er denkt!

Der Moralist ist schwer gekränkt,

Tut mal nicht wer wie er will – denken.

Der Moralist sagt oft „Ja“ und sagt oft „Amen“,

Trotz alledem und ohn’ Erbarmen

Scheut er sich nicht, tritt er ins Licht, zu sagen was er denkt.

Und denkt, dass jeder denken müsst’

Was er sich denkt, doch er vergisst

Das alte Lied:

Menschsein ist Unterschied!

„Moralischer Imperativ“,

Rat’, wer hat den erfunden?

Es war der Moralist, das Biest,

Der schimpft wenn man am Tische niest,

Denn man verhält sich so und so,

Niesen ist nicht sein Niveau,

Er täte lieber platzen,

Als prustend Essen zu verpatzen.

Und ist das Volk ihm mal zu dumm,

Oder zu arm;

Wie macht mans solchen Leuten recht?

Der Moralist meint was er sagt!

Der Moralist ist stets verzagt,

Tut mal nicht wer wie er will – meinen.

Moral ist ein tausendköpfig’s Vieh,

Was kommt? Genau weiß man es nie,

Und die Moral von der Geschicht,

Moral die gibt es eben nicht.

Moral ist jeweils gut für mich,

Sag ich ein jedem Moralisten,

Dann lachen die und sperr’n mich weg,

Als wenn Sie’s selber besser wüssten.

Der alte Song,

Das ew’ge Lied:

Menschsein ist Unterschied!

(15ter August 2008, (c) Michael Bolz)

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