Verehrtes Publikum!
Im Grunde geschehen lebenslang nur Missverständnisse und wir nennen es Kommunikation. Worunter leiden wir mehr? Darunter dass wir das nicht anerkennen wollen? Oder darunter, dass es gar nicht stimmt? Müssten wir uns nicht einfach nur a bisserl mehr zuhören?
Der folgende Dialog ist ein Schnappschuss, ich habe im Grunewald Menschen miteinander umgehen hören und was Sie in Folge hier lesen, ist – ungelogen!!! – die absolute Wahrheit, das, was meine Erinnerung mir von Wahrheit ständig einsagt. Es unterhalten sich also zwei Personen, die gemeinsam spazieren.
„Im Grunde ist doch ganz einfach. Siehst du die Tanne da?“
„Nein.“
„Himmel! Wir stehen im Wald!“
„Du vergisst, dass ich blind bin.“
„Oh! Natürlich.“
„…“
„Na, eine Tanne ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kieferngewächse…“
„Ich weiß, was eine Tanne ist.“
„Tannen essen nicht. Nicht in dem Sinn wie wir es etwa tun.“
„Verarschst du mich weil ich blind bin? Ist es das?“
„Wäre mir überhaupt nicht aufgefallen. Nein. Du bist wirklich blind?“
„Seit meiner Geburt.“
„Und? Wie ist das so?“
„Im Moment ziemlich düster.“
„Glaubst du, Humor ist was Genetisches?“
„Das glaube ich nicht.“
„Da! Eine Schleiereule! Oh…“
„Macht nichts.“
„Wie war es für dich in der Schule? Da stößt man doch überall an. Da stehen Tische, Stühle. Hat sich wer darum gekümmert?“
„Am Anfang war es schwer. Aber als meine Mutter zu klagen begann, klebten sie Kissen an die Kanten der Stühle und räumten die Sachen vor mir aus dem Weg, damit ich nicht darüber fiele.“
„Im Ernst?“
„Im Frühjahr.“
„An welcher Schule warst du?“
„Das willst du gar nicht wissen.“
„Ich gebe mir Mühe.“
„Wozu?“
„Erzähl mehr von den Kiefern.“
„Tannen.“
„Blühen sie jetzt? Es duftet.“
„Dass ist das Harz. Da, an der Rinde. Siehst du?“
„Nicht wirklich.“
„Dann bist du also wirklich blind.“
„Wie man´s nimmt.“
„Sieht aus wie Honig.“
„Was?“
„Das Harz. Warte…hier.“
„Was?“
„Deine Hand. Arm ausstrecken, Hand öffnen, da!“
„Fühlt sich an wie die Nippel meiner Frau.“
„Stimmt.“
„Was machen wir jetzt?“
„Ich würde sagen, wir nehmen diesen Weg. Wirkt freundlicher.“
„Ein paar der Kerle in der Schule haben mir immer heimlich was in den Weg gestellt. Dann bin gestolpert und gefallen. Seither trage ich keine Brille mehr. Die ging dabei ständig kaputt.“
„Aber du bist doch…“
„Ich bin eitel. Mutter sagte, die Brille stünde mir.“
„War sie Kommunistin?“
„Ungern. Ich musste auch Kleider tragen.“
„Kleider?“
„Und die Echthaarperücke meiner Großmutter. Der Rektor reklamierte es zwar, aber Mutter konnte ziemlich rustikal sein.“
„Herrlich!“
„Ich habe Mutter, glaube ich, nie richtig verstanden.“
„Die Sonne geht gleich unter. Wir sollten hier rasten, nachts sehen wir die Hand nicht vor der Nase.“
„Du machst das mit Absicht.“
„Ich habe Heuschnupfen. Es hat angefangen, da war ich etwa sechzehn.“
„Bist du gestillt worden?“
„Ja, Vater sagte immer: jetzt halt endlich die Schnauze.“
„Ich habe mir oft überlegt wie ich auf Frauen wirke.“
„Das ist doch lächerlich!“
„Darf ich etwa nicht normal sein? Ich wollte immer sein wie die anderen auch. Wollte tanzen, singen, malen. Ich wollte eigentlich Architekt werden.“
„Und? Warum bist du es nicht?“
„Habe den Zeichentest nicht bestanden.“
„Ich denke, du bist talentiert.“
„Denkst du?“
„Manchmal. Hier, hier ist ein guter Platz. Lass uns bleiben.“
„Woher soll ich wissen, dass das ein guter Platz ist?“
„Vertrau mir.“
„…“
„Was soll das heißen?“
„Was?“
„Dein Schweigen!“
„Schweigen genügt.“
„Ich war in einem Weizenfeld und meine Augen wurden ganz dick. Ab da konnte ich für die nächsten zehn Jahre im Sommer nicht mehr hinaus, ohne eine Taucherbrille aufsetzen zu müssen.“
„Lass mich dein Gesicht berühren.“
„Ich bin unrasiert.“
„Das sehe ich.“
„Du bist blind!“
„Erwischt!“
„Ich denke, es lag daran, dass ich nicht gestillt worden bin.“
„Das ist doch die schönste Zeit im Leben.“
„Sich mit dem Kopf in die Euter drücken und ohne Unterlass der Mutter Lust bereiten.“
„Hat sie es genossen?“
„Dem Stöhnen nach.“
„Sie haben viel über mich gelacht. Der Kleider und der Perücke wegen. Ich hatte es nicht leicht.“
„Wer hat das schon?“
„Dazu bin ich blind.“
„Na und?“
„Wenn ich mir eine Pizza bestelle, weiß ich nie, was wirklich drauf ist.“
„Dann ging ich zu einem Homöopathen und der hat mich getestet. Ich bin gegen alles allergisch, außer gegen Katzenhaare und Hausstaub.“
„Glückskind.“
„Sei nicht so.“
„Lass mich dein Gesicht berühren.“
„Was hast du nur mit meinem Gesicht? Ich bin doch schon 37!“
„Das wusste ich nicht.“
„Wie auch?“
„Intuition. Blinde sehen mehr mit den Ohren als manche denken.“
„Ich hatte es immer leicht.“
„Vielleicht bist du einfach kräftig.“
„Nicht schlecht.“
„Ich schlief viel in der Waschküche. Das Geräusch der Maschine beruhigte mich.“
„Und jetzt?“
„Es ist nicht einfach. Meine Frau mag keine Waschmaschinen im Bett und ein Toaster wäscht so schlecht.“
„Verständlich.“
„Ist es schon Nacht?“
„Völlige.“
„Ich höre ein Fahrzeug. Es ist ein, glaube ich, nein…“
„Hätte mich auch gewundert.“
„Man kann es doch schließlich versuchen.“
„Dann wurde ich über zwei Jahre therapiert. Was mich das gekostet hat.“
„Und?“
„Zwei Beziehungen in zwei Jahren.“
„Aber jetzt geht es dir besser.“
„Gern.“
„Für den Weg in die Schule brauchte ich einen Führer. Der half mir die Treppen hoch, die hätte ich alleine nicht gefunden.“
„Was es eine Frau?“
„Leider nicht. Es ist schön, sich an Frauen zu halten. Sie führen gern und du drängst sie heimlich in die passende Richtung.“
„Da! Ein Fuchs!“
„Und wenn es die Franz-Josef wäre.“
„Sein Tod hat mir schwer zu schaffen gemacht.“
„Der Führer hat mein Brot gegessen und mir gedroht, dass er mich vergewaltigen würde, wenn ich es Mutter sage.“
„Eine Bestie!“
„Wo?“
„Der Führer.“
„Ist es schon Morgen?“
„Sehr.“
„Die Therapie hat angeschlagen. Seither gehe ich in den Wald.“
„Und die Lehrerin gab mir immer eine Fünf oder schlimmer. Ich wollte, dass sie mir die Rechtschreibfehler zeigt.“
„Der Mensch entfremdet sich sich.“
„Da hat sie mich ausgelacht.“
„Der Mensch ist verloren.“
„Hat mir eine Ohrfeige gegeben.“
„Der Mensch ist ein scheußlich´ Tier.“
„Ich habe es nicht kommen sehen.“
„Der Mensch ist roh.“
„Aber die Tränen! Himmel, ich konnte heulen!“
„Der Mensch ist verletzlich.“
„Und die Klasse lachte, ich spürte die Perücke rutschen.“
„Der Mensch ist allein.“
„Dann habe ich Goethe zu rezitieren begonnen.“
„Der Mensch ist Gesellschaft.“
„Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen“
„Der Mensch ist sich Leid.“
„Ihr durchstudiert die groß´ und kleine Welt“
„Der Mensch sitzt im Wald, kaum einen Schritt vor der Höhle.“
„Um es am Ende gehen zu lassen“
„Der Mensch ist ein Buch aus Fleisch und Blut und Sehnen; Knochen!“
„Ganz wie es Gott gefällt“
„Der Mensch tötet seine Kinder.“
„Vergeblich, dass ihr ringsum wissenschaftlich schweift“
„Der Mensch hat sich vergessen.“
„Ein jeder lernt nur, was er lernen kann“
„Der Mensch ringt zu den Sternen.“
„Doch wer den Augenblick begreift“
„Das sei der rechte Mann.“
„Ich bin ein Zauberlehrling.“
„Und ich mag recht böse sein.“
„Ist es schon Samstag?“
„Ganz fest!“
„Wissen sie, eigentlich ist es im Grunde doch ganz einfach: weniger Narzissmus!“
„Wieso „siezen“ wir uns jetzt?“
„Ich spreche nicht mit dir.“
„Gar nicht nett.“
2ter Oktober 2008 © Michael Bolz