Die humanistische Intervention

Denkwürdiges in Sprache von Michael Bolz

Archiv für die Kategorie ‘Unvermeintlich’

Liebe Passagiere!

Verfasst von michaelbolz am Juli 28, 2009

Ach! es ist soweit! Dies Blog geht auf Warteschiene zur Überholung und was diverse Konkretisierungen in den schriftlichen und biologischen Lebensverhältnissen betreffen.

Ach! und das kann ein bisschen dauern und da der Verfasser und Autor der seiteninternen Seitenstatistik entziehen kann, dass es offensichtlich Dauergäste in dies semiotische Gefilde löckt, möcht er sich genau jenen zulehnen – freilich sind Zufallsgäste ebenso gern miteinbezogen und sollten sich insofern gern und direkt angesprochen fühlen.

Ach! (dieses Gejammere…)

Akklamation:

„So müssen die Ahnungen der Kindheit dahin, um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes. So verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt, die Dichtungen Homers und seiner Zeiten, die Prophezeiungen und Offenbarungen, aber der Keim, der in ihnen lag, geht als reife Frucht hervor im Herbst.“ – Ja! Im Herbst soll dies Blog wieder auferstehen, die Kindheit aber soll bleiben und sogar noch hervortreten. Sonst wiederholt sich das endlos-archaisch-griechische Machotum noch einmal zweitausend Jahre.

„Doch wird das Vollkommene erst im fernen Land kommen. Im Lande der Heimat, des Wiedersehens und der ewigen Jugend. Jetzt ist es doch nur Dämmerung.“ – Ja! Die Reise geht in die Heimat des Verfassers, Kaliningrad, Königsberg, in die Vorhalle eines Kant und Thomas Mann, auf den Pferdehof und in die sumpfigen Auen des alten östpreußischen Flak-Hilfsschützen und Nazi-Mitläufers aus gebrochenem Herzen und elender Verzweiflung heraus: Otto Bolz.

„Leb wohl, Melitta! Leb wohl!“ – Ja! Weiß der Teufel, wer damit gemeint ist.

Ach! Für die Treuen zwei Gedicht aus der nahen Kindheit, während im Kopf die Hoffmanschen Erzählungen rauschen und den Verfasser ans graublaue Meer locken:

Sacht´ das Leben wär, ich dacht;

Doch nur der Tod ist sacht und still.

Leben singt und Leben lacht,

Ständig und unbändig.

Der Tod kennt das Leben auswendig.

Sachte das Leben wäre, dachte ich, Kind.

Da kam der Tod – leiser als Luft

Und schneller als der Wind.

__________________

Die Ruhe wenn das Meer still steht,

Der Wind zu flüstern aufhört,

Das Herz den Verstand stillt,

Ein Lächeln unter tausend Stößen

Nicht aufhört.

Einen Kometen im Fernglas verloren.

Gefunden habe ich Dich.

Der angeborene Klang des Lebens

Die Sonne in einem Wasserglas

Glänzt und schimmert nur für Dich.

Der Verfasser freut sich auf den neuen Herbst und grüßt die treuen Herzen!

Was bleibt, ist beredtes und beseeltes Schweigen.

Denn Liebe ist stark wie der Tod

Und ihre Entschließung fest wie die Hölle.

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Apschied

Verfasst von michaelbolz am Juli 26, 2009

Aus der ersten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Feld geküsst und ihren Busen gestreichelt und als ich weiter ran wollte, wars Abend und wir mussten los. Ich seh´ noch die Halme im Sonnenuntergang das braungelbe Licht küssen und die Schatten, die Schatten – die eilten sich doch sehr.

Zwei Tage lang Herzweh, danach bin ich gestorben.

Am dritten Tage auferstanden.

Aus der zweiten Liebe wurd´ nichts, ich hab sie bloß im Arm gehalten, mich grad dem Mund genähert und als ich ran wollte, kam der Schuldirektor und der Hausmeister und die Eltern, die Polizei im Anschlag, verschleppten mich in ein Gefängnis, wo ich ohne Anklage einsitzen musste. Der Rainer, mein Zellengenosse hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt, wie Liebe zwischen Taschenlampen funktioniert. Zwei Tage lang und zwei Nächte auch. Ich denke, Rainer war ein wenig spinnert.

Am dritten Tage rausgekommen.

Aus der dritten und vierten Liebe wurd´ auch nichts, die kannten sich, ich nenn´s Zufall oder widrigen Umstand, bekamen aber stets beide dasselbe: Einen Topf mit einer Margerite drin, wo ich doch deren Gelb im Kopf so gerne esse. Konnte mich zusammenreißen. Zwei Tage lang. Danach gab´s statt Blumen Pralinen und einen Faustkampf gegen zwei brutale Frauen die sich zufällig kannten und ich natürlich die, den ich – natürlich – verloren habe. Bevor ich ran konnte. Mein Vater sagt, ich würde auch gegen Grillen beim Boxen verlieren und gegen Klopse. Kein Problem sag ich, kein Problem, wo wachsen die?

Die fünfte, beinahe ein Jahr lag dazwischen, weil ich so lange so litt, Liebe, die wurd´ freilich auch nichts. Ich hab ihr einen Brief von Herzen kommend geschrieben, der durch die Schule ging wie Freikarten für ein Konzert von Madonna, oder ähnlich, vielleicht auch nicht, nicht ganz so gut, nicht wie im Vorverkauf, aber halb so. Oder ähnlich. Jedenfalls seh ich sie und warte und ich hab ihr mein Herz ausgeschüttet drin und warte, zwei Tage hab ich gewartet, am dritten Tage seh ich sie und wie sie gelacht hat über mich, den Brief, meine soziale Herkunft und dementsprechende Finanzmittelsituation, dass hat mir mein Herz gebrochen.

Am vierten Tage getröstet mit Philip Bailey und Phil Collins und deren Hit „Easy Lover“ (remastered edit auf youtube und für noch mal zwei Tage).

Am dritten Tage in eine Schwulenbar.

Der Sechste (Liebe oder bloß geil?): Mit einem Rainer, der mir mit dem aus dem Knast verdächtig ähnlich schien nach Hause und rumgeknutscht. Bevor er mir an die Hoden und damit in seinen Mund konnte, stand die Polizei vor der Tür, es war tatsächlich der Rainer von vordem. Er hatte illegal importierte Taschenlampenpärchen verkauft, die zusammen keine Kinder kriegen wollten.

Am dritten Tag danach fahr ich nach Berlin.

In Berlin, einer Jungenherberge. Mit der Siebten (liebesähnlich) hats dann endlich funktioniert, wurde auch Zeit. Ihr Freund war Polizist und grad nicht anwesend und sie wollte es dringend und anhaltend und hat mich so gut instruiert, auch emphatisch-körperlich, dass ich über mehrere Stunden und zwei Tage danach nichts mehr zwischen meinen Beinen fühlen konnte, auch meine Zehen nicht. Heute beschreibe ich die Situation reflexiv als professionell, aber interessant und durchaus umfassend befriedigend – Note: Sehr gut.

So habe ich meine Unschuld verloren, wo die anwesenden anderen elf Mädchen im Zimmer für uns Liebende kein Hindernis darstellten.

Eine Beziehung ist draus aber nicht geworden, denn der Freund der A. war ja noch da und zwar bewaffnet.

Aus diesen Erfahrungen zog ich den Schluss.

Drei Tage später.

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Dreibeinig

Verfasst von michaelbolz am Juli 16, 2009

Susanne sitzt im Publikum. Ganz hinten sitzt sie, auf dem zweiten Stuhl in der letzten Reihe von links gesehen, den hat sie sich bewusst ausgesucht, links, vorletzte Reihe, zweiter Platz von außen, ziemlich weit hinten, der zweite Stuhl. Die Handtasche mit den Frauensachen drin lauert gefährlich auf dem äußersten Sitz gleich neben ihr, damit den keiner mit seinem Hintern besetzen kann; damit ihr der hindernisfreie Fluchtweg aus der Veranstaltung gesichert ist; nur den Fall, denn wer kann schon sagen, was zivilisierten und angeheiterten Bildungsbürgern alles einfällt oder auf.

Susanne schwitzt zart wie frisches Gras in der Morgensonne im Herbst, es ist ihr katholischerweise unangenehm und deshalb wackelt sie unbewusst mit dem Kopf, während um sie herum bereits ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird, obwohl es noch gar nicht angefangen hat, die Diskussion, Susanne hofft, dass sie niemandem mit ihrem Geruch auf die Nase fällt.

Tagsüber und am Abend war Susanne mental angespannt gewesen, bis hin zu totaler geistiger Verkrampftheit, das Thema der Bürgerveranstaltung im Max-Liebermann-Haus interessierte sie brennend: “Erosion der Zivilgesellschaft” – das klang in ihren Ohren ähnlich reizvoll wie “Himbeeren mit Spülmittel doch genießbar machen”. Dazu der Untertitel: „Wie uns die moderne Jugend mit ihrer Dummheit abhanden kommt.“ Dabei hatte sich Susanne gedacht, abhanden kommt einem die Geldbörse, ein Schlüsselbund, oder die Jungfräulichkeit, aber doch niemals nicht die Jugend – egal, was man als Erwachsener später drunter versteht und der Jungfräulichkeit wegen hatte sie sich beinahe einen Moment geschämt.

Die Entscheidung, sich die Diskussion trotzdem anschaun zu wollen, war Susanne nicht einfach gefallen wie etwa der berühmte Groschen oder Denar, die Mauern von Jericho, oder Gerd Möllemann. Nein, auch bei ihr hatte der Auslöser zuerst ein wenig geklemmt. Sie hatte sich deshalb belesen, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte herausgefunden: Da wollten sich Berlins Bürgerliche im Liebermann-Haus treffen und diskutieren. Jene Sparte Mensch: Die Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses, der einfachen, angewandten Kunst aus Dosen und des Superlativs und der “Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra”-Ethik. “Herr!”, hatte Susanne laut zum Himmel gerufen, “Ist heute nicht Waschtag?” Doch der Herr hatte geschwiegen.

Als die Bürger noch lieb waren

Kartoffelernte in Barbizon von Max Liebermann

Susanne hatte sich also schweren Herzens entschlossen, entschlossen hinzugehen, sie nennt es: Politisch. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter – Gott hat sie selig! – erschienen ihr dem sittlichen Anlass entsprechend. “Bürgerliche!”, rief sie nervös immer wieder laut in die Wohnung, da war sie noch Zuhause und die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: “Die Zeit! Die Zeit!”; Susanne lag auf der Couch, beinahe hätte Susanne die Zeit und die Diskussion verschlafen.

Susanne sitzt im Publikum. Der Saal ist mit lustigen Bürgern gefüllt, sie trinken Sekt und literweise Wodka, den sie in Sprudelflaschen tarnen und wäre der Saal ein Nudelsieb, hätte Susanne ihn viertelvoll geschätzt; flach und ziemlich breit. Umsonst ist das Trinken ordnungsgerecht nicht, Susanne nuckelt an ihrer Teebuddel, zu kaufen gibt es neben den Getränken schicke Bücher, schicke Bestseller und Sammelbände der baldvortragenden Bühnenprofis, jedes für mindestens um die 20 Euro oder mehr und bunt. “Max Liebermann!”, ruft Susanne einsam und in Gedanken, “Du Zeichner der nackten Strände und schlüpfrigen Idyll´n!”. Susanne sitzt im Publikum, sitzt platz auf einem Stuhl, weiter oben habe ich schon berichtet, wo und wie, staffiert sich angenehm, die Frauentasche mit den Frauensachen drin bleibt gereizt und krätzig, jetzt zupft Susanne ihr Kostümchen an den feuchten Schultern zurecht und wartet, politisch.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die setzen sich dann, nachdem sie gehend kommen und später dann gehend gehen. “Kann der seinen Kopf nicht schneiden?”, faucht Susanne innerlich, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Augen auf die prächtige Bühne versperrt. Der Mann lächelt heimlich. Susanne schwitzt, die Handtasche knurrt.

Nur eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, treten dann die Aktionäre doch irgendwie noch in Aktion. Irgendwann. Einer heißt Mak und ist aus den Niederlanden und einer heißt Cosic und ist was Koratisches. Keiner kann richtiges Deutsch. Dem Cosic sieht man das gleich am Kinn an, denn der hatte eine Übersetzerin im Gepäck, die höflich neben ihm Platz nahm. Die ließ er später übrigens nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut, die Übersetzung davon klangen hervorragend. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner mehr ernst, nicht, seit die den Theo hinrichten haben lassen; nein, seit da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Das macht auch das Licht auf der Bühne, ausgehen und gleich wieder an, der Moderator sitzt schlagartig da und seine Gäste – wie ein Zauber geht das. Der Moderator glänzt, seine Brille glänzt, überhaupt scheint er ganz und gar fettich und schwitzt und Susanne hat ziemlich gute Augen. Nach wenigen Minuten hören wir in Susannes politischem Kopf Schreie. “Zitate!”, ruft Susanne aus, gedanklich, leise, politisch trotzdem, “Zitate!” Die kann dieser Wilfried F. Schoeller, dass muss man ihm lassen, man merkt, der ist gebildet und er ist der Moderator, wahrscheinlich deshalb. Und Bürgerlich. Erst nimmt er jenem Mak das Wort, genauso gekonnt, dann diesem Cosic, nein, seiner Übersetzerin, und wie er lenkt, merkt man gleich und wie er dabei unheimlich witzig ist, aber eher unheimlich als witzig, also typisch deutsch: Der ist der Führer, das hat er im Kloster gelernt und im Gymmi gefressen. SPDler mit CSU-Allüren. Die Schriftsteller erzählen also, sofern Bürger Schoeller sie lässt und er lässt sie oft und gern, aber eher nur manchmal und eigentlich kaum; da lässt er sie erzählen, sagen, reden, was sie so von der restlichen, geistigen Welt von außerhalb Deutschlands halten und schwitzt.

“Oje!”, denkt Susanne politisch, “Oje!” Wegen dem Deutsch. Der Mak ist toll. Und viel gereist. Über alle mentalen und materialen Landesgrenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Sein Haar glänzt. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig, aber bemüht. Geht vorüber wie ein Herbststurm. Dann antwortet nach fremdzitierter Überleitung Bürger Schoellers der Cosic. “Haha!”, lacht Susanne, “Haha!” Wegen dem Deutsch. Dass, der Übersetzerin natürlich, freilich. Lässt sie aber nicht ausreden, der Cosic. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Dabei zappelt die Frau hochaufmerksam, dass ihr der Busen im blauen Blazer baumelt. Nach weniger als dreizehn Sekunden holt der Cosic den kroatisch-deutschen Verbal-Hammer aus der Tüte, den versteht man aber erst nach der Übersetzung: “Das Bürgertum rostet, verschwindet. Ich seh´s nicht mehr! Nirgends.” Allgemein wird jetzt schlagartig bürgerlich viel geweint und sich dann gegenseitig noch weinerlich, aber freundschaftlich getröstet. Aber wie Bürgerliche so sind, kommen sie schnell darüber hinweg, wie sonst auch über alles und jeden. Mit dem Sekt und mit dem Wodka, der in Wasserflaschen getarnt zu kaufen ist. Dazu gibt´s auch eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Bürger Schoeller hat nämlich gleich für den unverschuldeten Selbstschwund eine Ursache parat, die er mit einem ziemlich intelligenten Zitat einleitete: “Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet)“ Die Jugendlichen, sagt er, seien vielleicht was dumm! Nix tun sie tun, zögert er, nix tun sie wissen von Geschichte! Schlechtes Deutsch. Werteverfall, sagt er, noch ruhig, gleich will er schreien. Moralisches Deutsch. Was wissen die noch von der Politik! Von Mode! Kunst! Gott! Nur noch die Elektrik, Verzeihung, schreit er, Elektronik, darin seien sie gut. Ganz schlechtes und moralisches Deutsch. Und in der einen Sache, wir wüssten schon, welche, schreit er und macht Bewegungen mit dem dicken Unterleib und schwitzt. Er schreit, schwitzend schreit er und lächelt dabei und freut sich und auf sein Handy kommen die Fußballergebnisse, er merkts an der Vibration in der Hosentasche, heut spielt nämlich der VFL Wolfsburg. Typisch Deutsch. Aber wenigstens wissen wir, schreit er, wie man den Brecht schreibt, mit „B“ nämlich! Da entlädt sich die Anspannung wie nach einem ersten Frontsieg. Tosender Applaus, der klingt wie Luftabwehrfeuer! Die Schnupftücher werden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgepackt und ausgerollt und zwar die Version von dem Bild Altdorfers. “Wie gemein!”, denkt Susanne, aber vorsichtig, trotzdem politisch, “Wie dumm!” Und so vergeht der Abend seinen Hörern schnurstraks, die sichtlich erfreut darüber sind, von den Wir-lieben-Europa-und-die-Welt-und-den-Lago-Magiore-Schriftstellern und dem Bürger Schoeller zu hören, dass alles nach ihnen dumm ist, denn damit kann man ruhig sterben und weiß, so ein Hegel im Regal ist schon was Tolles. Und sie lachen und sie klatschen! Denn das ist das Schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Sittliche, das Protestantische, vielleicht das Bürgerliche, ohne ständig drauf pochen zu wollen; um Susanne herum und drumherum und drüber über ihr Haupthaar wird ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt, obwohl die Diskussion noch gar nicht angefangen hat – meint sie. Dann darf noch, ganz modern, rückgefragt werden. So Townhallmeeting mäßig. Einer, ein weinerlicher Kerl mit der Figur einer Tomate, fragt, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte. Eine Frau, die für ihr Alter durchaus unansehnlich daherkommt, zudem ziemlich faltig und die einen äußert esoterischen Eindruck in den Raum hämmert, fragt also den Cosic, ob der Herr Cosic noch “solo” wäre, wie sie sich umständlich und mit einem arg glühenden Gesicht mutig ausdrückt, wofür sie im nächsten Moment von ihrer Freundin viel Applaus bekommt. Den Mut wahrscheinlich. Ja, ruft die, lass es raus. Dann kommen so schlaue Fragen an die Herren Gebildeten, wie: “Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?”, oder “Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?” Susanne erhebt sich schließlich politisch, entreißt dem grad sprechenden Jammerlappen, einem Angestellten im öffentlichen Dienst, wo, also in welchem Amt, wollte er nicht verraten, seiner Gestik nach aber sicherlich einer vom Fiskus, das Mikrofon und fragt: “Wie wäre es mit Sinn?” Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Bürger Schoeller fragt lustig: “Was meinen Sie denn bitte mit Sinn?” und stellt erstaunt fest, dass es auch ohne Zitate geht. “Das frage ich Sie”, antwortet Susanne, “Mir geht hier nämlich der Sinn ab!”, ruft sie denn, und sieht, dass alle sie für dumm halten und noch für ganz andere Sachen. Die Übersetzerin sucht nach dem kroatischen Pendant für Sinn, so ähnlich wie für Jörg Haider und Gott. Der Mak lächelt vollkommen niederländisch und hat keine Ahnung, was um ihn herum passiert, aber er freut sich auf sein Bett, nachher und auf die Sportschau. Der Bürger Schoeller sucht gebildet ein geeignetes Gegenzitat, das wäre aber Unsinn und dazu kennt er nichts.

Später und schnell ausgeblendet, damit es für die Bürger nicht peinlich wurde. Wenig später, aber glücklich. Wieder Zuhaus entwickelt sich Susanne, den Schal wirf sie achtlos auf ihren Eames-Chair. “Ein voller Erfolg!”, ruft sie in die Wohnung, die Möbel wundern sich, “Ein voller Erfolg!” Die Möbel nicken.

Noch später, jedoch nicht viel, viel später, nur ein bisschen später.

Susanne steht mit ihrer Zigarette am Fenster und schmaucht den Rauch in die Luft, es ist schon ziemlich kühl, der Herbst meldet sich kühl, die kalten Blätter am kühlen Boden, faulen. Feucht ist es auch. Da geht doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hat nur drei Beine und hüpft mehr, als dass er läuft und irgendwie wirkt es lächerlich und peinlich zugleich. “Also doch!”, ruft da aber Susanne und eilt nach draußen, den Hund zu fotografieren, “Also doch!” Der Hund ist ein echtes, armes Schwein, meint Susanne, aber er hüpft, meint sie, so fröhlich, wie er hüpft, obwohl ihm insgesamt ein ganzes Bein fehlt. Der Hund zögert erst, gibt sich dann, beim Shooting, rasch gelassen, professionell.

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All Tag

Verfasst von michaelbolz am Juli 11, 2009

Ich bin feige hinter meiner Brille.

Im Schatten kann ich besser sehen. Wenn ich andere reden hören, bekomme ich Angstschweiß. Der Friede hat jetzt eine Ampelkennzeichnung. Im Supermarkt wirken alle betreten. Eine Meinung ist keine und meine bloß eine. Ich reihe mich ein und rieche die Leben. Meine Frau sagt, zum Golde drängt, am Golde hängt. Neulich im Kaufhof fielen Leichen aus den Aufzügen. Auf der Arbeit spricht man nicht. Alle sind mutlos. Die Politiker verbreiten schlechte Stimmung. Im Park heucheln die Bäume. Ständig ist mir schlecht. Der Elsässer ist kein Franzose. Die EU bricht über uns herein. Rapsfelder erschlagen jede Zukunft. Einkaufen aus Notwehr. Vor meinem Fenster lauert der Nachbar. Kinder müssen ständig heulen. Jungendliche üben die Revolution an Spielkonsolen. Ich sage, wenn einer sich kennt, will er’s gleich wieder vergessen. Ich lenke mich ab, indem ich schneller laufe. Mein Handy ersetzt das Gegenüber. Freiheit ist die Feigheit des Andersdenkenden. Das Proletariat sieht fern und hört nix. Mein Zimmer besitzt keinen Notausgang. Stündliche Kriegsberichterstattung. Unser Gewissen sprengt sich in Afghanistan in die Luft. Amerika ist schuld. Gier ist angeboren. Führungsriegen regeln den Untergang. Öl ist trinkbar wie Scheiße.

Ich sterbe aus.

Der Satz lässt mich fürchten. Darüber streut man mir Schokolade und sagt, ich sei zu fett, doch ich glaub nichts mehr. Was wie mich jagt man mit Biosprit und Atomkraftwerken. Christen verfolgen Atheisten. Zu trinken reicht man mir Säure. Gott fährt U-Bahn in den Herzen der Entsicherten. Entgleist zimmern wir Häuser aus Granit. Ameisen kitzeln meine Zunge und krabbeln mir ins Gehirn. Meine Nerven zittern. Meine Augen zeigen mir Ausschnitte. Mein Mund sagt arme Worte. Ich schlucke ätzenden Honig von der Straße. Menschenrechte sind universell. Keiner will den andern. Ich renne durch die Mall, alles Unnötige bleibt sicher an mir kleben. Draußen stirbt der Bus. Die Augen drin zerfleischen meinen Rücken. Als ich aussteigen will, öffnet man mir ungern. Einen Moment gibt es Regen, ich stelle mich sicher und puste. Aus den Gullys höre ich Funkgeräusche. Vor der Haustür muss ich husten. Im Aufgang liegen alte Reifen. Die Treppe schimmert feucht und riecht nach toten Rosen. Im Klo blinkt der Wasserzähler. Meine Wut schleckt mir den Arsch. Wenn ich könnte, würde ich folgerichtig daneben stehen und mich bedauern.

Fortschritt bringt Friede.

Friede heißt die Gefangenschaft im Einmachglas.

Ich fühle mich erdrückt.                                                              (2009) Michael Bolz

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Henning killt weiter – Teil XXX

Verfasst von michaelbolz am Dezember 26, 2008

Die Arbeit am neuen Roman schreitet voran, hier ein weiterer Hinweis auf mögliche Inhalte. (Moritz ist übrigens ein Kater)

Brit ist dem Zauber der Kissen verfallen, obwohl sie eine Frau ist, schnarcht sie. Rudi nascht vom Salat, sitzt ihr gegenüber.

„Slähäf tu se rism“, raunt Grace.

Brit ist kaum zu sehen, der Rock beinahe bis zum Bauchnabel hoch gerutscht, Moritz geht nachsehen.

„Und“, fragt Rudi, „rasiert?“

Moritz nickt. Rudi nickt.

„Soll ich sie jetzt fotografieren? Sie sieht doch recht hübsch aus, so, so unsichtbar“ Moritz nickt. Rudi erhebt sich leise. Moritz reizt der Geruch aus dem Schritt, er streckt sein Köpfchen vor.

„Mau?“

Rudi kommt mit Stativ und Tasche wieder. Moritz guckt und zwinkert. „Von da aus? Meinetwegen.“

Rudi montiert das Stativ, öffnet die Tasche, holt den Fotoapparat hervor, prüft den Batteriestand.

„Pieppiep!“

Dann schraubt er die Kamera auf den Stativkopf. Moritz schiebt seinen Kopf zwischen Brits Schenkel.

„Moritz?“ Moritz guckt.

„Nicht, dass Du mir da drin verloren gehst!“

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waldspaziergang

Verfasst von michaelbolz am Oktober 11, 2008

Verehrtes Publikum!

Im Grunde geschehen lebenslang nur Missverständnisse und wir nennen es Kommunikation. Worunter leiden wir mehr? Darunter dass wir das nicht anerkennen wollen? Oder darunter, dass es gar nicht stimmt? Müssten wir uns nicht einfach nur a bisserl mehr zuhören?

Der folgende Dialog ist ein Schnappschuss, ich habe im Grunewald Menschen miteinander umgehen hören und was Sie in Folge hier lesen, ist – ungelogen!!! – die absolute Wahrheit, das, was meine Erinnerung mir von Wahrheit ständig einsagt. Es unterhalten sich also zwei Personen, die gemeinsam spazieren.

„Im Grunde ist doch ganz einfach. Siehst du die Tanne da?“

„Nein.“

„Himmel! Wir stehen im Wald!“

„Du vergisst, dass ich blind bin.“

„Oh! Natürlich.“

„…“

„Na, eine Tanne ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kieferngewächse…“

„Ich weiß, was eine Tanne ist.“

„Tannen essen nicht. Nicht in dem Sinn wie wir es etwa tun.“

„Verarschst du mich weil ich blind bin? Ist es das?“

„Wäre mir überhaupt nicht aufgefallen. Nein. Du bist wirklich blind?“

„Seit meiner Geburt.“

„Und? Wie ist das so?“

„Im Moment ziemlich düster.“

„Glaubst du, Humor ist was Genetisches?“

„Das glaube ich nicht.“

„Da! Eine Schleiereule! Oh…“

„Macht nichts.“

„Wie war es für dich in der Schule? Da stößt man doch überall an. Da stehen Tische, Stühle. Hat sich wer darum gekümmert?“

„Am Anfang war es schwer. Aber als meine Mutter zu klagen begann, klebten sie Kissen an die Kanten der Stühle und räumten die Sachen vor mir aus dem Weg, damit ich nicht darüber fiele.“

„Im Ernst?“

„Im Frühjahr.“

„An welcher Schule warst du?“

„Das willst du gar nicht wissen.“

„Ich gebe mir Mühe.“

„Wozu?“

„Erzähl mehr von den Kiefern.“

„Tannen.“

„Blühen sie jetzt? Es duftet.“

„Dass ist das Harz. Da, an der Rinde. Siehst du?“

„Nicht wirklich.“

„Dann bist du also wirklich blind.“

„Wie man´s nimmt.“

„Sieht aus wie Honig.“

„Was?“

„Das Harz. Warte…hier.“

„Was?“

„Deine Hand. Arm ausstrecken, Hand öffnen, da!“

„Fühlt sich an wie die Nippel meiner Frau.“

„Stimmt.“

„Was machen wir jetzt?“

„Ich würde sagen, wir nehmen diesen Weg. Wirkt freundlicher.“

„Ein paar der Kerle in der Schule haben mir immer heimlich was in den Weg gestellt. Dann bin gestolpert und gefallen. Seither trage ich keine Brille mehr. Die ging dabei ständig kaputt.“

„Aber du bist doch…“

„Ich bin eitel. Mutter sagte, die Brille stünde mir.“

„War sie Kommunistin?“

„Ungern. Ich musste auch Kleider tragen.“

„Kleider?“

„Und die Echthaarperücke meiner Großmutter. Der Rektor reklamierte es zwar, aber Mutter konnte ziemlich rustikal sein.“

„Herrlich!“

„Ich habe Mutter, glaube ich, nie richtig verstanden.“

„Die Sonne geht gleich unter. Wir sollten hier rasten, nachts sehen wir die Hand nicht vor der Nase.“

„Du machst das mit Absicht.“

„Ich habe Heuschnupfen. Es hat angefangen, da war ich etwa sechzehn.“

„Bist du gestillt worden?“

„Ja, Vater sagte immer: jetzt halt endlich die Schnauze.“

„Ich habe mir oft überlegt wie ich auf Frauen wirke.“

„Das ist doch lächerlich!“

„Darf ich etwa nicht normal sein? Ich wollte immer sein wie die anderen auch. Wollte tanzen, singen, malen. Ich wollte eigentlich Architekt werden.“

„Und? Warum bist du es nicht?“

„Habe den Zeichentest nicht bestanden.“

„Ich denke, du bist talentiert.“

„Denkst du?“

„Manchmal. Hier, hier ist ein guter Platz. Lass uns bleiben.“

„Woher soll ich wissen, dass das ein guter Platz ist?“

„Vertrau mir.“

„…“

„Was soll das heißen?“

„Was?“

„Dein Schweigen!“

„Schweigen genügt.“

„Ich war in einem Weizenfeld und meine Augen wurden ganz dick. Ab da konnte ich für die nächsten zehn Jahre im Sommer nicht mehr hinaus, ohne eine Taucherbrille aufsetzen zu müssen.“

„Lass mich dein Gesicht berühren.“

„Ich bin unrasiert.“

„Das sehe ich.“

„Du bist blind!“

„Erwischt!“

„Ich denke, es lag daran, dass ich nicht gestillt worden bin.“

„Das ist doch die schönste Zeit im Leben.“

„Sich mit dem Kopf in die Euter drücken und ohne Unterlass der Mutter Lust bereiten.“

„Hat sie es genossen?“

„Dem Stöhnen nach.“

„Sie haben viel über mich gelacht. Der Kleider und der Perücke wegen. Ich hatte es nicht leicht.“

„Wer hat das schon?“

„Dazu bin ich blind.“

„Na und?“

„Wenn ich mir eine Pizza bestelle, weiß ich nie, was wirklich drauf ist.“

„Dann ging ich zu einem Homöopathen und der hat mich getestet. Ich bin gegen alles allergisch, außer gegen Katzenhaare und Hausstaub.“

„Glückskind.“

„Sei nicht so.“

„Lass mich dein Gesicht berühren.“

„Was hast du nur mit meinem Gesicht? Ich bin doch schon 37!“

„Das wusste ich nicht.“

„Wie auch?“

„Intuition. Blinde sehen mehr mit den Ohren als manche denken.“

„Ich hatte es immer leicht.“

„Vielleicht bist du einfach kräftig.“

„Nicht schlecht.“

„Ich schlief viel in der Waschküche. Das Geräusch der Maschine beruhigte mich.“

„Und jetzt?“

„Es ist nicht einfach. Meine Frau mag keine Waschmaschinen im Bett und ein Toaster wäscht so schlecht.“

„Verständlich.“

„Ist es schon Nacht?“

„Völlige.“

„Ich höre ein Fahrzeug. Es ist ein, glaube ich, nein…“

„Hätte mich auch gewundert.“

„Man kann es doch schließlich versuchen.“

„Dann wurde ich über zwei Jahre therapiert. Was mich das gekostet hat.“

„Und?“

„Zwei Beziehungen in zwei Jahren.“

„Aber jetzt geht es dir besser.“

„Gern.“

„Für den Weg in die Schule brauchte ich einen Führer. Der half mir die Treppen hoch, die hätte ich alleine nicht gefunden.“

„Was es eine Frau?“

„Leider nicht. Es ist schön, sich an Frauen zu halten. Sie führen gern und du drängst sie heimlich in die passende Richtung.“

„Da! Ein Fuchs!“

„Und wenn es die Franz-Josef wäre.“

„Sein Tod hat mir schwer zu schaffen gemacht.“

„Der Führer hat mein Brot gegessen und mir gedroht, dass er mich vergewaltigen würde, wenn ich es Mutter sage.“

„Eine Bestie!“

„Wo?“

„Der Führer.“

„Ist es schon Morgen?“

„Sehr.“

„Die Therapie hat angeschlagen. Seither gehe ich in den Wald.“

„Und die Lehrerin gab mir immer eine Fünf oder schlimmer. Ich wollte, dass sie mir die Rechtschreibfehler zeigt.“

„Der Mensch entfremdet sich sich.“

„Da hat sie mich ausgelacht.“

„Der Mensch ist verloren.“

„Hat mir eine Ohrfeige gegeben.“

„Der Mensch ist ein scheußlich´ Tier.“

„Ich habe es nicht kommen sehen.“

„Der Mensch ist roh.“

„Aber die Tränen! Himmel, ich konnte heulen!“

„Der Mensch ist verletzlich.“

„Und die Klasse lachte, ich spürte die Perücke rutschen.“

„Der Mensch ist allein.“

„Dann habe ich Goethe zu rezitieren begonnen.“

„Der Mensch ist Gesellschaft.“

„Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen“

„Der Mensch ist sich Leid.“

„Ihr durchstudiert die groß´ und kleine Welt“

„Der Mensch sitzt im Wald, kaum einen Schritt vor der Höhle.“

„Um es am Ende gehen zu lassen“

„Der Mensch ist ein Buch aus Fleisch und Blut und Sehnen; Knochen!“

„Ganz wie es Gott gefällt“

„Der Mensch tötet seine Kinder.“

„Vergeblich, dass ihr ringsum wissenschaftlich schweift“

„Der Mensch hat sich vergessen.“

„Ein jeder lernt nur, was er lernen kann“

„Der Mensch ringt zu den Sternen.“

„Doch wer den Augenblick begreift“

„Das sei der rechte Mann.“

„Ich bin ein Zauberlehrling.“

„Und ich mag recht böse sein.“

„Ist es schon Samstag?“

„Ganz fest!“

„Wissen sie, eigentlich ist es im Grunde doch ganz einfach: weniger Narzissmus!“

„Wieso „siezen“ wir uns jetzt?“

„Ich spreche nicht mit dir.“

„Gar nicht nett.“

2ter Oktober 2008 © Michael Bolz

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warum ein Hund vier Beine hat

Verfasst von michaelbolz am September 27, 2008

Susanne sitzt in der Diskussion. Ganz hinten sitzt sie, den zweiten Platz in der letzten Reihe von links hat sie sich ausgesucht. Die Tasche mit ihren tollen Frauensachen drin parkte direkt neben ihr, damit den äußersten Stuhl keiner okkupieren könnte, der ihr den hindernisfreien Fluchtweg aus der Veranstaltung sichern soll. Sie schwitzt leicht, es ist ihr unangenehm und sie wackelt mit dem Kopf, während um sie herum ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt wird. Konsens – wie grässlich!

Den Tag über war Susanne angespannt, das Thema der Runde interessierte sie jedoch brennend. „Erosion der Zivilgesellschaft“ – das klang ähnlich spannend wie „Himbeeren mit Spülmittel doch geniesbar machen“ oder „Warum ein Hund vier Beine hat und Autos niemals pupsen“.

Die Entscheidung sich diese Diskussion anhören zu wollen, war nicht einfach gefallen wie der berühmte Groschen oder Denar oder die Mauern von Jericho. Susannchen hatte sich informiert, wie es ihr so eigen ist und wofür sie kaum jemand schätzt, und hatte Folgendes herausgefunden: Da wollten sich Bürgerliche treffen und diskutieren! Wie Sternschnuppen fiel ihr die Geschichte der Menschheit herab vor die Augen vom Himmel der Erinnerungen – die Bürger, die Bürgerlichen, die vielleicht eher konservativen Konservendosen; die Sparte der Erfinder der Besitzstandswahrung und des Sparguthabens, des Zinses und des Superlativs und der „Wenn Sex, dann bitte ohne Kamasutra“ Ethik. „Herr!“, hatte Susanne laut ausgerufen, „Ist heute nicht Waschtag?“ Doch der Herr war ruhig geblieben.

Susili hatte sich also schweren Herzens entschieden hinzugehen. Ihr grünes Kostüm und der goldfarbene Schal der Großmutter erschienen ihr dem Anlass zu entsprechen. „Bürgerliche!“, rief sie immer wieder laut in die Wohnung, die Möbel wunderten sich. Irgendwann war es dann soweit, die Uhr rief: „Die Zeit! Die Zeit!“; beinahe hätte Susanne sie verschlafen.

Der Saal war gedämpft gefüllt, wäre er ein Nudelsieb wäre es viertelvoll gewesen. Es gab nichts zu trinken, nur Bücher der Baldvortragenden zu kaufen, jedes für mindestens 20 Euro. „Max Liebermann!“, rief Susanne in Gedanken, „Du Zeichner der schönen Strände und Idyllen!“. Sie nahm platz auf einem Stuhl, weiter oben haben wir schon berichtet, wo, staffierte sich angenehm, zupfte das Kostüm an den Schultern zurecht und wartete.

Nach und nach kamen doch Menschen. Überwiegend Bürgerliche. Und eigentlich ausschließlich. Die saßen dann, nachdem sie gehend kamen und später dann gehend gingen. „Kann der seinen Kopf nicht schneiden?“, fragte Susannchen, der ein übler Kerl mit wolligem Haupthaar die Sicht auf die Komplexität der Bühne versperrte. Der Mann lächelte heimlich.

Eine halbe Stunde über der angesagten Zeit, traten dann die Aktionäre doch noch in Aktion. Einer hieß Mak und einer hieß Cosic, einer war Niederländer, einer was Koratisches. Keiner konnte richtig Deutsch. Dem Cosic sah man das gleich an, denn der hatte eine Translatorin im Gepäck. Die ließ er aber nie ganz ausreden, was eigentlich schändlich war, denn seine Gedanken waren bürgerlich gut. Und Mak? Niederländer nimmt sowieso keiner ernst, seit die den Theo hinrichten ließen; da ist es mit der übernationalen Liberalität irgendwie aus.

Dann ging es an, der Moderator glänzte, die Brille glänzte, überhaupt schien er ganz und gar fettich. „Zitate!“, rief Susannili aus, gedanklich freilich, sonst wäre sie als Verbalterroristin entfernt worden, „Zitate!“ Die konnte dieser Wilfried F. Schoeller, man merkte, er war gebildet, der Moderator. Und Bürgerlicher. Erst nahm er jenem das Wort, dann diesem und wie er lenkte, merkte man, typisch deutsch: der ist der Führer. Die Schriftsteller erzählten also, sofern Schoeller sie ließ und er ließ sie oft und gern, was sie so von der restlichen, geistigen Welt hielten. „Oje!“, dachte Susanne, „Oje!“ Wegen dem Deutsch.

Der Mak war toll. Und viel gereist. Über Grenzen und darüber hinaus. Ein toller Hecht. Schlechtes Deutsch. Aber toll. Witzig. Kaum eigentlich, aber bemüht. Dann antwortete nach Überleitung Schoellers Cosic. „Haha!“, lachte Susanne, „Haha!“ Gutes Deutsch. Die Translatorin. Ließ sie aber nicht ausreden. Grässlich! Wieso nur? Mag er sie nicht? Ist sein Verbalkonter ihm selber schnurz? Sprach von Popeye und dann der kroatisch-deutsche Hammer: „Das Bürgertum verschwindet. Ich seh´s nicht mehr!“ Allgemein wurde jetzt viel geweint und sich gegenseitig getröstet. Und wie Bürgerliche so sind, kamen sie schnell darüber hinweg. Dazu gab es eine Hilfestellung seitens der Moderation, der gute Herr Schoeller hatte nämlich gleich für den Selbstschwund eine Ursache parat, dass er mit einem Zitat einleitete: „Oh heavy Burden! (Shakespeare, Hamlet) Die Jugendlichen sind vielleicht was dumm! Nix wissens von Geschichte! Werteverfall! 1870/71! Universaler Imperativ! Moral! Ethik! Das ist für die wie für uns den Brecht zu ignorieren, aber wenigstens wissen wir, wie man Brecht schreibt!“ Tosender Applaus! Die Schnupftücher wurden ein-, Banner des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1410-1806) ausgerollt. Die Version von dem Bild Altdorfers. „Wie gemein!“, dachte Susanne, aber vorsichtig, „Wie gemein!“

Und so verging der Abend seinen Hörern, die sichtlich erfreut darüber waren von den Schriftstellern und dem Zitator zu hören, dass alles nach ihnen dumm war, denn damit kann man ruhig sterben. Und lachen und klatschen! Denn das war das schöne an diesem Abend, das Gemütliche, das Bürgerliche; um Susanne herum wurde ungeheuer viel und heiter gelacht und geklatscht und genickt.“Ja, die Dummen!“, dachte sich Susanne, meinte aber wen ganz anderes als die im Saal. „Süße Doppeldeutigkeit!“

Dann durfte noch gefragt werden. Einer fragte, ob man sich vor Dummheit durch Kondome schützen könnte, eine andere, ob der Herr Cosic noch „solo“ wäre, wie sie sich umständlich ausdrückte. „Und das mit 70!“, stöhnte Susannchen innerlich, „Mit 70!“ Dann kamen so schlaue Fragen, wie: „Warum ist Alkohol ein Pflanzengift?“ oder „Warum ist durch höhere Gewalt kein Fenster zu reinigen?“ Susanne erhob sich schließlich, entriss der 70gerin das Mikrofon und fragte: „Wie wäre es mit Sinn?“ Betroffenes Schweigen wie immer, wenn jemand Sinn fordert. Schoeller fragte: „Was meinen Sie mit Sinn?“ „Das frage ich Sie“, antwortete Susanne, „Mir geht hier nämlich der Sinn ab!“, rief sie denn, und sah, dass alle sie für dumm hielten. Die Übersetzerin suchte nach dem kroatischen Pendant für Sinn. Der Mak lächelte vollkommen niederländisch. Der Schoeller suchte gebildet ein geeignetes Gegenzitat.

Wieder Zuhaus entwickelte sich Susannchen-Schnuffi. „Ein voller Erfolg!“, rief sie in die Wohnung, die Möbel wunderten sich, „Ein voller Erfolg!“

Wie immer, stellte jemand Sinnfragen in öffentlichen Runden, hatte es ein Tohuwabohu-Tamtam-Di-Di gegeben, bis beinahe zur völligen Raserei der bürgerlichen Selbstdarsteller. „Und dabei scheißen die sich genauso in die Hosen wie die Dummen. Schön dumm!“, rief Susanne-Maledjewna-Pur-Prostata gänzlich unzivilisiert in den Raum und die Zeit hinaus.

Später, jedoch nicht viel später.

Susannelilalulalei-di-dumdeldei stand mit ihrer Zigarette am Fenster und schmauchte den Rauch in die Luft, es war schon ziemlich kühl, der Herbst meldete sich, die Blätter am Boden faulten. Feucht war es auch. Da ging doch tatsächlich ein Mann vorbei und sein Beagle und der Beagle hatte nur drei Beine und hüpfte mehr als dass er lief. „Also doch!“, rief Susanne und eilte nach draußen, den Hund zu fotografieren, „Also doch!“

Tatsächlich gibt es auch Hunde mit nur drei Beinen! Die mögen wir im Allgemeinen aber weniger.

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Zwüffelspitz

Verfasst von michaelbolz am September 14, 2008

Hier ein Stück ordinärer Literatur darüber, was in einem Café vofallen kann, ich wünsche gute Unterhaltung.

Zwüffelspitz
Herr B. verweilt bei einem guten Buch seitlich des Café unter einem Baum. Der
Baum ist Eigentum des Café, der Tisch darunter ebenso, es nieseltregnet, es ist
18 Uhr 37, Herr F. erscheint.
„Ah! Guten Abend, ich dachte ja nicht, noch wen hier zu sehen“, sagt F. und
setzte sich.
Herr B., mental noch mittendrin im Text: „Soso, guten Abend auch, na setzen
Sie sich.“
F. sitzt lange schon, sucht die Bedienerin mit Händen und Füßen.
B.: „Wenn Sie hier herumzappeln wie eine Holzpuppe wird es auch nicht besser.
Haben’s Geduld, ich seh Sie schon.“
Er legt das Buch zur Seite, die Kellnerin fliegt heran, ein hübsches Frauenzimmer
irgendwas zwischen 25 und 55 Jahren mit tiefladenden Augen und schweren
Säcken drumherum; mit bemalten, fleischigen Lippen die aussehen wie
Cabanossi und einem Dialekt zum Fürchten.
Zu F.: „Sie wünschen? Oder habens keine Wünsche mehr? So wie Sie aussehen!
Ha!“ Sie zwinkert.
B.: „Ts Ts!“ F. Fassungs- und wortlos.
Sie: „Nun aber! Die Herren haben keinen Humor? Tja, auf der Karte finden’s
den auch nicht – ausverkauft. Also, wissen’s schon, was wollen?“
F.: „Dazu müsst ich zuerst die Karte gesehen haben, also her damit! Und noch
ein Ton in diesem Ton, dann werd ich zum Beschwerdegänger und such den
Dominus auf!“
Sie flitzt.
F.: „Hat man so was schon gesehen? Eine Unverschämtheit! Das liegt an der
Zeit sage ich, jetzt werden auch die Armen frech, wenn´s unsereins nicht besser
geht als denen!“
B., nichtrauchend: „Gesehen? Täglich. Tjaja, die verdient mit ihrem SechsEuro-
Job und dem Trinkgeld monatlich soviel wie ich im Amt, naja, beinahe, aber
eine Frechheit ist das schon – still!“
Die Kellnerin drischt F. die Karte auf den Tisch.
Sie: „Da war ne Fliege! Nicht dass sie sagen, hier gäb’s Fliegen und ich wär
schuld. So, also ich warte. Das Tagesangebot kann ich nicht empfehlen und über
ihre Gemeinheit von grade habe ich nachgedacht. Dann gehen’s doch zum
Chef, soll der mich feuern! Aber das wird er nicht, denn gute Bedienerinnen
sind selten und ich bin so eine Seltenheit! Mindestens 40% vom Umsatz am
Nachmittag mach ich ihm an 9 Tagen die Woche und dass ich unfreundlich
wär’ hat sich auch noch keiner sagen trauen.“
B.: „Sie sagen es! Trauen!“
Sie: „Wie? Warum geb´ ich mich überhaupt ab mit Ihnen? Beamte die tun wie
Weltmänner! Aber Weltmänner sind sie keine, die kenne ich nämlich, einen sogar
persönlich, sie mit dem vergleichen ist wie, wie…“ Sie ringt nach Worten
und wird dabei ganz erotisch.
F. studiert die Karte, findet aber nicht was er will.
F.: „Seit ich in Italien war, so schön wie in den Sechzigern, nach wie vor mein
ich, trinke ich nur noch Expresso mit Grappa drinnen!“, zur Bedienerin, „Sehen’s
ich war auch schon außerhalb der Stadt.“
Sie: „So was führen wir nicht! Wär’ ja noch schöner, Sonderwünsche. Verheiratet?“
F. nickt, B. legt den Finger an den Mund als wolle er sagen: „Bloß nicht!“
Sie, erregt: „Soso und dann alleine hier? Und das Heimchen sitzt vorm Fernseha,
wo sie es hier ein wenig ausführrn könnten? Soso? Und sich dann noch beschweren?
Solche kenn ich! Kriegen Zuhause die Klappe nicht auf, aber…“
Während sie fortfährt, liest B. rasch den Artikel zu Ende.
F.: „Was lesen´s denn da?“, zu ihr, „Und Sie hören endlich auf zu schimpfen.
Meine Frau lässt mich raus, wann ich es will, nur damit wir uns verstehen, klar!
Und jetzt los, einfach einen Espresso, den haben sie hier doch und schütten einen
Grappa rein, kapito? Und sehen sie mich nicht so an, man könnte sich fast
fürchten.“
Sie, spöttelnd: „Und wie viel von dem Grappa soll dann rein? Zwei, Vier, Sechs
cl?“
F.: „Zwei natürlich, wofür halten Sie mich?“
B. Fährt sich mit der Hand an den Schädel als wolle er sagen: „So ein Idiot, jetzt
reizt er sie.“
Sie fährt hoch: „Wofür ich Sie halte, Schlawiner, dass wollen Sie doch gar nicht
wissen! Und dann mache ich meine Arbeit und das gefällt Ihnen auch nicht! So
was kenn ich, so was! Niemals kann man es Ihnen Recht machen und sehen Sie
mich nicht so an, nur weil ich bediene, bin ich kein Untermensch, kapito? Sie!
Sie Mittelschicht, Sie! Nur damit Sie es wissen, falls Ihnen die Tagespolitik
beim Arsch hinten vorbei geht, es gibt nur zwei Schichten: Die Obere und die
Untere und alles unterhalb von oben ist unten und oben sind Sie ganz gewiss
nicht. Und für die Zweiteilung kann ich nichts, die ist gottgegeben. So! Und
wie? Also zwei cl, gleich, sofort, ich eile, pronto!“
F. glotzt ihr hinterher und schüttelt den Kopf: „Haben Sie so etwas schon erlebt?
Von wegen!“, schüttelt den Kopf wie einen Birnbaum, „Von wegen!“
B.: „I h r e“, er dehnt das Wort und zeigt der Schürze hinterher, „Theorie ist natürlich
billig, regelrecht banal, aber reden wir was anderes, mir wird schon
ganz dusselig bei all dem fäkalisierten Streitgetue.“
F.: „Ja, was anderes, aber warten Sie, da kommt Sie schon.“
Die Beiden ducken sich in die Schultern. Die Kellnerin knallt F. den Espresso
auf den Tisch, merkwürdigerweise geht nichts daneben. Sie: „Sonst noch einen
Wunsch? Nein? Und Sie? Jeder ein Tässchen bloß was, ha! Sie sind mir schon
Gäste…“, und tritt ab wie ein Blitz.
F. und B. blicken sich an.
B.: „Ist Sie…“
Sie, aus dem Café heraus: „Aber von Inflation nix wissen!“
F. schüttelt den Kopf: „Fast traut man sich nicht mehr fort zugehen. Wissen Sie,
B., dass ist nicht das erste Mal, dass mir dergleichen passiert. Ständig passiert´s!
Die Leute werden scheinbar immer unzufriedener, sogar meine Holde. Einen
Zweitjob tät ich brauchen, meint Sie, damit wir uns den Urlaub noch leisten
können, vielleicht sogar einen Dritten, damit’s auch ja sicher ist. Was sagt man
dazu? Dabei bin ich Beamter!“
B.: „Die Zeiten, mein Lieber, die Zeiten! Tut mir Leid wenn ich das jetzt sagen
muss, aber ich bin regelrecht froh, dass ich nicht verheiratet bin.“
Schweigen.
F. setzt an und wieder ab, fasst sich: „Das war nicht nett jetzt. Ich meine, wer
will schon gern allein sein? Wenn ich Sie ansehe, Sie entschuldigen, aber einen
glücklichen Eindruck machen Sie mir nicht.“
B., der gerade am Espresso nippt, verschluckt sich: „Was heißt jetzt das? Sie
sind wirklich eine unverschämte Matz! Nur weil ich keinen haben will, der mir
daheim auf die Nerven geht und mir sagt, was ich angeblich bräuchte, bin ich
ein schlechter Mensch? Mensch! Mensch Sie! Sie sind ja vollkommen…“
Er sieht F. zucken, dessen Blick erfasst irgendetwas hinter ihm.
Sie: „Meine Herren, wenn sie sich streiten möchten, dann möchte ich sie aufgefordert
haben, das Lokal zu verlassen. Wo wird denn bitte gestritten? Reicht es
den ganzen Tag noch nicht? Streitigkeiten über Streitigkeiten und dann noch über solch
einen Blödsinn! Sie sehen doch, der hält’s nur aus allein weil er sich masturbiert
und Sie halten es aus weil’s die Frau ihnen macht. So. Gut jetzt? Ich warne Sie!
Noch einmal und Sie gehen!“
B. zögert, F. nickt.
B.: „Himmel! Da traut man sich ja gar nicht reden. Finden Sie, wir haben gestritten?
Ich werd’ mich wohl rechtfertigen dürfen, oder? Oder nicht?“
F.: „Jaja, ganz recht. Ich fand ihren Ton zwar etwas, etwas, na…“
B.: „Wie? Mein Ton? Was denn nun?“
F., rasch: „Leise, ich bitte Sie, wir wollen den Abend doch schließlich genießen,
oder nicht?“
B.: „Verzeihung, ich bin nun einmal ein leidenschaftlicher Mensch. Vergessen
wir’s, gut? Wo waren wir?“
F.: „Nicht viel weiter. Da fällt mir ein, ich brauch Arbeit…“
B.: „Können wir aufhören von Arbeit zu reden? Es ist mir nicht danach.“
F.: „Sie kommt!“
B. fällt in sich zusammen.
F.: „War nur ein Scherz! Ha! Jetzt habe ich’s Ihnen aber gezeigt!“
B. springt auf: „Sie wollen es also wissen!“
F.: springt auf: „Ich? Natürlich, Sie etwa nicht? Wo ist jetzt bloß meine Bibel,
damit ich Sie ihnen…“
B.: „Kommen Sie mir nicht so! Ich bin aufgeklärt!“
F.: „Und? Und wenn schon! Beim Odin!“
Sie, scharf wie Natronlauge: „Hinsetzen! Prontosubitoplötzlichnow! Was habe
ich gesagt?“
B. und F. tun als wären sie woanders.
Sie zu B.: „W a s h a b e i c h v o r h i n g e s a g t?“
B. zittert: „Wir sollen nicht streiten.“
Sie: „Gut! Und was war das eben?“
F. von der Seite: „Ein ungarischer Tanz, ich bitte Sie, aber davon verstehen Sie
nichts, oder haben Sie vielleicht ein Abitur?“
B. blickt F. an als wäre er ihm dankbar, einem freiwilligen Selbstmörder aufrichtig
dankbar.
Sie: „Nur dass wir uns verstehen: Leute wie sie, die sind es doch, die machen,
dass es immer abwärts und nicht vorwärts geht; Leute wie sie in allen Positionen,
für die’s ein Abitur braucht, dass kann man aber mittlerweile sogar bei Mc’
Donalds machen. Wozu also, frage ich, wozu die Streiterei? Ist ihnen langweilig,
dann machen sie Sport, huch! Sie können ja nicht verlieren. Für Leute wie
sie hat der Churchill das erfunden „No Sports!“, für die, die nicht verlieren
können. Wissen Sie? Die ganze Welt zockt und keiner kann verlieren und deshalb
geht sie den Bach hinunter, hinunter weil Leute wie sie denken, Leute wie
ich sind blöd, anstatt sich zu solidarisieren. Stattdessen lassen sie sich vor den
Karren einspannen und überlegen, wie viel Arbeit sie sich noch, ach, was sag
ich…“
B. und F. sind gegangen, das Geld liegt auf dem Tisch.
Ein halbes Jahr später.
Herr B. verweilt bei einem guten Buch seitlich des Café unter einem Baum. Der
Baum ist Eigentum des Café, der Tisch darunter ebenso, es duftet nach Frühling,
Abgasen und Sir Irish Moos. Es ist 18 Uhr 37, Herr F. erscheint.
F.: „Ah! Guten Abend, ich dachte ja nicht, noch wen hier zu sehen“, sagt er und
setzte sich.
Herr B., mental noch mittendrin im Text: „Soso, guten Abend auch, na setzen
Sie sich.“
F. sitzt, sucht die Bedienerin mit Händen und Füßen.
B.: „Wenn Sie hier herumzappeln wie eine Holzpuppe wird es auch nicht besser.
Haben’s Geduld, ich seh´ Sie schon.“ Er legt das Buch zur Seite, die Kellnerin
fliegt heran, ein hübsches Frauenzimmer irgendwas zwischen 25 und 55
Jahren mit tiefladenden Augen und schweren Säcken drumherum; mit bemalten,
fleischigen Lippen wie Cabanossi und einem Dialekt zum Fürchten; im
Gegensatz zur vorherigen ist diese blond.
Zu F.: „Sie wünschen? Oder habens keine Wünsche mehr? So wie Sie aussehen!
Ha!“
F., überlegt: „B.? Kommt Ihnen das nicht alles irgendwie bekannt vor?“
B. stutzt, nickt.
Sie: „Der Herr? Erde an Mann? Bitte kommen!“, klopft F’s Kopf, „Klingt hohl.
Haha! Hohl, verstehen’s?“
B. empört sich, springt auf: „Natürlich weiß ich, was hohl ist! Sie sind hohl, Sie
dumme Nuss, Sie! Holen Sie mir sofort und umgehend den Chef, aber gleich,
sonst geh ich ab wie eine Rakete nach Russland! Hopahopa!“
Die Kellnerin äfft ihn abgehend nach: „Hopahopa!“
F.: „War das jetzt nicht ein wenig, sagen wir, ein wenig zu…“
B.: „Und sie halten schön den Mund und wenn der Chef da ist, sagen Sie
nichts, nein, Sie nicken.“
F. nickt, B. lobt: „Sehr gut, sehr schön, F.! Aber sagen Sie, diese ungesunde,
grüngraue Bleiche, wirkt dass nicht übertrieben?“
F. zeigt nach hinter ihm.
Sie (die Kellnerin von vor einem halben Jahr): „Aha! Sie schon wieder!“
B.: „Aber? Wie? Sie? Himmel!“
Sie: „Der wird Ihnen nichts nützen und ich dachte, Sie wären aufgeklärt? Jaja,
in den schwächsten Momenten wir der Mann wieder zum Katholiken. Ab nach
Amerika, Zapfsäulen anbeten! Das hätten Sie nicht gedacht, was? Eine wie ich?
So und nun, das Problem bitteschön, ansonsten wollte ich Sie bitten zu gehen,
wir schließen jetzt.“
B.: „Jetzt, um…?“
Sie, zur Blonden: „Schau Dir den an, will mir sagen, wie ich mein Geschäft…“
F.: „Aber nein, will er nicht, wir wollten nur, wir, aber, hier“, F. wühlt in seinen
Taschen kramt einen Zehn-Euroschein hervor, „Wollte Sie immer einmal schon
eingeladen haben, B., hier also“, zu ihr, „Pax? Und auf Wiedersehen!“
F. zerrt B. am Kragen fort.
Sie hinterher: „Und es wäre mir eine Freude, Sie hier nicht mehr begrüßen zu
dürfen! Das ist nämlich eine Oase des Friedens!“
Die Blonde lacht: „Hopahopa!“

(14ter September © 2008 Michael Bolz)

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Bekenntnis

Verfasst von michaelbolz am September 3, 2008

Was aber liebe ich, da ich mich liebe?
Nicht die Schönheit des Körpers
Noch den Takt der Zeit im Blut;
Nicht den Glanz des Himmels, der da so lieb
Der Augen mangelnder Erkenntnis;
Nicht die süßen Melodien im Wind;
Nicht die Blumen, Düfte, Sternenlicht;
Und dennoch liebe ich mein Herz und
Seinen Klang; das Wort und seine Umarmung
Wenn ich mich liebe.
Herz und Klang und Wort und Umarmung meines inneren Menschen.
Dort ist meine Seele gemalt, was kein Raum erfasst;
Dort erklingt, was Zeit nicht nehmen kann;
Dort durftet, was kein Wind verweht;
Dort schmeckt, was keine Sattheit vergällt
Und schmiegt sich an, was kein Überdruss je löst.
Das ist es, was ich liebe, liebe ich mich.
Was aber bin ich?
Und was meine Seele?
Was bin ich für ein Wesen?
Drinnen und Draußen:
Ein Leben so mannigfach und vielgestalt
Und völlig unermesslich;
Ein Mosaik, ein Abbild zufälliger Erinnerungen
Im Spiegel des Selbst und Dir und der Welt.

(3ter September 2008 (c) Michael Bolz)

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Café

Verfasst von michaelbolz am August 23, 2008

Die Frau sah mich ständig an, aber wenn ich ihre Augen suchte, scheuchte sie ihren Blick rasch in eine andere Richtung, als wäre ich ein Eindringling in irgendwas. Ich machte das Spiel zweidreimal mit, dann hatte ich genug, ich war doch kein Kind, wenn, sollte sie langsam zu Sache kommen, es war ja schon peinlich. Die Leute drängten nervös aus dem Ausgang der U-Bahn gegenüber, es war gegen Achtzehn Uhr, Wolken schwammen wie kleine Boote übers Blau, Wind erregte die dicht bewachsenen Äste, dass es aussah wie ein grünes, bewegtes Meer. Ein Audi ließ es an der Ecke Wilhelmshavenerstraße pfeifen, aus dem Ausgang drängten sich mehr und mehr Menschen, schnell, schnell, keine Zeit; eine Frau schob einen Kinderwagen, telefonierte, rauchte, schrie Kommandos, ein Junge von vielleicht sechs oder sieben Jahren, braungebrannt, hellgelbe Haare, ein verwaschenes rotes T-Shirt mit Spiderman drauf, jagte pfeilschnell heran, maulte.

Die Frau sah mich ständig an.

Vielleicht, dachte ich, erinnere ich sie an jemanden, vielleicht sitzt mir eine Wespe auf dem Kopf, vielleicht gefällt ihr mein Hemd, vielleicht möchte sie wissen was ich trinke, vielleicht ist es meine Nase, vielleicht wirke ich in diesem Winkel besonders reizend, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Ein Radfahrer musste scharf bremsen und beschwerte sich lauthals, die Fußgänger waren auf dem Radweg gelaufen und wussten von nichts. Höhlenmenschen mir dicken Kopfhörern wanderten lässig an den Tischen vorüber. Eine Traube in bunte Gewänder gehüllte Afrikaner, vornweg zwei richtig dicke Mamas, deren Arme schlackerten als wären sie bloß angetackert, wurde vom Ausgang der U-Bahn, der gleichzeitig ein Eingang ist, verschluckt. Über das Rauschen des Windes legte sich eine Sirene, die bald in der Ferne verschwand. Am Dönerstand gegenüber unterhielten sie sich. Menschen kletterten nervös aus dem Ausgang der U-Bahn, andere wurden gefressen.

Die Frau sah mich ständig an und ich sah weg.

Vielleicht, dachte ich, ist sie schon fort, vielleicht schielt sie, vielleicht hängt neben mir ein goldener Apfel, vielleicht. Bin ich Paris?

Ich sah hin, sie weg.

Später, nicht viel später, ging ich hinein bezahlen.

Das Ambiente drinnen war abstoßend, finster, erhellt von vereinzelten Lämpchen, die ein schwaches, kegelförmiges Licht auf dafür viel zu große, abstrakte Gemälde streuten, sodass man von den Bildern überhaupt keinen Eindruck bekam weil ein Großteil davon im Schatten lag. Die Theke war passend dazu sehr modern, in der schwarzen Front fehlten Teile in Puzzleform, die schwach gelb leuchteten. Auf der Theke standen Gläser gefüllt mit Streicholzschachteln, drauf der Name des Café’s, ich steckte mir zwei Päckchen ein, da kam die Bedienerin, eine Frau, etwa einssechzig, einsfünfundsechzig groß, mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren, die sie sich zu beiden Seiten am Kopf nach hinten gezwirbelt hatte. Sie trug eine schwarze Schürze, darunter eine Jeans, einen schulterfreien schwarzen Body, darüber ein schwarzes Strickjäckchen. Sie hatte einen großen Mund mit vollen Lippen, die sie nur ansatzweise geschminkt hatte, musterte mich mit ihren blaugrauen Augen und reichte mir freundlich die Rechnung. Ich bezahlte, gab ihr einen Euro Trinkgeld, was ich im nächsten Moment bereits bereute, trat an die Luft; die Frau saß immer noch da, ihr gegenüber ein Mann, schütteres Haar, breiter Rücken, in einem gestreiften Hemd, einer Cordhose, passenden, braunen Lederschuhen, die Ärmel hochgekrempelt, sie lächelte und ich dachte, er lächelt gerade zurück oder erzählt.

Glücklich wirkte sie, die Augen schmeichelten wie Honig, fast bewunderte ich ihn, dann ging ich los. Ein Auto hielt, eines fuhr an, ein silberner Kombi besetzte den Behindertenparkplatz. Die Bedienerin eilte an mir vorbei, zwei Menüs in den Händen, es roch nach Basilikum. Nebenan schloss die Bäckerei, die Frau in der gelben Schürze kippte den Sonnenschirm und rollte ihn ziemlich umständlich durch die Eingangstür. Zwei Kerle mit Bierflaschen in den Händen wurden vom Ausgang gefressen. Eine Traube Asiaten fotografierte sich gegenseitig, lachend. Eine Frau schob einen Kinderwagen, telefonierte, rauchte, schrie Kommandos, es war dieselbe wie vorhin. Aus dem Ausgang der U-Bahn gegenüber krochen Menschen, einer über den anderen und ständig wurden es mehr und keiner wusste so recht, was er jetzt tun sollte.

Andere wiederum wurden gefressen.

(23ter August 2008 (c) Michael Bolz)

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